Lehrerarbeitszeit : Die Unterrichtsstunde ist eine überholte Maßeinheit

Seit gefühlt mehr als hundert Jahren wird die Lehrer­arbeits­zeit in Deutschland nach den zu unterrichtenden Unterrichts­stunden berechnet. Ist das noch zeit­gemäß? In seinem Gast­beitrag für das Schulportal fordert Schul­entwicklungs­forscher Claus G. Buhren eine grund­legende Reform der Lehrer­arbeits­zeit. Entwicklungs- und Kooperations­arbeit sind wesentliche Bestand­teile professioneller Tätigkeit von Lehr­kräften und keine Freizeit­beschäftigung.

Claus G. Buhren Claus G. Buhren / 09. Oktober 2019
Frau arbeitet am Computer
Der Wochenplan der Lehrkräfte bildet nur die unterrichteten Stunden ab. Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit ist sehr unterschiedlich.
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In Arbeitszeit­unter­suchungen hat man seit mehr als 25 Jahren versucht, die Lehrer­arbeits­zeit zu bestimmen, zu vermessen und zu objektivieren. Vielleicht – oder auch gerade weil – ein Ex-Bundes­kanzler Lehrer mal öffentlichkeits­wirksam als „faule Säcke“ beschimpft hat. Die jüngste Arbeits­zeit­studie für Lehr­kräfte fand – wie sollte es anders sein – im Heimat­land dieses Ex-Kanzlers, in Nieder­sachsen, statt. Im November 2018 wurde die Studie samt den Empfehlungen des Experten­gremiums der Öffentlichkeit vor­gestellt. Und, allen markigen Worten Herrn Schröders zum Trotz: Lehr­kräfte arbeiten nicht nur viel, sie arbeiten im Durch­schnitt sogar zu viel.

Mehr als die Hälfte der Lehrkräfte über­schreitet die vor­geschriebene Wochen­arbeits­zeit

Das heißt: Mehr als die Hälfte aller Lehr­kräfte über­schreiten die vor­geschriebene Wochen­arbeits­zeit von 46,38 Stunden (hier sind die Ferien eingerechnet), 17 Prozent sogar deutlich, da sie dauer­haft die gesetzliche Höchst­arbeits­zeit von 48 Stunden pro Woche über­schreiten. Aller­dings sind es auch knapp 40 Prozent der Lehr­kräfte, die die vor­geschriebene Wochen­arbeits­zeit unter­schreiten, manche sogar erheblich. Die Varianz liegt bei fast einem Drittel Anteil einer Voll­zeit­stelle. Eine Voll­zeit­stelle, das sind in Deutschland 24,5 bis 28 zu erteilende Unterrichts­stunden pro Woche – und genau hier beginnt das Dilemma! Denn genau diese Berechnungs­grund­lage ist denkbar ungeeignet, um die reale Arbeits­zeit von Lehr­kräften abzubilden.

An deutschen Schulen haben wir die 45-Minuten-Unterrichts­stunde. Sie wurde 1911 vom preußischen Kultus­minister August von Trott zu Solz gesetzlich verankert, ihre Sinn­haftig­keit ist bis heute unklar. Man munkelt, dass Herr von Trott auf­grund seiner religiösen Sozialisation die 15 Minuten pro Stunde fürs Beten vorgesehen habe, genau weiß man’s aber nicht. Seit fast ebenso vielen Jahr­zehnten wird die Lehrer­arbeits­zeit mit Unterrichts­stunden pro Woche berechnet. Eine denkbar ungenaue und auch ungerechte Maß­einheit! Denn je nach Unterrichts­fach, Vor- und Nach­bereitungs­auf­wand, Jahr­gangs­stufe oder Klassen­stärke unter­scheidet sich die individuelle und objektive Bemessungs­größe für eine Unterrichts­stunde. Das führt zu großen Ungleich­heiten, wie auch die nieder­sächsische Studie belegt hat.

Unterricht macht nur 70 Prozent der Lehrer­arbeits­zeit aus

Wenn wir einmal genauer in die Tätigkeits­profile von Lehrkräften in der nieder­sächsischen Studie schauen, wird deutlich, dass Unterricht nebst Vor- und Nach­bereitung nur etwa 70 Prozent der Arbeits­zeit (nach eigenen Angaben) ausmacht. Der Rest verteilt sich auf pädagogische Kommunikation (sieben Prozent), Funktionen (acht Prozent), Fahrten/Veranstaltungen (fünf Prozent), Arbeits­organisation (vier Prozent) etc. Auffällig ist, dass für Konferenzen und Arbeits­gruppen lediglich vier Prozent der Arbeits­zeit auf­gewendet werden.

Wie wollen wir also ernsthaft von Lehrkräften verlangen, dass sie sich um Fragen der Schul- und Unterrichts­entwicklung kümmern, wenn dies als zusätzliche Arbeits­zeit empfunden wird? Wie wollen wir sicher­stellen, dass Kooperation in multi-professionellen Teams statt­findet, wenn nicht einmal genug Zeit für Teamarbeit im eigenen Kollegium zur Verfügung steht? Wie kann Schul­entwicklung dem Dilemma entrinnen, dass jede Form der Projekt­arbeit, der Team­arbeit, der Evaluations­arbeit etc. als zusätzliche Arbeit wahr­genommen wird und eigentlich in der Freizeit liegt?

Reform der Lehrer­arbeits­zeit ist lange über­fällig

Kurzum: Eine Reform der Lehrerarbeitszeit wäre mehr als überfällig. Schauen wir auf andere europäische Länder, so wird dort beispiels­weise nach unterrichts­gebundener und unterrichts­ungebundener Zeit unter­schieden. Hier wird dem Umstand Rechnung getragen, dass Entwicklungs- und Kooperations­arbeit wesentliche Bestand­teile professioneller Tätigkeit von Lehr­kräften sind. Entsprechend gibt es Arbeits­platz­beschreibungen von Lehr­kräften, die unter­schiedliche Tätig­keiten auflisten und diese auch mit einem durch­schnittlichen Zeit­umfang ausweisen.

Der „Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz“ ist hier vorbildlich, da er bereits 2014 mit seinem neuem Berufs­verständnis Leit­linien gesetzt hat: „Während in der Vergangenheit der Berufs­auf­trag von Lehr­personen vor allem über die Anzahl Pflicht­stunden definiert war, setzte sich in den letzten fünfzehn Jahren die Erkenntnis durch, dass die Tätigkeit von Lehrerinnen und Lehrern vielfältiger und anspruchs­voller geworden ist. Neben dem Unterricht sind neue Tätig­keits­felder von erheblichem Ausmaß dazu­gekommen, die in den Berufs­auf­trag integriert werden müssen.“

Vor einer weiteren Arbeits­zeit­studie sollte also erst mal die heilige Kuh der Lehrer­arbeits­zeit geschlachtet werden. Dies ist seit Langem über­fällig.

Quelle: Niedersächsisches Kultus­ministerium: Bericht des Experten­gremiums Arbeits­zeit­analyse. Hannover 22.10.2018.

Zur Person

  • Claus G. Buhren ist Professor für Schul­sport und Schul­entwicklung an der Deutschen Sport­hoch­schule Köln in der Abteilung Schul­sport und Schul­entwicklung.
  • Er gibt Fortbildungen für Lehrkräfte und Schul­leitungen und berät Schulen in Fragen der Schul­entwicklung.
  • Zurzeit leitet er ein drei­jähriges Forschungs­projekt mit dem Ziel, eine E-Learning-Plattform für Schul­leitungen an deutschen Schulen im Ausland zu entwickeln.
  • Als Experte für Schulentwicklung schreibt Claus G. Buhren regel­mäßig Gast­beiträge für das Schulportal.