Interview : Wie gelingt der Umgang mit „Systemsprengern“?

Zehn Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention fühlen sich viele Lehrkräfte von der Inklusion überfordert. Vor allem Kinder mit extremen Verhaltensauffälligkeiten bringen Schulen häufig an ihre Grenzen. Dabei gibt es bereits erfolgreiche Modelle im Umgang mit sogenannten Systemsprengern. Peter Friedsam, Sonderpädagoge und Leiter des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrums Hamburg-Bergedorf, erklärt im Interview mit dem Schulportal, wie die Negativspirale für alle Beteiligten durchbrochen werden kann.

Florentine Anders / 02. April 2019
Ein Kind liegt im Bällebad
Sogenannte Systemsprenger bringen Lehrkräfte an ihre Grenzen. Peter Friedsam rät, den Blick auf die Kinder zu ändern.
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Schulportal: Wenn es um Probleme im Zuge der Inklusion geht, dann geht es oft auch um sogenannte „Systemsprenger“. Viele Lehrkräfte fühlen sich überfordert im Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit extremen Verhaltensauffälligkeiten. Ist das auch Ihre Erfahrung, wenn Sie die Schulen besuchen?

Peter Friedsam: Ja, das erleben wir bei unseren Beratungen und Hospitationen häufig. Schülerinnen und Schüler mit extremen Verhaltensauffälligkeiten werden eher abgelehnt, wenn es um Inklusion geht, als andere. Und das nicht nur von den Lehrkräften, sondern auch von den Mitschülerinnen und Mitschülern und von den Eltern. Vor allem Eltern können mitunter sehr massiv fordern, dass ein Schüler oder eine Schülerin die Schule verlassen soll.

Ist es eher eine gefühlte Wahrnehmung, dass die Herausforderungen in dieser Hinsicht gewachsen sind? Oder nimmt die Zahl der Kinder mit massiven Verhaltensauffälligkeiten an den Regelschulen tatsächlich zu?
Es gibt meines Wissens keine verlässlichen Zahlen bezogen auf „Systemsprenger“. Psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen hat es schon immer gegeben, Verschiebungen gibt es allerdings bei den Krankheitsbildern und der Verlagerung in frühere Lebensphasen. Die Tendenz zu psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter ist laut Bericht des Statistischen Bundesamts von 2017 steigend. Insgesamt weisen in Studien etwa 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Alter zwischen 7 und 17 Jahren psychische Auffälligkeiten wie Ängste oder Depressionen auf. Das kann sich externalisierend, also ausagierend, oder auch internalisierend – das heißt: zurückgezogen, mit sich selbst ausmachend – äußern. Etwa sechs Prozent dieser Kinder und Jugendlichen werden stationär oder ambulant behandelt. Und rund die Hälfte der Behandlungsbedürftigen nimmt kein therapeutisches Angebot wahr. Schule braucht hier Unterstützung.

Wann sind Kinder sogenannte Systemsprenger? Der Begriff wird ja häufig sehr undifferenziert verwendet.
Den Begriff „Systemsprenger“ hat Menno Baumann gut beschrieben. Er sieht ihn durchaus kritisch und versteht darunter Kinder und Jugendliche, die sich jeder pädagogischen Beeinflussung zu entziehen scheinen und bei denen es aufgrund massiver Auffälligkeiten wiederholt zum Abbruch stationärer Maßnahmen gekommen ist. Baumann zufolge handelt es sich dabei um Kinder und Jugendliche, die in einer besonderen Art und Weise einem Risiko ausgesetzt waren beziehungsweise sind und von denen auch ein besonderes Risiko ausgeht.

Häufig erleben diese Kinder, dass sie nicht gewollt sind, nicht gehalten und nicht gestützt werden können.

Die vermeintlichen Systemsprenger haben ja oft schon viele Schulwechsel hinter sich. Gibt es eine Art Negativspirale im System Schule, durch die die Probleme eher verstärkt werden?
Ja, es gibt leider diesen Teufelskreis. Häufig erleben diese Kinder, dass sie nicht gewollt sind, nicht gehalten und nicht gestützt werden können. Nicht selten ist die Schule auch Auslöser oder zumindest Verstärker, beispielsweise bei psychischen Erkrankungen. Ordnungsmaßnahmen, Ausschluss von Unterricht oder Klassenfahrten oder auch Schulverweise und Schulwechsel sind Reaktionen aus Hilflosigkeit, die nicht problemlösend sind und diese Spirale beschleunigen.

Wie gelingt es, diesen Effekt zu durchbrechen?
Zum einen muss sich der Blick auf die Kinder ändern, und zum anderen muss sich auch das System insgesamt verändern. Wir müssen versuchen zu verstehen, warum sich ein Kind so verhält. Dafür müssen wir stärker die Biografien der Kinder anschauen. Jedes Verhalten folgt einer inneren Logik. Häufig ist den Schülerinnen und Schülern ja nicht bewusst, dass sie sich nicht adäquat verhalten. Möglicherweise haben sie aber auch die Erfahrung gemacht, dass Gewalt in Konflikten für sie eine Erfolg versprechende Lösungsoption ist. Es gilt, die Verhaltenslogik eines Kindes im Einzelnen zu erkennen, zu verstehen, um eine pädagogische wirksame Antwort darauf zu finden. Bedeutsam ist hierbei der systemische Blick, da sich solche Probleme erfolgreicher auflösen lassen, wenn alle Beteiligten in Schule und Umfeld mit einbezogen werden.

Was empfehlen Sie Lehrkräften in einer solchen Situation? Welcher methodische Ansatz hat sich bewährt?
Entscheidend ist die Beziehungsqualität zwischen Lehrkraft und Schülerinnen und Schülern. Beziehungslernen ist mit ein Schlüssel zum Erfolg. Das hat auch John Hattie in seiner viel beachteten Studie deutlich gezeigt. Erfolgreiches Lernen wird demnach gefördert, wenn sich die Schülerinnen und Schüler eingeladen fühlen, am Lernprozess auf der Grundlage von Respekt, Vertrauen und Optimismus teilzunehmen. Aufgabe der Lehrkraft ist es, diese positive Beziehung professionell aufzubauen. Das bekommen Lehrerinnen und Lehrer in der Regel während ihrer Ausbildung nicht vermittelt. Hier gibt es Nachholbedarf.

Welche Struktur innerhalb der Schule ist wichtig, um solche Beziehungen erfolgreich aufzubauen?
Das kann nicht von einer einzelnen Lehrkraft allein bewältigt werden. Dafür sollte es im gesamten Kollegium eine beziehungsfördernde Kultur und Struktur geben. Der Umgang mit Systemsprengern gelingt eher durch multiprofessionelle Teams. Lehrkräfte, Sozialpädagogen, Sonderpädagogen und Erzieher können hier mit geklärten Rollen eng kooperieren, gegenseitig hospitieren, schwierige Situationen gemeinsam beispielsweise in kollegialen Fallberatungen analysieren. Hier ist die außerschulische Vernetzung mit der Jugendhilfe und therapeutischen Einrichtungen wichtig. Und natürlich sind dabei auch die Sorgeberechtigten eng einzubeziehen.
Um Beziehungen aufbauen zu können, sollten Lehrkräfte in der Klasse nicht zu häufig wechseln. Bewährt hat es sich, wenn es für die gesamte Schule fest vereinbarte Regeln und Handlungsketten im Umgang miteinander gibt, ein für alle verbindliches Classroom-Management. Ein weiterer Erfolgsfaktor ist regelmäßiges Feedback. Es reicht nicht, wenn ein Schüler oder eine Schülerin nur zwei Mal im Jahr mit dem Zeugnis eine Rückmeldung oder einen formalen Förderplan erhält. Wirksam sind regelmäßige Gespräche auf Augenhöhe, in dem die Wahrnehmungen der Beteiligten und die gegenseitigen Erwartungshaltungen lösungsorientiert abgeklärt werden, sodass der Schüler oder die Schülerin sich wirklich ernst genommen und einbezogen fühlt. Letztlich geht es darum, diesen Kindern Sicherheit, Konstanz und Verlässlichkeit zu vermitteln – das gibt Struktur und baut Ängste ab.

Gibt es Modelle in der Praxis, wo das bereits gut funktioniert?
Wir haben in Hamburg gute Erfahrungen damit gemacht, die Jugendämter mit ins Boot zu holen. Seitdem es eine Rahmenvereinbarung zwischen Sozialbehörde und Schulbehörde gibt, können finanziellen Leistungen vom Jugendamt direkt in die Schulen fließen, um die Haltekraft von Schulen bezüglich Schülerinnen und Schüler mit herausforderndem Verhalten zu erhöhen. In Fällen, in denen Kinder wiederholt extrem den Unterrichtsablauf stören, gibt es beispielsweise das Angebot der „Integrierten temporären Lerngruppen“. In diesen Kleingruppen wechseln sich soziales und individuelles Lernen ab. Es gibt einen engmaschigen Elterndialog und eine enge Verzahnung mit der Klasse des teilnehmenden Kindes, es ist somit ein inklusiver Ansatz.

Ressortübergreifendes Denken, Planen und Handeln sind längst überfällig.

Das hört sich vielversprechend an – aber solche Formate gehören längst nicht in allen Bundesländern zum Schulalltag. Was muss sich aus Ihrer Sicht auf der politischen Ebene ändern?
Die Bundesländer können voneinander profitieren und lernen. Es gibt gute Konzepte im Zuge der Inklusion, deren Wirksamkeit erprobt ist. Kooperative Schul- und Unterrichtsentwicklung, Integrierte temporäre Lerngruppen – wie in Berlin und Hamburg – und das FiSCH-Projekt „Familie in Schule“, das in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein angeboten wird, sind einige Beispiele hierfür. Hamburg hat mit seiner interministeriellen Rahmenvereinbarung einen Weg beschritten, der von anderen Bundesländern durchaus mit Interesse verfolgt wird. Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig und an der Zeit, die Zuständigkeiten der Behörden der Sozialpolitik, der Gesundheitspolitik und der Bildungspolitik in Bezug auf Schule zu vernetzen. Ressortübergreifendes Denken, Planen und Handeln sind längst überfällig. So können wir den Herausforderungen der Inklusion gerechter werden. Wenn wir Inklusion als Grundrecht ernst nehmen, gibt es dazu keine Alternative.

Zur Person

  • Peter Friedsam ist Gesamtleiter des Regionalen Bildungs- und Beratungszentrums Bergedorf in Hamburg. Er studierte an der Universität zu Köln Sonderpädagogik, unter anderem Verhaltensgestörtenpädagogik.
  • Er arbeitete viele Jahre in Berlin, unter anderem in der Aus-, Fort- und Weiterbildung für Lehrkräfte, im schulpsychologischen Dienst und als Schulleiter der Carl-von-Linné-Schule für Körper- und Lernbehinderte, die 2007 mit einem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde.
  •  Friedsam war lange Jahre Mitglied der Vorjury des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch Stiftung und gehörte in der Aufbauphase der Deutschen Schulakademie in Berlin zu deren Programmteam.
  • Zudem führte er als Landesvorsitzender viele Jahre den Fachverband Sonderpädagogik (vds) Berlin.