Inklusion : Wie aus den Kindern der Utopie Erwachsene werden

In dem neuen Dokumentarfilm „Die Kinder der Utopie“ treffen sich sechs junge Erwachsene wieder, die gemeinsam in einer der ersten inklusiven Schulen zusammen gelernt haben. Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen war selbst Schüler dieser Berliner Grund­schule. Mit einer ungewöhnlichen Kampagne will er gemeinsam mit dem Filme­macher Hubertus Siegert dafür sorgen, dass am 15. Mai ganz Deutschland über den Film spricht und darüber wie die einst gesellschaftliche Utopie der Inklusion zehn Jahre nach Inkraft­treten der UN-Behinderten­rechts­konvention Wirklichkeit wird.

Florentine Anders / 27. März 2019
Raúl Krauthausen und Hubertus Siegert
Inklusions-Aktivist Raúl Krauthausen und Regisseur Hubertus Siegert treffen sich an der Fläming-Grundschule in Berlin. Vor 30 Jahren ist Raúl Krauthausen dort zur Schule gegangen.
©Patricia Haas
Raúl Krauthausen und Hubertus Siegert
Hubertus Siegert, Regisseur des Films „Die Kinder der Utopie“ begleitet Rául Krauthausen auf dem Weg von seiner ehemaligen Grundschule zum damaligen Kinderladen.
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Raúl Krauthausen und Hubertus Siegert
Raúl Krauthausen und Hubertus Siegert im Gespräch über das Erwachsenwerden und über Inklusion.
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In der großen Pause stürmen die Kinder der Fläming-Grundschule auf den Pausen­hof mit der großen Kletter­spinne. Raúl Krauthausen, der Inklusions-Aktivist, steht gemeinsam mit Filme­macher Hubertus Siegert vor der Pforte zum Schul­hof und reist in Gedanken in die Vergangen­heit. Wir sind mit den beiden an der Schule im Berliner Stadt­teil Friedenau verabredet, um mit ihnen über den Dokumentar­film „Die Kinder der Utopie“ zu sprechen, der am 15. Mai in ganz Deutschland in den Kinos laufen wird.

Raúl Krauthausen, der in seinem Elektro­roll­stuhl gerade mal auf eine Höhe von 1,20 kommt, und der Zwei-Meter-Mann Hubertus Siegert kennen sich erst seit einem Jahr, doch sie wirken wie vertraute Freunde. Nicht nur dieser Ort verbindet die beiden, sondern auch das Ziel, das Thema Inklusion aus der problem­behafteten Ecke zu holen und den Blick auf das große gesellschaftliche Ziel zu richten, das sich dahinter verbirgt.

Vor 30 Jahren war es selbst­verständlich, dass behinderte Kinder an die Sonder­schule gehören

„Als Kind kam mir hier alles viel größer vor“, sagt Krauthausen, als er über den Schul­hof rollt. „Das ist erstaunlich – du bist ja heute kaum größer als damals“, antwortet Regisseur Siegert amüsiert. Das bedeute wohl, dass diese Wahr­nehmung gar nichts mit der Körper­größe zu tun hat, sondern eher mit dem Erfahrungs­horizont, stellt Siegert fest. Krauthausen hat von 1987 bis 1993 an der Fläming-Grund­schule gelernt und gehörte vor gut 30 Jahren zu jenen Schülerinnen und Schülern, die Teil des seiner­zeit mutigen Versuchs wurden, behinderte und nicht­behinderte Kinder gemeinsam an einer Schule zu unterrichten. Bis dahin war es selbst­verständlich, dass behinderte Kinder an die Sonder­schule gehören.

Hubertus Siegert hatte vor zwölf Jahren in einer fünften Klasse der Fläming-Grund­schule den Dokumentar­film „Klassenleben“ gedreht, der ein überraschend großer Kino­erfolg wurde und bis heute häufig Lehr­amts­studierenden an den Universitäten gezeigt wird, damit sie sich ein Bild davon machen können, wie der Alltag an einer inklusiven Schule aussehen kann.

Zehn Jahre später sind die damals Elf- oder Zwölf­jährigen auf dem Sprung ins Erwachsenen­leben. Der neue Dokumentar­film „Die Kinder der Utopie“ bringt die Film­helden von damals wieder zusammen und zeigt, wie sie sich entwickelt haben. Es ist ein leiser und sehr emotionaler Film über das Erwachsen­werden und über die Inklusion.

Raúl Krauthausen, der bundes­weit zu den wichtigsten Für­sprechern der Inklusion gehört, war sofort bereit, die besondere Kampagne zum Film zu unter­stützen: „Wir wollen, dass am 15. Mai ganz Deutschland über diesen Film spricht“, sagt er.

Einen Aufzug gab es an der Fläming-Grund­schule damals nicht

Warum der Film für ihn so wichtig ist? Das erfahren wir bei einem gemeinsamen Spazier­gang auf dem Weg, den er als Schüler täglich zusammen mit den anderen Kindern von der Schule zum einstigen Kinder­laden zurück­legte. Zuvor wagt Krauthausen aber noch einen Blick in das Gebäude. Mit einem Aufzug kommt er in den Klassen­raum in der dritten Etage. „Einen Aufzug gab es damals nicht, nur einen unfassbar langsamen Treppen­lifter. Meinen kleinen Roll­stuhl damals haben die Kinder die Treppen hoch­getragen“, erzählt er. Als er durch die Gänge fährt, wird er von vielen Lehr­kräften überrascht begrüßt. Im Klassen­raum schaut er sich um: „Eine Kuschel­ecke hatten wir auch – aber gab es damals schon so viele Stühle und Tische?“

Früher seien in einer Klasse 18 bis 20 Schülerinnen und Schüler gewesen, heute seien es 25, erklärt die Schul­leiterin Christiane Wendt. Die Bedingungen seien in vielen Bereichen heute schwieriger geworden. Die Zahl der Kinder in Berlin wachse, gleich­zeitig gebe es einen großen Fach­kräfte­mangel. In Gesprächen mit Eltern, die sich die Schule für ihre Kinder anschauen, spüre sie zunehmend, dass die Euphorie für die Inklusion häufig erloschen ist. Dabei seien die Konzepte inzwischen gut erprobt und weiter­entwickelt. Nur weil die Ressourcen nicht reichten, werde gleich die ganze Idee über Bord geworfen, sagt die Schul­leiterin.

Die Initiative für den inklusiven Schul­versuch kam von den Eltern

Krauthausen und Siegert wollen das ändern. „Was schon vor 30 Jahren geklappt hat, funktioniert noch immer. Das wollen wir der Welt zeigen“, sagt Krauthausen. Auf dem Weg Richtung Kinder­laden erzählt Krauthausen von den Anfängen. Es waren die Eltern der integrativen Kita­gruppe des nahe gelegenen Kinder­hauses Friedenau, die ihre Kinder damals gern als geschlossene Gruppe an die Fläming-Schule wechseln lassen wollten. Seine Mutter habe sich bis dahin gar nicht mit reform­pädagogischen Konzepten befasst, sie vertraute einfach den anderen Eltern. Und die Schule habe sich auf die Eltern eingelassen. Das gesamte Kollegium war hoch engagiert – dabei habe es kaum Konzepte gegeben, wie der Unterricht funktioniert.

„Hier gab es eine Eisdiele“, sagt Krauthausen und zeigt auf ein Dessous-Geschäft. Vieles auf dem Weg hat sich verändert – der ehemalige „Plus“-Markt ist heute ein Bio-Markt, und auch die vielen Shisha-Bars hatte es damals nicht gegeben. „Natürlich war auch bei uns nicht alles Friede, Freude, Eier­kuchen“, sagt Krauthausen. Wie in jeder Klasse habe es Kinder gegeben, die auch mal genervt haben; es habe auch Schlägereien gegeben und natürlich auch manchmal gestresste und über­forderte Lehrerinnen und Lehrer. Schul­garten sei für ihn ein Alb­traum gewesen, weil er nicht mit anfassen konnte, und Sport habe er ab der fünften Klasse nicht mehr mitmachen können.

Wie man in der Leistungs­gesell­schaft mit Schwächen umgeht

Der damalige Film „Klassenleben“ zeigte den Alltag so, wie er war, ohne etwas zu beschönigen oder zu erklären. Und dabei standen immer die Kinder im Fokus. „Für mich ging es auch immer um die Frage, wie man in der Leistungs­gesell­schaft mit Schwächen umgeht“, sagt Regisseur Siegert auf dem Weg entlang der Rhein­straße. Das betreffe jeden, nicht nur behinderte Menschen, und so erkläre er sich auch, dass sich von dem Film so viele Menschen emotional angesprochen fühlten. Eine Fortsetzung war nie geplant, bis der Regisseur zufällig Denis wieder traf, einen der Haupt­protagonisten von „Klassenleben“.

Der Fünftklässler von damals war inzwischen Tänzer und Sänger an einer Musical­bühne und erzählte, was die anderen mittler­weile machten. Die eine studierte, der andere arbeitete in einer Behinderten­werkstatt, und der nächste hatte gerade sein Coming-out gehabt. So entstand die Idee, für einen neuen Dokumentar­film die Klasse von damals noch mal zusammen­zubringen. Diesmal stand nicht das Schul­geschehen im Vorder­grund, sondern die Schritte ins Erwachsenen­leben. In den Zusammen­schnitten mit den Szenen von damals werde sicht­bar, wie die Kinder sich entfalten und dennoch sie selbst bleiben, sagt Siegert. „In der so auf­geheizten Debatte um Inklusion wollen wir mit dem Film ,Die Kinder der Utopie‘ dazu einladen, die Perspektive der Kinder und Jugendlichen einzunehmen. Denn die werden selten gefragt“, sagt Hubertus Siegert.

Bereits 10.000 Menschen sorgen dafür, dass der Film in vielen Städten gezeigt wird

Raúl Krauthausen ist überzeugt, dass die Erfahrung an der Fläming-Grund­schule ihn entscheidend geprägt hat. Er selbst habe sich immer an den besten in der Klasse orientiert, das sei sein Ansporn gewesen. Eine Schlüssel­erfahrung für ihn war, als eine geistig behinderte Schülerin aus der Klasse unbedingt schreiben lernen wollte, wie alle anderen auch. Alle hätten ihr gesagt, das müsse sie nicht lernen, doch sie sei hart­näckig geblieben. Am Ende des Schul­jahrs konnte sie schreiben. „Uns allen hat das gezeigt, dass man Grenzen verschieben kann“, sagt Krauthausen.

Der 15. Mai soll ein bundesweiter Aktions­abend werden, den die interessierten Menschen vor Ort selbst organisieren. Und der Plan geht offen­sichtlich auf: „Es ist schon etwas Außer­gewöhnliches, dass eine Hand­voll Leute rund um diesen Film eine Gras­wurzel­bewegung in Gang bringt und dass bundes­weit schon 10.000 Leute dafür sorgen, dass der Film in sehr vielen Städten gezeigt wird und zum Anlass für Gespräche und Diskussionen über Inklusion wird“, betont Krauthausen.

Mehr zum Thema

  • Der Film „Die Kinder der Utopie“ wird nur an einem einzigen Abend in den deutschen Kinos gezeigt: am Mittwoch, dem 15. Mai 2019.
  • An diesem Aktionsabend wird es im Anschluss an die Film­vor­führung Gesprächs­runden geben, um Raum zum Nach­denken und Erfahrungs­aus­tausch über Inklusion zu schaffen.
  • Wo der Film überall laufen wird und wie man selbst dafür sorgen kann, dass der Film in die eigene Stadt kommt, erfährt man im Internet unter www.diekinderderutopie.de.