Schülervertretung : Wie viel Demokratie lassen Schulen zu?

Lucas Valle Thiele (17), Landesschülervertreter in Berlin, fordert im Interview mit dem Schulportal mehr Partizipation von Schülerinnen und Schülern in der Schule. Häufig würden die Kinder und Jugendlichen in den Schulen nicht ausreichend über ihre Mitbestimmungsrechte aufgeklärt. Am 5. Dezember diskutiert Lucas Valle Thiele gemeinsam mit dem Präsidenten der Kultusministerkonferenz (KMK) Helmut Holter darüber, wie die Demokratiebildung an Schulen besser werden kann.

Florentine Anders / 10. Dezember 2018
Lucas Valle Thiele ist Sprecher des Landesschülerausschusses in Berlin.
©privat

Schulportal: Kommt aus Ihrer Sicht Demokratiebildung in der Schule zu kurz? Wie ist Ihre eigene Erfahrung?
Lucas Valle Thiele: Auch wenn das von Schule zu Schule unterschiedlich ist, kann man insgesamt mit Sicherheit sagen, dass Demokratie in der Schule zu kurz kommt. Ich zum Beispiel habe in der Mittelstufe wie viele Schülerinnen und Schüler im Unterricht kaum etwas über die Grundlagen der Verfassung und unseres demokratischen Systems gelernt. Das kam erst in der Oberstufe. Aus meiner Sicht ist das viel zu spät, nicht alle Jugendlichen machen das Abitur. Ich halte es für gefährlich, wenn die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die Schule verlässt, ohne zu wissen, wie unsere Demokratie funktioniert.

Der Landesschülerausschuss in Berlin hat für ein Pflichtfach Politik in der Mittelstufe gekämpft. Mit Erfolg. Ab dem kommenden Schuljahr gibt es einen Pflichtanteil an Stunden für Politik. Warum ist das nötig, Demokratiebildung sollte doch eine Querschnittsaufgabe in allen Fächern sein?
Die Schule hat den Auftrag, die Schülerinnen und Schüler zu mündigen Bürgern zu erziehen. Ich glaube, eine demokratische Grundhaltung wurde in der Vergangenheit meist vorausgesetzt. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass Demokratie gelernt werden muss. Das zeigen auch der zunehmende Rechtspopulismus und antidemokratische Tendenzen. Inzwischen ist ein Ruck durch die Bildungspolitik gegangen und auch die meisten Schulen haben das erkannt und wollen die Demokratie stärken. Und das fängt mit dem Grundwissen darüber an. Im Geschichtsunterricht, wo die politische Bildung ursprünglich stattfinden sollte, ist dieses Thema häufig untergegangen.

Sind Sie der Meinung, dass Lehrkräfte auch eine eigene politische Haltung zeigen sollten? Oder sollten sie sich eher neutral zeigen?
Ich finde es ganz wichtig, dass politisch kontroverse Diskussionen in der Schule geführt werden. Und dabei sollten Lehrkräfte auch eine eigene Meinung vertreten dürfen. Nur so kann ein Vertrauensverhältnis entstehen, sodass auch Schülerinnen und Schüler frei äußern können, was sie denken. Schule ist kein neutraler Ort. Das Überwältigungsverbot besagt lediglich, dass Lehrkräfte ihre eigene Meinung nicht als einzig richtige darstellen und die Schülerinnen und Schüler damit nicht indoktrinieren dürfen. Zum Beispiel dürfen sie Schülerinnen und Schüler, die eine andere Meinung haben, nicht mit einer schlechteren Note bewerten. Zu einer demokratischen Schulgemeinschaft gehört es, Haltung zu zeigen. Das ist Voraussetzung für lebhafte Diskussionen.

Empfinden Sie die Schule als einen demokratischen Ort, an dem Schülerinnen und Schüler tatsächlich mitbestimmen können?
Der Partizipation wird heute auf jeden Fall ein höherer Stellenwert zugewiesen als früher. Es gibt auch ganz tolle Schulen, wo Schülerinnen und Schüler sich tatsächlich in vielen Bereichen einbringen und viele eigene Projekte umsetzen. Gleichzeitig gibt es aber auch viele Schulen in denen sich die Schülervertretungen gar nicht bilden oder wo sie in den Gremien nur eine Art Pseudofunktion haben.

Wenn es um die Mithilfe bei Schulprojekten oder um die Renovierung des Klassenraumes geht, sind sie gern gesehen. Aber sobald es um inhaltliche Entscheidungen geht, wie etwa Hausaufgaben oder um den Einsatz digitaler Medien im Unterricht, stoßen Schülervertretungen oft auf große Widerstände. An vielen Schulen fehlt auch die Aufklärung, wo Schülerinnen und Schüler überall mitbestimmen dürfen. Vielen Kindern und Jugendlichen ist gar nicht bewusst, dass Partizipation ein Menschenrecht ist. Das ist auch bei vielen Lehrkräften und Schulleitungen noch nicht angekommen. Hier brauchen wir einen echten Bewusstseinswandel. Partizipation ist nicht nur als Mittel zur Demokratiebildung sinnvoll – die ganze Schulgemeinschaft profitiert von engagierten Schülerinnen und Schülern.

Sie fordern als Schülervertretung in Berlin nicht nur einen Bewusstseinswandel, sondern auch strukturelle Veränderungen. Warum?
Demokratiebildung an Schulen braucht auch bestimmte Rahmenbedingungen. Wir fordern zum Beispiel, dass jede Schülervertretung auch ein eigenes Budget hat, um unabhängig Projekte auf die Beine stellen zu können. Auch personell sollten die Vertretungen gestärkt werden. Durch den Bundesfreiwilligendienst können Schülervertretungen zum Beispiel begleitet werden. Viele Schülerinnen und Schüler wissen ja nicht von Anfang an, wie man die Gremienarbeit effektiv organisiert. Auch die Aufklärung über Rechte kann durch eine erfahrene Person verbessert werden.

Glauben Sie, dass digitale Medien bei der Demokratiebildung in der Schule hilfreich sein können, oder schaden sie aus Ihrer Sicht eher?
Digitale Medien können demokratische Prozesse unterstützen. Ich kann mich viel schneller vernetzen oder auch mal schnell eine Umfrage starten, wenn ich eine Rückmeldung benötige, was die Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Thema denken. Gleichzeitig gehen mit digitalen Medien auch Gefahren einher, zum Beispiel durch Fake News, Suchblasen oder Social Bots. Manchmal tendieren Diskussionen, die in einem Chat geführt werden, auch zu einer Oberflächlichkeit. In jedem Fall haben die neuen Medien einen enormen Einfluss auf unsere Demokratie, sowohl im Positiven als auch im Negativen. Deswegen ist es eine wichtige Aufgabe der Schule, Aufklärung zu leisten. Nur so wird ein reflektierter Umgang mit den neuen Medien sichergestellt und so können die Chancen, die der digitale Wandel mit sich bringt, bestmöglich genutzt werden.

Statt sich aber im Unterricht kritisch damit zu beschäftigen, reagieren viele Schulen leider ausschließlich mit pauschalen Handyverboten. Wir sind gegen solche Verbote. Sie machen die Sache für die Schule zwar einfacher, doch verlagern sie bestehende Probleme in erster Linie nur, statt sie zu lösen. Schule soll ein Spiegel der Gesellschaft sein und uns auf unser späteres Leben vorbereiten. Digitale Bildung ist dafür ebenso wie Demokratiebildung essentiell. Und neben der Theorie braucht es immer auch ein „Learning by Doing“.

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