Schule : Wir müssen mal

Pfützen, beschmierte Wände, Gestank: Schultoiletten sind häufig das Grauen. Das ließe sich ändern – wenn Schüler und Lehrer endlich über das stille Örtchen reden würden.

Dieser Artikel erschien am 29.06.2022 in DIE ZEIT
Anne Backhaus
WC-Hinweis
©Unsplash

„Soll ich mir Wimperntusche holen?”

„Du hast doch gute Wimpern.”

„Girls, lasst eure schönen Augen in Ruhe. Ich trag seit tausend Jahren wieder Skinny-Jeans, das ist hier die News.” Alle lachen.

10.25 Uhr, erste große Pause. Im Vorraum einer Toilette der Kölner Gesamtschule Holweide drängen sich fünf Mädchen vor dem bodentiefen Spiegel. Sie streichen ihre Augenbrauen zurecht, zupfen an ihren Oberteilen. Dann noch schnell ein Spiegel-Selfie. „Oh my God”, singt Adele aus der Box an der Decke. „Bis später, Caro”, sagt ein Mädchen beim Rausgehen. Die Toiletten-Dame Carola Hack nickt: „Bis später.”

Hack sitzt wie jeden Tag vor dem Eingang zwischen Mädchen- und Jungenklo an einem Schultisch. Neben ihr ein Schild („Toilettenbenutzung 10 Cent”) und eine kleine rote Plastikschale, in die alle Schülerinnen und Schüler das Geld werfen. Die meisten kennt Hack mit Namen.

„Danke, Marie!” ‒ „Danke, Ali!” ‒ „Danke, Ranja!”

Was sich an diesem Donnerstagvormittag abspielt, ist das Normalste und zugleich etwas Besonderes. Dutzende Mädchen und Jungen müssen mal, waschen sich die Hände, quatschen, lachen – und sie bezahlen, damit sie dieses Schulklo nutzen können. Denn es ist sauber und hell, bei den Mädchen steht neben dem Spiegel eine Sitzbank. Die Schülerinnen halten sich gerne hier auf.

In Deutschland ist das keine Selbstverständlichkeit. Über Generationen hinweg sind Schultoiletten häufig als ein Ort des Grauens in Erinnerung geblieben. Auf dem Boden Pfützen, Türen nicht abschließbar, die Wände beschmiert, das Licht kaputt, Spiegel abmontiert, Klopapier nur mit Glück vorhanden, Uringeruch überall. Seit Jahrzehnten beschweren sich Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Eltern, Hausmeister und Schulleitungen über unsaubere oder unsanierte Sanitäranlagen. Ob Schulen im Norden, Süden, Westen oder Osten: Das Klo-Problem ist dasselbe.

Petitionen werden unterzeichnet und Initiativen gegründet. Manche freuten sich beinah über die Pandemie, weil sie wenigstens Seife und Desinfektionsmittel in die Schule brachte.

Am Schulklo zeigt sich, wie gestrig die Institution Schule ist und wie wenig Wert sie auf menschliche Grundbedürfnisse legt. Wie Erwachsene daran scheitern, offen über Toiletten-Bedürfnisse zu sprechen – obwohl das für viele Jugendliche normal ist.

An manchen Schulen ist die Sanitär-Situation derart unangenehm, dass viele Schüler die Toilette möglichst nicht nutzen. Sie halten an. „Das ist ein großes Problem, aus dem gesundheitliche Folgen für das gesamte Leben entstehen können”, sagt Jan de Laffolie, 46, Leiter der Kinder-Gastroenterologie am Universitätsklinikum Gießen. „Schultoilettenvermeidung führt häufig zu funktioneller Obstipation, also einer selteneren Stuhlfrequenz mit Beschwerden wie schmerzhaftem Stuhlgang oder starken Bauchschmerzen.” Bei manchen Kindern werde das chronisch.

„Wenn Kinder die Schultoilette meiden, hat das negativen Einfluss auf Konzentrationsfähigkeit und Wohlbefinden”, sagt auch Svenja Ksoll von der German Toilet Organization (GTO). Eigentlich setzt sich der gemeinnützige Verein für eine Verbesserung der Sanitärsituation in Entwicklungsländern ein, damit es dort fließendes Wasser zum Händewaschen oder sichere Toilettenanlagen gibt. Hierzulande wurde die GTO aktiv, weil zu ihrer Überraschung viele Schulen um Hilfe gebeten haben. Ksoll sagt: „In vielen anderen Ländern verstehen die Regierungen, dass auch Schultoiletten die Bildungsqualität beeinflussen. Das ist in Deutschland offenbar nicht so.”

„Vandalismus ist für manche ein Ventil”

An der Gesamtschule Holweide im Nordosten von Köln spielt sich täglich das Beste und das Schlimmste aus der Schultoiletten-Welt ab. Gut 1900 Schülerinnen und Schüler von Klasse 5 bis 13, mehr als 200 Lehrkräfte. Im Schulgebäude gibt es mehr als ein Dutzend Toilettenräume, vor einem sitzt Carola Hack. Im September seit 20 Jahren. Als Hack ihren ersten Arbeitstag hatte, war das ein Experiment und die Gesamtschule Holweide die erste Schule im Bundesland mit einer „bewirtschafteten Schultoilette”. Einem Klo also, für dessen Nutzung man bezahlen muss und das dafür nach jeder Pause gereinigt wird. „Die Kinder schätzen das sehr, wenn es hier wieder duftet. Wer will schon auf ein dreckiges Klo?”, sagt Hack. Manchmal versprüht sie zusätzlich ihren „Aprilfrisch”- Raumduft. „Kann ja nicht schaden.”

Daneben macht Carola Hack einiges, was sie nicht müsste. Sie legt in den Pausen von Schülern gebrannte Mix-CDs auf, bestellt regelmäßig neue Kondome, die sie ohne Gewinn verkauft. Hängt Bravo-Poster über der Sitzbank im Vorraum auf. Vor dem Poster des deutschen Popstars Lukas Rieger sitzt häufig eine 13-jährige Schülerin, die ihn gern anschaut und, so sagt sie, „zu Hause kein Bild von einem Jungen aufhängen darf”.

Hack mag ihren Arbeitsplatz, weil sie mit dem Minijob, getragen vom Förderverein der Schule, aus der Langzeitarbeitslosigkeit herausgekommen ist. Vor wenigen Wochen ist sie 65 geworden, in Rente gehen möchte sie nicht. „Ich würde die Schülerinnen und Schüler vermissen.” Die wiederum mögen „Caro”.

„Caro, die fragt immer, wie es einem geht. Sie ist nicht streng, aber passt trotzdem auf, dass niemand Blödsinn macht”, sagt Hannah, 12. „Wenn möglich, gehe ich zu ihr.” Oft ist das allerdings nicht möglich. Hannahs Klassenzimmer liegt im obersten Stockwerk, in einer kleinen Pause ist der Weg ins Untergeschoss kaum zu schaffen. Auch jetzt muss sie sich beeilen, schnell über die Betontreppen zum Unterricht nach oben laufen. Zwischendurch hält sie kurz an: „Hier ist eins der Horrorklos. Da stinkt es und ist total dunkel.”

Wer will schon auf ein dreckiges Klo?
Carola Hack

Alle anderen Toiletten im Schulgebäude sind kostenlos. Gut besucht sind sie allerdings nicht. „Weil sie immer, immer, immer versifft sind”, sagt Schulleiterin Christa Dohle. Oft schickt ihr der Hausmeister Videos oder Fotos auf das Handy. Aufgenommen von den Mitarbeiterinnen, die das Gebäude nach Schulschluss putzen. Sie weigern sich immer wieder, einzelne Kabinen sauber zu machen. Häufigster Grund: Fäkalien. Als Haufen im Waschbecken oder verschmiert im gesamten Raum. Auch das ist ein bundesweites Problem.

In einem der Videos schwenkt eine der Putzfrauen über einen braunen Streifen von der linken Kabinenwand über den Boden hoch zur anderen Kabinenwand. Jemand hat mit der Klobürste Exkremente in der Kabine verteilt. „Desto mehr du hier sauber machst, desto dreckiger machen sie dat!”, ruft die Reinigungskraft am Ende des Videos. Solche Toiletten werden abgeschlossen und von einem Spezialunternehmen grundgereinigt.

Die wichtigste Frage kann niemand beantworten: Warum beschmutzen oder zerstören Schülerinnen und Schüler ihre eigenen Toiletten? Frust über alte Sanitäranlagen kann es allein nicht sein, denn auch in sanierten WCs wird der neue Klorollenhalter abgetreten oder der Inhalt der Papiereimer auf dem Boden verteilt und vollgepinkelt. „An der Hauptschule geht es nicht schlimmer zu als am Gymnasium, in ärmeren Stadtteilen nicht schlimmer als in reicheren”, sagt Svenja Ksoll von der GTO. Ebenso gebe es kaum „Unterschiede zwischen Mädchen- und Jungentoiletten”.

„Vielleicht ist der Vandalismus für manche ein Ventil”, überlegt die Schulleiterin Christa Dohle. Nur weiß sie nicht, wie sie reagieren kann, außer mit Restriktionen. Nachdem es nach der Corona-Zeit noch schlimmer geworden ist, werden die Toiletten nun abgeschlossen. Die Jugendlichen sollen die Schlüssel bei ihren Lehrkräften abholen und außerdem eine durchsichtige Plastikbox mit Klopapier, Papierhandtüchern und Seife aus dem Klassenzimmer mitnehmen. Mehrere Schulen haben ähnliche Systeme ausprobiert. Eine Notlösung.

„Ich halte nichts davon, die Klos abzuschließen”, sagt Marie Asche, 18, die Schülervertreterin in Holweide. „Letztlich ist es ein Kind, das randaliert. Doch alle werden bestraft.” Und was wäre besser? „Mehr reden”, sagt Marie. „Man muss auf die Thematik aufmerksam machen und die Schülerschaft einbeziehen.”

„Toiletten-Hygiene sollte normaler an den Schulen behandelt werden”

Svenja Ksoll von der GTO hat festgestellt: „Das Thema Toiletten ist allen extrem wichtig und wird trotzdem vor allem von den Erwachsenen als Tabu behandelt. Dabei könnte man den Ort pädagogisch durchaus nutzen.” Schließlich sei das Schulklo der erste öffentliche Raum, den Kinder und Jugendliche ohne Aufsicht nutzten. Hier ließe sich lernen, wie man mit fremdem Eigentum umgeht. Und wie man gemeinsam etwas erreichen kann.

Stattdessen schieben sich alle Beteiligten beim Thema Schulklo die Verantwortung zu: Die Schülerschaft beschwert sich über die Schulleitung, die zeigt auf die Kommune, der oft das Geld für eine häufigere Reinigung und eine Sanierung fehlt. Wird eine neue Anlage gebaut, kommen häufig die Klo-Vandalen. Der Vorwurf geht dann zurück an die Schülerinnen und Schüler.

Doch es gibt auch positive Beispiele, sagt die Toiletten-Lobbyistin Ksoll. Arbeitsgemeinschaften, in denen Jugendliche mit Lehrkräften die Räume gestalten und zusammen Verantwortung für diese übernehmen. „Wenn eine AG das Klo pink streicht und Pflanzen aufstellt, ist die Hemmschwelle bei den Mitschülern größer, es kaputt zu machen”, sagt Ksoll. Gerade führt die GTO in Berlin – gemeinsam mit dem Institut für öffentliche Gesundheit und Hygiene der Universität Bonn – die erste wissenschaftliche Studie zu schulischen Sanitäranlagen durch. Das Ziel: eine Art Leitfaden, um das Schulklo, wie Ksoll sagt, „von einem Ekel- zu einem Wohlfühlort zu machen”.

In Diskussionsrunden, bei denen alle Betroffenen offen miteinander über die Klo-Misere reden, lässt sich einiges lernen. Da ist der Hausmeister zum Beispiel überrascht, dass die Mädchen ihre Tampons deshalb ins Klo werfen, weil der Behälter zur Entsorgung außen an den Kabinen hängt. Es ist ihnen peinlich, ihn zu nutzen. Menstruation ist oft ein Tabuthema in der Schule, über das sich Schülervertretungen aber viel austauschen. Einige bezahlen inzwischen Menstruationsprodukte aus der Kasse der Schülervertretung und stellen sie im Mädchen-Klo kostenlos zur Verfügung. „Generell sollte Toiletten-Hygiene einfach normaler an den Schulen behandelt werden”, sagt Laura Körner, Landesschülervertreterin in Nordrhein-Westfalen. „Man könnte zum Beispiel im Bio-Unterricht darüber reden, wie wir alle uns Toiletten wünschen.”

Am Berliner Gottfried-Keller-Gymnasium setzt sich der Schulleiter Uwe Kany seit einigen Jahren für den offenen Umgang mit Toiletten ein. Mühsam sei das, aber es lohne sich. Auch an seiner Schule gibt es einen Sanitärschrank mit kostenlosen Tampons und Slipeinlagen, der von Schülerinnen „rührend gepflegt wird”. Vor allem aber hat er seine gut 700 Schülerinnen und Schüler bei der Sanierung der alten Klos einbezogen und gefragt: Wie wünscht ihr euch die Toilette?

Einer der Hauptpunkte war die Einführung von mindestens zwei Unisex-Toiletten, um Diskriminierung von transsexuellen und intersexuellen Personen zu verhindern. Neben den neuen Unisex-Klos gibt es aber weiterhin getrennte WCs für Mädchen und Jungen, um Schutzräume nicht zu gefährden.

Außerdem wünscht sich die Schülerschaft Ganzkörperspiegel, ähnlich wie in der Kölner Gesamtschule Holweide. Auch in Berlin würden die Jugendlichen, wie es scheint, gern mehr Zeit in den Toilettenräumen verbringen, sich austauschen, ihr Aussehen überprüfen. Sich eben wohlfühlen.

Die Spiegel wurden über ein Budget finanziert, über das die Schülerschaft mitbestimmen darf. Das hat funktioniert. „Die Spiegel sind fast schon heilig und nicht von Vandalismus betroffen”, sagt Kany. Trotzdem sei das Problem nicht komplett verschwunden. Aber die Resignation sei weg, sagt der Schulleiter: „Wie wollen wir uns eine funktionierende Gesellschaft nennen, wenn wir es nicht mal bei den Schultoiletten hinkriegen?”

„Ey, Eddie, die Toiletten sind nicht zum Spielen!”, ruft Carola Hack einem Schüler hinterher, der an ihr vorbei ins Jungenklo rennt und die Tür zuknallt. Kurz ist es still, dann macht Eddie die Tür wieder auf, ruft „Freundschaft!” zurück. „Na dann ist ja super”, sagt Hack. Sie klaubt eine Handvoll Münzen aus dem Schälchen, steckt sie in ihre Jackentasche. Ein anderer Junge kommt zögerlich näher, fragt dann: „Caro, darf ich bitte auch ohne 10 Cent gehen?” Sie schaut ihn freundlich an, winkt ihn durch. Eine Ausnahme.

Hinter der Geschichte

Manchmal legt eine Autorin mit der Recherche zu einem Thema los – und kommt mit einem ganz anderen Thema zurück. So erging es Anne Backhaus, als sie über den Streit um Schultoiletten für trans- und intersexuelle Schüler und Schülerinnen schreiben wollte. Sie recherchierte über Wochen bei Lehrern und Schulleiterinnen, schrieb Schülervertretungen in der ganzen Republik an. Ihr Befund: Das Thema ist nur in den Medien ein Aufreger, vor Ort gibt es kaum Probleme. Als Dauerärgernis dagegen erwies sich das Schulklo an sich.