Grundschüler : Aller Anfang ist schwer – auch für die Eltern

Nicht nur die Kinder, die gerade zur Schule gekommen sind, haben sich an die neue Herausforderung in ihrem Leben zu gewöhnen. Manchmal vergisst man darüber vielleicht, dass auch die Eltern erst mal in der Schule ankommen müssen, findet Kolumnistin Sandra Garbers.

Sandra Garbers Sandra Garbers / 16. April 2018
Aller Anfang ist schwer: Das gilt nicht für die Kinder, die mit der Herausforderung Schule zurechtkommen müssen, sondern auch für die Eltern.
Aller Anfang ist schwer: Das gilt nicht für die Kinder, die mit der Herausforderung Schule zurechtkommen müssen, sondern auch für die Eltern.
©Getty Images

Katharina findet unsere Lehrerin Frau M. doof. Es ginge ja vielleicht noch gerade, wenn diese Diktate nicht wären. Quasi von Woche drei an – und dann aber ständig. Und wenn Frau M. die Mathearbeiten nicht grundsätzlich auf den Mittwoch vor den Ferien legen, viel zu viele Hausaufgaben aufgeben und alle anderen Kinder in der Klasse viel, viel lieber mögen würde. Und wenn sie nicht diese seltsamen Häkel-Oberteile tragen würde. Aber so? Da könnte Katharina sich wirklich aufregen. Was für eine Fehlbesetzung!

Constantin wiederum findet Frau M. ziemlich toll. Neulich, als jemand sagte, dass sie nach der dritten Klasse ja jemand anderen bekämen, da hat er sogar ein bisschen geweint. „Stockholm-Syndrom!“, meinte Katharina, aber dann hat sie ihn doch getröstet. Ist ja schließlich ihr Sohn. Und genau genommen ist Frau M. SEINE Lehrerin.

Ich mag Katharina, weil sie eigentlich ziemlich lustig ist und klug und für jeden Spaß zu haben. Nur eben nicht, wenn es um Constantin geht. Als Constantin mit sechs Jahren endlich Rad fahren lernen durfte, hat sie ihn mit Helm, Knie- und Ellbogenschützern gepolstert. Und ich glaube, sie ist unglücklich, dass noch niemand eine Polsterung für die ersten Grundschuljahre erfunden hat.

Manchmal vergisst man vielleicht, dass nicht nur die Grundschülerinnen und Grundschüler sich erst an die neue Lebenssituation gewöhnen müssen, sondern dass vor allem auch die Eltern Zeit benötigen, um in der Schule anzukommen.
Sandra Garbers, Autorin und Kolumnistin für Das Deutsche Schulportal

Wenn die Kinder in die Schule kommen, muss man ja auch sich selbst ein bisschen neu denken. Was für ein Elternmensch man sein möchte. Einer, der über alles Bescheid weiß, jedes neue Gerücht schon vor dessen Entstehung kennt, auf Wandertagen als Begleitung einspringt, Opernkarten für die ganze Klasse besorgt und sich so rein karrieretechnisch nichts Schöneres vorstellen kann, als endlich Gesamtelternvertreter zu werden? Oder jemand, dessen erste Amtshandlung als Mutter eines Erstklässlers es ist, die E-Mail-Adresse der Klassenlehrerin zu verschlampen, und als zweite den Zettel, auf dem stand, dass man zehn hart gekochte Eier zum gemeinsamen Schulfrühstück mitbringen sollte?

Arbeitet man heimlich mit dem Kind schon mal ein bisschen in Mathe vor – was ja leicht geht, weil man vorausschauend die erforderlichen Schulbücher gleich noch mal für zu Hause gekauft hat –, oder lässt man die Kinder noch ein bisschen rumbummeln und hält vier Fehler im Diktat eines Erstklässlers nicht automatisch für eine Katastrophe, die sich auf die ganze weitere Schullaufbahn auswirken könnte?

Manchmal vergisst man vielleicht, dass nicht nur die Grundschülerinnen und Grundschüler sich erst an die neue Lebenssituation gewöhnen müssen, sondern dass vor allem auch die Eltern Zeit benötigen, um in der Schule anzukommen. Manchmal brauchen sie sogar länger als ihre Kinder. Könnte man eigentlich mal drüber nachdenken: eine Vorschule für Eltern, wo wir uns schon mal an das frühe Aufstehen, die aufwendigen Brotboxen und die Hausaufgabenbetreuung nachmittags gewöhnen können. An das Loslassen. Und daran, dass unser Kind, das tollste Kind der Welt, plötzlich nicht mehr überall auch das beste Kind ist, sondern vielleicht nur das zweit- oder drittbeste. Oder das schlechteste.

Neulich hatte Katharina Besuch aus Baden-Württemberg, Eltern mit einem Drittklässler. Er hat eine Postkarte nach Hause an die Großeltern geschrieben. Zwölf Fehler hat Katharina gezählt. Schreiben nach Gehör eben. „Bin ich froh, dass bei uns so viel Wert auf Rechtschreibung gelegt wird“, sagte sie mir später. „Da kann man Frau M. ja richtig dankbar sein für die vielen Diktate.“ Ich glaube, spätestens in der Dritten werden die beiden beste Freundinnen sein.

Zur Person

  • Sandra Garbers ist freie Autorin und lebt mit Mann, zwei Kindern, Hund und Katze in Berlin.
  • Ihre Tochter geht in die zweite Klasse, ihr Sohn noch in den Kindergarten.
  • Für die Tageszeitungen „Berliner Morgenpost“ und „Hamburger Abendblatt“ schrieb sie die Kolumne „Mamas & Papas“.
  • Nun blickt sie für Das Deutsche Schulportal aus Elternperspektive auf den Schulalltag.
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