Soziales Lernen : Wie Jugendliche zu Wertebotschaftern werden

Vor zwei Jahren startete in Bayern das Projekt „Werte machen Schule“: Schülerinnen und Schüler der achten und neunten Klassen werden dabei zu Wertebotschafterinnen und Wertebotschaftern ausgebildet. Sie sollen nicht nur Zielgruppe der Werteerziehung sein, sondern zugleich auch diese mitgestalten. Das Schulportal stellt den Wertebotschafter einer Realschule in der Oberpfalz vor.

Annette Kuhn / 23. Juli 2020
Wertebotschafter David mit seiner Religionslehrerin
David von der Schönwerth-Realschule mit seiner Religionslehrerin Dagmar Gawinowski nach seiner Ernennung zum Wertebotschafter. Sie begleitet den 15-Jährigen bei seiner Aufgabe.
©privat

„Coffee to go“ – so etwas gibt es nicht an der Schönwerth-Realschule im oberpfälzischen Amberg. Statt „Coffee to go“ soll es hier aber demnächst „Werte to go“ geben. Dafür setzt sich der 15-jährige David ein. Er ist seit Februar dieses Jahres Wertebotschafter an seiner Schule. „Werte sind überall wichtig“, sagt der Neuntklässler, „ich will nicht die große Welt verändern – sondern es sind die Kleinigkeiten im Alltag, auf die es ankommt.“

Mit der Aktion „Werte to go“ möchte er darauf aufmerksam machen: „In der Schule sollen Abreißzettel hängen, wie man sie aus Supermärkten kennt, wenn Leute einen Job anbieten oder etwas verkaufen wollen. Auf dem Zettel steht ein Wert, und auf den Abreißschnipseln gibt es Vorschläge, wie man diesen Wert umsetzen kann“, erklärt er. Zu Freundlichkeit fällt ihm zum Beispiel ein: „Lächle jemanden an, der gerade blöd zu dir war.“ Oder: „Sei nett zu deinem Lehrer, auch wenn du ihn eigentlich nicht magst.“

Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter kommen aus den achten und neunten Klassen

Neben „Werte to go“ möchte David außerdem einen „Werte-Tag“ an seiner Schule etablieren, bei dem es, wie bei einem Projekttag, den ganzen Tag um Werte geht. In jedem Raum könnte ein Wert vorgestellt und in Gruppen überlegt werden, wie er sich im Alltag umsetzen lässt. Auch einen „Wert des Monats“ möchte er einführen, dem dann alle an der Schule besondere Aufmerksamkeit schenken. Und er plant, „Werte-Karten“ drucken zu lassen, die Schülerinnen und Schüler sich gegenseitig schicken können. Sie können aber auch außerhalb der Schule versendet werden. So könne jeder einen Wert ganz individuell mit Leben füllen und weitertragen. Vor allem aber ist Davids Ziel, eine „Werte-AG“ an seiner Schule gründen: „Die Initiative soll ja weitergehen – auch wenn ich in einem Jahr nicht mehr an der Schule bin.“

„Werte machen Schule“ heißt die Initiative, die vor zwei Jahren vom bayerischen Kultusministerium, zunächst als Pilotprojekt, ins Leben gerufen wurde. Im Schuljahr 2018/2019 wurden in den drei Regierungsbezirken Oberfranken, Schwaben und Niederbayern jeweils bis zu 25 Schülerinnen und Schüler der Klassen acht und neun zu Wertebotschafterinnen und Wertebotschaftern ausgebildet. In diesem Schuljahr folgten die anderen vier Regierungsbezirke des Landes, sodass es jetzt in ganz Bayern etwa 170 jugendliche Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter an den weiterführenden Schulen gibt. Derzeit wird die Wirksamkeit des Projekts vom Forschungsinstitut Betriebliche Bildung in Nürnberg evaluiert.

Alle weiterführenden Schulen in Bayern können Vorschläge einreichen

Das Projekt ist Teil der Initiative „Werte machen stark“, die es bereits seit 2008 in Bayern gibt. Lag der Fokus der Initiative zunächst darauf, Lehrkräfte fortzubilden, um sie in der Werteerziehung der Kinder und Jugendlichen zu stärken, geht es jetzt auch darum, Schülerinnen und Schüler selbst zu Akteurinnen und Akteuren der Wertebildung an den Schulen zu machen. „Ich möchte, dass unsere jungen Menschen sich aktiv für ein Miteinander in unserer Gesellschaft engagieren, das von gegenseitigem Respekt und Zivilcourage geprägt ist“, erklärte der damalige Kultusminister Bernd Sibler (CSU) 2018 bei der Vorstellung des Projekts.

Alle weiterführenden Schulen in Bayern konnten Vorschläge einreichen, welche Schülerin oder welcher Schüler sich für die Aufgabe eignen würde. Ausgewählt wurden die Jugendlichen gemeinsam von Schülervertretungen und Lehrkräften. So war es auch bei der Franz-Xaver-von-Schönwerth-Realschule. „Da wurde sehr schnell David genannt“, erinnert sich seine Religionslehrerin Dagmar Gawinowski, die ihn bei seiner Aufgabe als Wertebotschafter begleitet. „Er engagiert sich über den Unterricht hinaus, macht sich viele Gedanken und kann seine Mitschüler fesseln“, sagt die Lehrerin. Sie erinnert sich an eine Diskussion im Religionsunterricht über den Sinn des Lebens. „Es ging um Glück, und es war eindrucksvoll, wie er dargestellt hat, dass in seiner Familie Glück etwas anderes bedeutet als in anderen Familien. Er spricht nicht nur über Werte – er lebt sie und vertritt sie nach außen.“ Sicher hat David auch mit geprägt, dass er zwei Brüder mit Trisomie 21 hat.

Ich wünsche mir, dass die Leute die Augen öffnen und bewusster durchs Leben gehen.
Wertebotschafter David von der Schönwerth-Realschule in Amberg

Wer mit David spricht, erlebt eine für einen 15-Jährigen ungewöhnliche Reife. „Ach, ich bin halt ein eher offener Typ“, sagt er. Er habe sich durch seine Familie schon mit vielen Dingen beschäftigt, „an die andere in meinem Alter vielleicht gar nicht denken“. Diese Offenheit hat er auch gehabt, als seine Religionslehrerin auf ihn zukam und ihn gefragt hat, ob er Wertebotschafter werden wolle. „Hört sich gut an, habe ich mir gedacht. Aber zuerst habe ich gar nicht gewusst, was so ein Wertebotschafter sein sollte.“

Was sind Werte überhaupt? Wer bildet sie? Wie formen sie uns?

Der Begriff füllte sich dann für ihn mit Leben, als er im Februar zusammen mit den anderen Wertebotschafterinnen und Wertebotschaftern der Oberpfalz eine einwöchige Ausbildung bekommen hat. Dort haben sie sich damit auseinandergesetzt, was überhaupt Werte sind, wer sie bildet, wie Menschen durch Werte geformt werden und wie sie sich – vor allem auch in der Schule – umsetzen lassen. „Jeder trägt den Wertebotschafter in sich, die Ausbildungswoche hat mir geholfen, ihn nach außen zu tragen“, sagt David.

In kleinen Gruppen haben sich die Jugendlichen dann intensiv mit den Werten beschäftigt, die ihnen persönlich sehr wichtig sind. „Bei mir sind das Integration, Dankbarkeit und Humor“, so der 15-Jährige. Zusammen seien sie für sein Leben bestimmend. Mitgenommen hat er aus dieser Woche viele neue Kontakte und Gedanken, aber auch Vorschläge, was Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter an der Schule konkret umsetzen können.

Wertebotschafterinnen und Wertebotschafter haben in der Corona-Zeit ein Video gedreht

Viel konnte David allerdings bislang nicht machen. Als er nach der Ausbildung im Februar die Urkunde als Wertebotschafter bekommen hat, blieb ihm gerade noch Zeit, seine Ideen in der Schule vorzustellen. Und die Zusage vom Elternbeirat zur Projektfinanzierung, zum Beispiel für den Druck der Werte-Karten, hat er sich auch eingeholt. Dann kam Corona.

Ganz untätig blieben die Wertebotschafter aber auch zu Hause nicht. Gleich zu Beginn drehten sie ein anrührendes Video, in dem sie die Menschen aufgefordert haben, zu Hause zu bleiben. Die Notwendigkeit dafür haben sie mit Werten wie Geduld, Zusammenhalt, Dankbarkeit, Respekt und Empathie begründet.

Im neuen Schuljahr soll es nun endlich loslegen. David ist zuversichtlich, dass eine Werte-AG zustande kommt, und er glaubt auch, dass die vergangenen Wochen alle Menschen ein bisschen mehr zum Nachdenken angeregt haben. Da will er als Wertebotschafter ansetzen: „Ich wünsche mir, dass die Leute die Augen öffnen und bewusster durchs Leben gehen.“

Video der Wertebotschafter

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