100 Jahre Grundschule : Von der Integration zur Inklusion

Welche Bedeutung hatte die Gründung der Grundschule vor 100 Jahren für das Bildungssystem, und wie kann die Schulform den Herausforderungen der Zukunft gerecht werden? Bildungsforscher Hans Brügelmann schreibt in seinem Gastbeitrag für das Schulportal, es sei nach 100 Jahren Integrationserfahrung in der Grundschule an der Zeit, den gemeinsamen Unterricht über deren vier Jahre hinaus zu verallgemeinern – auf die gesamte Pflichtschulzeit.

Hans Brügelmann Hans Brügelmann / 10. September 2019
Schüler sitzen im Klassenraum einer Grundschule
100 Jahre Grundschule sind Anlass genug, um sich Gedanken über die Zukunft der Schulform zu machen.
©dpa

Trennung und Ausgrenzung überwinden – das ist Grundthema der Grundschule seit ihrer Gründung in Weimar 1919. Es ist eine Erfolgsgeschichte, wenn auch eine ambivalente.

Gemeinsamer Unterricht von Kindern aus allen sozialen Schichten war der erste große Schritt in den 1920er-Jahren. Heute ein selbstverständlicher Anspruch, der allerdings zunehmend nur noch auf dem Papier steht: Ummeldung von Kindern in „bessere“ Schulbezirke, Anmeldung an einer Privatschule, vor allem aber die soziale Entmischung der Stadtteile gefährden die Wirkmöglichkeiten dieses Prinzips. Das ist bedenklich, denn der Erfolg schulischen Lernens hängt nicht nur von den Voraussetzungen des einzelnen Kindes und von der Qualität des Unterrichts ab, sondern auch von der Zusammensetzung der Lerngruppe: von ihren Anregungen und Herausforderungen für die Entwicklung des individuellen Denkens und Verhaltens.

Gleichwertige Bildung für Mädchen wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg umgesetzt

Die nächsten Schritte – eine gleichwertige Bildung für Mädchen und der Abbau der konfessionellen Trennung – konnten in der Breite erst nach dem Zweiten Weltkrieg umgesetzt werden. Dabei blieb die Koedukation zunächst eine bloß organisatorische Reform, die weder den Mädchen (zum Beispiel in Mathematik) noch den Jungen (zum Beispiel im Lese- und Schreibunterricht) gerecht wurde. Ebenfalls naiv war die Idee, es reiche, den Unterricht auf die Bedürfnisse von Gruppen abzustimmen (zum Beispiel durch „rosa“ und „blaue“ Fibeln). Denn auch jede Gruppe ist in sich heterogen. Gleiches Alter und gleiches Geschlecht bedeutet eben nicht gleiche Erfahrungen, gleiche Interessen, gleicher Entwicklungsstand.

Gleiches Alter und gleiches Geschlecht bedeutet eben nicht gleiche Erfahrungen, gleiche Interessen, gleicher Entwicklungsstand.

Dass es nicht reicht, gruppenspezifische Angebote zu entwickeln, wird noch deutlicher bei der Rolle des Religionsunterrichts in der Grundschule. Die Einrichtung von zusätzlichem Bekenntnisunterricht für Kinder muslimischen oder jüdischen Glaubens verfehlt eine grundlegende Aufgabe der Grundschule: die Voraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben der verschiedenen Subkulturen unserer pluralistischen Gesellschaft zu schaffen. Kinder müssen lernen, mit anderen Sichtweisen auf der Welt konstruktiv umzugehen. Schule darf nicht bloßer Spiegel ihrer Alltagserfahrung sein, sondern sollte ihnen Fenster in neue Welten eröffnen. Denn Schule ist nicht nur ein Ort fachlichen Lernens, sondern auch Gesellschaft im Kleinen und damit auch ein Raum der politischen Sozialisation, der bewusst gestaltet werden muss – aktuell im Sinne der Kinderrechte, wie sie die UN-Konvention von 1989 proklamiert hat, ein weiteres Jubiläum in diesem Jahr.

Hohe Integrationsleistung der Grundschule bei der Aufnahme von Flüchtlingskindern

Nach 1945 erforderte die Aufnahme von Flüchtlingskindern mit anderem Dialekt und anderer Religion eine hohe Integrationsleistung der Grundschule. Diese Aufgabe stellte sich später mehrfach erneut, zum Beispiel in den 1970er-Jahren bei der Integration von „Gastarbeiter“-Kindern mit unterschiedlichen Muttersprachen und vielfältigem kulturellen Hintergrund. Sie ist vielerorts erstaunlich gut gelungen, nachdem die gesonderte Unterrichtung schon in den 1970er-Jahren zunehmend aufgegeben wurde. Wenn Kinder aus anderen Ländern in der Schule nicht erfolgreich waren und sind, hat das oft mehr mit ihrer schichtspezifischen Herkunft als mit ihrem Migrationshintergrund zu tun.

Kinder mit gleichen Voraussetzungen werden unterschiedlich erfolgreich sein, je nachdem in welchem Umfeld sie lernen dürfen.

In den 1980er-Jahren wurde die Aussonderung von Kindern wegen schwächerer kognitiver Voraussetzungen zunehmend infrage gestellt. Die mangelnde Prognosekraft von Schulreifetests führte zum Verzicht auf Zurückstellungen am Schulanfang. Denn punktuelle Tests sind wenig aussagekräftig. Vor allem aber ist der Erfolg der Kinder abhängig vom konkreten Unterricht: Kinder mit gleichen Voraussetzungen werden unterschiedlich erfolgreich sein, je nachdem in welchem Umfeld sie lernen dürfen.

Verschenkte Chancen bei der Jahrgangsmischung in der Grundschule

Diese interaktionistische Sicht erklärt auch, warum eine der pädagogisch produktivsten Formen des Grundschulunterrichts, die Jahrgangsmischung, immer wieder zum Problem wird: Wo die Lerngruppe im Abteilungsunterricht wieder nach Alter separiert wird, überfordert sie nicht nur die Lehrperson, sondern sie verschenkt auch die große Chance des Voneinander-Lernens, des Rollenwechsels, der flexiblen Konstellationen für individuelle Lernwege.

Dass organisatorische Integration allein nicht reicht, hat die Verbreitung des gemeinsamen Unterrichts von Kindern mit und ohne besondere Beeinträchtigung ab den 1990er-Jahren besonders deutlich gezeigt: Zielgleicher, gar gleichschrittiger Unterricht, wie er Jahrhunderte den Schulalltag geprägt hatte, kann den unterschiedlichen Voraussetzungen und Lernwegen der Kinder nicht gerecht werden.

Umso fataler ist, dass der 2009 auch in Deutschland rechtlich verankerte Anspruch der Inklusion oft auf eine organisatorische Integration reduziert wurde. Dabei hätte die Didaktik auf eine schon in der Reformpädagogik der 1920er-Jahre entwickelte und ab 1970 unter dem Stichwort „Öffnung des Unterrichts“ wiederbelebte Tradition zurückgreifen können, die die Schweizer Didaktiker Urs Gallin und Peter Ruf auf die einprägsame Formel „Vom Singulären über das Divergierende zum Regulären“ gebracht haben: Unterricht muss von den persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen der Kinder ausgehen, diese in Austausch untereinander und mit den Perspektiven Erwachsener bringen, um daraus dann gemeinsame Vorstellungen, fachliche Konzepte, kulturelle Normen zu entwickeln.

Anspruch auf Inklusion verändert Schule grundlegend

Damit verändert der Anspruch der Inklusion Schule grundlegend: Es kann nicht mehr um die Integration von Sondergruppen in einen unveränderten „Regelunterricht“ gehen – die Annahme von Homogenität muss grundsätzlich infrage gestellt werden. Jedes einzelne Kind ist mit seinen besonderen Bedürfnissen wahrzunehmen, es muss Raum geben, gleiche Ziele zu unterschiedlichen Zeiten beziehungsweise in unterschiedlichem Maße zu erreichen. Bildungsstandards dürfen nicht zu Hürden werden, sie sind als Entwicklungsperspektiven zu verstehen, innerhalb derer jedes Kind entsprechend seinen Möglichkeiten gefordert und gefördert wird.

Damit wird die in Weimar als parteipolitischer Kompromiss vereinbarte Begrenzung des gemeinsamen Unterrichts auf vier Jahre zunehmend fragwürdig.

Diese Idee gilt für die gesamte Bildungslaufbahn, vom Kindergarten bis zur Hochschule. Damit wird die in Weimar als parteipolitischer Kompromiss vereinbarte Begrenzung des gemeinsamen Unterrichts auf vier Jahre zunehmend fragwürdig. Zugleich dürfte diese Eigentümlichkeit des deutschen Schulwesens heute leichter überwindbar sein als früher: Immerhin ein Fünftel der Schülerinnen und Schüler besucht schon jetzt nach Klasse 4 Gesamtschulen.

Es ist nach 100 Jahren Integrationserfahrung in der Grundschule an der Zeit, den gemeinsamen Unterricht über deren vier Jahre hinaus zu verallgemeinern – auf die gesamte Pflichtschulzeit, wie in der ehemaligen DDR über mehrere Jahrzehnte üblich. Allerdings nicht von einem Tag auf den anderen, sondern in einem sorgfältig geplanten Reformprozess, der in machbare Schritte gegliedert ist: als Unterrichtsentwicklung vor Ort, die von außen unterstützt wird.

Mehr zum Thema

  • Für die Zeit nach 1945 beschränkt sich dieser Beitrag aus Platzgründen auf die Entwicklung in den westlichen Bundesländern; vgl. zur Situation in der DDR: Wiegmann 2012 und Bartnitzky 2019.
  • Bartnitzky, H. (2019): Auf dem Weg zur kindergerechten Grundschule. 50 Jahre Grundschulreform – 50 Jahre Grundschulverband. Beiträge zur Reform der Grundschule, Bd. 148/149. Grundschulverband: Frankfurt.
  • Hecker, U., u. a. (2019): 100 Jahre Grundschule. Ein Grund zum Feiern? Themenheft von Grundschule aktuell, Nr. 146, hrsg. vom Grundschulverband: Frankfurt.
  • Wiegmann, U. (2012): Zur Geschichte der Unterstufenpädagogik in der DDR. Ein Aufriss ihrer Entwicklung bis 1989. In: Einsiedler, W., u. a. (Hrsg.) (2012): Grundschule im historischen Prozess. Zur Entwicklung von Bildungsprogramm, Institution und Disziplin in Deutschland. Klinkhardt: Bad Heilbrunn., S. 119–159.

Zur Person

  • Hans Brügelmann war bis Februar 2012 Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik und -didaktik an der Universität Siegen.
  • Seit seiner Pensionierung arbeitet Hans Brügelmann als freier Bildungsjournalist und engagiert sich im Grundschulverband e. V..
  • Im Grundschulverband verantwortete Brügelmann von 2000 bis 2017 das Fachreferat Qualitätsentwicklung.