Dieser Artikel erschien am 21.09.2018 in der taz
Autorin: Anna Lehmann

Einstige Brennpunktschule in Berlin : Zwischen zwei Zuständen

Eine Kreuzberger Schule wollte die Revolution: Die Herkunft der Kinder sollte nicht über ihre Zukunft bestimmen. Eine Lang­zeit­beobachtung.

SchülerInnen sitzen im Klassenzimmer
Rabia war die einzige, die mit einer Gymnasialempfehlung an die Hector-Peterson-Schule kam
©Lia Darjes

Die Anspannung steigt in der Aula der Hector-­Peterson-Schule in Berlin-Kreuz­berg. Die Schüler der drei zehnten Klassen drängeln sich an diesem Mittwoch im Juli auf Klapp­stühlen, Lehrer und Sozial­arbeiter nehmen am Rand und in den hinteren ­Reihen Platz. Für die Schüler ist es der letzte Schul­tag, sie bekommen ihre Abschluss­zeugnisse.

Unter den rund 60 Zehnt­klässlern sind auch die Schüler der 10a2. Latif sitzt am Gang im weißen Hemd, Rabia inmitten ihrer Freundinnen, reckt den Kopf, um besser sehen zu können, Yusuf lehnt sich breit­beinig zurück.

Vor drei Jahren hat die taz die Mädchen und Jungen der 10a2, der sogenannten Theater­klasse, mehr als ein Jahr lang begleitet. Damals probierten die Kinder und ihre Klassen­lehrerin neue Wege des Lernens aus, sie waren Teil eines Prozesses, in dem sich die Schule neu erfinden wollte. Aus der Brenn­punkt­schule sollte eine Vor­zeige­schule werden.

„Wovon träumt ihr?“, haben wir Latif, Rabia, Shirin, Dardan, Yusuf und die anderen vor drei Jahren gefragt.

„Ich will Abitur machen“, sagte Latif. Er und sein Zwillings­bruder sind die jüngsten von sechs Kindern. Der Vater arbeitet in einem Schawarma-Laden, die Mutter ist Haus­frau.

„Ich will Sozial­pädagogin werden“, sagte Rabia. Sie hat vier Geschwister, ihre Eltern arbeiteten damals beide nicht. Ihre Lieblings­fächer in der Schule waren Sport und Kunst.

„Ich will Ärztin werden, aber es wird schwierig mit meinen Noten“, sagte Shirin. Sie wächst bei ihren Groß­eltern auf.

„Ich werde Kanalbauer“, sagte Dardan, dessen Eltern aus dem Kosovo sind. Er hatte gehört, dass man so 7.000 Euro im Monat verdienen könne. Seine Mutter ist Alten­pflegerin.

„Kanäle sauber machen – das stinkt doch“, sagte sein Kumpel Yusuf. „Ich möchte eine Arbeit, die Spaß macht.“ Yusuf wollte lieber mit dem Kopf als mit den Händen arbeiten. Seine Eltern betreiben eine Pizzeria, er hilft manchmal die Kartons zu falten.

Was ist aus den Träumen geworden?

Auch die Schulleiterin, Monika Steinhagen, eine Frau, die ihren Kollegen so herrlich auf den Keks gehen kann, wie es heißt, hatte einen Traum. Sie wollte, dass die Hector-Peterson ihren Ruf als Schule los­wird, an der Gewalt und Drogen All­tag sind. Sie wollte, dass sich ­wieder mehr Schüler anmelden, die voller Über­zeugung sagen: „Ich habe mich bewusst für die ­Hector-Peterson entschieden.“

Drei Jahre später, im Juli 2018, haben die Schüler die taz zu ihrer Abschluss­feier eingeladen. Was ist aus den Träumen geworden?

Die Hector-Peterson-Schule liegt an einer viel­befahrenen Straße im schicken Teil von Berlin-Kreuz­berg. Die Kinder, die im Umkreis wohnen, fahren morgens an ihrem eisernen Tor vorbei. Die meisten Schüler kommen mit der U-Bahn, viele wohnen im Kreuz­berger Osten, rund um das Kottbusser Tor. Der Kotti, wie die Berliner den Platz nennen, ist Touristen­magnet, Drogen­treff, sozialer Brennpunkt und Revier für Immobilienhaie zugleich. Jedem dritten Kind aus diesem Gebiet bescheinigen Ärzte bei der Ein­schulungs­unter­suchung unzureichende Deutsch­kenntnisse, jedes sechste bis siebte ist über­gewichtig.

An der Hector-Peterson-Schule kommen acht von zehn Schülern aus Familien, die finanzielle Unter­stützung vom Staat erhalten. In der 10a2 müssen nur zwei von ihnen die Schul­bücher selbst bezahlen. Fast alle Eltern sind zugewandert. Alman – Deutscher – ist hier ein Schimpf­wort, es ist haram – eine Schande –, schwul zu sein. Die Schüler fragen sich gegen­seitig: Fastest du? Warum trägst du kein Kopf­tuch?

Die Robert-Bosch-Stiftung und die Berliner Senats­verwaltung wählten 2013 die zehn schwächsten Schulen der Stadt aus und spendierten den Lehrerinnen Fort­bildungen, Berater und Studien­reisen. Die Hector-Peterson-Schule gehörte zu den Auserwählten. Das Projekt heißt School Turn­around – frei übersetzt: Kehrt­wende.

Kann ein einzelnes Programm – so gut gemeint es auch ist – etwas an den Strukturen ändern? Und wenn ja: Schafft es eine Schule wie die Hector-Peterson, ihre Schüler trotz schlechterer Start­positionen so zu fördern, dass ihnen am Ende alle Wege offen­stehen?

Die Schüler sind in der Pubertät, die Schule auch

Juli 2018: Bevor sie in die Aula gehen, um ihre Zeugnisse zu bekommen, treffen sich die Schülerinnen und Schüler der 10a2 in ihrem alten Klassen­raum. „Die 5 Regeln für ein gutes Klassen­klima“ sind an die Wand gepinnt, wie eine Post­karte aus dem letzten Jahr. „Mensch, Latif, schicket Hemd haste an“, begrüßt die Klassen­leiterin Benita Bandow den schmalen Jungen mit dunklen Haaren. Latif, der Klassen­sprecher, lächelt und streicht über seine zurecht­gegelte Tolle. „Na, haste deine beste Jogging­hose angezogen?“, ruft Bandow Dardan zu, der lässig die Hand hebt.

Die Schüler sagen, Frau Bandow sei wie eine Mutter für die Klasse. Sie weiß, wessen Eltern sich getrennt haben, wessen Mutter gehör­los ist, welches Kind nach der Schule den Haus­halt schmeißt und wer in seiner Familie als Einziger morgens auf­steht. Sie ist fordernd und nervt manchmal. „Du siehst aus wie ein Zelt“, schimpfte sie mal mit einer Schülerin, die zur Theater­probe einen boden­langen Mantel trug. Die Schülerin protestierte nicht, Frau Bandow durfte das.

Bandow winkt Dardan und Latif zu sich. „Stellt euch mal neben­einander.“ Sie projiziert ein Klassen­foto aus dem siebten Schul­jahr aufs White­board. Die Schüler johlen. „Guck mal mein Style! Voll Grund­schule!“, ruft einer. Bandows Blick wandert zwischen dem Bild an der Wand und den beiden Jungen hin und her. „Latif, jetzt bist du fast so groß wie Dardan, damals warste zwei Köppe kleiner.“

Dardan, Latif, Rabia, Shirin, Yusuf und all die anderen, die wir damals trafen, sind jetzt mitten in der Pubertät, zwischen zwei Zuständen. So wie ihre Schule.

April 2015: Es ist stickig in der Aula der Hector-Petersen-Schule und Frau Bandow bekommt langsam schlechte Laune. Seit ein­ein­halb Stunden probt sie mit ihrer 7. Klasse für eine Theater­auf­führung. Zwei Mädchen sind nicht erschienen. Die anderen sind unkonzentriert. Fast die ganze Klasse fastet, es ist Ramadan.

Auf der Bühne stehen Shirin, Dardan und Yusuf in dunklen T-Shirts und Jogging­hosen. Jeder soll in einem Satz sagen, was er gern mag.

Shirin: „Ich mag Theater.“

Dardan: „Ich bin ein Berliner.“

Yusuf: „Ich mag Geschichte, vor allem Griechen­land. Percy Jackson und so.“

Dardan: „Du meinst den Film?“

Yusuf: „Manchmal lese ich auch die Bücher.“

Dardan: „Du lügst, ihr habt doch gar keine Bücher außer dem Koran.“

Die anderen kichern.

Bandow stemmt die Arme in die Hüften: „Leute, das war die schlechteste Nummer, die ich je erlebt habe. Raus auf den Hof.“

Transgender? Rabia kennt das Wort nicht

Sechs Wochen lang dauert das Theater­projekt zu Beginn des siebten Schul­jahrs. Theater bleibt auch in den folgenden Jahren Teil des Unter­richts. Zwölf Aufführungen sind es bis zum Abschluss­zeugnis. Die Kinder entwickeln die Stücke zusammen mit Künstlern des benachbarten Theaters Hebbel am Ufer.

Das Theaterspielen ist für die 7a2 nicht nur eine Gruppen­übung. Es gehört zum Profil der Schule und ist für Schüler der Theater­klasse verpflichtend. Es hilft, Schülern, die sich selbst nichts mehr zutrauen, wieder das Gefühl zu geben: Du kannst was, du verdienst Respekt.

Eine Schülerin, die auf dem Schulhof das Wort führt, kriegt auf der Bühne kaum einen Ton heraus. Ein stiller, dicklicher Junge tritt so entschlossen auf, dass seine Mit­schüler ihm beeindruckt lauschen. Es gehört Mut dazu, sich auf der Bühne zu zeigen.

Es gehört auch Mut dazu, sich auf Projekte einzulassen, bei denen die Schüler die Grenzen des von Religion und Eltern­haus bestimmten Terrains verlassen. Etwa wenn es um Themen wie sexuelle Identität geht. Das Wort „Trans­gender“ existierte in Rabias Welt nicht mal als Schimpf­wort. Bis sie für eine Haus­auf­gabe mit einer Transfrau ins Gespräch kam. Sie unter­hielten sich zwei Stunden lang.

„Wenn jemand kommt und sagt: Kannst du diese Rolle spielen?, dann meckern wir nicht, sondern nehmen das an“, sagt Rabia. Sie lächelt. „Wir haben Disziplin gelernt. Und unsere Aufführung wird am Ende perfekt.“

„Am Anfang hatten alle Lampenfieber“, sagt Yusuf. „Wir wollten nicht auf die Bühne.“ Aber nach einem Jahr haben sie sich daran gewöhnt. „Und wenn jemand lacht, dann ist uns das egal“, sagt er und hebt das Kinn.

Frontal­unter­richt vergessen die Schüler schnell

Um Freiraum fürs Theater­spielen zu schaffen, hat die studierte Kunst- und Geschichts­lehrerin Bandow Stunden zusammen­gelegt. Sie unterrichtet ihre Klasse auch in Deutsch, Ethik, Erdkunde und Politik. „Allet meins“, sagt sie.

Wann die Kinder den Schul­stoff lernen würden, fragen die Eltern sie oft. „Ich erkläre dann immer, dass sie natürlich auch knall­hart Fach­noten bekommen: Wenn wir ein Theater­stück über Europa hatten, dann haben sie von mir in Politik eine Note bekommen, wenn sie Sachen recherchiert haben über Diskriminierung und Gender­fragen, dann gab’s eine Note in Ethik.“ Frontal­unter­richt vergessen die Schüler nach zwei Tagen. „Aber was sie sich beim Theater­spielen erarbeiten, das sitzt auch nach Jahren noch.“

Nachdem die Kinder vom Hof zurück­gekommen sind, auf den Bandow sie geschickt hatte, rezitiert Latif auf der Bühne Brechts Ballade vom Schneider von Ulm. „Bischof, ich kann fliegen.“ – „Es wird nie ein Mensch fliegen“, entgegnet ein Mit­schüler als Bischof.

Juli 2018: Bei der Zeugnis­vergabe tritt Latif auf die Bühne der Aula. Er ist jetzt Schul­sprecher, eigentlich wollte er nur Stell­vertreter werden. Aber Frau Steinhagen meinte, er sei zuverlässig und der Einzige, der sich beworben habe. Heute sagt er: „Es war gar nicht so anstrengend, wie ich dachte.“

Latif steht sehr gerade vor dem Mikrofon, er hält eine kurze Rede: „Nun ist die Zeit, in der jeder von uns die Schule verlässt und seinen eigenen Weg geht und seine Träume wahr macht.“

Kann Bildung Flügel verleihen? Starten Kinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen, die ihre Haus­auf­gaben am Ess­tisch machen und im Haus­halt helfen müssen, mit den gleichen Chancen ins Berufs­leben wie Kinder, die von ihren Eltern zum Turnen und zur Musik­schule gefahren werden?

„Wollen ist nicht gleich Können“

Nein, sagen Studien. Herkunft entscheidet über die Zukunft. Im nationalen Bildungs­bericht, der im Juni erschien, heißt es: 16- bis 30-Jährige mit Migrations­hinter­grund oder aus Haus­halten mit niedrigem Bildungs­stand haben seltener einen Hoch­schul­abschluss und häufiger keinen Berufs­abschluss als Gleich­altrige aus Akademiker­milieus und ohne familiäre Migrations­geschichte.

Aber Latif, der will fliegen. Er, der nach der sechsten Klasse mit einer klaren Haupt­schul­empfehlung kam, hat am Ende der zehnten einen Noten­durch­schnitt von 1,5 und wird sich für die gymnasiale Oberstufe anmelden.

Rabia und Yusuf klatschen begeistert, als Latif in der Aula Sonnenblumen an die Lehrer verteilt. Beide werden die Schule mit dem Hauptschulabschluss verlassen. Rabia, die einst als Einzige mit einer Gymnasial­empfehlung von ihrer Grund­schule kam. Yusuf, der ohne zu lernen Dreien schreibt.

Warum hebt nur Latif ab?

In der ersten Reihe sitzt Monika Steinhagen im grau-weiß gemusterten Blazer. Sie tritt nach Latif ans Mikrofon. Sie lobt viel. Und sie tadelt. Sie sagt auch: „Wollen ist nicht gleich können.“

Monika Steinhagen ist ein bisschen müder geworden in diesen drei Jahren, ihre Träume kleiner. Wenige Tage vor der Zeugnis­vergabe hat sie durch das Schul­gebäude geführt, so kurz vor den Ferien war es warm und fast leer. „Jetzt ist auch der dritte Stock renoviert“, sagt sie stolz. Vor drei Jahren blätterte noch die Farbe ab, die Wände waren bekritzelt. Nächstes Jahr kommt die vierte Etage dran. „Jedes Jahr ein Stückchen“, sagt Steinhagen. Von der radikalen Kehrt­wende träumt sie nicht mehr.

Steinhagen hat das Projekt Kehrtwende in der Schule durch­gesetzt und voran­getrieben. Als sie 2011 die Schul­leitung über­nahm, hatte Berlin gerade eine Schul­reform umgesetzt. Seit 2010 gibt es nur noch Grund­schulen, Gymnasien und Sekundar­schulen mit und ohne Abitur. Aus der einstigen Gesamt­schule Hector-Peterson wurde eine Sekundar­schule ohne Ober­stufe. Den Traum von einer eigenen Abitur­stufe hat Steinhagen mittler­weile aufgegeben. Sie kriegen sowieso nicht genügend Schüler zusammen. Immerhin schafft jeder Dritte den Mittleren Schul­abschluss und hat so die Möglich­keit, das Abitur zu machen. „Wir haben die Schüler, die wir haben“, sagt Steinhagen. „Es sind tolle Schüler.“

Längst kommt nicht mehr wöchentlich die Polizei

Die Schulreform ist schuld, dass es bergab ging, sagten die Lehrer vor drei Jahren. „Bei uns melden sich garantiert nur Kinder ohne Gymnasial­empfehlung an.“ Das schreckt Eltern ab, die wollen, dass ihr Kind mal Abi­tur macht. Also die Mehr­heit.

Am Ruf der Schule hat sich auch im Jahr 2018 nicht viel geändert. Für gerade ein Drittel der Schüler, die in diesem Schul­jahr aufgenommen wurden, ist die Hector-Peterson-Schule erste Wahl. „Die Eltern denken immer noch, hier gibt’s Gewalt und es wird mit Drogen gedealt“, sagt Steinhagen in ihrem Büro. Wie vor drei Jahren hängt hinter ihrem Schreib­tisch ein Bild von Nelson Mandela, der zuversichtlich lächelt.

Eigentlich geht es aufwärts mit der Hector-Peterson. Längst kommt die Polizei nicht mehr wöchentlich auf den Schul­hof. Es ist friedlicher, wohl auch, weil die Schüler­zahl sich halbiert hat. Rund 350 Schüler lernen hier, knapp 90 Prozent verlassen die Schule mit einem Abschluss – von der berufsbildenden bis zur Mittleren Reife.

„Unsere Schüler kommen gern zur Schule“, sagt Steinhagen. „Nur nicht immer gern zum Unterricht.“ Sie schaut auf den Schulhof, wo ein Dreier­grüppchen unter Bäumen sitzt. „Mein Eindruck ist“, sagt sie leise, „dass viele Schüler mit dem Wert Arbeit nicht viel anfangen können. Manche brechen Praktika nach drei Wochen ab. Oder sie kommen nicht, weil sie Schnupfen haben.“

An der Hector-Peterson gab es in diesem Jahr zum zweiten Mal eine zehnte Klasse für Schüler, die ihren Mittleren Schul­abschluss nachholen wollten. Nur 10 von 26 haben durchgehalten, sechs konnten sich verbessern. „Die Erfahrung, dass man auch etwas erreicht, wenn man sich anstrengt, haben viele Schüler in ihren Familien nicht gemacht“, sagt Steinhagen. „Sie sind mit Hartz IV zufrieden.“

Die Klassenlehrerin der 10a2, Frau Bandow, sagt: „Das Pro­blem sind die Eltern. Die wollen, dass ihre Kinder Anwalt werden oder Arzt. Und wenn sie merken, dass sie das nicht schaffen, ist es auch egal.“

50 Euro für den Abschluss

Latif, Rabia und Yusuf kommen aus Familien, die Soziologen als bildungs­benach­teiligt beschreiben würden. Die Eltern haben einfache oder gar keine Abschlüsse. Das heißt aber nicht, dass sie Bildung gering­schätzen.

Latif ist von einem Tag auf den anderen 50 Euro reicher geworden. Er kommt in den Ferien in ein graffiti­verziertes Jugend­zentrum im Görlitzer Park. „Mein Bruder hat gesagt, wenn ich den Mittleren Schul­abschluss bestehe, dann schenkt er mir 50 Euro“, erzählt er strahlend.

Das Jugendzentrum ist leer, es öffnet erst später am Nachmittag. Latif hat vorher angefragt, ob wir uns hier treffen können. Akkurat wie immer. Wir setzen uns auf Holz­blöcke neben dem Eingang. Zweimal kommen Leute vorbei und fragen nach dem Mini­golf­platz. Latif weist ihnen den Weg. Das ist sein Kiez.

Wie hat er es geschafft, sich vom Haupt­schüler zum Gymnasiasten hochzu­arbeiten? Er zuckt mit den Schultern. Er habe sich eben in der siebten Klasse ganz nach vorn gesetzt und immer aufgepasst. „Wenn ich Haus­aufgaben habe, mach ich die. Fertig. Normal eigentlich.“

Normal für behütete Mittel­schicht­kinder. Normal auch in Latifs Freundes­kreis. Seine vier engsten Freunde kennt er noch aus der Grund­schule. Die Eltern kommen aus dem Iran, aus Frankreich, aus Deutschland, aus der Türkei. Zwei von ihnen gehen aufs Gymnasium, zwei wechseln jetzt in die gymnasiale Ober­stufe. So wie Latif. „Ich habe Lust, Abitur zu machen. Ich bin der Erste aus meiner Familie.“ Er sagt das zweimal. Klar, er ist stolz.

Juli 2015: Als Benita Bandow am Ende der siebten Klasse die Zeugnisse austeilt, ruft sie zunächst die Schüler mit den wenigsten Verspätungen nach vorn. Latif darf als einer der Ersten aufstehen. Irgend­wann wird auch Rabia aufgerufen. Als Bandow ihr das Zeugnis gibt, schlägt Rabia erschrocken die Hand vor den Mund. 45 Verspätungen! Aber als sie sich setzt, lächelt sie schon wieder: „Ich habe voll viele Zweien. Und zum ersten Mal keine Fünf.“ Rabia geht gern zur Schule. Dort treffe sie neue Menschen, sagt sie. Zu Hause, am Kotti, kennt sie alle und alle kennen sie. Sie trifft die Cousinen und die Tante, sie hilft im Haus­halt und redet mit ihrer Mutter Türkisch. „Zu Hause bin ich die ausländische Rabia. Aber wenn ich in der Schule bin, bin ich eine ganz andere Person. Dann achte ich auf meine Zukunft.“

„Bist du für Erdoğan oder bist du dumm?“

Als das achte Schuljahr beginnt und die Klasse ein Theater­stück aufführen soll, ist Rabia nicht da. Keiner weiß, warum sie wochen­lang fehlt. Irgend­wann taucht sie wieder auf.

Frau Bandow wird am Ende der zehnten Klasse sagen, dass es für Rabia eine Leistung gewesen sei, den Haupt­schul­abschluss, der in Berlin „erweiterte Berufs­bildungs­reife“ heißt, zu schaffen.

Und Yusuf, der eine Arbeit wollte, die Spaß macht? Er weiß, als er sein Abschluss­zeugnis bekommt, immer noch nicht, was er werden will. „Kennen Sie die Achter­bahn auf dem Rummel?“, fragt er. „Es macht Spaß, man möchte immer wieder rauf und runter. Aber irgend­wann reicht es einfach. So ist es mit der Schule auch.“

Ihm reicht es. Trotzdem wird er noch eine Runde drehen. Frau Bandow sagt, dass Yusuf noch der innere Antrieb fehle.

Viele Kinder bringen ein festes Weltbild mit in die Schule. Sie sind konservativ erzogen und unterziehen sich Gesinnungs­tests: „Bist du für Erdoğan oder bist du dumm?“ Beim Theater­spielen treffen sie auf Menschen, die aus einem ganz anderen Kosmos kommen: Aktivisten, homo­sexuelle Künstler, Kosmo­politen. Zusammen haben sie die Theater­stücke erarbeitet. Erdoğan hätte das nicht gefallen. Doch der Kultur­kampf blieb aus. Schwulsein mag in den Familien vieler Kinder eine Schande sein, aber mit dem schwulen Regisseur haben sie gut zusammengearbeitet.

Die Schüler haben die Künstler vom Theater auch zur Zeugnis­vergabe eingeladen. Einer von ihnen sagt bewegt: „Das war voll cool mit euch, eine inspirierende und besondere Arbeit.“

Eine Regisseurin hat in der neunten Klasse mit Yusuf und anderen ein Stück erarbeitet. Es spielte auf einer einsamen Insel. So habe sich anfangs auch die Arbeit angefühlt. „Sechs türkische und arabische Jungs und ich. Ich habe mich gefragt, finden wir eine gemeinsame Sprache?“ Dann war es ihre bisher lustigste Produktion, sagt sie. „Die Jungs sind unmittel­bar. Da gibt es keinen Dünkel.“

„Als Erinnerung checkt die Storys auf Insta“

Vielleicht hat das Theater die elterliche Erziehung unterlaufen. Vielleicht hat es den Jugendlichen aber auch neue Perspektiven eröffnet.

Mit einem rumänischen Künstler sind sie im Mai 2017 durch Berlin gelaufen und haben gerappt. Als sie am Tag der Zeugnis­vergabe zum letzten Mal in ihrem Klassen­raum zusammen­kommen, zeigt Bandow die Videos auf dem White­board. „Wir sind Berliner“, singen Yusuf, Dardan und Latif und rennen durch den Park am Gleis­dreieck.

„Wir kommen alle aus verschiedenen Kulturen, unsere Eltern sagen, bleibt auf unseren Spuren. Aber in Berlin leben alle zusammen. Zeit zu entspannen.“

Im zweiten Video irren Shirin und ihre Mit­schüler­innen über einen betonierten Platz.

„Unsere Generation hat alles und nichts, keine Ziele, keine Ahnung, nur geschminkt im Gesicht. Wir sehen gut aus, aber die Zukunft ist finster. Als Erinnerung checkt die Storys auf Insta.“

Dann kommt der Reichstag ins Bild: „Politik interessiert uns nicht. Punkt. Politik interessiert sich ja auch nicht für uns.“

Wie kann es sein, dass gerade die Schulen mit den schwächsten Schülern am stärksten unter dem Lehrer­mangel leiden? Fünf Stellen hat Monika Steinhagen, die Schul­leiterin, im Juli noch zu vergeben. „Die wollen alle ans Gymnasium“, seufzt sie.

Wäre es nicht die Aufgabe der Politik, hier steuernd einzugreifen?

In der Aula beginnt endlich die Zeugnis­vergabe. Die Klassen­leiterin Bandow ruft die Jugendlichen einzeln auf die Bühne.

„Für den Sonnen­schein der Klasse, ehrlich und reflektiert“ – Rabia tritt nach vorn.

„Für die lebens­frohe Prinzessin, sie wird immer auf die Füße fallen“ – Shirin erhält ihr Zeugnis.

„Und am Schluss ein ganz besonderer Schüler, der Jahr­gangs­beste, er ist Klassen­sprecher und Schüler­sprecher, mehr kann man sich nicht einbringen“ – Latif tritt verlegen nach vorn. Die Schulleiterin selbst über­reicht ihm das Zeugnis. Sie schüttelt ihm die Hand und fragt: „Kommen noch mehr von deiner Familie?“

„Leider nein“, sagt Latif. „Aber mein Kind, das schicke ich an die Hector-Peterson.“

Dardans Traum wird wahr

Manche Schüler vergleichen die Zeugnisse unter­einander, andere schauen sie nur kurz an und stecken sie ein.

Drei Schüler der 10a2 haben keinen Abschluss geschafft.

Benita Bandow ist trotzdem zufrieden. „Im Großen und Ganzen sind die fit“, sagt sie und schaut zu ihrer Klasse. Ihre Schüler seien zwar schlecht im Aus­wendig­lernen. Aber das Arbeiten an Projekten und in der Gruppe hat sich ausgezahlt: Die Jungen und Mädchen wissen, wie man Informationen selbst­ständig recherchiert. Sie wissen, wie man lernt. Und wie man es schafft, Miss­erfolge als Chance zu sehen.

September 2018: Latif besucht die gymnasiale Ober­stufe einer Sekundar­schule in Friedrichs­hain. Er ist einer von fünf arabischen Schülern in der Klasse. Das Niveau sei höher, sagt er, aber er habe sich gut eingelebt. Als künstlerisches Fach hat er Darstellendes Spiel gewählt.

Shirin und Rabia haben sich als Einzel­handels­verkäuferinnen beworben, aber keine Lehr­stelle gefunden. Zu einem Gespräch wollen sie nicht noch einmal kommen. Shirin schreibt per Whatsapp, sie seien beide an einem Ober­stufen­zentrum und hätten weder Lust noch Zeit.

Yusuf und Dardan sind keine Freunde mehr. Yusuf wiederholt die zehnte Klasse und will an einer anderen Schule den Mittleren Schul­abschluss machen. Dardan hat einen Lehr­vertrag als Kanalbauer. Seine Ausbildung begann im August.