Alexander-Puschkin-Schule : Wo russische und ukrainische Kinder gemeinsam lernen

An der Alexander-Puschkin-Schule in Berlin lernen viele Kinder mit familiären Wurzeln in Russland oder in der Ukraine. Das Schulportal war vor Ort, um zu sehen, welche Auswirkungen der Krieg in der Ukraine auf die Schulgemeinschaft hat und wie es gelingt, in dieser Situation Ängste aufzufangen und Gemeinsamkeiten zu stärken.

Florentine Anders 18. März 2022
Schüler bilden ein Peace-Zeichen auf dem Schuklhof
Die Schulgemeinschaft der Alexander-Puschkin-Schule in Berlin hat ein deutliches Zeichen für ihren gemeinsamen Wunsch nach Frieden gesetzt.
©Alexander-Puschkin-Schule

Die weißen Markierungsstreifen für das Peace-Zeichen sind an diesem Morgen auf dem Schulhof noch sichtbar. Am Tag zuvor hatten die knapp 500 Schülerinnen und Schüler der Alexander-Puschkin-Schule in Berlin-Lichtenberg hier ein Zeichen für den Frieden gesetzt, indem sie das Friedenssymbol dicht nebeneinanderstehend nachgebildet haben. Es war ihnen vor allem ein Bedürfnis zu zeigen, was sie verbindet: der Wunsch nach Frieden.

„Nur einige wenige Schülerinnen und Schüler fanden die Aktion überflüssig, nicht weil sie dagegen waren, sondern weil es doch selbstverständlich ist, dass sich alle Kinder Frieden wünschen“, sagt die Schülersprecherin Linda Zeidler.

Wenig später zwang ein vorsätzlicher Brandanschlag auf die nicht weit entfernte internationale deutsch-russische Lomonossow-Schule in Marzahn dazu, an diese Selbstverständlichkeit zu erinnern. Berlins Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse betonte nach dem Anschlag: „Kinder führen keine Kriege, kein Schulkind russischer Herkunft darf für die Verbrechen des Putin-Regimes haftbar gemacht werden.“ Was eben noch als unantastbar galt – eine Bildungseinrichtung für Kinder – wurde plötzlich Zielscheibe des anonymen Hasses.

Die familiären Wurzeln der Kinder spielten bisher keine Rolle

Wie Marzahn hat auch Lichtenberg eine starke russischsprachige Community. Das Schulgebäude der Alexander-Puschkin-Schule liegt inmitten von pastellfarbenen Plattenbauten. Als zweite und dritte Fremdsprache bietet die Sekundarschule Russisch an. Viele Schülerinnen und Schüler in den Klassen sind zwar in Berlin aufgewachsen, haben aber familiäre Wurzeln in Russland oder in der Ukraine. Wo genau, das spielte bisher keine Rolle, selbst die Lehrerinnen und Lehrer konnten das nicht sagen.

Maria Mutjewa unterrichtet Russisch an der Schule, sie selbst kommt ursprünglich aus der Ukraine. Am Tag nach dem Angriff Putins auf die Ukraine hat sie in ihrer achten Klasse den Krieg thematisiert. Während ein Junge aus der hinteren Reihe darüber sprach, dass sich Putin von der Nato bedroht fühle, fing ein Mädchen in der vorderen Reihe leise an zu weinen. Maria nahm sie beiseite und die Schülerin erzählte, dass ihre Großmutter gerade in einer ukrainischen Stadt unter Beschuss sei und sie nicht wisse, wie es ihr geht. Maria konnte die Situation in der Klasse schnell beruhigen. Später nahm sie Kontakt zu den Eltern der Schülerin auf und vernetzte sie mit Geflüchteten aus der umkämpften Stadt der Großmutter, die ihnen mehr Informationen zur Situation vor Ort geben konnten.

Politik-Unterricht als verlässliche Informationsquelle

Überträgt sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine auf die Schulgemeinschaft? „Nein“, sagt der Schulleiter Frank Splitt, der erst im August vergangenen Jahres aus Friedrichshain an die Alexander-Puschkin-Schule wechselte. „Die Schülerinnen und Schüler haben hier eine sehr gute Diskussionskultur.“ Respekt und Toleranz habe die Schule mit dem Label „Schule ohne Rassismus“ in der Vergangenheit immer wieder zum Thema gemacht.

Im Unterricht sind die Lehrkräfte darauf bedacht, den Krieg aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Markus Spranger unterrichtet unter anderem Geschichte und Politik. 2018 wurde in Berlin in der Mittelstufe Politik zum Pflichtfach gemacht. „Der höhere Politikanteil kam uns schon in der Pandemie zugute, um über aktuelle Entwicklungen zu diskutieren und aufzuklären, und jetzt im Zuge des Krieges noch einmal mehr“, sagt Spranger. Die Schülerinnen und Schüler würden sich in ihrer Freizeit vor allem in den sozialen Netzwerken informieren, wohlwissend, dass dort vieles ungeprüft oder gefälscht ist. Die Schule und insbesondere den Politik-Unterricht würden die Jugendlichen deshalb auch als verlässliche Informationsquelle betrachten und schätzen.

Offen mit Ängsten umgehen

„Die Schülerinnen und Schüler sind aufgewühlt von den Ereignissen“, erzählt die Schülersprecherin Linda. Auf dem Schulhof werde etwa darüber diskutiert, wie es wohl wäre, wenn man in dem nahe gelegenen U-Bahnhof leben müsste, um sich vor Bomben zu schützen. Es gebe einen sehr vertrauten Umgang. „Hier kann jeder so sein, wie er ist, unsere Schule ist wie eine große Familie“, sagt Linda Zeidler. Von Anfeindungen nach Ausbruch des Krieges habe sie nichts gehört, weder auf dem Schulhof noch außerhalb der Schule.

Diese besonders achtsame Atmosphäre ist sicher auch der Verdienst der sehr aktiven Schulsozialarbeit an der Schule. In den Räumen der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter gibt es Sofaecken, eine Teeküche und immer eine Vertrauensperson, die die Schülerinnen und Schüler über Jahre kennen. Das ist der Ort, wo sie Ängste und Sorgen loswerden können. In den ersten Tagen nach dem Angriff hatte die Schule hier sogar eine spezielle Sprechstunde zum Ukraine-Krieg eingerichtet. Sozialarbeiterin Astrid Liersch erzählt von einem Mädchen in dieser Sprechstunde, das selbst mit ihrer Familie aus einem ganz anderen Krieg geflohen und vor einigen Jahren nach Deutschland kam. „Die traumatischen Erinnerungen kamen jetzt wieder hoch“, sagt die Sozialarbeiterin. An der Alexander-Puschkin-Schule gibt es auch mehrere Willkommensklassen und man ist darauf vorbereitet, dass dort demnächst wahrscheinlich auch geflüchtete Kinder aus der Ukraine aufgenommen werden.

Die Offenheit gegenüber anderen Kulturen gehört zum Profil der Schule. „Unser Namensgeber, der russische Dichter Puschkin, war selbst sehr international“, sagt die Erzieherin Undine Meinhard. So gibt es eine sehr aktive Partnerschaft mit einer Schule in Maputo (Mosambik). Eine neue Partnerschaft mit einer Schule im russischen Kaliningrad wurde im vergangenen Jahr angebahnt. „Wir hatten uns schon gegenseitig besucht und kennengelernt“, sagt Sozialarbeiter Enrico Grunow. Aber dieses Projekt werde jetzt wohl erst einmal auf unbestimmte Zeit auf Eis liegen.

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Wie können Lehrerinnen und Lehrer in der Schule mit den Fragen und Unsicherheiten von Kindern und Jugendlichen umgehen? Wie können Informationen altersadäquat vermittelt werden? Was sind verlässliche Quellen und wie kann vor diesem Hintergrund ein kritisch-reflektierter Umgang in den sozialen Medien im Unterricht thematisiert werden?

Expertinnen und Experten aus den Bereichen Kinder- und Jugendpsychologie, Schulpraxis und Journalismus gaben in einem Live-Panel am 1. März 2022 auf dem Campus des Deutschen Schulpreises Einblicke und beantworten Fragen. Hier können Sie die Videoaufzeichnung ansehen.

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