Gymnasium Essen Nord-Ost : Wo das Abitur keine Frage der Herkunft ist

Am Gymnasium Essen Nord-Ost kommen 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler aus zugewanderten Familien. Die meisten haben keine Gymnasialempfehlung. Die Herausforderung besteht darin, alle mitzunehmen und zu ihrem bestmöglichen Abschluss zu führen. Und das gelingt der Schule, die 2020 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, erstaunlich gut. Dafür sorgt ein spezielles Förderkonzept, das schon greift, bevor die Kinder ans Gymnasium wechseln. Schulleiter Udo Brennholt erklärt im Interview, welche Maßnahmen dabei besonders effektiv sind.

Florentine Anders 15. Februar 2021
Schüler machen auf dem Schulhof motorische Übungen
Auch motorische Übungen gehören zum Kompetenzcheck für die Fünftklässler am Gymnasium Essen Nord-Ost. (aufgenommen im September 2020)
©Ayse Tasci
Zwei Schülerinnen sitzen am Mikroskop
Auch in Biologie achten die Lehrkräfte des Gymnasiums Essen Nord-Ost auf einen sprachsensiblen Unterricht.
©Ayse Tasci
Schwierige Begriffe werden in jeder Unterrichtsstunde extra erklärt.
©Gymnasium Essen Nord-Ost in Essen, fotografiert am 10.09.2020
Entspannung und Bewegung im Unterricht
Im Achtsamskeitstraining lernen die Kinder in den fünften Klassen, sich zu konzentrieren und Anspannungen abzubauen.
©Ayse Tasci
Das Gymnasium Essen Nord-Ost wurde mit dem Deutschen Schulpreis 2020 ausgezeichnet.
©Ayse Tasci

Deutsches Schulportal: Sie schaffen es an Ihrer Schule, herkunftsbedingte Nachteile der Schüler auszugleichen und auch Schülerinnen und Schüler ohne Gymnasialempfehlung zum erfolgreichen Abschluss zu bringen. Wie gelingt das? Was sind die wirksamsten Förderinstrumente?
Udo Brennholt: Das sind ganz viele Instrumente, die zusammenwirken. Wir arbeiten hier im Essener Norden sehr eng mit den Grundschulen zusammen. Wir stehen ja alle vor den gleichen Herausforderungen.

Schulleiter Udo Brennholt
Schulleiter Udo Brennholt
©Ayse Tasci

Der Stadtteil ist geprägt von einer hohen Arbeitslosenquote und einem hohen Anteil an zugewanderten Familien. Die Probleme werden da schon in der Grundschule sichtbar. Über das Netzwerk „Schulen im Team“ haben wir gemeinsame Strategien entwickelt, um den Übergang von der Grundschule auf die weiterführende Schule möglichst ohne Brüche zu gestalten. Die Grundschulen füllen zum Beispiel für alle Kinder ein speziell entwickeltes Kompetenzraster aus, in dem es auch stark um soziales Verhalten geht. Neben den Zeugnissen und den Grundschulgutachten hilft uns dieses Raster, um die neuen Schülerinnen und Schüler so auf die Klassen zu verteilen, dass sich soziale Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten nicht in einer Gruppe ballen.

Lernen Sie die Kinder vor dem Schulwechsel auch kennen?
Ja, vor dem ersten Schultag gibt es ein Beratungsgespräch mit jedem Kind und seinen Eltern, wodurch das Raster von der Grundschule dann noch mal durch einen persönlichen Eindruck von uns ergänzt wird. Und auch eine weitere Maßnahme, die bereits vor dem Übergang greift, hat sich als sehr wirksam erwiesen: Alle Schülerinnen und Schüler, die sich ohne Gymnasialempfehlung bewerben, bekommen das freiwillige Angebot, an einer Sommerschule teilzunehmen, in der sie auf das Gymnasium vorbereitet werden.

Alle Schülerinnen und Schüler, die sich ohne Gymnasialempfehlung bewerben, bekommen das freiwillige Angebot, an einer Sommerschule teilzunehmen, in der sie auf das Gymnasium vorbereitet werden.

Die Sommerschule wurde ursprünglich von pensionierten Lehrkräften geführt, die jetzt allerdings nicht mehr zur Verfügung stehen. Dafür gibt es nun die Planung, die bestehende Sommerschule des Fußballvereins und Kooperationspartners Rot-Weiss Essen, die auf mögliche Nachprüfungen während der Sommerferien vorbereitet, auch für Schülerinnen und Schüler im Übergang zu öffnen. Der Verein engagiert sich mit der Initiative „Essener Chancen“ für Bildung. In einem Pavillon auf einem nahe gelegenen Fußballplatz des Vereins werden die Kinder und Jugendlichen gezielt geschult. Dabei hat sich gezeigt, dass die Verbindung von Sport und theoretischer Bildung sehr positiv wirkt.

Kompetenzcheck in verschiedenen Bereichen

Wie geht es dann weiter, wenn die Schülerinnen und Schüler am Gymnasium Essen Nord-Ost ankommen?
Wir nutzen in den fünften Klassen für eine Diagnose der Ausgangssituation den sogenannten Bielefelder Kompetenzcheck. Dabei arbeiten wir zusammen mit „Chancenwerk“, einem weiteren Kooperationspartner. Diese Institution hat bei uns eine Art Lernkaskade eingeführt: Studierende unterrichten Oberstufenschüler, Oberstufenschüler unterstützen Mittelstufenschüler, und diese wiederum helfen Schülern der Erprobungsstufe. Um zu sehen, wie fit die Kinder in den einzelnen Fächern sind und wo es Lücken gibt, wird dieser spielerische Kompetenzcheck von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Chancenwerk durchgeführt.

Wir als Schule führen darüber hinaus auch Diagnosen in anderen Fächern durch, etwa in Sport. Sport ist uns in diesem Bereich sogar besonders wichtig. Für alle Nichtschwimmer gibt es zum Beispiel eine verpflichtende Schwimm-AG, denn viele unserer Schülerinnen und Schüler können nicht schwimmen, wenn sie zu uns kommen. Hinzu kommt eine Überprüfung der motorischen Fähigkeiten, sodass wir die Kinder auch in diesem Bereich gezielt fördern können. Parallel dazu haben wir noch eigene Tests in Mathematik und Deutsch entwickelt, sodass die Lehrkräfte die Kinder von Anfang an differenziert fördern können. Gerade was die Sprachförderung betrifft, hat die Arbeit mit geflüchteten Kindern das Diagnoseverfahren stark vorangebracht. Davon profitieren alle Kinder.

Sprachsensibler Unterricht in allen Fächern

Welche Rolle spielt die Sprache für den Lernerfolg der benachteiligten Schülerinnen und Schüler
Der sprachsensible Unterricht spielt für uns tatsächlich eine Schlüsselrolle, deshalb ist er auch in allen schulinternen Curricula verankert. Jede Lehrkraft hat das bei uns verinnerlicht. Ich bin selbst Mathematiklehrer und habe dort die Erfahrung gemacht, dass die Schülerinnen und Schüler schon bei der Ankündigung einer Textaufgabe innerlich zusammenbrechen. Dabei ist die Lösung der mathematischen Formel dahinter für die meisten kein Problem – das eigentliche Problem ist es, den Text zu durchdringen. Unser Ansatz besteht darin, das Textverständnis in allen Fächern zu erleichtern, zum Beispiel durch Erklärungen und Vokabellisten für schwierige Begriffe.

Unser Ansatz besteht darin, das Textverständnis in allen Fächern zu erleichtern, zum Beispiel durch Erklärungen und Vokabellisten für schwierige Begriffe.

Gerade bei den Naturwissenschaften neigt man in der deutschen Sprache dazu, teilweise sehr komplizierte Formulierungen zu nutzen. Häufig schreiben wir diese Texte mit einfacheren Worten um. Das bedeutet aber nicht, dass unsere Schülerinnen und Schüler die Bildungssprache nicht lernen. Nach und nach werden die Hilfestellungen zurückgefahren.

Wir haben an unserer Schule speziell geschulte Sprachberater, die man als Lehrkraft ansprechen kann, wenn es um die Frage geht, mit welchen Mechanismen sich das Textverständnis verbessern lässt. Wir haben auch eine eigene Fachschaft Sprache, dadurch gibt es immer Ansprechpartner, die  die Lehrkräfte dabei unterstützen können. Hinzu kommt eine Arbeitsgruppe zum sprachsensiblen Unterricht.

Spezielle Strukturen helfen ebenfalls, im Unterrichtsalltag den Fokus auf die Sprache nicht aus den Augen zu verlieren. Die Tafel beispielsweise ist in jedem Klassenraum so aufgeteilt, dass auf der linken Seite schwierige Vokabeln oder Fachtermini übersetzt oder erklärt werden, das steht schon oben an der Tafel drüber. Diese Mechanismen sind eingeübt – auch für die Schülerinnen und Schüler, die sich jederzeit einen schwierigen Begriff erklären lassen können.

Konzentrationsübungen im Achtsamkeitstraining

Wie wichtig für den Lernerfolg ist das sogenannte Achtsamskeitstraining an Ihrer Schule, bei dem die Kinder in den fünften Klassen Entspannungstechniken erlernen und Konzentrationsübungen machen?
Das Achtsamkeitsprojekt wurde wissenschaftlich begleitet, sodass der Erfolg sehr gut messbar war. Anhand des Cortisolspiegels bei den Schülerinnen und Schülern konnte festgestellt werden, dass die Kinder durch das Training besser mit Stresssituationen umgehen können. Das Stresshormon wurde mit Einwilligung der Eltern per Speichelprobe gemessen. Wir beobachten auch, dass die Kinder sich viel besser im Unterricht konzentrieren können und sich von Störungen nicht so leicht ablenken lassen.

Wir hatten früher in unseren speziellen Förderkursen die Erfahrung gemacht, dass in diesen Gruppen viele sehr unruhige Kinder mit schwachen Leistungen zusammenkamen. Grund für den ausbleibenden Lernerfolg waren in den meisten Fällen nicht die kognitiven Fähigkeiten, sondern die Tatsache, dass sich die Kinder zu schnell ablenken ließen. Durch das Achtsamkeitstraining trainieren wir die Kinder von Anfang an darauf, sich zu konzentrieren. Das ist viel effektiver als der Nachhilfekurs.

Wir versuchen, den Schülerinnen Schülern zu zeigen, dass sie etwas bewirken können, auch indem wir ihnen Verantwortung geben.

Wir vermitteln den Kindern damit auch eine gewisse Haltung, ihren eigenen Lernprozess ernst zu nehmen. Benachteiligt sind unsere Schülerinnen und Schüler tatsächlich in der Selbstwirksamkeitserfahrung. Viele kommen aus Familien, die wenig Chancen und Perspektiven haben – und dieses Gefühl überträgt sich. Wir versuchen, den Schülerinnen Schülern zu zeigen, dass sie etwas bewirken können, auch indem wir ihnen Verantwortung geben. Unsere Schülervertretung ist sehr aktiv und lädt häufig Politikerinnen und Politiker ein. Diese Kontakte zeigen den Jugendlichen, dass man ihnen zuhört und dass ihre Meinung und ihr Engagement von Bedeutung ist.

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Das Gymnasium Essen Nord-Ost gehört zu den besten Schulen Deutschlands. Im Jahr 2020 wurde dieGanztagsschule für ihre herausragende Arbeit mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet.