Dieser Artikel erschien am 04.09.2019 in DIE ZEIT
Autor: Martin Spiewak

Schüler : Wie sprecht ihr über mich?

Klagende Lehrer, meckernde Eltern – dazwischen die armen Schüler. Mit diesen Klischees räumt eine neue Studie auf.

Bloß kein Stress! Die meisten Eltern können die Schule ihres Kindes weiterempfehlen.
Bloß kein Stress! Die meisten Eltern können die Schule ihres Kindes weiterempfehlen.
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Sie gelten als die neuen Sorgenkinder der Schule: Eltern. Schwer erziehbar seien sie, mitunter hyper­aktiv, so der Befund der Medien. Zwei Problem­gruppen wurden ausgemacht: Die eine bleibe der Schule permanent fern, denn die Bildung von Kevin und Aişe, die Zukunft ihrer Söhne und Töchter, sei diesen Eltern egal. Die Mitglieder der anderen Gruppe dagegen schwirrten schon morgens wie Kampf­drohnen mit ihrem Nachwuchs in den Klassen­raum und meldeten noch spätabends per E-Mail Diskussions­bedarf an. Betreff: „Letzte Mathe­note von Sophie-Marie – DRINGEND“.

Das Deutsche Schulbarometer

Schüler: Das Deutsche Schulbarometer


© ZEIT-Grafik

Akademikermütter drohten mit dem Anwalt, Migranten­väter würden hand­greiflich, und jeder zweite Eltern­abend arte zum Tribunal aus: Glaubt man den Medien, dann befinden sich Eltern und Lehrer im Dauer­clinch.

Doch was, wenn solche Konflikte eher Ausnahmen sind? Und was, wenn die angebliche Stress­beziehung zwischen Eltern und Lehrern meist gar keine ist?

Ein sehr viel positiveres Bild jeden­falls ergibt sich, wenn man Mütter und Väter fragt, wie sie die Schule ihrer Kinder konkret beurteilen. Das hat das Meinungs­forschungs­institut Infas für das Deutsche Schulbarometer getan. Das überraschendste Ergebnis dieses Schulbarometers: Die meisten Eltern stehen den Lehrern ihrer Kinder respekt­voll gegen­über und sehen eher ein Miteinander als ein Gegen­einander. So fühlt sich die über­wiegende Mehr­zahl der befragten Eltern „ausreichend informiert“, sie finden die Beurteilung ihrer Kinder „fair“ und „nach­voll­zieh­bar“. Die befragten Mütter und Väter erleben durchaus Probleme: Unterrichts­aus­fall und fehlende individuelle Förderung stehen oben auf der Sorgenliste. Besonders die leistungs­starken Kinder kommen laut der Befragung im Unterricht zu kurz – selbst jene auf dem Gymnasium.

Insgesamt jedoch zeigen sich 75 Prozent der Eltern an weiter­führenden Schulen so zufrieden, dass sie „ihre“ Schule weiter­empfehlen würden, unter den Grund­schul-Eltern sind es sogar 80 Prozent. Katastrophen­stimmung? Lehrer­bashing? In der Studie findet sich davon keine Spur.

Im Gegenteil: Wer nah dran ist an der Schule und den Lehrern, scheint ihnen eher mit Anerkennung zu begegnen. Das haben schon frühere Erhebungen gezeigt, in denen Eltern die Lehr­kräfte durch­gehend besser beurteilt haben als die Bevölkerung insgesamt. In Letzterer mag noch immer die Meinung verbreitet sein, Lehrer seien Halb­tags­jobber mit vollem Gehalt. Väter und Mütter sehen das anders: Sie halten die Lehr­kräfte ihrer Kinder in der Mehr­zahl für „engagiert“, und 75 Prozent von ihnen glauben, dass Lehrer „einen anstrengenden Beruf“ hätten.

Ruby Mattig-Krone überraschen diese Zahlen nicht. Dabei ist sie die offizielle Anlauf­stelle für Eltern­beschwerden in Berlin, dem Bildungs­krisen­land Nummer eins. Jeden Tag erreichen die Ombuds­frau ein halbes Dutzend Anrufe und E-Mails, dazu kommt ihre eigene Erfahrung als Mutter von drei Kindern und langjährige Eltern­sprecherin. Mit Horror­meldungen aus der Kampf­zone Schule kann Mattig-Krone trotzdem nicht dienen.

Wie kooperieren Familie und Schule am besten

Die einen sind für eine ganze Klasse zuständig, die anderen denken im Zweifels­fall vor allem an ihr eigenes Kind. Für die einen sind die Normen der Schule bekannte Grund­lagen ihrer Arbeit, für die anderen Regeln, die man lernen muss – und mit­gestalten kann. Lehrer und Eltern haben ähnliche Ziele, doch unter­schiedliche Rollen. Worauf bei der Zusammen­arbeit zu achten ist:

1. Wenn sich Eltern und Lehrer das erste Mal bei einem Krisen­gespräch gegen­über­sitzen, ist das ungünstig. Deshalb: je regel­mäßiger die Kontakte, je viel­seitiger die Begegnungen, desto besser. Elternabende sind gesetzlich vorgeschrieben, manchmal auch Eltern­sprech­tage oder Lern­entwicklungs­gespräche. Darüber hinaus besuchen manche Lehrer vor der Einschulung die Familie zu Hause, andere Schulen veranstalten Begrüßungs­feiern, informieren per Eltern­brief, bieten Eltern-Lehrer-Stammtische an oder regel­mäßige Sprech­zeiten.

2. WhatsApp ist kein guter Kommunikations­kanal zwischen Eltern und Lehrern, besser funktioniert es per E-Mail. Manche Schulen haben eine eigene Kommunikations­etikette: Wen sollen Eltern wann anschreiben? Wie lange darf sich die Schule höchstens mit der Antwort Zeit lassen? Das eine oder andere Streit­thema erübrigt sich auch nach einem Gespräch mit den Eltern­vertretern.

3. Um Migranteneltern und solche aus bildungsfernen Familien für die Schule zu gewinnen, braucht es kulturelle Offenheit, Ideen – und Frustrations­toleranz. Gute Willkommens­zeichen sind Weg­weiser in Herkunfts­sprachen. Hilfreich sind auch Lehrer, Sozial­arbeiter sowie engagierte Väter und Mütter, die die andere Kultur kennen. Die Mühen lohnen sich: Eine enge Bindung der Eltern an die Schule schlägt sich in den Schüler­leistungen nieder.

Die Anliegen der Eltern sind andere: Darf die Lehrerin meiner Tochter wirklich das Handy wegnehmen? Wie viele Haus­aufgaben sind in der dritten Klasse angemessen? Was kann ich tun, wenn mein Sohn keinen Platz in der Wunsch­schule bekommt? Oft fehlten den Eltern Informationen, sagt Mattig-Krone, und manchen Lehrern das Verständnis für die Sorgen der Eltern um ihr Kind. Über die allgemeine Bildungs­politik schimpfen viele, in allen Bundes­ländern. Aber auch die Ombuds­frau sagt: „Das Verhältnis zwischen Eltern und Lehrern vor Ort funktioniert viel besser als oft vermutet.“

Das bedeutet nicht, dass es nichts zu verbessern gäbe. Denn Eltern­arbeit ist für viele Lehrer und Lehrerinnen immer noch ein eher ungeliebtes Neben­fach. Schulen haben Fachleute für Sprach­förderung und für Inklusion, jemand kümmert sich speziell um IT oder die Bibliothek – und muss als Ausgleich für diese Extraarbeit weniger unterrichten. Über ausgewiesene Experten für den Kontakt zu den Eltern verfügt kaum ein Kollegium. Und so gut wie keine Lehrerin hat im Studium gelernt, wie sie einen Elternabend bestreitet oder ein Krisen­gespräch mit einer aufgebrachten Mutter führt. „Nicht Professionalität, sondern Persönlichkeit spielt hier immer noch die wichtigste Rolle“, sagt Andrea Kötter-Westphalen, die im Hamburger Landes­institut für Lehrer­bildung und Schul­entwicklung für das Thema Eltern­arbeit zuständig ist. Im Konflikt­fall kann sich das rächen.

Lehrer und Eltern sind aufeinander angewiesen

„Einzelne Väter und Mütter können schon sehr massiv werden“, sagt Kötter-Westphalen. Drohungen oder gar Anzeigen sind aber selten, die vermeintliche Klage­welle von Eltern ist ein Mythos. In die Welt gesetzt haben ihn auf Schulrecht spezialisierte Anwälte und Lehrer­lobbyisten, die natur­gemäß ein Interesse daran haben, die Lage zu dramatisieren. Doch selbst in großen Bundes­ländern landen nur sehr wenige Schul­streitig­keiten vor Gericht. Wogegen sollen Eltern auch klagen? Gegen die Nicht­versetzung ihres Kindes? Das Sitzen­bleiben ist weit­gehend abgeschafft. Gegen eine versagte Empfehlung fürs Gymnasium? Nur noch in Bayern bestimmt die Schule darüber, wie es nach der vierten Klasse weiter­geht. Im Rest der Bildungs­republik können sich Eltern über das Urteil der Lehrer hin­weg­setzen.

Redebedürfnis

Schüler: Redebedürfnis


© ZEIT-Grafik

Was die Schulen immer wieder beschäftigt, sind andere Fälle: Mütter, die über den Klassen-Chat Stimmung gegen Lehrer machen. Väter, die bei einer vermeintlich ungerechten Note gleich den Schulrat anschreiben. Erziehungs­berechtigte, die nicht einsehen wollen, dass sie Hilfe benötigen, weil die Erziehung sie über­fordert.

Um eine Eskalation zu vermeiden, plädieren Experten für Eltern­arbeit wie Andrea Kötter-Westphalen für „klare, verbindliche Standards“. Die jedoch fehlen bislang an vielen Schulen. Das fängt mit der Kommunikation an, wie das Schulbarometer belegt. Das wichtigste Medium ist danach nicht das Telefon­gespräch oder die E-Mail, sondern noch immer der Zettel im Schul­hefter.

Zwar hat die elektronische Post ein halbes Jahr­hundert nach der Erfindung der E-Mail die meisten Schulen erreicht: Drei Viertel der im Schulbarometer befragten Eltern geben an, sie könnten die Lehrer per E-Mail kontaktieren. Das bedeutet im Umkehrschluss jedoch, dass jeder vierte Vater, jede vierte Mutter diese Möglichkeit noch immer nicht hat – überraschend viele. In der Grund­schule gilt das sogar für mehr als jeden dritten Eltern­teil. Technisch wäre es ein Leichtes, für jeden Lehrer eine eigene Arbeits-E-Mail-Adresse einzurichten. Doch es gibt ein Problem: „Man kann die Schulen weder zwingen, das zu tun, noch die Lehrer dazu zwingen, die E-Mails auch zu lesen und zu beantworten“, sagt die Berliner Ombuds­frau Mattig-Krone. Und die Kommunikation stockt nicht nur im digitalen Bereich. Eine große Zahl der Eltern erklärt, an ihrer Schule gebe es keine „regel­mäßigen Gesprächs­angebote“ durch die Lehrkräfte. Auch das eine verpasste Chance.

Besonders zu einem Thema wünschen sich Eltern laut Schulbarometer einen intensiveren Austausch mit den Lehrern: dem Unterricht. Damit dürfte in der Regel nicht gemeint sein, dass Väter und Mütter darüber reden wollen, wie man eine gute Mathe­stunde plant oder welches Deutsch­buch etwas taugt. Vielmehr wünscht sich mehr als die Hälfte der Eltern schlicht, „die Verbesserung der Unterrichts­qualität stärker thematisieren zu können“. Bislang sei das kaum möglich.

So können Eltern wenig tun, wenn ihr Kind davon berichtet, dass die Englisch­lehrerin laufend Fehler mache. Und wenn der Mathe­lehrer den Lösungs­weg nicht erklären kann und die Noten absacken, bleibt ihnen oft nicht viel mehr, als privat Nach­hilfe zu organisieren. Der Unterricht ist in Deutschland in weiten Teilen immer noch ein abgeschirmter Bereich, in den sich viele Lehrerinnen und Lehrer ungern hinein­schauen lassen.

Dialog

Schüler: Dialog



„Das ist eine Blackbox“, sagt Hans Anand Pant von der Deutschen Schulakademie. Der Berliner Bildungs­forscher zitiert eine Studie, wonach nur neun Prozent der deutschen Lehrer ihren Kollegen regel­mäßig Feedback zum Unterricht geben – und 39 Prozent tun dies nur einmal im Jahr oder niemals. Das Schulbarometer zeigt die Folgen dieser Abschottung. Viele Eltern sind skeptisch, insbesondere was den praktischen Nutzen des Gelernten für die Zukunft angeht. Nur knapp die Hälfte von ihnen meint, dass die Schule ihre Kinder ausreichend auf das Leben vorbereite.

Eltern erziehen, Lehrer unterrichten, ansonsten lässt man sich in Ruhe: Diese traditionelle Arbeits­teilung gilt längst nicht mehr. Zum einen ist die Schule – Stichwort Ganz­tags­schule – selbst zum Lebens­raum geworden. Zum anderen sind Eltern heute besser qualifiziert und damit anspruchs­voller als früher. Die meisten Mütter und Väter wissen, wie überragend wichtig Bildung ist. Diese Eltern wollen über die Zukunft ihrer Kinder auch in der Schule mitreden.

Lehrer und Eltern sind aufeinander angewiesen. So wie die einen heute als Co-Erzieher agieren, sind die anderen zu Co-Lehrern geworden. Doch trotz aller Schwierig­keiten: Das Schulbarometer zeigt, dass diese Zweck­beziehung besser gelingt, als viele denken.

Quellen

Das Deutsche Schulbarometer ist eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT

Infas hat für die Studie 1011 Väter und Müttermit Kindern an Grund­schulen und weiter­führenden Schulen in ganz Deutschland befragt

Sämtliche Ergebnisse und Hinter­grund­material­finden Sie auf dem Deutschen Schulportal unter www.deutsches-schulportal.de

Initiiert haben es Bosch Stiftung, Deutsche Schulakademie und Heidehof-Stiftung in Kooperation mit der ZEIT-Verlagsgruppe