Dieser Artikel erschien am 29.12.2018 auf SPIEGEL ONLINE

Niederländisches Experiment : Wo Schüler jederzeit Ferien machen können

Die Niederländer testen, was auch viele deutsche Familien erfreuen würde: An einigen Schulen können Eltern selbst entscheiden, wann ihre Kinder in die Ferien gehen sollen. Wie funktioniert das?

Familie am Strand
©shutterstock

Wenn Michael Oooms mit seinen Kindern in den Urlaub fährt, muss er immer wieder dieselbe Frage beantworten: „Warum sind die Kinder nicht in der Schule? Sind sie krank?“ Der 48-jährige Grafik­designer rollt mit den Augen und seufzt.

Das war im Mai so, als sie in Italien unterwegs waren. Oder als sie im Januar mit einem Miet­wagen durch die Vereinigten Arabischen Emirate fuhren und Fotos davon auf Facebook posteten. Ooms ist ein großer Mann, der gern lacht. Er erklärt dann freundlich, warum seine Tochter Moya und sein Sohn Nando ganz legal freimachen.

Ihre Grundschule – ein Flachbau aus Klinker­steinen mit gelben Markisen – liegt in einem Wohn­viertel in der nieder­ländischen Stadt Apeldoorn und ist Teil eines Experiments: Seit August 2010 können Eltern dort selbst entscheiden, wann sie ihre Kinder aus dem Unterricht nehmen. Sie müssen dafür zweimal im Jahr die Ferien­zeiten ihrer Kinder in ein Formular eintragen, das sie im Schul­büro abgeben.

Dort sitzt Ineke Salentijn, stellvertretende Leiterin der Sterren­school Apeldoorn, und über­trägt die Wünsche in den Computer. 167 Kinder, jedes hat zwölf Wochen frei, zehn davon können sie beliebig übers Jahr verteilen, wochenweise, damit sich Salentijn im Dienst­plan nicht auch noch mit einzelnen Tagen herum­schlagen muss. Nur über Weihnachten und Neujahr ist die Schule zwei Wochen lang für alle geschlossen.

Salentijn arbeitet seit 40 Jahren als Lehrerin und sagt: „Das alte System ist nicht mehr zeitgemäß.“ Sechs Wochen Sommer­ferien? Die gibt es auch in den Nieder­landen und wenn beide Eltern berufs­tätig sind, womöglich gar in der Tourismus­branche oder als Saison­arbeiter, ist diese Zeit schwer zu über­brücken. Hinzu kommen überfüllte Hotels, über­teuerte Flüge – und zumindest in Deutschland auch Polizisten, die an Flughäfen Familien aufgreifen, die beidem entgehen wollten.

Die Schule in Apeldoorn zeigt, dass es anders geht. Sie braucht dafür etwa ein Fünftel mehr Personal, denn außer­halb der regulären Ferien­zeiten sind eigentlich nie genügend Kinder im Urlaub, um Lehr­kräfte einzusparen.

Weil längst nicht alle Eltern die flexible Urlaubs­regelung nutzen, sind in den Ferien manchmal nur ein gutes Dutzend Kinder in der Schule. Ein angestellter Lehrer und eine Honorar­kraft, die die Schule aus ihrem Budget bezahlt, betreuen die Vier- bis Zwölf­jährigen gemeinsam.

Michael Ooms’ Tochter Moya mag diese Wochen. „Ich lerne von den Großen und lese den Kleinen vor“, sagt die Neun­jährige. Nur manchmal ist Moya traurig, dass sie im Juli nicht frei hat wie die meisten ihrer Freunde. Dann erinnert ihre Mutter sie daran, dass sie im Januar auf dem höchsten Wolken­kratzer der Welt in Dubai stand, als ihre Freunde in der Schule waren.

Landesweit beteiligen sich derzeit nur acht Schulen am Pilot­projekt. Zu Beginn der Pilot­phase waren es noch elf. Wie gut das Konzept funktioniert, hängt auch davon ab, wie die Lehrer ihren Unterricht gestalten. Schließlich müssen ständig einige Schüler verpassten Stoff nachholen. Mit klassischem Frontal­unterricht wäre das kaum zu stemmen.

Computer­gestützte Binnen­differenzierung

Jede Pilotschule gestaltet ihren Unterricht anders. Die Sterrenschool in Apeldoorn setzt auf das, was auch bei uns vielerorts als erstrebens­wertes Ideal gilt: computer­gestützte Binnen­differenzierung. In einer ersten Klasse sitzen zwölf Kinder um drei Gruppen­tische, es ist Freitag­vormittag, jedes Kind hat einen gelben Kopf­hörer auf den Ohren und ein blaues Tablet vor sich auf dem Tisch.

Es ist still, bis auf einem Tablet plötzlich ein Lehrfilm losdudelt. Ein Junge hatte seinen Kopf­hörer nicht eingestöpselt. Oder hat er ihn absichtlich heraus­gezogen? Der Junge grinst. Lehrerin Annemieke van der Linde eilt zu seinem Tisch und steckt den Stöpsel wieder in die Buchse.

Van der Linde geht von Tisch zu Tisch, während die Kinder Aufgaben an ihren Rechnern lösen. Je nachdem wie schnell sie darin sind, passt die Software das Level an. Das Programm wertet auch die Fortschritte jedes Schülers aus, so dass die Lehr­kräfte jeder­zeit sehen können, worin welches Kind Nachholbedarf hat.

Wer eine Prüfung verpasst, muss sie vor- oder nachschreiben. Nachmittags gibt es Projekt­arbeit, alle sechs Wochen ist ein anderes Thema dran. Derzeit: Freundschaft. Die Sechs­jährigen haben Bilder von Freunden gemalt und damit den Flur vor ihrer Klasse geschmückt. Die Elf­jährigen schreiben Geschichten über Freundschaft, die sie den Sechs­jährigen vorlesen wollen.

Van der Linde verbringt viel Zeit damit, ihren Unterricht vor­zubereiten und sich mit Kollegen abzustimmen, auch am Wochen­ende. Wenn sie während des Schul­jahrs in Urlaub geht oder krank wird, soll jemand anderes über­nehmen können. „Man muss flexibel sein“, sagt die 60-Jährige. „Bildung funktioniert heute nicht mehr so wie vor 30 Jahren.“

Die Lehrerin verliert jedes Jahr einige Kollegen und gewinnt neue dazu. Sie sagt, dass manche das Konzept sehr anstrengend finden. Doch ihr macht die Arbeit Spaß. „Ich will der Welt zeigen, dass diese Schule funktioniert“, sagt sie. „Wir sind schließlich im Jahr 2018!“

Skepsis in Deutschland

Kann die Sterrenschool ein Vorbild für deutsche Schulen sein? Heinz-Peter Meidinger vom Deutschen Lehrer­verband reagiert ablehnend. Für Deutschland sei das „kein praktikables Modell“, sagte er dem SPIEGEL. Es finde sich wohl kaum eine Schule, die das ganze Jahr über geöffnet habe. Außerdem seien Lehr­kräfte dann noch eingeschränkter mit Prüfungs­terminen, die sie ansetzen könnten.

Der Verband Deutscher Realschullehrer urteilt noch harscher. „Durch dieses Modell ist eine kontinuierliche Wissens­vermittlung und Unterrichts­planung nicht mehr möglich“, sagte dessen Vorsitzender Jürgen Böhm. Auch die soziale Inter­aktion zwischen den Schülern würde massiv gestört.

Aus der GEW heißt es, die nötigen Reformen, die für flexible Ferienzeiten notwendig seien, hätten keine Priorität. „Es ist vordringlicher, Reformen wie die Inklusion, den Ganztag oder das Lernen mit neuen Medien qualitäts­voll umzusetzen“, sagte Schulexpertin Ilka Hoffmann.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände winkt ebenfalls ab. Die IHK Nordrhein-Westfalen teilt mit, dass das Konzept die Verein­bar­keit von Familie und Beruf verbessern und Unter­nehmen helfen könne, mit Saison­geschäften umzugehen. Es müsse aber auf jeden Fall eine hohe Qualität schulischer Bildung sicher­gestellt werden.

Entscheidung um fünf Jahre verschoben

In diesem letzten Punkt gibt es auch im niederländischen Bildungs­ministerium offenbar Bedenken. Dessen jüngste öffentliche Bewertung des Schul­versuchs ist schon vier Jahre her. Darin heißt es: „Der Übergang zu flexiblen Zeiten verlangt einer Schule und denen, die dort arbeiten, viel ab.“ Es bestehe das Risiko, dass andere Baustellen in der Bildung zu kurz kämen. Zwei der Pilot­schulen hätten nur schwache Leistungen vorweisen können. Inwieweit das mit den flexiblen Ferien­zeiten zusammen­hänge, sei zwar schwer zu sagen. Doch solch eine Reform müsse in jedem Fall gründlich vorbereitet werden.

Ineke Salentijn hat das Konzept in Apeldoorn mit ausgearbeitet. Ihre Schule habe keine Probleme mit mangel­haften Schüler­leistungen, sagt sie. Es kann sein, dass sie das, was sie in den vergangenen Jahren mit aufgebaut hat, trotzdem wieder abwickeln muss.

Das Bildungsministerium wollte eigentlich schon 2014 entscheiden, ob der Schulversuch beendet oder ausgeweitet werden soll. Dann verlängerte die Behörde die Projekt­phase um ein Jahr, dann noch einmal um vier Jahre. In diesen Tagen sollte endlich die finale Entscheidung fallen.

Doch eine Sprecherin des Ministeriums teilt mit: Man werte die Ergebnisse noch aus. Erst in einigen Monaten gebe es Klar­heit. Mindestens solange können Moya und Nando Ooms noch in Urlaub fahren, wenn ihre Freunde im Unterricht sitzen. Im Februar soll es für eine Woche nach Cornwall gehen, im Oktober nach Island. Dann ist dort nicht so viel los.

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