Dieser Artikel erschien am 15.08.2018 in der taz
Autor: Daniel Zylbersztajn

London : Wie hältst du’s mit dem Hidschab?

An Englands Schulen geht man mit religiöser Kleidung und Symbolen lockerer um als in Deutsch­land. Doch sogar im kosmo­politischen London kommt es immer wieder zu Kontro­versen. Viele Schulen reden aller­dings nicht gern darüber.

Frauen tragen eine Hidschab
Kopftuchdebatte in Großbritannien.
©dpa

Die bislang letzte heftige Debatte über religiöse Kleidung an Schulen begann im November letzten Jahres. Eine Grund­schule in Ost­london hatte von heute auf morgen entschieden, ihren muslimischen Schüler­innen den Hidschab zu verbieten. Als sich dann noch die staatliche Schul­prüfungs­stelle OFSTED ein­schaltete, flammte der Streit so richtig auf: Leiterin Amanda Spielman sah in dem Hidschab schon vor der Pubertät eine unnötige „Sexualisierung von Mädchen“. Sie begrüßte die Entscheidung der Schul­leitung.

Eine ihrer lautesten GegnerInnen war Naila Naidoo. Was die 34-jährige Mutter und andere MuslimInnen störte: Sikh-SchülerInnen durften weiter Turban und Armring als Zeichen ihrer Religion tragen. Doch nur der Hidschab, den muslimische Mädchen aus religiösen Gründen ab der Pubertät tragen sollen, sei plötzlich suspekt gewesen. „Es war eine ein­seitige Maß­nahme, die uns muslimischen Familien die Wahl nahm“, schimpft sie. Und: In diese Entscheidung hätte die Schul­leitung sie nicht mit ein­bezogen. Die Positionierung der Schul­prüferin, die sich erst im Juli wieder gegen religiöse Symbole im Unter­richt aus­gesprochen hat, habe das Fass zum Über­laufen gebracht.

Das britische Erziehungs­ministerium über­lässt es staatlichen Schulen, selbst­ständig zu ent­scheiden, welche Art von religiöser Kleidung sie bei LehrerInnen und SchülerInnen für zulässig halten. Doch die Wahl­freiheit sorgt immer wieder für Aufregung.

2008 urteilte ein Gericht, dass ein Sikh-Mädchen den religiös vor­geschriebenen Arm­ring in ihrer Schule tragen durfte. In einem anderen Fall wollte ein Sikh-Junge seinen traditionellen Dolch auch im Unterricht tragen. Unmöglich aus Sicht der Schule. Um den Religions­anspruch des Schülers nach­zukommen, gewährte ihm die Schul­leitung einen kleinen Mini­dolch.

Ein anderer Fall landete sogar vor dem Obersten Gerichts­hof. Eine staatliche Schule in der Klein­stadt Luton in der Nähe von London verbot einer Schülerin, den Hidschab zu tragen. Das Urteil aus dem Jahre 2006 ist weg­weisend. Denn in ihrer Begründung hielten die RichterInnen fest, dass die Schülerin nicht diskriminiert worden sei. Erstens, weil die Schul­regeln von vorn­herein ein­deutig gewesen seien. Zweitens hätte es eine andere staatliche Schule in der Nähe gegeben, in der sie einen Dschilbab hätte tragen können.

Das Hidschab-Verbot an der Londoner Schule, das zuletzt für Auf­regung gesorgt hat, wird aber wohl nicht mehr vor Gericht landen. Der Druck auf die Grund­schule von außen wurde so groß, dass die Schul­leitung die Entscheidung inner­halb eines halben Jahres wieder aufhob. Seitdem ist der Hidschab dort also wieder erlaubt. Die Mutter Naidoo ist dennoch nicht befriedet. Sie vermutet, dass einer der Schul­verwalter islamophobe Ansichten trage. „Er versteht Islam als wahre Gefahr, und als er sich einmal in dieser Richtung verplapperte, wurde er dennoch als Schul­verwalter bei­be­halten“, so Naidoo.

Hierbei muss angemerkt werden, dass sich in England jede/r BürgerIn als Vorstands­mitglied in Schulen bewerben kann. Vorstände treffen an den Schulen die wichtigen Entscheidungen. Naidoos Tochter, die in einer anderen staatlichen Schule ist, trägt derzeit keinen Hidschab, doch in der Familie gibt es Diskussionen, welche Kleidung in der weiter­führenden Schule richtig wäre. Ob das tradi­tionelle Über­kleid für Frauen (Abaja) oder doch Jeans – Naidoo ist am Ende wichtig, dass ihre Tochter die Entscheidung selbst fällt. Von einem Zwang in der Religion hält sie nichts.

Mit ihrer Kritik am Hidschab-Verbot steht sie nicht allein da. Die Vor­sitzende der muslimischen LehrerInnen, Rukhsana Yaqoob, sagt, dass sie selbst kein Kopf­tuch trägt. Sie glaubt, dass einer der Grund­steine britischer Schulen die Ein­beziehung aller ist. 95 Prozent der muslimischen Kinder, schätzt Yaqoob, gingen auf staatliche Schulen. Ein Bann religiöser Kleidung sei da das falsche Signal. Ihr ist wichtig, dass Nicht­muslime verstehen, dass die muslimische Gemeinschaft sich keines­wegs homogen darstellt, weder ethnisch noch in der Aus­übung des Glaubens.

Rund drei Millionen MuslimInnen leben in Großbritannien, knapp 5 Prozent. Und die sind nicht die Einzigen, die religiöse Symbole mit an die Schulen bringen. Rund 800.000 Menschen sind Hindu, 420.000 Sikh, 260.000 jüdisch und 240.000 buddhistisch. Und so wie Musliminnen Kopf­tuch tragen, tragen vor allem männliche Sikh Turban (Dastar), Dolch (Kirpan) und Armreif (Kara), seltener sind jüdische Kippa oder weite muslimische Gewänder (Dschilbab) zu sehen. Yaqoob glaubt, dass nur 20 Prozent der MuslimInnen – aus Sicht des Islam – „sittliche“ Kleidung tragen. Kinder imitierten gern ihre Vorbilder. Auch Naidoo berichtet Ähnliches. „Manchmal trägt meine Tochter Dschilbab, manchmal Hidschab, manchmal Jeans. Sie zieht sich so an, wie sie sich fühlt, und spielt mit den Möglich­keiten.“

Lehrerin Yaqoob erkennt sogar eine regel­rechte Renaissance des Kopf­tuchs in London – als modisches Accessoire. Tatsächlich sieht man auf den Straßen viele Teenager und Frauen, die sowohl Hidschab als auch westliches Make-up und Jeans zusammen tragen. „Hidschab zu tragen und Feministin zu sein ist kein Wider­spruch“, sagt Yaqoob. In Zeiten, in denen islamo­phobe Hass­verbrechen so hoch sind wie noch nie, sei das ein politisches Statement.

Doch wofür das Kopftuch steht, ist unter Londoner MuslimInnen umstritten. Eine der Frauen, die findet, ein Hidschab habe an der Schule nichts verloren, ist Amina Lone, Ko-Direktorin der Denk­fabrik Social Action and Research Foundation (SARF). Lone ist selbst Muslimin und fordert, dass der Hidschab aus der Grund­schule verbannt wird. „Ich glaube an die Trennung zwischen Religion und Staat“, sagt Lone der taz. Vor allem würde verkannt, dass in England die konservative Auslegung des Islam auf dem Vormarsch sei.

Das Problem sei, dass Mädchen schon mit vier oder fünf Jahren Hidschab tragen sollen. Das ließen die Schulen teil­weise zu. „Der Liberalismus hier ist zu groß­zügig.“ Bei älteren Schüler­innen und Lehrer­innen findet sie den Hidschab aber völlig in Ordnung. Hier könne man auch von Ent­scheidungs­frei­heit sprechen.

Die Sorge Lones vor einem zu konservativen Islam ist nicht unbegründet. Vor vier Jahren stand der Vorwurf im Raum, Schulen in muslimisch geprägten Stadt­teilen von Birmingham – Englands zweit­größter Stadt – würden einen funda­mental­istischen Islam gezielt verbreiten. Eine Behauptung, die die Stadt­regierung zumindest teil­weise bestätigen musste. Eine Über­prüfung durch das Erziehungs­ministerium und der Schul­prüfungs­stelle ergab, dass einige Schulen den Musik- und Sexual­unter­richt gekürzt und andere Glaubens­richtungen herab­gesetzt hatten. Diese Richtung sei von einzelnen Schul­verwalterInnen vor­gegeben worden, die sich unter­einander aus­getauscht haben.

Einer von ihnen war Razwan Faraz, Vizeschulleiter der Nansen Grund­schule in Birmingham, der durch homo­phobe Kommentare auf­gefallen ist. „Ich bin nicht stolz auf meine damaligen Ansichten“, räumt Faraz heute ein. Er habe seine Meinung hierzu vollkommen geändert. Heute spricht er sich offen gegen Schwulen­hass aus. Dennoch behauptet er, dass an seiner Schule stets Respekt für andere kultiviert worden sei. Auch an einer Schule, an der 99 Prozent MuslimInnen seien, so Faraz, sollte die Religion nicht dominieren. Einen Hidschab zu verbieten hält er jedoch für falsch. „Ein Kind erfährt dann: So, wie ich bin, darf ich nicht sein.“

In London hingegen scheint man nicht so gern über das Thema zu sprechen. Von den 15 Londoner Schulen, die die taz für diesen Bericht anschrieb, waren nur wenige überhaupt zu einer Stellung­nahme bereit. Diejenigen, die sich äußerten, wollten anonym bleiben. Wie Schul­leiterin Luzy Sheldon, die in Wahr­heit anders heißt. Sie berichtet, dass es an ihrer Schule – neben der Schul­uni­form – keine aus­drücklichen Vor­schriften für religiöse Kleidung gebe. An der Grund­schule trügen zahl­reiche Mädchen Hidschab, viele Familien stammen aus Bangladesch und Somalia. Die einzigen Vor­schriften richteten sich an LehrerInnen. Die Kleidung muss angemessen sein. So würde man traditionelle Gewänder bei Lehr­kräften genauso oft sehen wie kurze Röcke. Sheldon glaubt, dass dies ein „einzig­artiges Beispiel für die Kinder“ abgebe. „Wir haben absichtlich keine festen Richtlinien für die Schüler­innen.“ Für Sport könne ein kurzes Kopf­tuch getragen werden, „ein Kompromiss“, sagt Sheldon, beim Schwimmen sogar ein Burkini. Denn Stoff ist Stoff: Kinder müssten schwimmen lernen, ohne Wenn und Aber, und sie bleibe stark gegen einige wenige Beschwerden von Eltern, die etwas gegen die Vermischung von Mädchen und Jungen hatten.

Und was sagt die Schulleiterin zum Hidschab-Verbot? Die momentane Hand­habung würde „Hidschab weder befürworten noch verbieten“, sagt Sheldon pragmatisch. Wichtig sei ihr vor allem, dass die Kinder an ihrer Schule genau diese Wahl hätten und zu nichts gezwungen würden. „Wir erlauben diese Freiheit inner­halb der Schule.“ Die Kinder sollten das auch so spüren. Deshalb würden sie an der Schule versuchen, sich nicht an der Kontro­verse zu beteiligen. Im Verbot erkennt Sheldon eine Gefahr: Menschen, die schon kontro­verse religiöse Positionen ein­nehmen, würden sich zunehmend in ihrer Ecke verschanzen. Im schlimmsten Fall wenden sie sich noch extremeren Ansichten zu.