Hochwasser in NRW : Wie eine Schule nach der Zerstörung der Flut weitermacht

Durch das Hochwasser wurden viele Schulen wie das St. Angela-Gymnasium in Bad Münstereifel beschädigt. Trotzdem muss es nach den Ferien weitergehen.

Dieser Artikel erschien am 17.08.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Reiner Burger
Aufräumarbeiten nach der Flut an einer Schule
Das Gröbste ist geschafft: Schülerinnen, Schüler und Freiwillige bei Aufräumarbeiten im St. Angela-Gymnasium in Bad Münstereifel
©Erzb. St.-Angela-Gymnasium Bad Münstereifel

Im Foyer des Erzbischöflichen St. Angela-Gymnasiums in Bad Münstereifel lehnen an der einen Wand Dutzende Besen und schräg gegenüber an einer Glasfront Dutzende Schaufeln. Es sieht aus wie eine Kunst-Installation, ein Mahnmal für die größte Katastrophe in der Geschichte der Schule. „Diese Schneeschippen sind das Beste bei Schlamm“, sagt Schulleiter Bernd Helfer. „Zwei Frauen aus Heilbronn brachten einfach so einen ganzen Autoanhänger davon mit.“

Zahllose Schüler, Ehemalige und Freiwillige seien nach der Flut gekommen, um in einem großen Kraftakt gemeinsam mit den Einsatzkräften von Feuerwehr, THW und Bundeswehr anzupacken, sagt die stellvertretende Schulleiterin Carolin Neswabda. Überwältigend sei die Hilfsbereitschaft gewesen. „Mittlerweile ist das Gröbste geschafft. Wir kommen vor die Lage, jetzt sind die Profis gefragt“, ergänzt Helfer.

Wann der reguläre Betrieb für die 788 Schülerinnen und Schüler des St. Angela-Gymnasiums wieder beginnen kann, steht gleichwohl in den Sternen. Denn das gesamte, teilweise zwei Meter hoch überflutete Erdgeschoss der Schule befindet sich nun in einer Art Rohbauzustand. Sämtliche Teppichböden und viele Trennwände wurden herausgerissen. In Aula, Selbstlernzentrum, Mensa, Bibliothek, Lehrerzimmer und Sekretariat mussten so gut wie alle Tische, Stühle, Regale, Bücher und Akten entsorgt werden.

In Nordrhein-Westfalen haben rund 150 Schulen nach der verheerenden Flut Schäden unterschiedlicher Art und Schwere an das Schulministerium in Düsseldorf gemeldet. In der Hälfte der Fälle sei der Unterricht nach dem Ende der Sommerferien am Mittwoch möglich, die Schäden können nebenher behoben werden. In den übrigen Schulen kann der Betrieb nur sehr eingeschränkt stattfinden. Für die Kinder und Jugendlichen ist das eine weitere Belastung. Händeringend haben von der Flut betroffenen Kommunen in den vergangenen Wochen nach Lösungen für möglichst viel Präsenzunterricht gesucht.

Ein Ausweichquartier in einer leerstehenden Realschule

Rund 1000 Schüler und Lehrer der von der Flut zerstörten Realschule Patternhof aus Eschweiler haben ein Ausweichquartier gefunden: die seit einem Jahr leerstehende Realschule in Würselen. Allein in Eschweiler hat das Hochwasser fünf der 16 Schulen erheblich beschädigt. Stark betroffen sind auch die Grund- und die im selben Gebäude untergebrachte Förderschule in Schleiden. Die Heizungsanlage sowie die Wand- und Bodenflächen im Schulzentrum und in der Turnhalle sind ebenso zerstört wie viele wichtige Unterrichtsmaterialien, Gegenstände und Geräte, die für die intensivpädagogische Förderung der Kinder unabdingbar sind. In Schleiden behilft man sich mit einer kleinen Verlängerung der Sommerferien; beide Schulen wollen erst am Montag kommender Woche wieder öffnen.

Die vermutlich am heftigsten betroffene Schule in Nordrhein-Westfalen ist jedoch das St. Angela-Gymnasium in Bad Münstereifel. Bernd Helfer und seiner Stellvertreterin Carolin Neswadba ist es gelungen, wenigstens den Präsenzunterricht für die neuen Fünftklässler sicherzustellen – im Haupt- und Realschulzentrum gegenüber, das ein paar Meter höher liegt und Mitte Juli von der wild gewordenen Erft weniger in Mitleidenschaft gezogen wurde. „Absolute Priorität für die Präsenzbeschulung hat zudem die Q2, also der Abschlussjahrgang“, sagt Helfer.

Als Nächstes sollen dann die Schülerinnen der 6. Klasse und der Q1 folgen, sodann nach und nach die anderen Jahrgänge – entweder in hoffentlich bald wieder nutzbaren Räumen im unbeschädigten ersten Geschoss der Schule, in einem der sechs großen und zwei kleinen Containerräumen, für die ein Bauunternehmen gerade in aller Eile die Fundamente auf dem Fußballplatz neben dem Gebäude legt. „Die Kinder und Jugendlichen brauchen ein schulisches Zuhause“, sagt Helfer.

Die Brücke am Ortseingang wurde weggeschwemmt

Mitte Juli gehörte das St. Angela-Gymnasium zu den ersten Gebäuden in Bad Münstereifel, die von den Wassermassen erfasst wurde. Die Erft entspringt nur wenige Kilometer oberhalb der malerischen Kur- und Einkaufsstadt und fließt eigentlich friedlich vor sich hin. Doch nach stundenlangem Starkregen hatte sie sich in einen reißenden Strom verwandelt, der Autos, Mauern, Gartenhäuser, Bäume, tote Tiere und Holzmasten mitriss. Selbst eine Brücke am Ortseingang auf der Höhe des Schwimmbads wurde bis vor das Gymnasium geschwemmt.

Von dort strömten die Fluten durch das Stadttor, rissen weite Teile der Einkaufsstraße auf und zerstörten die historische Kernstadt, in die die Anwohner seit 2014 gemeinsam mit einem Outlet-Betreiber enorme Summen investiert hatten. Es wird Jahre dauern, bis wieder alles aufgebaut ist. Die gesamte Kernstadt ist eine Baustelle. Allenthalben brummen Generatoren, rauschen Heizlüfter, sind Bohrhammer zu hören, sind Bagger und Lastwagen unterwegs, die noch immer vom Wasser zerstörte Ladeneinrichtungen abtransportieren.

Bernd Helfer erfuhr im Urlaub von der Katastrophe – und brach ihn umgehend ab. Es dauerte eine Weile, bis er sich zum St. Angela-Gymnasium durchgeschlagen hatte. Meterhoch hatte die Erft Unrat aufgetürmt, vier demolierte Autos lagen im Weg. „Vor dem Haupteingang lag der Kadaver eines Tieres von der Dammwildfarm etwas oberhalb, es sah surreal aus, apokalyptisch“, erinnert sich Helfer, während im Hintergrund gerade wieder ein Lastwagen Schüttgut von seiner Ladefläche rauschen lässt. Es ist ein großer Haufen und doch noch immer viel zu wenig für die tiefe Rinne, die die Wasserlawine in den Pausenhof riss.

„Der Verlust des Archivguts ist ein schwerer Schlag für uns“

Gemeinsam mit Feuerwehrleuten gelang es dem Schulleiter in einer waghalsigen Aktion, aus dem Keller die Kopien sämtlicher Abiturzeugnisse zu bergen. „Das ist ganz wichtig, weil vermutlich einige ehemalige Schüler bei der Überflutung ihrer Häuser sämtliche Dokumente verloren haben.“ Nicht zu retten aber waren sämtliche anderen Bestände des Schularchivs – ein bitterer Verlust für das altehrwürdige Gymnasium.

„Wir haben eine 427 Jahre alte Tradition, die nur durch den Kulturkampf und durch die von den Nationalsozialisten erzwungene Schließung unterbrochen ist“, sagt Helfer. „Der Verlust des Archivguts ist ein schwerer Schlag für uns.“ Opfer der Fluten wurde auch der Server – weshalb Helfer, Neswabda und ihre Mitarbeiter mit Hilfe anderswo gespeicherter Mailverzeichnisse erst nach und nach Kontakt zu den Schülern aufnehmen konnten. „Nie wieder werden wir den Server in den Keller stellen“, sagt Helfer.

So groß die Katastrophe auch sei, sie hätte die Schule noch schwerer treffen können, sagt Carolin Neswabda. „Wenn wir statische Probleme hätten. Oder wenn die Wassermassen bei laufendem Schulbetrieb und nicht in den Ferien gekommen wären.“ Nicht auszudenken etwa, wenn jemand in der Bibliothek gewesen wäre. Dort schlug durchs Fenster ein großer Holzmast wie ein Geschoss ein.

Die Schulgemeinschaft werde einen langem Atem brauchen, sagt Helfer. „Das wird ein Marathon.“ Zum festen Bestandteil des Stundenplans im neuen Schuljahr wollen er und seine Stellvertreterin ein Seelsorgeprogramm anbieten. Schon die Pandemie habe viele Kinder sehr belastet. „Und nun kam die Flut noch obendrauf, in der viele Traumatisches erlebt haben.“