Digitalisierung : 13 heiße Tipps, um den Digitalpakt zu versieben

Der Digitalpakt Schule kommt. Nach dem Bundestag hat auch der Bundesrat der Verfassungsänderung am 15. März zugestimmt. Bald stehen den Ländern also fünf Milliarden Euro zur Verfügung, die sie in digitale Geräte, Programme und die Lehrerfortbildung investieren sollen. Doch wie gelingt der Umstieg auf Digital? Die Schulportal-Kolumnisten Matthias Förtsch und Kai Wörner beschreiben in ihrem Beitrag, wie es nicht laufen sollte.

Schüler mit Laptop sitzen auf dem Schulflur
Mit dem Digitalpakt stehen den Ländern fünf Milliarden Euro zur Verfügung, die sie in digitale Geräte, Programme und die Lehrerfortbildung investieren könne. Matthias Förtsch und Kai Wörner beschreiben, welche Fallstricke dabei zu beachten sind.
©Julian Stratenschulte (dpa)

Liebe Schulleitungen, Systembetreuerinnen und Systembetreuer und Medienbeauftragte,

hier ein paar Tipps, wie Ihre Schule vom Digitalpakt möglichst wenig  profitieren kann:

1. Stellen Sie sich vor das Kollegium, und kündigen Sie an, dass die Schule jetzt auf den Kopf gestellt wird. Nichts werde mehr bleiben wie bisher. Erzeugen Sie möglichst viel Angst vor dem Wandel, und sagen Sie, dass wir gesellschaftlich wie schulisch vor der größtmöglichen Revolution stehen.

2. Sie wissen, dass Schülerinnen und Schüler als „Digital Natives“ bereits alles können – daher kaufen Sie einfach Tablets, geben sie an die Schüler aus, und los geht’s. Die Schülerinnen und Schüler kennen bereits alle Videoschnittprogramme; Kollaborationstools und Recherche sowie Quellenprüfung sind ein Klacks.

3. Ignorieren Sie möglichst Phänomene wie Cybermobbing, denn das findet ja meistens außerhalb der Schulzeit statt, und daher ist die Schule dafür auch nicht verantwortlich. Die Eltern sind schließlich selbst schuld, wenn sie ihren Kindern WhatsApp und Co aufspielen. Dann müssen sie eben auch mit den Konsequenzen leben.

Arbeitsformen, Lerninhalte, Lernziele – alles bleibt gleich – und glitzert jetzt ein wenig digital.

4. Starten Sie den Digitalisierungsprozess so schnell wie möglich. Der Schulträger weiß am besten, welche Technik anzuschaffen ist – dann muss sich die Schule nicht kümmern. Und fragen Sie bloß nicht nach, welche Bedürfnisse es im Kollegium gibt: Es wird nur alles zerredet! Sie wissen ja eigentlich am besten, wie zeitgemäßes Lernen geht: mit interaktiven Whiteboards nämlich. Damit kann man den Frontalunterricht effektiv abspeichern.

5. Verkündigen Sie das „Ende der Kreidezeit“: Laden Sie Journalistinnen und Journalisten an Ihre Schule ein, und lassen Sie sich vor den neu angeschafften interaktiven Whiteboards fotografieren, damit die Eltern sehen, wie innovativ Sie sind. Verschweigen Sie tunlichst, dass niemand sie bedienen kann und die neuen Tafeln ständig gewartet werden müssen.

6. Bei Ihnen gilt: „Pädagogik vor Technik“. Denn durch die Technik wird sich nichts in Ihrem Unterricht verändern: Arbeitsformen, Lerninhalte, Lernziele – alles bleibt gleich – und glitzert jetzt ein wenig digital.

7. Leuchttürme weisen den Weg, strahlen nachts und geben Orientierungshilfe – warum rufen Sie dann nicht Ihre Schule als „Leuchtturmschule“ aus, um Ihre Erfolge nach außen hin sichtbar zu machen? Kein digitales Faible ohne Label!

8. Laden Sie für den nächsten Pädagogischen Tag eine Referentin oder einen Referenten ein, die oder der von den Gefahren der Vernetzung spricht. Denn gerade für die moderne Lehrkraft gilt: Individualisierung first! Zeichnen Sie am Ende des Schuljahrs Ihre „digitalste Lehrkraft“ aus – nämlich die, die das alles allein geschafft hat.

Damit alle Schülerinnen und Schüler nur so arbeiten können, wie Sie sich das vorstellen, gehört zum Digitalisierungsprozess auf jeden Fall auch eine ausgeklügelte Verbotskultur.

9. Nutzen Sie in der nächsten Lehrerkonferenz „Kahoot!“ und „Quizlet“ als Feedbacktools, bis auch wirklich das letzte von Ihnen erhobene Item zu Ihrer Zufriedenheit ausfällt.

10. Damit alle Schülerinnen und Schüler nur so arbeiten können, wie Sie sich das vorstellen, gehört zum Digitalisierungsprozess auf jeden Fall auch eine ausgeklügelte Verbotskultur. Eigene Handys und Tablets sollten Sie konsequent aus Ihrer Schule verbannen – denn wozu haben Sie die ganzen Gerätschaften angeschafft? Nutzen Sie an Ihrer Schule dringend die einschlägigen Apps und Kniffe, damit die Schülerinnen und Schüler nur genau die Seiten im Internet öffnen können, die ihre Lehrerinnen und Lehrer ihnen vorschlagen. Nur so erreichen die Schülerinnen und Schüler Ihre Idee von digitaler Mü(n)digkeit.

11. Absolut wichtig ist auch noch, dass jeglicher Unterricht im Klassenzimmer selbst stattfindet. Verbieten Sie Ihrem Kollegium, dass Horden von Schülern das Schulhaus mit ihren Geräten bevölkern, um Ton-, Video- oder Fotoaufnahmen zu machen. Besonders beratungsresistenten Kolleginnen und Kollegen kann man mit Verweisen auf den Datenschutz oder die Aufsichtspflicht beikommen. Digitalisierung heißt Fokussierung – also sollte jeder Schüler möglichst allein und selbstständig arbeiten.

12. Ihre Schule ist kein IT-Unternehmen. Daher müssen sich die Kolleginnen und Kollegen schon selbst darum kümmern, dass die Infrastruktur läuft. (Die Tafel wurde ja schließlich auch immer sauber.) Falls sie das nicht von selbst machen und die Geräte eingepackt bleiben – auch gut: So halten sie länger!

13. Der Top-Tipp: Um das Thema am Laufen zu halten, sollten Sie immer ein Auge offen halten, ob es nicht doch einen noch besseren Hardwareanbieter gibt. Nur das hält Ihre Schule up to date, schafft Vertrauen bei der Lehrerschaft und zeigt Ihre Innovationskraft.

Viel Freude bei der Umsetzung wünschen

Kai Wörner und Matthias Förtsch

Zur Person

  • Matthias Förtsch ist Lehrer für Englisch und Gemeinschaftskunde (Politik, Wirtschaft und Soziologie) an einem privaten, gebundenen Ganztagsgymnasium in Baden-Württemberg.
  • Zusätzlich ist Förtsch hauptverantwortlich für die Schulentwicklung an seiner Schule. Für das Schulportal schreibt er regelmäßig eine Kolumne.
  • Kai Wörner unterrichtet Deutsch, Ethik und als Seminarrektor das Fach Geschichte an der für Medienbildung ausgezeichneten Realschule am Europakanal Erlangen II in Bayern.
  • Digitalisierung ist Wörners Thema: Er verwendet Tablets in seiner Klasse, engagiert sich in der Lehrerfortbildung und schreibt digitale Schulbücher.
  • Beide Autoren twittern regelmäßig (@herr_foertsch und @Woe_Real) und sind vernetzt unter den Hashtags #BayernEdu und #DiBiS (Digitale Bildung im Seminar).