Dieser Artikel erschien am 17.02.2019 auf SPIEGEL ONLINE

Anonymes Lehrergeständnis : Wie Werbung das Klassen­zimmer erobert

Ein Smartboard mit Netz­anschluss im Klassen­zimmer? Toll – wären da nicht die ständigen Unter­brechungen. Unser Autor ist Lehrer und empfindet angesichts der zunehmenden Werbe­botschaften nur eins: Hilf­losigkeit.

Unterrichtssituation (Symbolbild)
Klassenzimmer in Grundschule (Archivfoto)
©dpa

Darf ich Sie zu einem Gedankenspiel einladen?

Als Klassenlehrer richte ich meinen Klassen­raum gerne so ein, wie ich es möchte. An die Wand hänge ich einen großen Kalender, einen bunten Stunden­plan, eine Tabelle mit den Klassen­diensten. Und natürlich noch Poster meiner Lieblings­unter­nehmen: Facebook, Amazon, YouTube, Whatsapp, Booking.com.

Am ersten Schultag erzähle ich den Schülern von meinem Urlaub. Ich sage ihnen, dass ich dank Airbnb das „Chillen ganz neu entdeckt“ habe, so günstig und mit Strand­blick habe ich gewohnt. Dabei war ich eigentlich pleite, aber die Commerz­bank hat mir einen günstigen Kredit gegeben. „Commerz­bank, die Bank an deiner Seite“, füge ich hinzu und zeige mit dem Daumen nach oben.

Werbung im Klassenraum, das finden Sie nicht richtig?

Stimmt, in Hamburg ist Produkt­werbung auf Werbe­flächen in der Schule verboten. Dennoch hat sich die Werbung in den letzten Jahren heimlich ins Klassen­zimmer geschlichen. Die große neue Werbe­fläche heißt Smart­board und hat ein paar tausend Euro gekostet.

Ich will auf YouTube ein kurzes Interview von Donald Trump zum Klima­wandel zeigen und mache den Browser auf. Während dieser startet, erkläre ich den Kindern die Aufgabe. Doch die starren an mir vorbei und sind völlig abgelenkt. Plötzlich blökt einer: „Jetzt gibt es bald drei Toiletten, Digga!“ Gelächter. Die ganze Auf­merksam­keit gilt einer Nachricht über die Gender­debatte in den USA, die über den Schirm tickert.

Darüber prangen die Embleme der größten amerikanischen Internet­firmen und unten eine eineinhalb Meter breite Anzeige der Commerzbank. Dabei haben wir die Start­seite schon deaktiviert, doch der Browser wirbt neuer­dings auch ganz von selbst.

Gerade erklärt nun Donald Trump dem Journalisten auf YouTube, dass er ganz eigene Wissen­schaftler und Studien zum Klima­wandel habe, als der Beitrag unterbricht. „Wie war dein Urlaub so?“, fragt Airbnb. Die Auf­merk­samkeit ist komplett weg. Ich habe das Gefühl, die Kinder haben nichts verstanden.

„Finn, google mal Klimawandel!“, ordne ich an. Wieder ganz oben: Eine Anzeige, immerhin die Guten dieses Mal – der WWF ruft zur Spende auf. Ob ich damit meinem Auftrag politischer Neutralität gerecht werde? Im Laufe der Stunde schauen wir uns noch ein paar Berichte und Statistiken aus verschiedenen Zeitungen an und immer wieder taucht dieses Werbe­banner für Adidas-Turn­schuhe auf.

Tücken des Online-Einkaufs

Genau solche, wie ich sie mir in der Pause über meinen privaten Amazon-Account bestellt habe. Ich merke, wie die Schüler darüber tuscheln. Gut, dass ich das Medikament gegen Darm-Würmer direkt in der Apotheke gekauft habe.

So oder so ähnlich läuft Unterricht heute in vielen Tausend Schulen ab und die meisten Kollegen gehen mit dem Thema Werbung so arglos um wie ich: Wer die Vorteile von YouTube und Co. genießen möchte, muss anscheinend mit Werbung leben. Ad-Blocker, noch strengere Mail­filter, ein werbe­freier Bildungs­browser, der nur gute, spaßfreie Seiten anzeigt? Wenn wir ganz konsequent wären, bliebe das Internet für uns wohl ziemlich leer.

Trotzdem klafft da neuerdings diese Lücke zwischen Gesetz und Realität, in die nur so lange keiner fällt, bis uns ein findiger Jurist Böses will. Das Smart­board eröffnet uns viele Möglichkeiten; gleich­zeitig ist Schule damit immer mehr zur Werbe­veranstaltung geworden.

Ich wundere mich nur, warum es bisher noch keine ziel­gruppen­gerechte Werbung gibt. Für Internet­betreiber ist es heute ein Leichtes, heraus­zufinden, was für ein Gerät am Ende der Leitung hängt.

Aber vielleicht liest ja ein aufmerksamer Marketing-Mensch mit. Wenn wir in den nächsten Wochen Werbung für Clearasil, Fortnite und Bibis Beauty-Palace bekommen, werde ich es wissen.

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