17. Bundesland : Chancengleichheit im Bildungssystem – eine Utopie?!

Die Bildungssysteme der Länder sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Schulen gelingt es unter den im vergangenen Jahrhundert angelegten Strukturen kaum noch, den Lernerfolg ihrer Schülerinnen und Schüler nachhaltig zu verbessern. Schulentwicklungsexperte Kirk Fünderich zeigt in seinem Gastbeitrag für das Schulportal, welche Rahmenbedingungen nötig wären, um den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg deutlich zu reduzieren und Schulen dabei nachhaltig zu unterstützen.

Kirk Fünderich / 05. Juni 2020
Kinder malen auf einem großen Plakat eine Schule im 17. Bundesland
Ein 17. Bundesland gibt es nicht. Aber wenn es es gäbe, sollte Chancengleichheit in den Schulen herrschen, meint unser Gastautor.
©Getty Images

Schulen sind konfrontiert mit historisch gewachsenen Strukturen, die tief wurzeln und sich durch eine hohe Änderungsresistenz auszeichnen. Dabei sind besonders Schulen in kritischer Lage trotz punktueller Unterstützung häufig in großer Not und müssten Grenzen herkömmlicher Strukturen sprengen, während Schulen in bevorzugten (sozialen) Lagen ineffiziente Systemstrukturen eher aushalten oder kompensieren. Doch wie können Rahmenbedingungen für die Schul- und Unterrichtsentwicklung an Schulen in herausfordernden Situationen aussehen? Nach Antworten sucht das von der Robert Bosch Stiftung initiierte Entwicklungsnetzwerk zur Unterstützung für Schule in kritischer Lage. Das Netzwerk ist in den vergangenen Jahren immer wieder an Grenzen gestoßen, wenn es darum ging, den Begriff der „Unterstützung“ auszufüllen. Alle Vorschläge, Erwartungen und Maßnahmen – ganz gleich, ob finanzielle Sonderzuweisungen, zusätzliche Personalressourcen, die Öffnung der Schule oder die Einbindung weiterer Player – stehen in einem Ordnungsrahmen, der die schulische Entwicklung, die Wirkung unterrichtlichen Handelns und damit den Lernerfolg von Schülerinnen und Schülern mitbestimmt.

Das Ziel für ein 17. Bundesland: mehr Bildungserfolg für alle Schülerinnen und Schüler

Es lohnt sich deshalb, mögliche Rahmenbedingungen für eine auf die Zukunft ausgerichtete Schul- und Unterrichtsentwicklung in einem imaginären 17. Bundesland aufzuzeigen. Die Ideen für ein 17. Bundesland sind reine Utopie.

Manche Überlegungen sind in einigen Bundesländern und Staaten bereits Wirklichkeit. Andere Ideen wiederum leiten sich aus historischen Vorbildern ab und sind insofern nicht neu. Alle Vorschläge für ein 17. Bundesland haben allerdings eine Sache gemein: Sie sollen Schulen in einen zur Realität passenden Handlungsrahmen versetzen, um schulinterne Entwicklung zu ermöglichen, soziale Ungleichheiten zu reflektieren sowie Ressourcen und Handeln besser auf Schülerinnen und Schüler abzustimmen – verbunden mit dem Ziel, den Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungserfolg deutlich zu verringern.

Intensiver Austausch und langjährige Beobachtungen sind die Grundlage

Die folgenden Rahmenbedingungen beruhen auf dem Austausch im Entwicklungsnetzwerk der Robert Bosch Stiftung, der langjährigen Beobachtung der Bildungssysteme in den 16 Bundesländern und nicht zuletzt auf zahlreichen Gesprächen mit Schulleitungen, Kolleginnen und Kollegen der Schulaufsicht sowie den für die Qualitätsentwicklung Verantwortlichen in den Ländern. Die vorgeschlagenen Rahmenbedingungen für ein Schulsystem in einem 17. Bundesland sind keineswegs umfassend oder abschließend. So werden zum Beispiel wichtige Themen wie die Umsetzung der Inklusion oder die Digitalisierung von Unterricht in diesem Gedankenkonstrukt vernachlässigt.

Porträt Kirk Fünderich
Kirk Fünderich
©privat
  • Kirk Fünderich ist seit 18 Jahren im Bildungsministerium in Schleswig-Holstein verantwortlich für Bildungsmonitoring und Fragen der systematischen Qualitätsentwicklung von Schulen.
  • Darüber hinaus war er mehrere Jahre Geschäftsführer am Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) und berät seit einigen Jahren den Erziehungsminister Tunesiens zu Bildungsreformen.
  • Kirk Fünderichs Schwerpunktthema ist die systemische Schul- und Unterrichtsentwicklung. Von 2018 bis 2019 war er Mitglied im Entwicklungsnetzwerk zur Unterstützung für Schule in kritischer Lage.

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Kirk Fünderich dankt Prof. Dr. Wolfgang Böttcher, Prof. Dr. Nils Berkemeyer, Prof. Dr. Olaf Köller, Prof. Dr. Claus Buhren sowie Werner Klein für spontane „Strukturänderungsvorschläge“.

Literaturempfehlungen:

  • Berkemeyer, N.: „Herausfordernde soziale Lagen“, in: Manitius, V. & Dobbelstein, P. (Hrsg.): Schulentwicklungsarbeit in herausfordernden Lagen, 2017
  • Böttcher, W.: „Schulen in schwieriger Lage: eine Herausforderung für wen?“, in: Manitius, V. & Dobbelstein, P. (Hrsg.): Schulentwicklungsarbeit in herausfordernden Lagen, 2017
  • Bott, W. (Hrsg.): „Die Praxis der Schulaufsicht, Selbstverständnis – Handlungsfelder – Trends“, Stuttgart 2019
  • Holtappels, H.G. & Webs, T. & Kamarianakis, E. & van Ackeren, Isabell: „Schulen in herausfordernden Problemlagen – Typologien, Forschungsstand und Schulentwicklungsstrategien“, in: Manitius, V. & Dobbelstein, P. (Hrsg.): „Schulentwicklungsarbeit in herausfordernden Lagen“, 2017
  • Huber, G.H. & Arnz, S. & Klieme, T. (Hrsg.): „Schulaufsicht im Wandel, Rollen und Aufgaben neu denken“, Stuttgart 2020
  • Koerrenz, R. & Berkemeyer, N. (Hrsg.): „System Schule auf dem Prüfstand“, Weinheim/Basel 2020
  • Trumpa, S. & Wittek, D. & Sliwka, A. (Hrsg.): „Die Bildungssysteme der erfolgreichsten PISA-Länder“, Münster 2017