100 Jahre Grundschule : Die deutsche Grundschule – ein Sonderfall in Europa

Der Bildungshistoriker Jürgen Oelkers erklärt in seinem Gastbeitrag für das Schulportal, wie sich die Grundschule in Deutschland seit ihrer Gründung vor 100 Jahren zu einem Sonderfall in Europa entwickelt hat. Oelkers denkt nicht, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Die zentrale Frage der Zukunft ist für ihn aber eine ganz andere.

Jürgen Oelkers Jürgen Oelkers / 13. September 2019 / 1 Kommentar
Kinder lernen das ABC in einen Klassenraum in Berlin in den 1930er Jahren.
Die Grundschule war ein Kompromiss, der lang diskutiert wurde. Bildungshistoriker Jürgen Oelkers erklärt, warum die Grundschule hierzulande so anders ist als im Rest Europas.
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Die deutsche Grundschule ist ein frühes Kind der Weimarer Republik. Im Kaiserreich und davor gab es verschiedene Formen der Elementarerziehung und auch ganz unterschiedliche Auffassungen von der Bedeutung der ersten Schuljahre. Die Grundschule war ein Kompromiss, der im April 1920 mit dem Reichsgrundschulgesetz beschlossen wurde und danach auf der Reichsschulkonferenz (Juni 1920) kontrovers diskutiert worden ist.

Besonders konservative Elternverbände wehrten sich gegen jede Art von Vereinheitlichung. Im Kaiserreich hatten die Gymnasien eigene Vorschulen, die keinerlei Verbindung zu den Volksschulen hatten. Auf der anderen Seite standen die Befürworter einer Einheitsschule, in die die Gymnasien aufgehen sollten.

Die Grundschule war lange Teil der Volksschule

Der Kompromiss war eine vierjährige Grundschule, die zunächst nur dreijährig geführt werden konnte und lange Teil der Volksschule war. Eine eigenständige Grundschule als vierjährige Schulstufe entstand in der Bundesrepublik erst 1969. Erst danach konnten sich auch die Grundschulpädagogik und das Lehramt entwickeln.

Eine Grundschule dieser Art hat es in der DDR nie gegeben. Die achtjährige Volksschule hieß dort nach dem Krieg zunächst „Grundschule“, war aber eine gemeinsame Beschulung bis zum ersten Abschluss. 1965 wurde die zehnjährige Polytechnische Oberschule eingeführt. Das Abitur wurde nach einem zweijährigen hochselektiven Oberstufenlehrgang erworben. Bei der Wende gab es in der DDR im Schnitt weniger Abiturienten als in der Bundesrepublik.

Die Grundschule wird auch im heutigen deutschen Schulsystem nicht einheitlich geführt. In den Bundesländern Berlin und Brandenburg umfasst die Grundschule nicht vier, sondern sechs Jahre. Die Polytechnische Oberschule der DDR ist nach der Wende abgewickelt worden, sodass jetzt auch die östlichen Bundesländer wieder eigenständige Grundschulen führen.

Selektion erfolgt nicht überall nach der vierten Klasse

Im Westen ist oft wenig bekannt, dass die Schulzeit in vier östlichen Bundesländern, wie zuvor in der DDR, zwölf Jahre beträgt und so das Gymnasium nach acht Jahren Schulzeit abgeschlossen wird. Diese Besonderheit hat bei der aufgeregten Diskussion um das „Turbo-Abitur“ im Westen keine Rolle gespielt.

Bundesländer wie Sachsen haben auch nie ein dreigliedriges Sekundarschulsystem akzeptiert, sondern führen neben dem Gymnasium einen zweiten Schultyp mit zwei Abschlüssen. Das wird oft übersehen, wenn von der „schulischen Selektion“ in Deutschland gesprochen wird. Sie erfolgt eben nicht überall nach der vierten Klasse und bezieht sich auch längst nicht mehr überall auf die drei klassischen Schultypen.

In der Öffentlichkeit wird die Grundschule zumeist als kindgemäße, spielerische und didaktisch anspruchsvolle Institution wahrgenommen, die alle Kinder integrativ verschult. Auf der anderen Seite wird häufig das frühe Selektionsalter kritisiert, das mit einem hohen Leistungsdruck und starken Beeinflussungen seitens der Elternschaft verbunden sei.

Tatsächlich aber haben Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen die Schulwahl inzwischen freigestellt, sodass sich der Übergang von den Grundschulen zu den weiterführenden Schulen zu einem Wettbewerb um freie Plätze entwickelt hat. Prüfungen für die Aufnahme ins Gymnasium, wie sie jahrzehntelang üblich waren, gibt es in Deutschland nicht mehr, während sie in der Schweiz nach wie vor die Praxis bestimmen.

Grundschulen im europäischen Ausland umfassen meist sechs Schuljahre

Grundschulen heißen im europäischen Ausland meistens „Primarschulen“ und umfassen die ersten sechs Schuljahre. Vierjährige Grundschulen gibt es nur noch in Deutschland und Österreich. Der europäische Normaltypus ist also eine sechsjährige gemeinsame Schulzeit. In der Schweiz beträgt die gemeinsame Schulzeit sogar acht Jahre, weil sie neben den sechs Jahren Primarschule auch die beiden Vorschuljahre umfasst.

Versuche, die Grundschulzeit dem europäischen Normaltypus anzupassen, sind bislang am Elternwillen gescheitert, wie zuletzt die Volksabstimmung am 19. Juli 2010 in Hamburg gezeigt hat.

Versuche, die Grundschulzeit dem europäischen Normaltypus anzupassen, sind bislang am Elternwillen gescheitert, wie zuletzt die Volksabstimmung am 19. Juli 2010 in Hamburg gezeigt hat. Dabei spielte keine Rolle, dass Hamburg bis 1955 eine sechsjährige Elementarschule geführt hat. Das Gleiche gilt für Bremen und Schleswig-Holstein.

Auffällig am deutschen Schulsystem ist, dass heute niemand mehr die Grundschule infrage stellt, aber offenbar kaum jemand auf die DDR-Lösung mit einer Einheitsschule bis zur zehnten Klasse zurückkehren will. Ein Grund dafür ist die ausgebaute Berufsbildung in der Bundesrepublik, wo es trotz verschiedener Versuche nie eine polytechnische Verschulung gegeben hat, also keine Berufsbildung in der Schule.

Eine einheitliche Vorschule wie in der Schweiz gibt es in Deutschland nicht

Die Grundschule ist die Basis des deutschen Schulsystems. Es ist bislang nicht gelungen, eine einheitliche Vorschule aufzubauen und sie – wie in der Schweiz – als Teil der Schulpflicht zu betrachten. Bevor die Kinder die Grundschule besuchen können, haben sie Erfahrungen in Kindertagesstätten und Kindergärten gemacht, die von den Gemeinden unterhalten werden und sich schon deshalb hochgradig unterscheiden. Von einer irgendwie einheitlichen Frühförderung kann daher keine Rede sein.

Verschiedene Grundschulen sind dazu übergegangen, sich mit den abgebenden Einrichtungen möglichst eng abzustimmen, damit die Schülerinnen und Schüler sich auf das Lernprofil und die Leistungsanforderungen der Grundschule einstimmen können. Ähnliche Anstrengungen gibt es mit Blick auf die weiterführende Schule nach der Grundschulzeit. Lange Zeit haben die Gymnasien nicht gewusst, wie die Grundschulen arbeiten, was sie leisten und was von ihnen auch nicht erwartet werden kann.

Die Praxis der heutigen Grundschulen ist didaktisch weitgehend einheitlich, während die Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler, die Versorgung mit Lehrkräften, die Ausstattung und die innere Schulverfassung sehr unterschiedlich sind. Je nachdem wo die Grundschule ihren Ort hat, können die Unterschiede sogar sehr groß ein – sie reichen von idyllischen Dorfschulen bis zu Schulen in sozialen Brennpunkten.

Grundschule muss sich auf die veränderte Umwelt einstellen

Ein häufiges Problem sind Schülerinnen und Schüler, die ohne Deutschkenntnisse eingeschult werden und deshalb dem Unterricht nicht folgen können. An solchen „Brennpunkten“ erfolgt die Lernarbeit unter erschwerten Bedingungen, die andere Grundschulen gar nicht kennen. Bundesländer wie Hamburg verteilen die Ressourcen für die Schulen nach einem Sozialindex, investieren also mehr dort, wo größere Probleme bestehen.

Für die nähere Zukunft ist kaum zu erwarten, dass die Grundschulorganisation in ihrer bestehenden Form geändert wird. Die Aufgabe besteht darin, die Schulen weiterzuentwickeln und sie auf veränderte Umwelten einzustellen. Dabei müssen dann auch die Übergänge für die Eltern nachvollziehbar und transparent geregelt werden.

Ansonsten wäre mit verstärkter Abwanderung in die Privatschulen zu rechnen, wobei auch gesagt werden muss, dass sich viele Grundschulen bereits heute in privater Trägerschaft befinden. Das gilt für kirchliche Institutionen genauso wie für reformpädagogische. Wo solche Grundschulen mit eigenen weiterführenden Schulen verbunden sind, wählen viele Eltern diesen Weg. In diesem Sinne ist das etatistische deutsche System keineswegs ohne Wettbewerb.

Eltern haben ein sensibles Verhältnis zur Grundschule

Die zentrale Ressource im Bildungssystem ist das Vertrauen. Die Grundschule hat sich in den Augen der meisten Eltern bewährt, während die Anschlüsse sich offenbar zu einem gravierenden Problem auswachsen können. Grundschulen in Problembezirken werden von bürgerlichen Eltern gemieden, obwohl gerade ihre Kinder zum Erfolg der Schule beitragen können. Da es kein Ranking der Schulen gibt, entscheidet darüber die informelle Kommunikation unter den Eltern.

An den Beobachtungen der Unterrichtspraxis durch die Eltern sollte keine Schule vorbeigehen.

Wie sensibel das Verhältnis trotz überwiegender Zufriedenheit ist, zeigen die massiven Elternproteste gegen den Lehrgang „Lesen durch Schreiben“. Eltern konnten nicht einsehen, dass man erst falsch schreiben kann, bevor es dann irgendwann richtig wird, wozu sie dann beitragen. Eltern reagieren auf Standards der Rechtschreibung, die sie für sich einhalten und auch für ihre Kinder wünschen.

An den Beobachtungen der Unterrichtspraxis durch die Eltern sollte keine Schule vorbeigehen. In der Konsequenz hieße das, dass Schulen auch von den Eltern lernen müssen, was umso mehr gilt, je mehr die Digitalisierung das Lernen bestimmt. Generell wird das die zentrale Aufgabe für die Zukunft: Wie viel und welche Digitalisierung braucht und verträgt die Grundschule?

Zur Person

  • Der renommierte deutsche Erziehungswissenschaftler, Bildungshistoriker und Autor Jürgen Oelkers ist emeritierter Professor der Universität Zürich.
  • Oelkers’ Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Historische Bildungsforschung, die Geschichte reformpädagogischer Bewegungen im 18. und 19. Jahrhundert sowie Bildungspolitik und internationaler Vergleich.
  • Oelkers plädiert unter anderem für ein längeres gemeinsames Lernen und für eine zweijährige Vorschule.