Das Deutsche Schulbarometer : Corona-Krise verstärkt Bildungsungleichheit

Die Schulschließungen infolge der Corona-Krise führt deutlich vor Augen, wie stark der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängt. Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern beim Fernunterricht unterstützt werden, haben erheblich bessere Chancen, unbeschadet aus dieser Krise hervorzugehen, als Schülerinnen und Schüler, deren Eltern dies nicht können. Welche Auswirkungen diese Situation hat und wie Schulen und Politik der sozialen Spaltung gegensteuern sollten, erklären die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen in ihrem Gastbeitrag für das Schulportal.

Junge vor Fenster als Symbol für Bildungsungleichheit
Die Bildungsforscher Klaus Hurrelmann und Dieter Dohmen plädieren dafür, dass bei der Wiederöffnung der Schulen soziale Schieflagen berücksichtigt werden, um auf die wachsende Bildungsungleichheit zu reagieren.
©antic/AdobeStock

Seit den internationalen Vergleichsstudien der frühen 2000er-Jahre („PISA“) wissen wir: In Deutschland hängt die Schulleistung der Jugendlichen besonders stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Das hängt wesentlich damit zusammen, dass in Reaktion auf die nationalsozialistische Anti-Eltern-Politik die Rolle der Familie im Grundgesetz ungewöhnlich stark gemacht wurde. Artikel 6 legt fest: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern.“ Kindertagesstätten und Schulen werden damit in den Rang von Hilfseinrichtungen gestuft.

Die damals sehr negativen PISA-Ergebnisse leiteten ein Umdenken ein. Weil andere europäische Länder mit einer flächendeckenden Vorschulerziehung und einer schulischen Ganztagsbetreuung deutlich größere Bildungsgerechtigkeit erzielten, hat auch Deutschland diesen Weg eingeschlagen. Leider nicht ganz konsequent, sodass wir heute einen Flickenteppich aus zu vielen „offenen“ Ganztagsschulen ohne und zu wenigen „gebundenen“ mit gut rhythmisierten Tages- und Stundenplänen haben – aber immerhin.

Unterschiede zwischen den Schulen ebenso wie in der häuslichen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler brechen demnach wieder verstärkt auf.

So brachte die letzte PISA-Studie denn auch das erfreuliche Ergebnis, dass sich die Bildungsungleichheit etwas abgeschwächt hat. Auch wenn sie immer noch erschreckend groß ist, was sich am großen Anteil junger Menschen aus bildungsfernen Familien ohne Schulabschluss (fast 7 Prozent) oder abgeschlossene Berufsausbildung (14 Prozent) oder mit sehr geringen Kompetenzen in Lesen, Schreiben und Rechnen (18 Prozent) und in einem Anteil von über zwölf Prozent funktionellen Analphabeten unter den Erwachsenen niederschlägt. Aber mit Blick auf die aktuellen Anforderungen beim digitalen Arbeiten erbrachte die international vergleichende ICILS-Studie auch einige positive Tendenzen.

Ist es durch die Schulschließungen damit schon wieder vorbei? Diese Befürchtung lässt sich aus dem Deutschen Schulbarometer Spezial, der aktuellen Forsa-Befragung von Lehrkräften zur Corona-Krise im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT, herauslesen. Nach Einschätzung der Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer erweist es sich gegenwärtig als unmöglich, einen effizienten Unterricht durchzuführen. Unterschiede zwischen den Schulen ebenso wie in der häuslichen Ausstattung der Schülerinnen und Schüler brechen demnach wieder verstärkt auf.

Ungünstige Voraussetzungen multiplizieren sich und verstärken die Bildungsungleichheit

Das Thema Bildungsungleichheit ist auf einmal wieder im Fokus. Die befragten Lehrkräfte schätzen, dass über ein Viertel der Schülerinnen und Schüler eine für den Fernunterricht unzureichende technische Ausstattung hat. Fast genauso viele Befragte beklagen eine unzureichende Kommunikation mit Eltern und Schülern, fehlenden persönlichen Kontakt und mangelnde Möglichkeiten der Hilfestellung. Diese Nachteile summieren sich an den Grundschulen und den Haupt-, Real- und Gesamtschulen, während die Gymnasien mit ihrer Schülerschaft aus überwiegend bildungsnahen Familien deutlich besser abschneiden.

80 Prozent der befragten Lehrerinnen und Lehrer gehen davon aus, dass die Schulschließungen zu deutlichen Lernrückständen führen und sich die sozialen Ungleichheiten noch weiter verstärken werden. Ungünstige Voraussetzungen multiplizieren sich: Wer die dafür erforderlichen Geräte nicht hat, kann an digitalisiertem Unterricht nicht oder nur eingeschränkt teilnehmen. Wer sich selbst nicht strukturieren kann und keine Eltern hat, die beim häuslichen Lernen motivieren und fachlich unterstützen, lernt weniger als sonst. Der Anteil digitaler Analphabeten ist unter Haupt-, Real- oder Sekundarschülern deutlich höher als unter Gymnasiasten. Unter diesen Umständen ist es nicht erstaunlich, dass zwei Drittel der Lehrkräfte befürchten, die Lernrückstände bis zum Schuljahresende nicht mehr aufholen zu können.

Die Mehrheit der Eltern aber kann die Doppelbelastung nur sehr eingeschränkt schultern, sich oft also nur nach Feierabend um ihre Kinder kümmern und ihnen beim Lernen helfen.

Aktuelle Surveys bestätigen diese Sorgen. Aus der „Mannheimer Corona-Studie“ geht hervor, dass mehr als die Hälfte der befragten Berufstätigen am Arbeitsplatz und nur ein Viertel im Homeoffice tätig ist. Mehr noch: Das Arbeiten von zu Hause aus ist ein Privileg der gut gebildeten Berufstätigen, vor allem der Akademiker. Sie sind es auch, die sich intensiv und meist mit Erfolg bemühen, Homeoffice und Homeschooling miteinander zu verbinden. Die Mehrheit der Eltern aber kann diese Doppelbelastung nur sehr eingeschränkt schultern, sich oft also nur nach Feierabend um ihre Kinder kümmern und ihnen beim Lernen helfen – sofern sie dann noch die Nerven dazu haben und den Lernstoff fachlich nachvollziehen können.

Wenn Lehrerinnen und Lehrer tagsüber versuchen, die Eltern zu erreichen, dann bekommen sie die an die Strippe, die im Homeoffice, in Kurzarbeit oder arbeitslos sind – die Mehrheit der Erwerbstätigen können sie nicht ansprechen.

Das Resultat: Während sich motivierte und daher in der Schule meist bessere Schülerinnen und Schüler zumindest zeitweise an den Schreibtisch setzen und sich mit Aufgaben und Lernanleitungen beschäftigen, ist das bei ihren weniger motivierten, meist leistungsschwächeren Gleichaltrigen selten der Fall. Die Akademikerkinder entfernen sich auf diese Weise immer weiter von ihren Mitschülern, weil deren Eltern ihnen fachlich weniger helfen können und zum überwiegenden Teil des Tages nicht zu Hause sind. Wenn Lehrerinnen und Lehrer tagsüber versuchen, die Eltern zu erreichen, dann bekommen sie die an die Strippe, die im Homeoffice, in Kurzarbeit oder arbeitslos sind – die Mehrheit der Erwerbstätigen, die am normalen Arbeitsplatz sind, können sie nicht ansprechen. Die erreichen sie erst am späten Nachmittag oder frühen Abend, falls sie es dann tatsächlich noch einmal versuchen.

Wie kommen wir heraus aus dieser Misere? Wenn darüber diskutiert wird, dass Kitas und Schulen zu den ersten Bereichen gehören, die nach und nach wieder öffnen, dann sollte der Fokus unbedingt auf der Verringerung der angesprochenen sozialen Schieflagen und Bildungsbenachteiligungen liegen. Deswegen sollten im Prinzip die Grundschulen in sozial benachteiligten Quartieren als Erste öffnen, im Sekundarschulbereich die Mittel-, Real- und Gesamtschulen eher als die Gymnasien. Wenn ferner, um Klassengrößen zu reduzieren, über Schichtsysteme oder Unterricht für einen Teil der Schüler nachgedacht wird, dann sollten auch hier die benachteiligten oder leistungsschwächeren Kinder und Jugendlichen Vorrang haben vor anderen.

Um Bildungsungleichheit gegenzusteuern, ist eine positive Diskriminierung unvermeidlich

Die Empfehlungen des Leopoldina-Expertenkreises weisen in Ansätzen ebenfalls in diese richtige Richtung. Die Umsetzung ist allerdings schwierig: Bereits die Festlegung, wer zu den vorrangigen Zielgruppen gehört, stellt eine Art positive Diskriminierung dar, die sui generis bereits zu Friktionen führen kann und daher eigentlich vermieden werden sollte. Allerdings scheint das in der aktuellen Situation kaum vermeidbar zu sein.

Statt nach Schulformen könnte man sich auch nach Kriterien des Kinderschutzes, zum Beispiel beengten Wohnverhältnissen (viele Personen in der Wohnung) oder an der elterlichen Erwerbssituation (Beschäftigung am normalen Arbeitsplatz) orientieren. Dabei wäre eine Zusammenarbeit zwischen Schulamt, Sozialarbeit, Jugendamt, schulpsychologischem Dienst, Kinder- und Jugend(freizeit)- oder Familienzentren und Kinderärzten sinnvoll. Hier muss dringend eine Diskussion geführt werden, wie verhindert werden kann, dass der grundlegend sinnvolle Datenschutz Maßnahmen zum Wohl der Zielgruppe der benachteiligten Kinder immer wieder blockiert.

Wenn es durch die Corona-Krise nicht dauerhaft zu einer erneuten bedrohlichen Schieflage der Bildungschancen kommen soll, sind jetzt eindeutige Weichenstellungen notwendig.

Keine Frage: Die Umsetzung dieser Prinzipien in die Praxis ist sehr schwierig und hängt von vielen personellen und räumlichen Bedingungen ab. Aber sie sollten schon jetzt in die Überlegungen für die langfristig anstehende Wiedereröffnung von Kitas und Schulen einfließen und der Ausgangspunkt für weiterführende Fördermaßnahmen sein. Wenn es durch die Corona-Krise nicht dauerhaft zu einer erneuten bedrohlichen Schieflage der Bildungschancen kommen soll, sind jetzt eindeutige Weichenstellungen notwendig. Dazu gehört die technische Ausstattung der Schulen und der Schülerinnen und Schüler mit geeigneten digitalen Endgeräten, der Aufbau zentraler Online-Lehrangebote, ein gezieltes Übungs-und Lernprogramm in den Sommerferien und leicht zugängliche, spannend und abwechslungsreich gestaltete Nachhilfe.

Und, nicht zu vergessen: Dazu gehört eine systematische Elternarbeit, also die Einbeziehung der Mütter und Väter in den Lernprozess ihrer Kinder. Denn an der funktionierenden Kommunikation zwischen Lehrkräften und Eltern hapert es bei den sozial benachteiligten Kindern ganz besonders. Begleitet werden sollten diese Elternkontakte durch gut verständliche Informationen über die von ihnen häufig genutzten Medien und die persönliche Ansprache über geeignete Kanäle sozialer Netze. Hier sollten vor allem die häufig greifenden Berührungsängste überwunden werden. Über viele dieser Aspekte reden wir seit Langem, es wird Anfang der 2020er-Jahre und den vor uns liegenden Herausforderungen endlich Zeit, hier tatsächlich zu agieren, statt sich dahinter zu verstecken.

Zur Person

  • Klaus Hurrelmann ist Professor of Public Health and Education an der Hertie School of Governance und Senior Expert am FiBS.
  • In seiner Forschung konzentriert er sich auf die Bereiche Gesundheits- und Bildungspolitik. Er ist maßgeblich an zahlreichen nationalen Studien zur Entwicklung von Familien, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen beteiligt.
  • Dieter Dohmen ist Direktor des Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (FiBS) in Berlin.
  • Er arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Forscher und Berater und hat die ElternHotline gGmbH gegründet, die als soziales Unternehmen Eltern bei der Lernbegleitung ihrer Kinder unterstützt.
  • Eine Langfassung des Gastbeitrags steht auch auf der Homepage des FiBS-Instituts.

Mehr zum Thema

  • Das Schulportal hat die Umfrage-Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers Spezial Corona-Krise in einer großen Infografik dargestellt.
  • Bildungsforscher Michael Schratz erklärt im Interview für das Schulportal, wie Schulen die Erfahrungen aus der Corona-Krise für ihre Entwicklung nutzen können.
  • Alle Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers Spezial Corona-Krise können Sie hier als PDF downloaden: