Schulbau nach Corona : Wie wird denn hier gelernt? Endlich anders

Nach Jahrzehnten des Stillstands werden in Deutschland wieder Schulen gebaut. Mit viel Glas und Licht hält eine neue Pädagogik Einzug. Jetzt müssen sich nur noch die Lehrerinnen und Lehrer daran gewöhnen

Dieser Artikel erschien am 04.08.2021 in DIE ZEIT
Martin Spiewak
Schulneubau
©Getty Images

Diese Schule könnte manchem Lehrer wie ein Albtraum vorkommen. Da sitzen mitunter 48 Schülerinnen und Schüler in einem Klassenraum, und nur eine einzige Lehrkraft muss sie bändigen. Dann schwirren Erst- und Zweitklässler durcheinander, stehen auf, verlassen den Raum und fläzen sich auf Teppichen und Kunstfellen im Eisbärformat. Mitten in der Stunde! Und falls eine Lehrerin doch einmal ganz normal vor der Klasse steht und unterrichtet, kann sie jeder beobachten. Weil die Wände der Klassenräume zum Teil aus Glas sind. Sogar in das Lehrerzimmer kann jeder reinglotzen.

Eine Horrorgeschichte ist das trotzdem nicht. Denn obwohl der Unterricht an der Münchner Grundschule am Bauhausplatz genau so abläuft, fühlen sich die Pädagogen hier ziemlich wohl – und die Kinder sowieso. Dafür sprechen der ungewöhnlich niedrige Krankenstand – und die Kündigungsrate seit Gründung der Schule 2017; sie liegt bei null.

401 lautet dagegen die Zahl der Leute, die sich die Grundschule im Münchner Norden seit ihrer Planung im August 2017 angeschaut haben. Die Besucher interessiert die ausgefeilte Choreografie des Unterrichts, das Ganztagskonzept der Schule. Die meisten aber kommen wegen der besonderen Architektur.

Viel Licht, offene Türen

Die Grundschule am Bauhausplatz ist im wahren Sinn ein Neubau: Kollegium und Stadt haben gemeinsam pädagogisch neu gebaut. Passé sind die typischen langen Flure, auf denen Schüler hin und her wandern müssen und sich selbst Erwachsene verloren fühlen. Die Schule in München dagegen teilt sich in einzelne „Lernhäuser“ auf. Jeweils vier Klassenzimmer bilden eine pädagogische Einheit – und in der Mitte liegt der Marktplatz, eine große Gemeinschaftsfläche.

Holz und Glas geben den Räumen Wärme und Licht. Umlaufende Balkone säumen das gesamte Gebäude. Da sie auch als Fluchtwege dienen, werden Flure und Nischen im Inneren frei: für Buchregale und Computerständer, Bänke oder Sitzsäcke. Die Türen der Klassenräume stehen hier stets offen. „Wenn sie mal zu sind, bekommt man fast Platzangst, so sehr sind wir dran gewöhnt“, sagt Ulrike Sauer, die Konrektorin der Schule.

Dem sogenannten Lernhaus-Konzept folgen fast alle der 38 Schulneubauten in München. Sage und schreibe neun Milliarden Euro will die Stadt bis 2040 in den Schulbau stecken. Denn München wächst seit Jahren und damit auch die Zahl der schulpflichtigen Kinder. Ähnlich sieht es in Hamburg aus. Durch Zuzug, Geburtenboom und eine hohe Anzahl an Flüchtlingskindern rechnet der Senat der Hansestadt bis 2030 mit zusätzlichen 40.000 bis 50.000 Jungen und Mädchen. Geplant sind 40 neue Schulen und mehr als 120 Erweiterungsgebäude. „So viel hat die Stadt seit den Siebzigerjahren nicht mehr gebaut“, sagt Ewald Rowohlt, Geschäftsführer von Schulbau Hamburg.

Neue Schulen? Vier Jahrzehnte lang wurden in Deutschland kaum welche gebaut. Nachdem die Generation der Babyboomer ihr Abitur gemacht hatte, sanken überall die Schülerzahlen. In Hamburg etwa überlegte man vor zehn Jahren noch, was man mit all den Gebäuden anfangen solle, die wegen des Schülerschwunds bald leer stünden. Zudem fehlte den Kommunen, die für den Schulbau zuständig sind, das Geld. Und schließlich ließ sich in den bestehenden Gebäuden – mit ein paar Pinselstrichen hier und einem neuen Fachraum dort – auch weiter in bewährter Manier Wissen vermitteln.

Architektur der alten Schulen

Bis zu 35 Jahre unterrichten Lehrerinnen und Lehrer in derselben Schule, rund tausend Stunden verbringen Schüler jedes Jahr in ihren Klassenräumen – allzu häufig umgeben von Einförmigkeit und architektonischer Tristesse, Dysfunktionalitäten und Verfall. Sparkassen und Büros sehen in Deutschland meist besser aus, Konzerthäuser und Theater sowieso.

Aber muss das so sein?

Auf 46,6 Milliarden Euro beziffert das aktuelle Kommunalpanel der Kreditanstalt für Wiederaufbau den bundesweiten Investitionsrückstand bei bestehenden Schulbauten. Mittlerweile stehen unsere Lehranstalten für bröckelnde Fassaden, undichte Fenster und eine veraltete Elektrik, die selbst minimale Digitalisierung unmöglich machte.

Der klassische Frontalunterricht im 45-Minuten-Takt ist passé

Nun aber ändert sich die Lage: Ob Neubauten, Erweiterungen oder Renovierungen – die Bildungsrepublik baut wieder. Es gibt – kurz gesagt – Kinder, Kohle und Konzepte. Wie in München und Hamburg laufen auch in Berlin und Frankfurt, Köln oder Dresden große „Schulbauoffensiven“. Finanzschwache Kommunen bekommen für die Schulsanierung Geld vom Bund; auf Schulbaumessen versammeln sich regelmäßig Architekten, Schulleiter und Anbieter von Schulmobiliar. An vielen Dutzend Standorten machen sich Lehrer gemeinsam mit Eltern und Planern Gedanken über eine ideale Schule.

Vielfalt statt Einfalt

Rainer Schweppe war mal Stadtschulrat in München und berät heute viele Kommunen, wenn sie neue Schulen entwerfen. Er spricht von einer historischen „dritten Welle des Schulbaus“, nach dem ersten Bauboom in der Kaiserzeit und dem zweiten während der Bildungsexpansion in den 1970er-Jahren.

Wichtige Treiber der neuen Welle sind pädagogische Veränderungen, die in der Schule selbst passieren. Die simple Formel lautet: Vielfalt statt Einfalt. Für einen Unterricht, in dem die Lehrkraft einer (vermeintlich) homogenen Lerngruppe im Gleichschritt die Inhalte desselben Curriculums nahebringt, gibt es keine bessere architektonische Form als das traditionelle Klassenzimmer – in Deutschland 63 genormte Quadratmeter Grundfläche groß und aufgereiht in langen Gängen.

Heute jedoch ist selbst in den meisten Gymnasien der klassische Frontalunterricht im 45-Minuten-Takt passé. Statt die Unterschiede zwischen den Kindern einzuebnen, lernt man sie zunehmend zu schätzen. Förderschüler sitzen plötzlich neben zukünftigen Abiturienten in einer Klasse. Und wer am liebsten mit dem Laptop auf den Knien arbeitet, hockt dabei am besten auf einem Sofa. Ohne Begriffe wie „Heterogenität“ und „Individualisierung“ kommt kein modernes Unterrichtskonzept mehr aus. Gleichzeitig wird der Ganztagsbetrieb Stück für Stück zum Regelfall und das Schulhaus damit noch stärker zum Lebensraum für die Kinder und Jugendliche, für manche von ihnen ein zweites Zuhause.

All diese Neuerungen sprengen das Raumkonzept der klassischen Schule. Denn sie brauchen mehr Platz, unterschiedlich große Zimmer, bewegliche Wände statt fester Mauern. Barbara Pampe von der Montag Stiftung, welche sich als Vordenker des modernen Schulbaus profiliert, bringt es so auf den Punkt: „Die alte Architektur verhindert zeitgemäße Pädagogik.“ Die Konsequenz: Wenn das Gebäude nicht mehr zu dem passt, was darin passiert, muss es sich verändern.

Neue Unterrichtskonzepte

Es ist kurz nach zehn Uhr, im „Eisbären-Lernhaus“ der Grundschule am Bauhausplatz beginnt die Lesestunde. Paarweise suchen sich die Kinder der 1e und 2e ihren Platz. Marie und Kira machen es sich auf dem großen gelben Teppich in der Mitte des Marktplatzes gemütlich. Vor den Kindern liegen zwei Bücher, aus denen sie sich gegenseitig vorlesen: Marie liest nur einzelne Wortgruppen („der braune Hund“), Kira schon ganze Sätze. Die beiden sind schon seit Wochen ein Leseteam: Die Jüngere lernt von der Älteren; diese wiederum festigt ihr Können, indem sie der Jüngeren etwas beibringt. Und beide üben sich in Selbstständigkeit.

Dieses Patenprinzip wird an der Schule am Bauhausplatz von Beginn an trainiert. Bemerkenswert konzentriert beugen sich die Mädchen über die Seiten. Obwohl 23 andere Lernpaare ebenso vor sich hin murmeln: am Tisch in einem der Klassenzimmer, versunken in einem Sitzsack, auf der Kuschel-Empore. Nach einer halben Stunde ertönt die „Aufräumen-Musik“, die Kinder strömen in einen Klassenraum, wo schon die Schüler der Parallelklasse warten – und nun also 48 Mädchen und Jungen gemeinsam einer Lehrerin zuhören, die etwas über den Frühling erzählt.

So geht es einen Schultag lang hin und her, alle zwanzig Minuten wechselt die Unterrichtsform. Mal lernen die Schüler allein, mal in einer großen Gruppe, heute in der eigenen Klasse, morgen altersgemischt. Im Sitzen, Liegen oder Stehen. Eine Schulstunde kann hier über vier, fünf Orte verteilt stattfinden. Je nach der Vorstellung des Lehrers – und dem Bedürfnis des einzelnen Schülers.

Große Freiheit für kleine Lernende

„Wir versuchen den Kindern möglichst große Freiheit zu geben“, sagt Ulrike Sauer, die Konrektorin. Die Kinder erarbeiten ihre Aufgaben nach einem Wochenplan selbstständig. Auch Lernmaterial und Lernort dürfen sie sich oft aussuchen. Manchem mag das wie Chaospädagogik erscheinen, bei der die Lehrer wenig zu tun haben. Das Gegenteil stimmt: Denn die Kinder wissen recht gut, was zu tun ist. Und die Lehrkräfte sind stets beschäftigt. Sie widmen sich Kindern, die mehr Förderung brauchen, stehen für Fragen bereit und müssen als Regisseure des Geschehens alle Schüler stets im Blick haben. In normalen Schulen würden Mauern so einen Austausch verhindern, hier sind alle Räume durch Glasfenster optisch miteinander verbunden.

Statt Lehrer und Schüler gibt es Lernbegleiter und Lernpartner

Nicht nur die Schüler, auch die Lehrerinnen und Lehrer arbeiten klassenübergreifend zusammen: Zwar haben Marie und Kira noch eine echte Klassenlehrerin, doch jeder Kollege im Lernhaus ist auch für alle anderen Schüler zuständig. Das Gleiche gilt für die Erzieherinnen, die nach der Mittagspause die Regie für den Nachmittag übernehmen. Dann wird aus der Schule ein Hort, und die Lernräume werden zu Spiel-, Theater- und Bastelflächen.

Man kann sich das einzelne Lernhaus – an diesem Standort gibt es fünf – wie eine kleine Schule in einer großen vorstellen: mit eigenem Stundenplan, gemeinsamen Fortbildungen und Konferenzen sowie einem Teamzimmer, in dem jede Pädagogin ihren Schreibtisch hat. „Für Lehrer, die für sich bleiben möchten und die Hoheit über ihren Unterricht nicht teilen wollen, ist das Konzept nichts, aber bietet ihnen zumindest eine Möglichkeit, Neues zu erproben“, sagt der Schulplaner Rainer Schweppe, auf den die Lernhaus-Idee maßgeblich zurückgeht. Und tatsächlich findet man an anderen neu gebauten Schulen auch Lehrer, die die Glasscheiben mit Plakaten zukleben.

Pädagogen als Innenarchitekten

In Hamburg heißt das Lernhaus „Klassenhaus“, in Berlin „Teamhaus“, Architekten sprechen von „Clustern“. Das Prinzip ist ähnlich. Die Wände lassen sich verschieben, aus zwei Räumen wird ein großer. Jeder Pädagoge kann so selbst zum Innenarchitekten werden. Diese Flexibilität erwies sich in der Corona-Zeit als hilfreich. „Die große Gesamtfläche des Lernhauses machte es einfacher, Abstände einzuhalten und durchzulüften“, sagt Konrektorin Sauer.

Da in den Clustern die kasernenartigen Gänge wegfallen, steigt die pädagogisch nutzbare Fläche. In Berlin soll jeder Grundschüler in den neuen Bauten 7,4 statt 5,8 Quadratmeter zum Lernen haben, bei den Sekundarschülern sind es 8,8 statt 6,9 Quadratmeter, inklusive Gemeinschaftsflächen. „Die Flurschule ist tot“, verkündete die Bauwelt, eine wichtige deutsche Architekturzeitschrift.

Tatsächlich ist der moderne Schulbau auch für Architekten wieder attraktiv. Weltweit sind aufsehenerregende Bauten entstanden. Die Eingänge dort ähneln den großzügigen Foyers moderner Museen. In den Innenräumen denkt man eher an die lässig-bunte Bürowelt von Google als an eine Schule. Im Kopenhagener Ørestad-Gymnasium, entworfen vom dänischen Büro 3XN, gehen von einer geschwungenen Holztreppe über vier Stockwerke offene Lernlandschaften ab. Zu visionären Schulbauten gehört auch die Neue Schule Wolfsburg mit ihrer großen Aula oder die entstehende Helios Universitätsschule in Köln mit ihren riesigen Fenstern.

Lehrer heißen hier Lernbegleiter

Und im kleinen Wutöschingen, kurz vor der Schweizer Grenze, gibt es eine Schule, die von der alten Struktur so gut wie gar nichts mehr übrig gelassen hat. „Nirgendwo steht doch geschrieben, dass Unterricht in Klassen, Klassenräumen und durch Klassenlehrer stattzufinden hat“, sagt der Deutschlehrer Valentin Helling an der Alemannenschule. Wenn Helling per iPad durch die Schule führt, geht es durch „Lernateliers“ und „Input-Räume“, vorbei an Sofa-Nischen und „Rückfragedesks“ (vulgo Lehrerpult). Die Lehrer heißen hier natürlich nicht mehr Lehrer, sondern Lernbegleiter, und aus Schülerinnen werden Lernpartnerinnen.

Der Wow-Effekt stellt sich bei einem Besuch im „weißen Haus“ der Oberstufe ein. Jeder Schüler an der Alemannenschule hat seinen eigenen Schreibtisch; hier soll er sein Lernpensum weitgehend selbstbestimmt erarbeiten. Im „weißen Haus“ stapeln sich diese Arbeitsplätze auf hellen Holzgestellen über zwei Stockwerke. Das Ganze sieht aus wie eine mit Treppen verbundene Hochbetten-Landschaft. Rund 40 Schüler sitzen gerade am Computer oder über ihren Heften, doch man hört sie kaum, sie flüstern.

Die Alemannenschule in Wutöschingen zeigt, was selbst in einer normalen staatlichen Schule möglich ist. Hier verbinden sich Pädagogik und Architektur in einer republikweit wohl einzigartigen Weise. Ein ganzes Buch füllt die über Jahre erarbeitete Philosophie mit ihren Glaubenssätzen („Unterricht ergänzt Freiarbeit – nicht umgekehrt“) und Regeln („Auf den Sofas nicht chillen, nur lernen“). Die meisten Schulen in Deutschland experimentieren beim Neu- oder Umbau dagegen weit weniger radikal.

Der Raum ist der „dritte Pädagoge“

Hamburg zum Beispiel errichtet die meisten neuen Schulen zwar nach dem Clustermodell, aber in Modulbauweise. Dabei werden einzelne Elemente – Wände, Decken, Toiletten – in der Fabrik vorgefertigt und vor Ort in wenigen Wochen zusammengesetzt. Der Vorteil: Nirgendwo in Deutschland baut man so schnell wie in der Hansestadt. Die Gefahr: eine neue Gleichförmigkeit.

Es heißt oft, der Raum sei der „dritte Pädagoge“ (neben Lehrkräften und Mitschülern). Wenn der Satz des italienischen Erziehungswissenschaftler Loris Malaguzzi stimmt, dann ist dieser Pädagoge in Deutschland noch recht konventionell gesinnt.

Welchen Einfluss hat der Raum auf den Lernerfolg?

Das liegt auch daran, dass die Lehrerinnen und Lehrer selbst nur über ein „geringes Schulraum-Wissen“ verfügen. So jedenfalls lautet das Resultat einer Befragung an der Universität Gießen. „Der Großteil der angehenden Lehrkräfte hatte nur die wilhelminische Flurschule vor Augen“, beschreibt Uni-Mitarbeiter Maximilian Kopp die Ergebnisse. In der Pädagogenausbildung (ausgenommen die Ausbildung der Waldorf-Lehrer) kommt die Schularchitektur nicht vor. Und auch die Bildungsforschung interessiert sich kaum für das Thema. So ist es empirisch weitgehend ungeklärt, welchen Einfluss der Raum auf den Lernerfolg hat. Wenn jetzt in Deutschland viele Milliarden verbaut werden, sollte man zumindest das etwas genauer erkunden.

Keine Umgebung garantiert guten Unterricht

Natürlich kann keine Umgebung guten Unterricht garantieren. Doch ebenso klar ist: Leistungsdifferenziert zu unterrichten gelingt eher, wenn eine Lehrkraft zwei Räume bespielen kann anstatt nur einen. Auch die Zusammenarbeit eines Kollegiums – das ist sehr wohl ein empirisch gesicherter Erfolgsfaktor – klappt besser, wenn es mehr gibt als ein enges Lehrerzimmer für alle.

Bislang aber hatten Lehrer nur wenig Mitspracherecht über ihren Arbeitsplatz. Wenn Schulen neu errichtet wurden, machten die Kommunen die Sache weitgehend allein mit den Architekten aus. Kostenvorgaben und DIN-Normen sind da wichtig, pädagogische Motive weniger. Und manches Gebäude, das Architekten mit Preisen adelten, empfanden die Lehrer, die drinnen arbeiteten, als ewige Strafe. Doch auch das ändert sich nun.

„Diese Mauern da kommen weg“, sagt Andreas Krenz, „und da kommt etwas Neues hin.“ Der Schulleiter des Berliner Schadow-Gymnasiums zeigt auf ein paar Vitrinen in einer Treppenhausnische. Darin ein paar ausgestopfte Tiere, die wahrscheinlich schon Vicco von Bülow alias Loriot unbeachtet ließ, als er in den 1930er-Jahren hier zur Schule ging.

Das Schadow-Gymnasium ist über 100 Jahre alt und eine wahre Burg: dicke Mauern aus Backstein, ionische Säulen und Wendeltreppen; über allem thront ein imposanter Turm. Für Denkmalschützer ist die Schule ein Traum, für Pädagogen weniger. „In diesen Gebäuden ist einfach keine Schulentwicklung mehr möglich“, sagt der Schulleiter.

Für die Ewigkeit gebaut

Altdeutsche Schulhäuser haben einen Vorzug: Sie halten ewig. Ihr Makel: Sie halten ewig. Was also tun mit Klassenräumen, die einst für weniger als 20 Schüler konzipiert wurden? Immerhin durften Krenz und sein Kollegium von Beginn an mitentscheiden, als an ihrer Schule eine Generalsanierung anstand.

„Phase Null“ nennt sich das Partizipationsverfahren. Dabei wird den offiziellen Bauabschnitten (Phasen eins bis neun) eine Etappe vorgeschaltet. „In der Phase null soll die Schule gegenüber den Architekten und der Bildungsverwaltung eigene Ideen entwickeln“, sagt Barbara Pampe von der Montag Stiftung, die das Konzept mitersonnen hat.

Schulleitung und Lehrkräfte, aber auch Schüler und Eltern, versuchen dabei gemeinsam herauszufinden, wie ihre Schule in Zukunft aussehen soll. „Anfangs haben wir uns gar nicht getraut, kreativ zu sein“, erinnert sich Schulleiter Krenz. Aber die Moderatorin des Prozesses – jede Phase Null hat eine professionelle Begleitung – appellierte an die Beteiligten: Lasst euch von bisherigen Erfahrungen nicht beschränken, denkt voraus! Schließlich müsse das Konzept mindestens 30 Jahre tragen.

Am Ende stand keine Revolution („wir denken gymnasial“), aber eine klare Weiterentwicklung: Mehr Teilungsräume für abwechslungsreichen Unterricht, zusätzliche Orte, an denen sich Lehrer austauschen sollen – und eine Aula, die zum Selbstlernzentrum für die Oberstufe umgebaut wird. Zudem bekommt die Schule, die aus zwei Gebäuden besteht, eine verbindende neue Mensa und damit erstmals eine Mitte.

Bald also wird das Schadow-Gymnasium zur Großbaustelle. Das bedeutet jahrelanges Getöse, Staubnebel und Unterricht in Containern. Wenig belastet eine Schule so sehr wie ein Umbau. „Gerade deshalb ist es so wichtig, dass ein Kollegium in die Planung einbezogen wird“, sagt Schulleiter Krenz. Damit alle wissen: Es lohnt sich, denn danach passen Form und Inhalt endlich wieder besser zueinander.