Neuer Leitfaden : Wie auf Missbrauchsfälle reagiert werden soll

Wie soll ein Sportverein reagieren, wenn ein Jugendlicher von Missbrauch durch einen Trainer berichtet? Eine Kommission hat einen Leitfaden erarbeitet. Diesen sollen sich viele Institutionen zu Eigen machen – auch die Kirchen.

Dieser Artikel erschien am 03.12.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Heike Schmoll
Im Gegenlicht und vor wolkenverhangenem Himmel ist die Kirchturmspitze des Doms mit Kreuz zu sehen.
Am 04.11.2019 findet in Neubrandeburg die Auftaktveranstaltung zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche Mecklenburgs von 1945 bis 1989 statt.
©Friso Gentsch/dpa

Es ist der Albtraum jedes Sportvereins, jeder Schule und jeder Kita, von den Kirchen ganz zu schweigen: ein Missbrauch in der eigenen Institution. Schulen wie das Canisius-Kolleg in Berlin und andere Institutionen haben sich nach der Konfrontation mit den Missbrauchsfällen nach Beobachtung der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs häufig in die Prävention geflüchtet. Die verborgene Geschichte eines Missbrauchs wirke unmittelbar in die Gegenwart, deshalb müsse eine Institution auch in die eigene Vergangenheit blicken, so schwer das auch sei, sagt die Vorsitzende der Kommission, die Frankfurter Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen.

Am Dienstag sind in Berlin Vertreter zahlreicher Institutionen zusammengekommen, um die Empfehlungen der Kommission entgegenzunehmen und sich darauf vorzubereiten, dass ein Missbrauchsfall auch sei betreffen kann.

Wie soll etwa ein Sportverein reagieren, wenn ein Jugendlicher von einem Missbrauch durch einen Trainer berichtet? Zuhören ohne abzuwehren, sei die erste Pflicht. Der Bericht eines Betroffenen müsse unbedingt ernstgenommen werden, bekräftigt Andresen. Im Vorstand gelte es dann zu überlegen, was das für die Institution bedeute und was zu tun sein. In den meisten Fällen sind es gar nicht Betroffene, die sich melden, viele wollen auch das Schweigen nicht brechen, weil sie Angst vor einer Retraumatisierung haben. Auch diesen Wunsch Betroffener gelte es unbedingt zu berücksichtigen, sagt Matthias Katsch, der zu denen gehört, die den Missbrauch am Canisius-Kolleg betroffen waren.

Eine Checkliste, kein Rezeptbuch

Weil die meisten Institutionen mit einer komplexen Aufarbeitung völlig überfordert sind, hat die Kommission jetzt eine Checkliste vorgelegt, die auch von kleinen Institutionen wie einem Sportverein auf dem Land zu beachten sind. Die Checkliste sei allerdings kein Rezeptbuch, warnten die Kommissionsmitglieder. Sie wollen es als Leitfaden für all das verstanden wissen, was bei einer Aufarbeitung zu bedenken ist – von den rechtlichen Fragen bis hin zu den publizistischen.

Die Rechte der Betroffenen müssen verwirklicht werden, indem sie beteiligt und angehört werden – sei es mündlich oder in einem Bericht, fordert die Kommission. Bei der unabhängigen Kommission selbst haben sich inzwischen 1500 Betroffene gemeldet, um die 2000 sind es insgesamt.

Für die Aufarbeitung müssen Ressourcen bereitgestellt werden, auch finanziell abgesicherte Hilfs- und Begleitungsangebote. Vor der Aufarbeitung müssten die Rollen der Beteiligten geklärt werden. Am besten gibt eine unabhängige Anlaufstelle Betroffenen die Möglichkeit eines anonymen Erstkontakts und dient als externe Beschwerdestelle. Ein Beirat sollte den Aufarbeitungsprozess kritisch begleiten. Das Aufarbeitungsteam selbst müsse aus mindestens zwei Personen bestehen, die den Prozess kompetent und unabhängig leiten, sensibel im Umgang mit Interessenkonflikten agierten, über multidisziplinäres Fachwissen verfügten und erfahren in der Arbeit mit Betroffenen und Aufarbeitungsprozessen sein.

Der Gegenstand und die Laufzeit der Untersuchung müssten vertraglich festgelegt werden und auch die Unabhängigkeit ist klar zu regeln. Vor allem aber muss nach Auffassung der Kommission der Zugang zu Akten, Dokumenten, sowie Aktenplänen garantiert sein. Das war etwa bei kirchlichen Missbrauchsfällen überhaupt nicht der Fall. Häufig handelte es sich um Personalakten, oft genug waren die Akten zerstört oder beseitigt worden. Eine Archivsäuberung habe man in vielen Fällen nicht verhindern können, sagte die frühere Richterin und Präsidentin des Oberlandesgerichts Frankfurt Brigitte Tilmann, die der Kommission ebenfalls angehört. Das gelte etwa für die Odenwaldschule, in der das Archiv nicht einmal verschlossen war, aber auch für kirchliche Archive, in denen oft völliges Chaos herrsche. Vor allem den Betroffenen muss der Zugang zu den eigenen Akten garantiert werden.

Besonders heikel wird es für die meisten Institutionen noch einmal dann, wenn ein Bericht über den Missbrauch in der Vergangenheit veröffentlicht werden soll. Die Versuchung, solche Berichte eigenmächtig zu ändern oder gar zu zensieren, ist groß. Es müsse aber vereinbart werden, dass solche Zensurmaßnahmen ausgeschlossen seien.

Außerdem müsse die Auswertung der gesammelten Informationen, die das Ausmaß des sexuellen Kindesmissbrauchs und die Strukturen betreffen, die ihn ermöglicht oder begünstigt haben einem klaren Muster folgen: der individuell-biographischen Perspektive, der organisationsanalytischen Perspektive und der historisch-diskursbezogenen. Dafür muss auch geklärt sein, wie Informationen anonymisiert und pseudonymisiert werden, um die Identität von Betroffenen und Zeitzeugen zu schützen.

Das Aufarbeitungsteam kann auch öffentliche Anhörungen oder Gesprächsrunden anberaumen und sollte Empfehlungen zu Prävention und Formen der Anerkennung aussprechen. Außerdem rät die Kommission dazu, die Öffentlichkeit durch regelmäßige Berichte zu informieren und Medien als stärkende Partner anzuerkennen.

Von Anfang an Rechtsfragen mitdenken

Dabei stellt sich auch die Frage, ob von Tätern oder von „Beschuldigten“ die Rede sein soll, wie das im großen Bericht der katholischen Kirche der Fall ist. Betroffene sollten im Kontakt mit Medienvertretern sorgfältig begleitet werden, weil Fragen häufig auch Retraumatisierungen zur Folge haben. Ein Zwischenbericht könne eine erste Bilanz liefern.

Besonders wichtig ist, dass von vornherein auch die Rechtsfragen mitbedacht werden, also eine anwaltliche Beratung eingeholt wird, es ein Datenschutzkonzept für Betroffene und Zeitzeugen gibt und diese um Zustimmung zur Verwendung ihrer Daten gebeten werden.

Doch das ist längst nicht alles, auch das Risiko und die Auswirkungen einer Strafanzeige wegen Verleumdung oder einer Verleumdungsklage sind zu bedenken. Außerdem muss es klare Vorstellungen darüber geben, wie mit nicht verjährten Fällen umgegangen wird. Und schließlich ist zu bedenken, wie aktuelle Verdachtsfälle auf sexuellen Kindesmissbrauch zu behandeln sind.

Ein gelungener Aufarbeitungsprozess fordert viel Fingerspitzengefühl von allen Beteiligten, daran ließ die Kommission keinen Zweifel und sie machte auch klar, dass mit einer verpassten Aufarbeitung die Existenz einer ganzen Institution aufs Spiel gesetzt werden kann. Die Odenwaldschule ist dafür nur ein Beispiel. Ihre Geschichte hat in Hessen dazu geführt, dass es schon länger klare Handlungsanweisungen für Schulen und Kitas im Umgang mit sexuellem Missbrauch gibt.