Dieser Artikel erschien am 19.11.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Edeltraud Rattenhuber

Studie : Zweifel am langen Ganztag

Eine Befragung des Deutschen Jugendinstituts zeigt: Viele Eltern suchen zwar einen Platz in Hort oder Ganz­tags­schule, sie wollen ihre Kinder aber flexibler betreuen lassen als von der Politik vorgesehen.

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Fast drei Viertel der Grundschulkinder benötigen Betreuung am Nachmittag – doch nur knapp die Hälfte hat einen Platz in Hort oder Ganz­tags­schule ergattert. Das ergab eine repräsentative Befragung des Deutschen Jugend­instituts (DJI), an der etwa 33.000 Familien mit Kindern unter zwölf Jahren teil­nahmen. DJI-Direktor Thomas Rauschenbach betont, die neuen Zahlen zeigten, dass der Bedarf weiter steige. „Auf diese Entwicklungen angemessen zu reagieren und bis zum Jahr 2025 genügend Plätze zu schaffen, kostet viel Geld und wird ohne zusätzliche Bundes­mittel nicht zu realisieren sein“, sagt Rauschenbach. Von 2025 an sollen Eltern einen Rechts­anspruch auf Ganztags­betreuung von Grund­schülern erhalten, so ist es im Koalitions­vertrag von Union und SPD fest­gehalten.

Die Kinderbetreuungs­studie (KiBS) wird jährlich erstellt. Die Ergebnisse zeigen, dass Eltern zunehmend flexible Betreuungs­angebote suchen – auch weil sie zweifeln, dass ein sogenannter langer Ganztag den Kindern guttue, erklärt Studien­leiter Christian Alt. Schließlich gebe es einfach zu wenig belastbare Erkenntnisse über die Folgen von Ganz­tags­betreuung.

In den alten Bundesländern gibt es im Gegensatz zu den neuen Bundes­ländern eine lange Tradition der familiären, außer­schulischen Nach­mittags­betreuung. Doch in den vergangenen Jahren hat sich das stark gewandelt. So melden in den west­deutschen Bundes­ländern mittlerweile 69 Prozent der Eltern Bedarf für einen Betreuungs­platz. Doch nur 42 Prozent können ein Ganz­tags­angebot im Hort oder in der Ganz­tags­schule nutzen. In den neuen Bundes­ländern (mit Berlin) ist dagegen nicht nur der Bedarf mit 91 Prozent deutlich höher, sondern auch die Inanspruch­nahme. Hier nutzen 78 Prozent der Grund­schul­kinder ein Ganz­tags­angebot.

Nicht alle Eltern wünschen allerdings ein ganz­tätiges Angebot, wie die Studien­leiter betonen. In West­deutschland sucht beispiels­weise die Hälfte der Eltern mit Betreuungs­bedarf für ihre Kinder kein Angebot, das der Formel „fünf Tage pro Woche mit jeweils acht Stunden“ entspricht, in der Schule und anschließende Betreuung enthalten sind. Das werde in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion um einen Rechts­anspruch auf Ganz­tags­betreuung im Grund­schul­alter häufig über­sehen, heißt es in der KiBS-Studie. Diese Eltern benötigen vielmehr flexible, kürzere Angebote – sei es, dass eine Betreuung nur an einzelnen Wochen­tagen gewünscht wird oder nur bis zum frühen Nach­mittag.

So geben 19 Prozent der Eltern mit Bedarf an, dass sie lediglich an maximal drei Tagen pro Woche eine Betreuung benötigen. Etwa ein Fünftel der ost­deutschen und knapp die Hälfte der west­deutschen Eltern haben einen Bedarf von maximal 35 Stunden pro Woche, wiederum bezogen auf Schule plus Betreuung.

Auch diese Angebote müssten allerdings mit Fach­kräften ausgestattet werden, meint DJI-Direktor Rauschen­bach. „Das Personal ist die Achilles­ferse“, bestätigt Studien­leiter Alt. Qualitativ hoch­wertige Betreuung werde es nur geben, wenn man das entsprechende Personal habe. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen schon jetzt allein in den Kitas etwa 100.000 Erzieher.