Dieser Artikel erschien am 25.04.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Paul Munziger

Bilingualer Unterricht : Zweisprachig unterrichtete Kinder können besser rechnen

Jetzt bekommen die Befürworter Aufwind. Ein Modellversuch in Bayern hat ergeben: Schüler die teilweise auf Englisch unterrichtet werden, schneiden fächerübergreifend besser ab als andere. Der Autor der Studie erklärt das durch ein besonderes Training für das Gehirn.

Lehrerin unterrichtet Englisch
Der Englischunterricht ab der ersten Klasse ist immer wieder Gegenstand von Diskussionen. Eine Studie zeigt aber: Wenn etwa die Handarbeitslehrerin mit den Kindern Englisch spricht, trainiert das deren kognitiven Fähigkeiten.
©dpa

Englisch ab der ersten Klasse? Türkisch ab der zweiten? Chinesisch ab der dritten? Ob Kinder schon in der Grund­schule fremde Sprachen lernen sollen, ist eine Frage, über die sich Erwachsene ausgiebig streiten können. Unbedingt, sagen die einen, je früher desto besser, Englisch wird immer wichtiger, und über­haupt, der chinesische Markt! Bloß nicht, sagen die anderen, bringt nichts und verschwendet kostbare Lern­zeit, die den Schülern dort fehlt, wo es wirklich nötig wäre: beim Rechnen, Schreiben und Lesen. Und bei der Sprache, die vielen Kindern immer fremder werde: dem Deutschen. Im Aufwind sind der­zeit die Skeptiker – auch weil Grund­schüler in mehreren Vergleichs­tests gerade in den Grund­lagen nicht gut abschnitten.

Wissenschaftler der Katholischen Universität Eichstätt haben nun eine Studie verfasst, die den Wind wieder drehen könnte. Zwei­sprachiger Unterricht auf Deutsch und Englisch in der Grund­schule, so ihr Fazit, verbessere nicht nur die Englisch­kenntnisse – das ist ja das Mindeste -, sondern auch die Leistungen in Deutsch und Mathematik. Heiner Böttger, Professor für die Didaktik der englischen Sprache und Literatur in Eichstätt und Autor der Studie, findet die Befunde in einem Wort: „sensationell“.

Seit vier Jahren begleiten Böttger und sein Team einen Modell­versuch, an dem in ganz Bayern 21 Schulen und mehr als 900 Schüler beteiligt sind. Der bilinguale Unterricht, den die Kinder dort ab Klasse eins erhalten, geht dabei weit über die sonst übliche Englisch­stunde in der Woche hinaus. Sie sollen die Fremd­sprache „implizit“ erlernen, man könnte auch sagen: unter­schwellig. Acht oder neun Stunden sind pro Woche dafür vor­gesehen, nur dass im Stunden­plan nie das Fach Englisch auftaucht. Vielmehr werden Kunst, Sport, Heimat- und Sach­unterricht oder auch Mathe in der Fremd­sprache unterrichtet, und zwar wie selbst­verständlich: ohne Erklärungen, ohne Vokabeln, ohne Grammatik. Ein Lernen in zwei Sprachen soll es sein, ganz so wie bei Kindern, die zu Hause zwei­sprachig aufwachsen. „Die Kinder verhandeln die Dinge dann mit sich selbst“, sagt Böttger.

Kinder wurden nach dem Zufalls­prinzip ausgewählt

In Vergleichstests schnitten die bilingual unterrichteten Kinder in Deutsch von der dritten Klasse an besser ab als Schüler aus normalen Klassen – was für Böttger die Idee widerlegt, Fremd­sprachen nähmen dem Deutschunterricht die Zeit weg. Richtig sei das Gegen­teil. Noch deutlicher sei der Vor­sprung der „Bilis“ in Mathe, hier zeigten sich schon in Klasse zwei prägnant bessere Ergebnisse. Warum?

Wer zwei Sprachen managen müsse, erwerbe ein „kognitives Plus“, sagt Böttger. „Das Gehirn wird besser trainiert.“ Die Klassen seien zufällig aus­gewählt worden, betont er – der Vorsprung der Schüler sei also auf die Sprachen zurück­zu­führen und nicht auf reichere Eltern oder klügere Kinder. Und was mit Englisch funktioniere, könne mit jeder Fremd­sprache klappen – im Englischen falle den Kindern der Zugang aller­dings besonders leicht.

Und der herkömmliche Englisch­unterricht in der Grund­schule, der so in die Kritik geraten ist? Sei häufig schlecht gemacht, weil den Lehrern die Zeit fehle und vielen die Ausbildung, sagt Böttger. Doch er findet: Selbst eine Stunde pro Woche sei besser als nichts.