Fragen an Experten

Psychische Störungen : Wie kann ich als Lehrerin ein depressives Kind unterstützen?

Immer wieder wenden sich Lehrkräfte an das Schulportal mit Fragen zu ihrem Schulalltag. Dabei geht es oft um ganz konkrete Situationen, in denen sie unsicher sind oder an ihre Grenzen stoßen. Expertinnen und Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen können. Hier erklärt der Psychologe Klaus Seifried, wie sich eine Lehrkraft verhalten kann, wenn eine Schülerin oder ein Schüler in der Klasse unter Depressionen leidet.

19. Oktober 2021 Aktualisiert am 21. Oktober 2021
Eine Hand liegt auf der Schulter eines Mädchens
Positive soziale Beziehungen sind eine gute Hilfe bei depressiven Episoden.
©Depot by plain picture/Frederic Ciro

Lehrerin einer Gesamtschule: Ein 14-jähriges Mädchen in meiner Klasse ist stark depressiv. Das Problem ist von Eltern, Psychologe und Lehrkräften erkannt, aber die Schülerin muss noch Monate auf einen Therapieplatz warten, weil es derzeit nicht genügend Kapazitäten gibt, um allen psychisch belasteten Kindern gerecht zu werden. Der Bedarf an Therapieangeboten für Kinder und Jugendliche ist seit der Corona-Pandemie stark gestiegen, das macht sich auch an unserer Schule bemerkbar. Ich mache mir Sorgen um die Schülerin und würde sie gern unterstützen und dazu beitragen, dass sich trotz der langen Wartezeit auf die Therapie ihr Zustand nicht verschlechtert.Gleichzeitig bin ich unsicher, was ich da tun kann.

Klaus Seifried, Schulpsychologe i.R.: Es ist gut, dass Sie sich für das Wohl Ihrer Schülerinnen und Schüler engagieren. Aber die Verantwortung für die psychische Gesundheit dieser Schülerin liegt bei den Eltern, nicht bei Ihnen als Lehrerin. Sie sind die Lehrerin und nicht die Psychotherapeutin. Solange das Mädchen noch zur Schule geht, ist ihre Situation relativ stabil.

Falls sich die Symptome verstärken sollten, wird sie vermutlich auch die Wohnung nicht mehr verlassen und nicht mehr zur Schule kommen. Dann sollten die Eltern ihre Tochter zur Ambulanz einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik bringen.

Sie können Ihre Schülerin pädagogisch unterstützen, indem Sie eine gute Beziehung zur ihr halten, nicht über ihre Probleme, Sorgen und depressiven Gedanken sprechen, sondern versuchen, sie auf Erfolge in der Schule hinzuweisen oder auf Hobbies und Dinge, die ihr Freude machen, die sie gerne macht oder gemacht hat. Verhalten Sie sich normal, wie zu anderen Schülerinnen und Schülern auch.

Die Mitschülerinnen und Mitschüler können auch helfen, indem sie das Mädchen zum Beispiel mit in die Pause nehmen, mit ihr Hausaufgaben machen, sie zum Sport mitnehmen oder sie zu Hause abholen, wenn sie nicht zur Schule kommen will. Sie sollten aber vorher mit Ihrer Schülerin besprechen, ob sie eine Unterstützung durch Mitschülerinnen und Mitschüler möchte. Erfolge in der Schule, positive soziale Beziehungen und Sport sind die besten Hilfen bei einer depressiven Episode.

Wenn Sie unsicher sind, können Sie sich natürlich auch von der zuständigen Schulpsychologin oder dem zuständigen Schulpsychologen beraten lassen.

Die Situation, die Sie beschreiben, ist tatsächlich kein Einzelfall:

Psychische Auffälligkeiten sind bei rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen zu beobachten. Depressionen treten bei 5 bis 6 Prozent, Ängste bei 10 bis 11 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Deutschland auf (Bellastudie), bei Mädchen häufiger als bei Jungen. Die Corona-Pandemie, die Schulschließungen und die Kontaktbeschränkungen haben die psychischen Belastungen bei Kindern und Jugendlichen deutlich verschärft. Der Anteil psychischer Auffälligkeiten stieg auf 30 Prozent (Copsy). Dabei stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit depressiven Symptomen  von 10 Prozent vor Corona auf 15 Prozent im Dezember 2020/Januar 2021 an.

Eine 2021 veröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung zeigte, dass sich 41 Prozent der jungen Menschen zwischen 15 und 30 Jahren psychisch belastet fühlten, 45 Prozent entwickelten Zukunftsängste (Bertelsmann Stiftung 2021). Ähnliche Ergebnisse lieferte der aktuelle UNICEF-Bericht zur Situation der Kinder in der Welt 2021.

Mehr zum Thema

Ein multiprofessioneller Leitfaden unter dem Titel „Notsignale aus dem Klassenzimmer – Hilfen und Lösungswege gemeinsam finden“ bietet für Lehrkräfte, Eltern und alle im Jugendbereich tätigen Menschen eine erste Orientierungshilfe. Fachleute aus Medizin, Psychologie und Pädagogik erklären die häufigsten psychosozialen Krankheitsbilder und zeigen Lösungswege für den Schulalltag auf. Besprochen werden unter anderem Autismus, AD(H)S, Traumatisierung, sexuelle Gewalt, Anorexie, Depression. Hier finden Sie den ausführlichen Buch-Tipp.

Die Beisheim-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums München das Infoportal „ich bin alles“  zum Thema Depression und psychische Gesundheit im Kindes- und Jugendalter erstellt. Es richtet sich an Kinder und Jugendliche mit Depression, nicht erkrankte Kinder und Jugendliche, die sich zu dem Thema informieren oder vor einer Erkrankung schützen möchten, sowie Eltern. Das deutschlandweit einzigartige Projekt informiert über die Symptomatik, Diagnostik, Ursachen, Verlauf und Behandlung von Depression sowie den Erhalt psychischer Gesundheit im Kindes- und Jugendalter.

Zur Person

Klaus Seifried
©Markus Waechter
  • Klaus Seifried ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Lehrer.
  • Er arbeitete zwölf Jahre als Lehrer und 26 Jahre als Schulpsychologe.
  • Von 2003 bis 2016 war er Leiter des Schulpsychologischen und Inklusionspädagogischen Beratungs- und Unterstützungszentrums (SIBUZ) Tempelhof-Schöneberg in Berlin.
  • Seit 1996 ist er Bundesvorstand der Sektion Schulpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).
  • Seit 2016 ist Klaus Seifried freiberuflich tätig.
  • www.klausseifried.de

Weitere Fragen an Expertinnen und Experten

Die Arbeit einer Lehrkraft ist vielseitig. Besonders Beziehungen prägen den Schulalltag und sind häufig nicht einfach. Dabei spielen der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern sowie mit den Eltern undt dem Kollegium eine Rolle. Lehrerinnen und Lehrer können sich mit Situationen, in denen sie unsicher sind, anonym an das Schulportalwenden. Expertinnen und Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen. Schreiben Sie uns an redaktion@deutsches-schulportal.de