Dieser Artikel erschien am 24.04.2019 in der taz
Autorin: Joana Nietfeld

Rassismus in Schulbüchern : Wie Diskriminierung beigebracht wird

Schulbücher sollen helfen, mündige und reflektierte Bürger*innen auszubilden. Aber sie reproduzieren häufig rassistische Inhalte.

Unterrichtsituation
Es braucht vielfältiges Unterrichtsmaterial, um unterschiedliche Perspektiven abzubilden
©dpa

Rassismus in Schulbüchern ist oft unter­schwellig: „Welche Erfahrungen hast Du mit Aus­siedlern gemacht? Wie kann ihre Integration verbessert werden?“, lautet etwa eine Aufgaben­stellung eines Geschichts­buchs der Mittel­stufe. Am Dienstag­abend veranstaltete die SPD Rehberge in den Räumen des Vereins Each One Teach One (EOTO) im Wedding eine Podiums­diskussion mit dem Titel: Vielfalt und Rassismus in Schul­büchern.

Es diskutierten Maisha Auma, Erziehungs­wissen­schaftlerin und Geschlechter­forscherin, Saraya Gomis, Anti­diskriminierungs­beauftragte für Schulen in Berlin, und Mark Rackles, ehemaliger Berliner Staats­sekretär für Bildung. Schnell ist klar: Vielfalt gibt es in Schul­büchern wenig, denn Minder­heiten werden zumeist aus einer weißen Perspektive, als bloße Objekte betrachtet und beschrieben. „Viele Diskriminierungen sind unter­schwellig“, gibt Gomis zu bedenken. „Ich arbeite mit Lehrer*innen, die diskriminieren, ohne es zu wissen.“

Ein Beispiel aus einem Berliner Schulbuch verdeutlicht die Stereo­typisierung von Geflüchteten: „Für die Flüchtlinge aus den armen Ländern bietet das Asyl­recht die Möglichkeit, bei uns zu leben und, wenn auch in bescheidenem Maße, am deutschen Wohl­stand teil­zu­haben.“ Dabei könnte sich schnell etwas ändern, denn in Berlin können Schulen selbst entscheiden, welche Bücher sie bestellen. Fluch und Segen zugleich, denn somit kommt es auf die Lehrerenden an, welche Inhalte die Schüler*innen erreichen.

„Das wird richtig weh tun“

Saraya Gomis sieht allerdings bereits in der Ausbildung von Lehrer*innen ein Problem. Da seien haupt­sächliche weiße Personen, die weiße Perspektiven mit­bringen und vertreten, sagt sie. Mark Rackles will wissen, ob es denn so nötig sei, dass Schüler*innen 125 verschiedene Diskriminierungs­formen kennen müssten oder es nicht wichtiger sei, Diskriminierungen anhand eines Schemas zu erkennen. Eine Frage, mit der er sich vor dem Publikum nicht unbedingt beliebt macht. „Jede Perspektive hilft, eine kollektive Empathie zu entwickeln, die die weiße Mehr­heits­gesellschaft lernen muss“, entgegnet eine Teil­nehmerin.

Doch nicht jede Perspektive komme ins Schul­buch, und das liege unter anderem daran, dass die Arbeit in Schul­buch­verlagen extrem schlecht bezahlt sei, sagt Auma, man müsse es sich also leisten können, bei der Gestaltung mitzuwirken.

„Wir sind es leid, als ehrenamtliche Expert*innen für mehr Vielfalt heran­gezogen zu werden. Wir wollen richtig gefördert und bezahlt werden und die Schul­buch­verlage sollen auf uns zukommen“, sagt ein Mitglied von EOTO. Für echte Vielfalt gehe es nicht zuletzt um Verteilung und Umstrukturierung, sagt Auma und fügt kampf­lustig hinzu: „Und das wird richtig wehtun.“