Integration : Willkommenskultur geht durch den Magen

Seit neun Jahren gibt es das „Ländercafé“ in der Franz-Leuninger-Schule in der kleinen Stadt Mengerskirchen. Für diese Grundschule in Hessen, die 2018 Preisträgerin des Deutschen Schulpreises war, ist das vor allem ein Stück Willkommenskultur und hilft bei der Integration von Kindern, die aus anderen Ländern kommen. Über den Hintergrund des Projekts und andere verbindende Rituale in der Schule sprach Schulleiterin Nicole Schäfer mit dem Schulportal.

Annette Kuhn / 17. Dezember 2019
Willkommenskultur in der Schule: Kinder mit französischen Fahnen im "Ländercafé"
In „Ländercafé" der Franz-Leuninger-Schule im hessischen Mengerskirchen stellen die Kinder regelmäßig verschiedene Länder vor - diesmal ist Frankreich dran.
©Robert Bosch Stiftung / Traube47

Schulportal: Wie kam es zu der Idee des „Ländercafés“ an der Franz-Leuninger-Schule, die 2018 Preisträgerin des Deutschen Schulpreises war?
Nicole Schäfer: Die Idee ging von den Kindern aus. Im dritten Schuljahr stehen Kinderrechte bei uns auf dem Lehrplan, und dabei haben die Schülerinnen und Schüler immer wieder gefragt: Wie leben die Kinder anderswo? Dabei ging es vor allem um den Alltag. So entstand die Idee eines „Ländercafés“, in dem Kinder ein anderes Land präsentieren. Hier sind alle Kinder beteiligt. Deutsche Kinder können ein fremdes Land vorstellen, für das sie sich interessieren. Und Kinder, die aus anderen Ländern kommen, können ihre oder die Heimat ihrer Eltern präsentieren. Wir haben ja an unserer Schule etwa 25 Prozent Migrantenkinder.

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Was findet im „Ländercafé“ konkret statt?
Die Kinder bereiten eine Präsentation zu einem Land vor, und weil zu einem Café ja auch Gastfreundschaft gehört, gibt es typisches Essen aus dem Land, und es sind natürlich andere eingeladen. Das kann die Parallelklasse sein, aber auch die eigene Familie.

Welchen Nutzen zieht die Schule daraus?
Das „Ländercafé“ ist ein Stück Willkommenskultur. Ein Kind, das neu an die Schule kommt, steht im Zentrum, wenn es sein Land vorstellt. Und es ist auch ein niedrigschwelliges Angebot für die Eltern. Sie sind zum Beispiel beteiligt, indem sie Essen aus ihrem Land, ihrer Kultur mitbringen. Das fördert den Austausch: Deutsche Kinder öffnen sich für andere Kulturen, und die Kinder aus anderen Ländern überlegen sich, was ihnen in ihrer Kultur wichtig ist. Das funktioniert über das „Ländercafé“ sehr gut.

Wir verpflichten kein muslimisches Kind zur Teilnahme an christlichen Traditionen. Es beruhigt viele Eltern, wenn sie sehen, dass sie selbst darüber entscheiden können.

Gibt es über das „Ländercafé“ hinaus Ansätze, um die multikulturelle Schulgemeinschaft zusammenzubringen? Zum Beispiel jetzt zur Vorweihnachtszeit?
In der Vorweihnachtszeit machen wir jeden Montag mit der gesamten Schulgemeinschaft eine Adventsfeier, in der wir zum Beispiel thematisieren, wie Menschen anderswo Weihnachten feiern. Gerade haben wir die Bräuche in Schweden mit dem Lichterfest und der Lucia kennengelernt. Und dabei sprechen wir auch darüber, dass es Länder und Kulturen gibt, in denen Weihnachten gar nicht gefeiert wird. Das ist für viele deutsche Kinder erst mal ein Schock. Aber muslimische Kinder erzählen, dass sie stattdessen das Zuckerfest haben. Und es passieren dann anrührende Dinge: Deutsche Kinder bringen den muslimischen Kindern zu Weihnachten Geschenke mit, weil sie nicht wollen, dass sie unbeschenkt bleiben, und zum Zuckerfest wiederum bekommen sie dann etwas von den muslimischen Kindern geschenkt.

Manche muslimischen Familien haben Schwierigkeiten mit Weihnachten, weil sie das Gefühl haben, ihre Kinder würden hier vereinnahmt.
Wichtig ist, dass alles ein freiwilliges Angebot ist. Wir verpflichten kein muslimisches Kind zur Teilnahme an christlichen Traditionen. Es beruhigt viele Eltern, wenn sie sehen, dass sie selbst darüber entscheiden können, und dann haben sie oft gar kein Problem mehr damit. Es gibt bei uns zum Beispiel auch muslimische Kinder, die bei der Sternsinger-Aktion der katholischen Kirche mitmachen.

Wie erklären Sie sich, dass in Mengerskirchen die Offenheit so groß ist? Das klappt ja nicht überall so gut.
Wichtig ist, dass sich die Kinder und die Familien in Mengerskirchen schon früh kennenlernen, dass sie früh in ihrer Verschiedenheit zusammenwachsen. Alle Kinder besuchen hier die Kita, und fast alle sind im Ganztag. Da Schule und Kita durch unser Netzwerk sehr eng zusammenarbeiten, entwickelt sich früh ein Gemeinschaftsgefühl, trotz großer Heterogenität und unterschiedlicher Kulturen. Wir wollen vor allem vermitteln, dass jedes Kind von Anfang an seinen Platz hat. Das geht schon beim Mittagessen los. Da bekommt natürlich jedes Kind das Essen, das seine individuellen Bedürfnisse und seine jeweilige Kultur berücksichtigt. Das stärkt auch früh das Vertrauen der Eltern. Willkommenskultur darf man sich nicht nur ins Schulprogramm schreiben – Willkommenskultur muss man jeden Tag leben.

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©Traube 47

Im hessischen Mengerskirchen initiierten die Lehrkräfte der „Franz-Leuninger-Schule” ein kommunales Netzwerk, das Familien im ländlichen Raum auf vielfältige Art und Weise unterstützt.

Hier geht es zum Konzept:

Netzwerkarbeit im ländlichen Raum