Missbrauch : Wie man seine Kinder schützen kann

Jedes Kind kann Opfer von sexuellen Übergriffen werden. Was Eltern zu dem Thema wissen sollten – die Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Dieser Artikel erschien am 04.10.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reinhard Bingener
Kinder werden eher Opfer von sexuellem Missbrauch als Opfer eines Verkehrsunfalls.
Kinder werden eher Opfer von sexuellem Missbrauch als Opfer eines Verkehrsunfalls.
©dpa

Wie hoch ist das Risiko für Kinder, Opfer zu werden?

Gar nicht so gering. Nach Berechnungen der Welt­gesundheits­organisation WHO könnten in Deutschland ungefähr eine Million Kinder Opfer von sexuellem Miss­brauch sein. Forscher schätzen, dass in einer Schul­klasse durch­schnittlich etwa ein bis zwei Kinder betroffen sind. Bei den besonders gefährdeten Förder­schülern sind es eher drei bis vier. „Solche Zahlen sind methodisch zwar eine heikle Sache“, sagt Ulli Freund, die sich seit Jahr­zehnten mit der Prävention von Kindes­miss­brauch befasst, ein Lehr­buch verfasst hat und auch für den Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindes­miss­brauchs (UBSKM) der Bundes­regierung arbeitet. „Aber ein Kind wird definitiv eher Opfer von sexuellem Miss­brauch als Opfer eines Verkehrs­unfalls. Wir sprechen hier über ein Grund­risiko der Kindheit.“ Jede Mutter, jeder Vater und jede pädagogische Fach­kraft sollte deshalb wissen, wie man sein Kind schützt.

Wo liegen die gefährlichen Orte für Kinder?

Wenn das so einfach wäre. Man muss sich klarmachen, dass überall eine Gefahr besteht: an der Bus­halte­stelle, in der Kirchen­gemeinde, im Sport­verein, in der Schule und nicht zuletzt auch im eigenen Familien- und Freundes­kreis. Meistens kennen sich Opfer und Täter. Nur in rund zehn Prozent der Fälle sind die Täter Fremde, sagt Ulli Freund. Die Präventions­expertin erklärt das Risiko daher so: „Gefährliche Orte liegen dort, wo Kinder nicht als eigen­ständige Persönlich­keiten wahr­genommen werden, ihre Rechte nicht geachtet werden. Kinder sind keine kleine Erwachsenen, aber sie sind ebenso wert­zu­schätzen. Wo das nicht passiert, steigt auch das Risiko für sexuellen Miss­brauch.“

Findet sexueller Miss­brauch eher in autoritären Strukturen statt oder eher in einem besonders liberalen Umfeld?

Diese Frage wurde breit debattiert, weil Miss­brauchs­fälle sowohl in der katholischen Kirche bekannt wurden als auch an der Oden­wald­schule, die reform­pädagogisch ausgerichtet war. Vermutlich seien beide Extreme gefährlich, erklärt Freund: eine libertäre Pädagogik, in der Hierarchien nur informell bestehen und man als uncool gilt, wenn man sich beschwert – aber auch eine autoritäre Kultur mit besonders starren Hierarchien und ohne Möglichkeit für Kritik. Die Erziehungs­wissen­schaftlerin rät daher zu einer „gesunden Mitte“: Klare Regeln und Hierarchien sind hilf­reich. Aber sie müssen Mitsprache zulassen und es erlauben, dass man sie hinter­fragt.

Sind die Täter immer männlich?

Die meisten, ja. „Dennoch gibt es da einen großen blinden Fleck“, warnt Ulli Freund. 85 bis 90 Prozent der Täter seien zwar Männer. Das heißt aber zugleich, dass es auch sexuellen Missbrauch von Frauen gibt, wenngleich dieser deutlich weniger häufig angezeigt wird und darüber so gut wie nie etwas in der Zeitung zu finden ist. Und: Frauen miss­brauchen nicht nur Jungen, sondern auch Mädchen. „Das ist vielen nicht klar; viele denken das immer in einem hetero­sexuellen Kontext“, erklärt Freund. Miss­brauch durch Frauen kann auch ähnlich brutal sein wie der durch Männer. „Für Miss­brauch braucht man keinen Penis.“

Welche Täter­strategien sollte man kennen?

Zunächst sollte man sich klarmachen: Zum sexuellen Missbrauch gehören in der Regel drei. Es gibt den Täter. Es gibt das Opfer. Und es gibt das schützende Umfeld des Kindes. Die Strategie der Täter richtet sich deshalb sowohl auf das kindliche Opfer als auch auf dessen erwachsene Beschützer – beide werden gezielt manipuliert. Das geschieht in mehreren Etappen. Am Anfang steht das „Grooming“. Der Täter pirscht sich heran. Er baut Vertrauen auf, liefert Anerkennung, hat Zeit, macht vielleicht auch Geschenke. Er entlastet die Eltern, wenn diese gestresst und über­fordert sind. Viele Täter engagieren sich für Kinder und ihre Belange und sind deshalb äußerst beliebt, auch bei den Eltern, berichtet Ulli Freund. Im Lauf der Zeit schafft der Täter dann allmählich eine Abhängigkeit und entfremdet Kinder und Eltern einander. Er erlaubt beispiels­weise dem Kind Verhaltens­weisen, die dessen Eltern nicht erlauben. Cola trinken, Erwachsenen-Filme schauen. „Das Kind wird so in ein Fehl­verhalten verstrickt“, erläutert Freund. Der Täter und das Kind haben nun gemeinsam ein Geheimnis. Mit diesem Wissen kann der Täter das Kind zum Schweigen zwingen.

Wie können Eltern ihre Kinder vor dieser Strategie schützen?

Indem sie ihren Kindern klarmachen und auch vorleben, dass Verbote zwar ernst gemeint sind, aber sie trotzdem keine Angst haben müssen, wenn sie dagegen verstoßen. Die Beziehung steht über der Norm! Kinder müssen sich jeder­zeit an ihre Eltern wenden können. Auch wenn sie heimlich eine Cola getrunken oder Erwachsenen-Filme geschaut haben. So entzieht man dem Geheimnis-Trick der Täter den Boden.

Was sollte ich meinem Kind über Geheimnisse erklären?

Eltern sollten ihren Kindern beibringen, zwischen „guten“ und „schlechten“ Geheimnissen zu unter­scheiden, rät Ulli Freund. Zum Beispiel so: „Wie fühlt sich das an, wenn wir Mama nicht sagen, dass wir ein Parfüm für sie gekauft haben? Gut – oder? Das ist ein gutes Geheimnis. Aber wenn ich ein Glas runter­schmeiße und das Mama nicht sage, dann habe ich kein gutes Gefühl. Und ein Geheimnis, das mich nicht froh macht, ist ein schlechtes Geheimnis.“ Eltern sollten ihrem Kind versprechen, dass es über schlechte Geheimnisse immer berichten darf, ohne Angst haben zu müssen (und dieses Versprechen dann auch einlösen). Wichtig: Ein Kind darf erzählen. Es muss aber nicht erzählen. Sonst setzen beim Kind Schuld­gefühle ein, falls es nicht sofort seinen Eltern davon erzählt. Das schlechte Geheimnis entfaltet dann wieder seine Macht.

Ab wann sollte man mit dem Kind über Geschlechtlichkeit und Sexualität sprechen?

Von Anfang an, rät die Präventionsexpertin. „Kinder sollten die Begriffe für die Genitalien kennen.“ Es geht darum, Kinder in Fragen ihres Körpers, ihrer Gefühle und der Sexualität allmählich sprach­fähig zu machen. Auch das kann Kinder vor Miss­brauch schützen. Statt elterlichen Ausflüchten wie „Das da unten tun wir jetzt auch in die Windel rein“ rät Freund daher zu Offenheit: „Das ist der Penis, das ist die Scheide, da packen wir jetzt deine Windel drum.“ Es sei auch normal, wenn Kinder sich selbst im Genital­bereich berühren. Wenn ein kleiner Junge seine Hand in der Hose hat und an seinem Penis rum­fummelt, sollte man das Kind nicht schnell ablenken und über sein Verhalten verschämt schweigen. Statt­dessen kann man sagen: „Ich weiß, was du machst. Du fasst deinen Penis an, das fühlt sich gut an. Machen viele Menschen, auch Erwachsene.“ Später sollte man den Kindern allmählich beibringen, dass solches Verhalten nicht in jede Situation passt, indem man etwa sagt: „Gleich kommen Gäste, und dann lässt du das bitte, die sehen so etwas nicht gerne.“ Freund rät: „Mit vier, fünf Jahren kann man ruhig mit der Scham­erziehung anfangen.“

Was ist mit den Doktor­spielen unter Kindern?

Die sind normal. „Doktorspiele fangen an mit drei, vier Jahren. Meistens im Kinder­garten oder auch unter Geschwistern“, erklärt Freund. Eltern sollten ihren Kindern aber klar­machen, dass es auch bei Doktor­spielen Regeln gibt: Nicht weh tun. Niemand darf gezwungen werden. Ein­schreiten sollten Eltern und Erzieher, wenn zwischen den Kindern ein Macht­gefälle besteht. „Wenn sich ein Sechs­jähriger eine Dreijährige holt, dann muss man das unter­binden.“

Gibt es Symptome, an denen ich erkenne, dass ein Kind miss­braucht wird?

Leider nicht immer. Und die Symptome sind in der Regel nicht eindeutig. Manchen Opfern merkt man kaum etwas an. Andere Kinder verändern sich durch den Miss­brauch. Sie ziehen sich plötzlich zurück, wirken wie weg­getreten, andere werden aggressiv und dünnhäutig, wieder andere entwickeln eine Haut­krank­heit, unspezifisches Bauch­weh oder fallen durch Müdig­keit auf. „Die Kinder können oft nicht schlafen, weil sie nachts ständig aufpassen müssen.“ Aber solche Veränderungen können auch ganz andere Ursachen als Missbrauch haben. Generell sollte man Veränderungen nicht lange beobachten, sondern zügig ansprechen.

Wie fragt man ein Kind, ob es miss­braucht wurde?

Auf keinen Fall suggestiv! Erwachsene sollten ein Kind nicht direkt nach sexuellem Miss­brauch fragen und das als Erklärung anbieten. „Falsche Bezichtigungen beruhen fast immer auf falschen Fragen“, berichtet Ulli Freund. Es reicht daher, ein Kind ergebnis­offen auf eine bestimmte Veränderung anzusprechen. Falls das Kind dann von Miss­brauch berichtet, muss man das ernst nehmen. „Kinder erfinden keinen Miss­brauch.“

Was soll man tun, wenn man den Verdacht hat, dass ein Nachbars­kind oder ein Schul­kamerad des eigenen Kindes miss­braucht wird?

Man muss bei vagen Anhaltspunkten nicht gleich zum Schul­direktor oder zum Jugend­amt rennen. Aber man sollte den Verdacht nicht auf sich beruhen lassen, sondern eine Gelegen­heit suchen, um das Kind ergebnis­offen zu fragen. Ulli Freund berichtet, dass heute erwachsene Betroffene häufig klagen, dass sie selbst von niemandem jemals gefragt wurden. „Ich halte es für einen Mythos, dass Kinder grund­sätzlich nicht über Miss­brauch sprechen können. Es ist schwer wegen der Drohungen der Täter und des Geheimnis­drucks, aber manche können es. Man muss sie nur fragen, Interesse und Offenheit zeigen. Mutmaßliche Täter sollte man hingegen nie ansprechen; das wäre womöglich gefährlich für die Opfer.“

Wo findet man kompetente Ansprech­partner, wenn man Fragen hat?

Beratung findet man zum Beispiel bei den 350 Fach­beratungs­stellen. Die nächst­gelegene Adresse findet man unter hilfeportal-missbrauch.de. Man kann sich auch an den Kinderschutzbund wenden. Zudem gibt es ein kostenloses, anonymes Hilfetelefon des UBSKM unter der Nummer 0800/2255530.

An wen kann man sich wenden, wenn man selbst zum Täter geworden ist oder Angst davor hat, Täter zu werden?

Für Täter gibt es ein relativ breites Angebot an Therapien. Für Pädophile gibt es das Präventions­netz­werk „Kein Täter werden“. „Niemand kann etwas für seine Veranlagung“, hebt Ulli Freund hervor. Vielen pädophil veranlagten Menschen gelingt es auch, ihre Neigung zu beherrschen. Hinzu kommt, dass nur eine Minder­heit der Täter pädophil veranlagt ist. Miss­brauchs­darstellungen im Internet senken auch für Nicht-Pädophile die Hemmschwellen.

Ist der Konsum von Kinder­porno­graphie bereits sexueller Miss­brauch?

Ja. Denn das Material entsteht durch Missbrauch.

Kann das Internet auch für mein Kind gefährlich werden?

Ja. Beim sogenannten Online-Grooming bauen Täter oft über Chats oder die Chatfunktion von Online-Spielen Kontakt zu den Kindern und Jugendlichen auf, geben sich dabei selbst oft teils als Gleich­altrige aus. Der Miss­brauch kann dann später bei einem Treffen oder per Video stattfinden. Die Präventions­expertin weist darauf hin, dass Kinder an der Grenze zur Pubertät empfänglich für Komplimente sind und oft auch selbst neugierig sind.

Wie sollen Eltern damit umgehen, wenn ältere Kinder oder Jugendliche anzügliche Selfies von sich verschicken?

Das Erpressungspotential solcher „Sexting“-Fotos liegt auf der Hand. Ulli Freund rät Eltern dennoch, nicht allzu streng zu sein. Denn absolute Verbote machen es einem Kind auch hier schwerer, sich seinen Eltern anzuvertrauen, falls es trotz aller Warnungen ein Nackt­foto verschickt hat und dadurch unter Druck gerät. „Man sollte sagen: Ich bin zwar dagegen. Aber wenn du das trotzdem einmal tust – das machen ja manchmal auch Erwachsene – und danach Probleme bekommst, dann kannst du immer zu mir kommen. Ich schimpfe auch nicht.“ Von der Strategie, die Kinder so lange wie möglich von Smart­phones und Internet fern­zu­halten, hält die Erziehungs­wissen­schaftlerin ebenfalls wenig. Die Eltern laufen dann Gefahr, als kompetenter Ansprech­partner auszufallen.

Wie steht es um die Prävention in Schulen, Kinder­gärten und Sport­vereinen?

Leider kann man sich bis heute nicht darauf verlassen, dass es überall Schutz­konzepte gibt. Ulli Freund rät Eltern, die jeweilige Einrichtung offen und freundlich nach einem Schutz­konzept zu fragen. Eigentlich sollten die Einrichtungen von sich aus darüber informieren.