Dieser Artikel erschien am 28.11.2018 in der taz
Autorin: Susanne Memarnia

Integrationspolitik in Berlin : Wie normal ist das denn?

Neukölln hat ein neues Integrations­konzept vorgestellt, das wegweisend sein will, indem es Integration zum Normal­fall erklärt.

Ist stolz auf die „multikulturelle Großstadt“ Neukölln: Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) im Gebetsraum der Bosniakischen Islamischen Gemeinde (in Kreuzberg).
Ist stolz auf die „multikulturelle Großstadt“ Neukölln: Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) im Gebetsraum der Bosniakischen Islamischen Gemeinde (in Kreuzberg).
©dpa

Neukölln will wieder einmal Vorbild sein in Sachen Integration. Seit vor 12 Jahren Stühle flogen an der Rütli-Schule und die Lehrer darauf­hin einen „Brand­brief“ schrieben, der bundesweit für Aufsehen sorgte, ist der Bezirk bemüht, die These „Multikulti ist gescheitert“ zu wider­legen. Viel­gelobte Projekte wie die Stadt­teil­mütter wurden entwickelt, reichlich Förder­gelder (von Land, Bund und EU) in die Hand genommen. Im Vergleich zu anderen Kommunen, die vor ähnlichen Heraus­forderungen stehen, habe man daher heute „einen enormen Erfahrungs­vorsprung“, erklärt Bezirks­bürger­meister Martin Hikel (SPD) im neuen Integrations­konzept des Bezirks, das am Dienstag vor­gestellt wurde.

Die wichtigste Botschaft des Konzepts, das „Orientierung für andere Kommunen und Städte“ bieten soll, indem es einen Über­blick gibt über die bezirkliche Arbeit auf diesem Feld: Integration ist die Befähigung zu echter Teil­habe an der Gesellschaft. „Und zwar als Standard“, wie ­Hikel betonte. „Darum muss Integration Normalität sein, nichts Besonderes mehr“, so wie es nichts Besonderes sei, dass viele Menschen im Bezirk einen Migrations­hinter­grund haben.

Doch was bedeutet es konkret, „dass Integration am besten gelingt, wenn sie als Normalität gilt“, wie es im Konzept heißt? Basis aller Integration, so Hikel dann doch wieder ganz alt­modisch, „sind Bildung und finanzielle Unabhängig­keit“. Wichtig seien daher nach wie vor Projekte, die das Schul­schwänzen bekämpfen, „notfalls bis zum Buß­geld­verhängen“. Auch müssten die gebundenen Ganz­tags­schulen weiter ausgebaut werden, so Hikel – dies sei auch wichtig, „wenn Eltern nicht mitziehen“.

In diesem Zusammenhang forderte der Bezirks­bürger­meister auch eine Reduzierung der Pflicht­stunden für Lehrer, damit diese mehr Zeit für die Vorbereitung ihres Unterrichts haben, der in heterogenen Klassen besonders schwierig sei. „Die härtesten Kieze brauchen die besten Schulen“, sagte er. Um dem Pro­blem zu begegnen, dass nach wie vor manche Kinder nicht genügend Deutsch können, wenn sie in die Schule kommen, sprach er sich perspektivisch – „wenn der Personal­bedarf an Erziehern gedeckt ist“ –, zudem für eine Kita­pflicht aus. Ob für ein oder zwei Jahre, darüber sei dann noch zu reden.

Grenzen der Integration

Die Idee der „Integration durch Normalität“, wie das neue Konzept über­schrieben ist, hat für Hikel aller­dings auch Grenzen. Befragt nach seiner Meinung zum jüngsten Urteil des Landes­arbeits­gerichts, das am Dienstag erneut einer Lehrerin mit Kopf­tuch Entschädigung zugesprochen hatte, weil sie vom Land nicht eingestellt worden war, erklärt der Bezirks­bürger­meister, er halte das Urteil für „nicht richtig“. Er höre vielfach an Schulen, dass auf muslimische Schülerinnen, die kein Kopf­tuch tragen, enormer Druck ausgeübt werde. Das würde sich verstärken, wenn es an den Schulen Lehrerinnen mit Kopftuch gäbe, erklärte Hikel. „Es gibt Prinzipien wie die welt­anschauliche Neutralität des Staates, daran müssen wir fest­halten.“ Daran ändere auch der akute Bedarf an mehr LehrerInnen nichts.