Digitale Bildung : „Handybesitz­pflicht” und andere Miss­verständnisse

Das Land Niedersachsen möchte in einer neuen Digital­strategie auch private Smart­phones von Schüler­innen und Schülern als Lern­mittel anerkennen. Darauf folgte ein Aufschrei. Es heißt, Familien würden zum Kauf neuer Geräte verpflichtet, Kinder aus finanz­schwachen Eltern­häusern würden benachteiligt und Lehr­kräfte wären von der Technik-Vielfalt überfordert. Dabei ist die Nutzung von Privat­geräten zum Lernen in vielen Klassen längst Alltag. Medien­pädagog­innen und -pädagogen erproben solche Konzepte seit Jahren. Viele Befürchtungen, die in der Debatte geäußert werden, sind unbegründet. Ein Sortierungsversuch.

Jannis Andresen Jannis Andresen / 05. September 2018
Eine Schülerin hält ein Handy in der Hand
Schülerinnen und Schüler brauchen heutzutage nicht nur ihren persönlichen Stift und Schreibblock, sondern auch ihr eigenes Smartphone oder Tablet zum Lernen und Arbeiten. Dafür plädiert Schulportal-Kolumnist Jannis Andresen.
©dpa

Medienkompetenz fördern ohne Smartphones im Unterricht?

Laut dem Schweizer Medienpädagogen und Hochschullehrer Beat Döbeli Honegger käme niemand auf die Idee, Lese­kompetenz fördern zu wollen, aber nur vier Bücher pro Klasse zur Verfügung zu stellen. Deshalb erfordere Medien­kompetenz persönliche Geräte in der Schule. Folgt man dieser Logik, dann brauchen Schüler­innen und Schüler neben ihrem persönlichen Stift und Schreib­block heute auch persönliche internet­fähige Geräte zum Lernen und Arbeiten. Dies leuchtet ein, schließlich sind Smart­phones, Tablets und Laptops in nahezu allen Berufen wichtige Arbeits­werk­zeuge. Unter­suchungen haben außer­dem gezeigt, dass dort, wo Schulen die internet­fähigen Geräte nicht in den Unter­richt einbeziehen, die Jugendlichen sie nur als Kommunikations- und Unter­haltungs­geräte wahr­nehmen und nicht auch die Potenziale als Lern- und Arbeits­mittel erkennen. Persönliche Geräte in der Schule zu nutzen ergibt also Sinn.

Smartphones zum Lernen? In vielen Klassen ist das bereits Alltag

Aber wie kommen die Lernenden zu persönlichen Geräten? Die Medien­pädagogik diskutiert zwei grund­legende Varianten der Bereit­stellung: Dazu gehört zum einen die von der Schule verordnete Eins-zu-eins-Aus­stattung, bei der alle das gleiche Gerät nutzen müssen (Stich­wort: „iPad-Klasse“). Zum anderen steht der Ansatz „Bring Your Own Device“ (kurz: BYOD) zur Debatte, bei dem Schülerinnen und Schüler ihre Privat­geräte, die sie ohne­hin besitzen, auch im Unter­richt nutzen können. Beide Varianten haben Vor- und Nach­teile. Für beide Varianten gibt es Dutzende Beispiel­schulen, die seit Jahren erfolg­reich mit ihnen arbeiten. Vor­bilder sind etwa die IGS Göttingen als Beispiel für das Eins-zu-eins-Prinzip oder die Freiherr-vom-Stein-Schule Neumünster für das BYOD-Modell.

Nun hat das Land Niedersachsen kürzlich in seinem Masterplan Digitalisierung offiziell anerkannt, dass auch „Bring Your Own Device“ ein denk­bares Konzept sein kann – zumindest solange der Bund noch nicht geklärt hat, ob und wie er den Geräte­besitz von Schüler­innen und Schülern im großen Stil unter­stützt. Die Kritik daran ließ nicht lange auf sich warten und ist bis­weilen hysterisch. Die „Süddeutsche Zeitung“ titelte in einem Kommentar etwa: „Handypflicht ist keine kluge Digitalisierungsstrategie”. Darin viele Befürchtungen, die ich nicht teile. Etwa:

  • Schülerinnen und Schüler würden zum Handy­gebrauch im Unterricht verpflichtet und die Eltern damit zum Kauf neuer Geräte gezwungen.
  • Finanzschwache Familien würden benachteiligt.
  • Eine „Handybesitzpflicht“ sei ein massiver Eingriff in Erziehungs­fragen.
  • Besitzer von High-End-Smartphones würden bessere Noten bekommen, als diejenigen mit einem Discounter-Modell.
  • Lehrkräfte würden ihre Schülerinnen und Schüler nicht mehr gleich­wertig unter­stützen können, weil sie nicht alle Betriebs­systeme kennen.
  • Das nieder­sächsische Vorhaben fördere eine „Smart­phone-Abhängig­keit“ und nicht die „digitale Selbst­ständigkeit“.

Smartphone-Besitz bei Jugendlichen: Auf dem Weg zur Voll­aus­stattung

Ich habe 2014 ein Schulpraktikum an einer Gemeinschafts­schule in Berlin-Neukölln gemacht. Dort gab es viele finanz­schwache Familien. Ich möchte wirklich keine Klischees bedienen, aber: Ich habe schon damals beobachtet, wie in der achten Klasse ein aktuelles Smartphone-Modell selbst­verständlicher war, als heile Schuhe oder ausreichend saubere Kleidung für die Schul­woche. Die Zahlen bestätigen meinen Eindruck: Die größte repräsentative Studie zur Medien­nutzung von Jugendlichen in Deutschland hat ermittelt, dass aktuell 97 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren ein persönliches Smart­phone besitzen. Bei den über 14-Jährigen steigt dieser Wert auf bis zu 99 Prozent und es kann sogar von „Voll­aus­stattung“ gesprochen werden (Quelle: JIM-Studie 2017). Es ist also anzuerkennen: Die internet­fähigen persönlichen Geräte sind schon da, und sie sind über­all. Fast immer wurden sie frei­willig angeschafft. Oft sind es gerade die Eltern, die die ständige Erreich­barkeit ihrer Kinder wollen. So viel zum Thema „Besitz­pflicht“.

Der Job der Lehr­kräfte ist, Bildung zu vermitteln, und nicht, jedes Handy-Betriebs­system zu beherrschen.
Jannis Andresen

In den Hosentaschen der Schülerinnen und Schüler schlummert also ein sich selbst aktualisierender Gerätepool handlicher, internetfähiger Supercomputer, der auf seinen Einsatz wartet. Warum nicht diese Geräte auch zum Lernen und Arbeiten benutzen? Es wäre doch schön, wenn Schülerinnen und Schüler lernen, dass ihr Privatgerät mehr kann als Instagram und Snapchat. Das wäre auch im Sinne eines emanzipierten Umgangs mit privater Digitaltechnik.

Die Alternativen zu BYOD sind außerdem nicht weniger problematisch. Was, wenn sich ein Handy-Hersteller einen Exklusivvertrag mit einem ganzen Bundesland sichert (Stichwort: Abhängigkeit)? Dürfen dann alle nur mit Geräten von diesem Hersteller lernen? Wer administriert und wartet die Geräte? Brauchen wir eine IT-Fachkraft in Vollzeit für jede Schule, oder wird diese Mehrarbeit den Lehrkräften aufgehalst? Ist es nicht ein wenig absurd, die Nutzung der Privatgeräte, die ohnehin da sind, zu verbieten und parallel eine teure staatliche Doppelstruktur mit Millionen von Zweitgeräten zu unterhalten? Was wäre das außerdem für ein immenser Material- und Ressourcenverbrauch?

Standardfunktionen viel bedeutsamer als Lern-Apps

Viele denken bei Unterricht mit digitalen Medien vor allem an spezielle Lernsoftware. Auch dieses beliebte Miss­verständnis schwingt in der Debatte mit. Als würde der Mathe­unter­richt dann nur noch inner­halb einer einzigen App stattfinden, die alle Schüler­innen und Schüler im Gleich­schritt durch­laufen. Klar, in einem solchen Unter­richt wäre es ungünstig, wenn die Soft­ware auf dem einen Handy schnell läuft, auf dem anderen langsam und auf dem Dritten gar nicht. Tatsächlich ist Unterricht aber viel­fältig und spezielle Lern­soft­ware mit spezifischen Anforderungen an ein bestimmtes Betriebs­system die Ausnahme. Niemand wird ernsthaft seinen kompletten Unterricht auf eine einzelne App ausrichten. Es sind vielmehr die Standard­funktionen, die jedes Gerät beherrscht, die den Unterricht bereichern:

Da wird mit dem Internetbrowser die Herleitung einer Funktion nach­geschlagen oder ein entsprechendes Erklär­video geschaut. Mit der Fotokamera werden geometrische Winkel auf dem Schul­hof geknipst, um sie hinter­her zu vermessen. Mit der Video­kamera werden eigene Erklär­videos produziert oder Versuchs­abläufe gefilmt. Mit der Abspiel-Funktion für Audio­dateien wird ein von der Lehrerin auf­gezeichnetes Englisch-Diktat zu Übungs­zwecken angehört. Mit der Diktier­gerät-Funktion wird ein Französisch-Text eingesprochen, damit der Französisch­lehrer später Rück­meldung zur Aus­sprache geben kann. In einem Klassen-Chat wird eine Arbeits­leistung diskutiert, die eine Mit­schülerin hoch­geladen hat. Mit der Karten-App werden Siedlungs­strukturen erkundet. Und so weiter.

Mehr zum Thema

  • An der Erlangener Real­schule am Europa­kanal gehört der Gebrauch von Smart­phones, Tablets und Laptops zum Unter­richts­alltag.
  • Die Schülerinnen und Schüler  erarbeiten sich zum Beispiel auf Grund­lage von eigens erstellten Tutorials theoretische Grund­lagen bereits vor dem Unter­richt.
  • Interaktive Bücher, Recherche­möglich­keiten im Inter­net, Lern-Apps und ein WLAN-Zugang für alle Schüler­innen und Schüler gehören zum umfang­reichen Digital-Konzept der Schule.

Hier geht es zum vollständigen Konzept: „Kreativ arbeiten und selbstständig lernen“

Besser lernen mit dem Luxus-Smartphone?

Dies alles kann auch das Discounter-Smart­phone. Ich sehe keine signifikante Benachteiligung aufgrund der Geräte­klasse. Oder schreibt der Schüler mit dem Marken­füller automatisch bessere Aufsätze, als die Schülerin mit dem Werbe-Kugel­schreiber? Es kommt doch auf den Bildungs­gehalt einer Arbeits­leistung an und nicht darauf, ob sie mit OpenOffice, Pages oder Google Docs angefertigt wurde. Und was, wenn wirklich mal eine für den Unterricht wichtige Funktion nur auf einem ganz bestimmten Betriebs­system funktioniert? Dann macht man halt Gruppen­arbeit und sorgt dafür, dass in jeder Gruppe mindestens ein solches Gerät zur Verfügung steht. Das fördert neben­bei noch die Team­arbeit.

Für mich verhält sich „Den technischen Umgang mit einem Gerät beherrschen“ zu „Medien­kompetenz“ in etwa so wie „Den Stift richtig halten” zu „Eine sprachlich anspruchs­volle und differenzierte Erörterung schreiben“. Ich finde, wenn jemand hervor­ragende Texte schreibt, ist es nicht so schlimm, wenn er oder sie dabei den Stift etwas eigen­willig hält. Will sagen: Der Job der Lehr­kräfte ist, Bildung zu vermitteln, und nicht, jedes Handy-Betriebs­system zu beherrschen. Irgendeine Mit­schülerin oder ein Mitschüler wird bei einem technischen Problem schon weiter­helfen können. Es muss nicht immer die Lehr­kraft sein. Ich wäre da ganz entspannt.

Klar, es sind nicht alle Fragen abschließend beantwortet. In der Umsetzung wird es auf Details ankommen. Aber es liegen bereits viele gute Erfahrungen mit BYOD vor. Gelingens­bedingungen sind bekannt, und die Geräte sind jetzt schon da. Diese Realität hat Nieder­sachsen anerkannt. Für mich ist das kein Problem.

Mehr zum Thema

  • Das Ziel der Freiherr-vom-Stein-Schule in Neumünster ist eine zeit­gemäße Bildung in der digitalen Welt.
  • Die Schule hat für dieses Vorhaben ein integrales Medien­konzept entwickelt.
  • Dazu gehört zum Beispiel die Lernphase MINT, in der alle Unter­stufen-Schüler­innen und -Schüler Basis­wissen im Programmieren erlangen.

Hier geht es zum vollständigen Konzept: „Den Kulturwandel gestalten“

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