Digitalisierung : Die Zukunft der Pädagogik darf nicht Google gehören

Roboter können heute Flickflack springen, und intelligente Software ruft beim Friseur an, um den nächsten Termin zu vereinbaren. Das ist keine Science-Fiction, sondern Realität. Doch was hat das mit Schule zu tun? Eine Menge, findet Schulportal-Kolumnist Matthias Förtsch. Denn Schule muss sich im 21. Jahrhundert weniger auf die IT-Ausstattung als auf ihre pädagogischen Kernkompetenzen besinnen, um Schülerinnen und Schüler für die Herausforderungen in einer digitalisierten Welt fit zu machen.

Matthias Förtsch Matthias Förtsch / 02. Juli 2018
Kinder im Unterricht mit Tablets
Eine moderne technische Ausstattung macht noch keine zeitgemäße Schule.
©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Liebe Schulleiterinnen und Schulleiter,

wenn man Sie fragt, wie weit Ihre Schule beim Thema „Digitalisierung“ ist, antworten die meisten von Ihnen mit der Beschreibung der technischen Ausstattung: „Wir haben die Tafeln durch interaktive Whiteboards ersetzt, die Overheadprojektoren durch Dokumentenkameras, überall sind Beamer; nur beim WLAN und Breitbandanschluss sind wir noch nicht so weit.” So oder so ähnlich jedenfalls.

Oft frage ich mich dann: Wofür genau wurde denn die Ausstattung angeschafft? Haben Sie sich diese Frage auch gestellt? Oder haben Berater oder der Träger (Stadt oder Gemeinde) diese Entscheidungen getroffen? Welche Ausgaben hatten aus welchen Gründen Priorität?

Denn eine moderne technische Ausstattung macht noch keine zeitgemäße Schule. Vielmehr lohnt es sich, von veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auszugehen und als Schule zu überlegen, wie sich (schulisches) Lernen verändern muss, um den Herausforderungen, die die Digitalisierung durch Automatisierung und Vernetzung mit sich bringt, gerecht zu werden. Und da kommt sogar so ein Wort wie „Unterricht“ auf den Prüfstand: Wieviel an Unterrichtung brauchen wir im Jahr 2025 überhaupt noch? Oder, allgemeiner: Wie werden wir in Zukunft an Schulen arbeiten?

In welche Richtung sich die Arbeitswelt entwickelt, ist eine Frage, die aktuell weltweit Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft antreibt. Die Antwort des kalifornischen Unternehmens Google darauf lautet: Was automatisiert werden kann, wird automatisiert werden. Wer über die Fähigkeiten des Roboters Atlas staunt oder über die Flexibilität der Software Google Duplex, die selbstständig menschlich klingende Anrufe beim Friseur tätigt und Termine vereinbart, erahnt es vielleicht: Künftig muss einiges an schulischem Lernen auf den Prüfstand.

Im Kern müssen Fähigkeiten erlernt und gestärkt werden, die den Menschen erst zum Menschen machen, ihn also von der Maschine unterscheiden. Der CEO von Apple, Tim Cook, sagte kürzlich, ihm machten Maschinen, die wie Menschen denken – also „Künstliche Intelligenz“ – weniger Angst als Menschen, die wie Maschinen denken. Ohne „das Menschliche“ hier im Detail definieren zu können: Es ist absehbar, dass kreative Menschen, die sich gut mit anderen vernetzen können und auf diese Weise zu nachhaltigen Problemlösungen kommen, in der Lage sind, diese und andere Lösungen kritisch zu hinterfragen. Sie können gesellschaftliche Entwicklungen reflektieren, ihr Leben besser bewältigen und eine Bereicherung für die Gesellschaft darstellen.

Konkret könnte dies in der Schule eine deutliche Stärkung projektorientierter, freier Lernformen bedeuten, die eigentlich nichts Neues sind.  Sie erhalten aber angesichts der Ziele der Weltgemeinschaft (siehe zum Beispiel die UNESCO Sustainable Development Goals) eine neue Bedeutung. Ein Teil der Herausforderung „Digitalisierung der Gesellschaft“ kann also auch ohne jede Technik bewältigt werden – ganz einfach durch die Fokussierung auf konstruktivistisch angelegte Lernprozesse.

Welche technische Ausstattung kann solche Formen des Lernens dann noch zusätzlich unterstützen? Zunächst mal wird der Zugang zum weltweiten Wissensspeicher und -netz, dem Internet, benötigt. Daraus ergibt sich auch, dass ein geeigneter Breitbandanschluss und ein funktionierendes WLAN Priorität haben müssen. Außerdem braucht es eine geeignete Plattform zur Sammlung des gemeinsam erarbeiteten Expertenwissens und zur Sichtbarmachung der Lernergebnisse (und nicht primär zur Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien durch die Lehrerinnen und Lehrer). Schön wäre es dann noch, wenn Lernprozesse je nach Bedarf zentral beziehungsweise dezentral organisiert werden könnten; eine problemlose Visualisierung und Projektion sollte also gewährleistet sein. Wurden früher Folien mit den Ergebnissen beschrieben und anschließend kopiert, um (Projekt-)Ergebnisse der Schülerinnen und Schüler zu präsentieren und festzuhalten, sollte nun ein Klick auf den Endgeräten ausreichen.

Liebe Schulleiterinnen und Schulleiter, berauben Sie sich und Ihre Kolleginnen nicht Ihrer pädagogischen Kernkompetenz. Wenn wir als Schulen keine Vorstellung vom Lernen im 21. Jahrhundert entwickeln, werden wir die Ideen von Schulträgern und Technikfirmen übernehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Ihr Matthias Förtsch

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist er hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule.
  • Die Zukunft der Schule interessiert ihn so sehr, dass er darüber auch twittert und regelmäßig in seinem Blog berichtet.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Matthias Förtsch regelmäßig eine Kolumne.
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