Nachgefragt : Wie geht es Schulen nach zwei Jahren Pandemie?

Zu Beginn der Pandemie hat das Schulportal mit zwei Schulleitern gesprochen und sich die Situation während der ersten Schulschließung schildern lassen. Zwei Jahre später konnten wir die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm und die Gemeinschaftsschule Wenigenjena in Jena vor Ort besuchen und haben bei den Schulleitern nachgefragt, wo ihre Schule nach zwei Jahren Corona-Pandemie steht, welche Spuren die vielen Einschränkungen hinterlassen haben und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Annette Kuhn 14. März 2022 1 Kommentar
Schulleiter Frank Wagner mit Kindern
Schulleiter Frank Wagner ist froh, dass die Kinder jetzt wieder mehr Kontinuität erleben.
©Annette Kuhn

Wenn die Masken nicht wären, würde man auf den ersten Blick nicht sehen, was die  Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm in den vergangenen zwei Jahren erlebt hat. „Typisch Grundschule“, wuseln die Kinder in der großen Pause lautstark durch den Eingangsbereich und über den Schulhof. Schulleiter Frank Wagner will eigentlich eine Ankündigung machen, aber irgendwie dringt er nicht durch. „Ach, dann später“, sagt er gelassen. Sollen die Kinder doch erst mal draußen die Sonne genießen, die sich in diesem Winter kaum hat blicken lassen.

In kurzfristigen Planänderungen ist Frank Wagner nach zwei Jahren Pandemie geübt. Ohne viel Flexibilität wäre seine Schule wohl weniger gut durch die Zeit gekommen.

Zwei Jahre liegt jetzt dieser Freitag, der 13. März zurück, als ein Bundesland nach dem anderen beschlossen hat, die Schulen wegen der Corona-Pandemie zu schließen.

Von einem Tag auf den anderen war das Schulleben auch in der Gebrüder-Grimm-Schule auf den Kopf gestellt. Die Grundschule mit aktuell 231 Schülerinnen und Schülern liegt am Rande von Hamm. Viele Familien, die hier wohnen, beziehen Sozialleistungen, viele Kinder haben einen Migrationshintergrund, die Eltern können sie beim Lernen oft nicht unterstützen. Eine Schule, die feste Strukturen gibt, hat hier vielleicht eine noch größere Bedeutung als anderswo.

Beziehungsarbeit war in der Pandemie besonders wichtig

Das hat Frank Wagner erkannt, als er vor 15 Jahren die Schulleitung übernommen hat. Damals stand die Schule kurz vor der Schließung. Die Anmeldezahlen waren im Keller, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler auch, im Kollegium fehlten Strukturen. Doch das ist Vergangenheit. Heute ist die Krise längst überwunden, die Leistungen der Schülerinnen und Schüler haben sich deutlich verbessert, die Schule ist begehrt, wurde 2019 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet und hat ständig Besuch, der wissen will, wie die Schule die Kehrtwende geschafft hat.

„Es gibt so viele herzzerreißende Momente“

Sechs Frauen mit Schildern in der Schulschließung
Die Lehrkräfte der Gebrüder-Grimm-Schule haben sich während der Schulschließung viel einfallen lassen, um den Kindern Mut zu machen.
©Gebrüder-Grimm-Schule

Eine Woche nach dem Beginn des ersten Lockdown im März 2020 hat das Schulportal mit dem Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule gesprochen. Die Grundschule liegt in einem sozial benachteiligten Stadtteil in Hamm. Frank Wagner hat damals erzählt, was die Lehrkräfte tun, um den Kontakt zu den Kindern während der Schulschließung aufrechtzuerhalten und ihnen das Lernen zu Hause zu erleichtern.

Für den Schulleiter spielt dabei Beziehungskultur eine zentrale Rolle. Sie hat die Schule auch durch die Pandemie gebracht. Als die Schule geschlossen war, haben die Klassenlehrerinnen alle zwei Tage bei den Kindern angerufen, um individuelle Lernpläne zu vereinbaren. Manchmal ging es aber gar nicht um Schulisches, sondern um die Sorgen und Nöte der Kinder. „Es gibt so viele herzzerreißende Momente“, hat Frank Wagner im März 2020 gegenüber dem Schulportal gesagt.

Was die Kinder jetzt brauchen, sind positive Erlebnisse.
Frank Wagner, Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm

Er hat damals gefürchtet, dass die Kinder über Wochen oder gar Monate zurückgeworfen würden im Lernen und in ihrer Entwicklung. Auch nach den Sommerferien sei die Situation noch sehr schwierig gewesen: „Die Kinder mussten so vieles wieder neu lernen, hatten Konzentrations- und Motivationsprobleme.“

Konzentration auf Basiskompetenzen

Mit dieser Beobachtung steht die Gebrüder-Grimm-Schule nicht allein da. In der Befragung für das Deutsche Schulbarometer zu Beginn des Schuljahres 2021/22 haben Lehrkräfte aller Schularten eine deutliche Zunahme von Konzentrations- und Motivationsproblemen und auch ein höheres Aggressionspotenzial bei den Schülerinnen und Schülern festgestellt.

Der gewohnte Schulalltag habe den Kindern zwar geholfen, ins Lernen und in die Gemeinschaft zurückzufinden, so Wagner, aber er sieht noch Kompensationsbedarf: „Was die Kinder jetzt brauchen, sind positive Erlebnisse.“ Er denkt an gemeinsame Ausflüge, an Besuch von außerschulischen Lernorten, an Spaß in der Gemeinschaft. Nicht ohne Grund heißt das Motto der Schule „Lachen – Leisten – Lesen“.

Dass das Lachen auch nach zwei Jahren Pandemie da ist, davon kann man sich in der großen Pause leicht überzeugen. Und Frank Wagner ist auch überzeugt, dass das Lesen noch funktioniert. „Die Konzentration auf die Basiskompetenzen hat uns durch die Pandemie gerettet.“ Basiskompetenzen – damit meint er vor allem Lesen und mathematisches Grundwissen, aber zum Beispiel auch die Fähigkeit zum Recherchieren: „Alles, was man braucht, um gut durchs Leben zu kommen.“ Darum hat die Schule während der Pandemie das selbstständige Lernen weiter gestärkt.

Das Aufholprogramm ist Stückwerk.
Frank Wagner, Schulleiter der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm

Wie es um das „Leisten“ steht, werden die nächsten Vergleichsarbeiten zeigen. Der Schulleiter findet gut, dass es die gibt – auch jetzt in der Pandemie: „Wir müssen doch wissen, wenn wir nicht richtig liegen mit unserem Konzept.“ Allerdings würde er sich hier mehr Flexibilität wünschen, „einen größeren Instrumentenkasten, damit wirklich das abgefragt wird, was Schulen behandelt haben“.

Lernrückstände? Die gebe es sicher, daher sei es wichtig, dass es ein Aufholprogramm gibt. Aber er hätte sich hier mehr Struktur, mehr Nachhaltigkeit gewünscht. „Das Aufholprogramm ist Stückwerk“, kritisiert er. Vor allem stört ihn, dass Bildungsgutscheine für Nachhilfeangebote ausgegeben werden, es dabei aber kaum Abstimmungen mit den Schulen gibt. Im schlechtesten Fall würden Kinder dann im Nachhilfeinstitut andere Lernwege als in der Schule vermittelt bekommen.

Schule ist  nach zwei Jahren Pandemie viel digitaler geworden

Aber Frank Wagner ist kein Typ, der sich auf das Negative fokussiert. Er sieht nach zwei Jahren Pandemie auch die positive Entwicklung, die seine Schule genommen hat, vor allem in Sachen Digitalisierung. „Wir sind digital explodiert“, sagt er. Die Kinder arbeiten heute täglich mit Lernvideos, Absprachen im Kollegium und mit den Eltern liefen schneller und unkomplizierter, und dadurch sei die Kommunikation transparenter und freundlicher geworden. „Das müssen wir wachhalten.“

Außerdem habe sich die Kooperation im Kollegium durch die enge Zusammenarbeit während der Pandemie intensiviert. Im Kollegium kam jetzt sogar der Wunsch auf, jahrgangsübergreifend zu arbeiten. Ein Projekt, dass die Schule angehen will.

Auch der Schulleiter hat einen Wunsch: „Wir brauchen Leitplanken, innerhalb derer Schulen freier agieren können. Und wir brauchen einen Ideenpool, ein Instrumentarium, aus dem sich Schulen bedienen können.“ Den Schulen, die sich auf den Weg machen wollen, gebe das mehr Freiheiten und zugleich gebe es denjenigen Schulen etwas an die Hand, die mehr Vorgaben bräuchten.


Ein halbes Jahr im neuen Schulgebäude, dann kam schon Corona

„Uns hätte nichts Besseres passieren können“

Schule Wenigenjena
Die Gemeinschaftsschule Wenigenjena ist in ihrer digitalen Ausstattung anderen Schulen viel voraus.
©Stephan Pöhler, Helibild.de

Die Thüringer Gemeinschaftsschule Wenigenjena hat während der Schulschließungen viel verändert: Schon nach wenigen Tagen arbeitete sie mit einer Schulcloud und digitalen Lernformaten, hat virtuelle Klassenzimmer eingerichtet und Dienstbesprechungen per Video abgehalten.  Schulleiter Axel Weyrauch hat dem Schulportal 2020 in einem Video-Interview erzählt, wie die Schule dabei vorgegangen ist.

Auch die Gemeinschaftsschule Wenigenjena in Jena gehört zu den Schulen, die sich in der Pandemie auf den Weg gemacht haben. Zu Beginn des ersten Lockdowns hat Schulleiter Axel Weyrauch im Interview mit dem Schulportal gesagt: „Bei aller Dramatik hätte uns nichts Besseres zum jetzigen Zeitpunkt passieren können.“

Die 2014 gegründete Schule war erst im Sommer 2019 in ihr neues Schulgebäude im Stadtteil Wenigenjena gezogen. Die Digitalisierung war bei der Planung des neuen Schulgebäudes schon mitgedacht – in jedem Raum gibt es WLAN und interaktive Tafeln. Aber mit der Pandemie sei die Notwendigkeit, Schule stärker zu digitalisieren, noch mal viel stärker in den Fokus gerückt. „Wir waren ja noch gar nicht richtig zur Umsetzung gekommen“, erinnert sich Axel Weyrauch an die Situation vor zwei Jahren.

Kinder und Jugendlichen müssen mehr als Lernrückstände aufholen

Klar war ihm aber auch schon zu Beginn der Pandemie, dass er nicht allein auf Digitalisierung setzen will. „Wir müssen Digitalisierung und soziale Beziehung immer zusammendenken“, erklärt er. Ausschließlich Unterricht per Stream hat es an der Gemeinschaftsschule nie gegeben. Nur mit verlässlichen Kommunikationsstrukturen und dabei auch persönlicher Ansprache sei es gelungen, fast keine Schülerinnen und Schüler während der Schulschließungen zu verlieren.

Wir wissen noch gar nicht, wie sich die Pandemie langfristig auswirkt.
Axel Weyrauch, Schulleiter der Gemeinschaftsschule Wenigenjena

Auswirkungen sieht er allerdings schon bei manchen Kindern und Jugendlichen. Axel Weyrauch denkt hier vor allem an die psychosoziale Entwicklung. „Wir wissen noch gar nicht, wie sich die Pandemie langfristig auswirkt.“ Die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit psychischen Problemen hätten sich in der Pandemie verdoppelt. Außerdem beobachtet er bei älteren Jugendlichen nach zwei Jahren Pandemie mehr pubertierende Verhaltensweisen.

Dazu kämen die Lernrückstände. „Letztlich sind es doch die Schülerinnen und Schüler selbst, die jetzt mehr und intensiver lernen müssen. Wir können sie dabei nur unterstützen“, sagt er. Das Corona-Aufholprogramm könne zwar helfen, aber der Schulleiter hat Zweifel, ob ein Jahr Laufzeit ausreichend ist.

Das alles sei sehr viel für junge Menschen – und auch für das Kollegium, „dabei geht uns allen nach zwei Jahren Pandemie und einer permanenten Anpassung an immer wieder neue Bestimmungen und Planungen allmählich die Luft aus“. Der Schulleiter sagt das auch mit Blick auf die neue Herausforderung, die nun zusätzlich auf die Schulen zukommt, während die Pandemie noch nicht vorbei ist: Schule für Kinder und Jugendliche zu einem sicheren Ort zu machen, auch wenn nur 1.000 Kilometer entfernt Krieg ist.

Neue Strukturen, um schneller reagieren zu können

Damit sich die vielen neuen Herausforderungen bewältigen lassen, hat die Schule in der Pandemie noch eine Extra-Planungsrunde mit Leitung und Personalrat etabliert, um agiler zu arbeiten. „In der Pandemie waren die Reaktionsrhythmen so schnell, dass die Reflexion meist zu spät kam“, erklärt Axel Weyrauch. „Mit der Extra-Planungsrunde wollen wir schneller erkennen, welche Dinge zu viel Energie fressen und eine Belastung sind, und wir entwickeln gemeinsam Lösungen und Strategien, was sich ändern lässt.“ Er hofft, dass es so auch gelingen kann, Veränderungen als weniger belastend zu empfinden und Erfahrung von Bewältigung als positiv zu erleben.

Und noch etwas ist ihm wichtig, um durch diese stressige Zeit zu kommen: „Wir müssen Erfolge feiern.“ Zum Beispiel habe die Schule im Laufe des vergangenen Jahres zwei Gartengrundstücke erworben und gestalte sie jetzt zu „grünen Klassenzimmern“ um. Solche Projekte würden allen Schulbeteiligten Kraft und Optimismus geben, und beides sei heute wichtiger als jemals zuvor.

Zwei Jahre Corona-Pandemie in den Schulen

  • Ende Januar 2020 wird der erste Corona-Fall in Deutschland nachgewiesen.
  • Nach einem Treffen der Kultusministerkonferenz entscheiden am Freitag, 13. März die Bundesländer, die Schulen vorerst zu schließen. Von einem Tag auf den anderen lernen die Kinder nicht mehr in der Schule, sondern zu Hause.
  • Geplant war, die Schulen nach den Osterferien wieder zu öffnen, aber für viele Jahrgänge bleibt es beim Homeschooling bis Ende Mai, und auch dann kommen sie oft nur tageweise zurück an die Schulen.
  • Das Schuljahr 2020/21 beginnt zunächst im Regelbetrieb. Ab Herbst steigen die Corona-Infektionszahlen aber wieder stark an. Am 13. Dezember beschließen Bund und Länder in einer kurzfristig angesetzten Schaltkonferenz, die Schulen ab 16. Dezember bis zunächst 10. Januar zu schließen. Tatsächlich dauert der zweite Lockdown für viele Klassenstufen aber bis über die Osterferien hinaus.
  • Für das Schuljahr 2021/22 verständigen sich die Länder darauf, den Unterrichtsbetrieb auch bei hohen Infektionszahlen möglichst in Präsenz stattfinden zu lassen. Zu bundes- oder landesweiten Schulschließungen kommt es nicht mehr, allerdings müssen immer wieder einzelne Schülerinnen und Schüler, Lerngruppen und zum Teil auch ganze Schulen wegen der Corona-Pandemie für Tage oder Wochen in Quarantäne gehen.