Migrationsforschung : Gibt es tatsächlich religiöse Konflikte an Schulen?

Woher rühren Mobbing und andere Konflikte an Schulen mit einer migrantisch geprägten Schülerschaft? Eine Studie in Berlin sieht als Ursache vor allem „konfrontative Religionsbekundungen“. Der Anthropologe und Migrationsforscher Werner Schiffauer hält dagegen und erklärt im Interview mit dem Schulportal, wo er die Ursachen sieht und wie Lehrkräfte, muslimische Jugendliche und Eltern zu einem besseren Miteinander finden könnten.

Annette Kuhn 07. März 2022
Schülerin mit Kopftuch - Werner Schiffauer zu Migration
Wenn Schülerinnen ein Kopftuch tragen, sehen Lehrkräfte darin oft ein Problem, hat Migrationsforscher Werner Schiffauer beobachtet.
©Imago Phototek

Deutsches Schulportal: Was heißt eigentlich „konfrontative Religionsausübung“, und wieso ist dieser Begriff aus Ihrer Sicht problematisch?
Werner Schiffauer: Konfrontativ ist Religionsausübung dann, wenn sie Konflikt sucht. Wenn sie religiöse Forderungen aggressiv gegen andere und gegen den Willen anderer vertritt. Oder wenn mit religiösen Forderungen Druck auf Dritte ausgeübt wird.

Das unterscheidet sie von einer einfachen Religionspraxis. Dazu würde ich das Tragen der Kippa, das Tragen des Kopftuchs oder den Wunsch nach einem Raum zum Beten zählen. Diese Punkte drücken den Wunsch nach religiöser Praxis aus, ohne damit einen Konflikt zu suchen.

Problematisch ist aber, wenn zwischen einer einfachen und einer auf Konflikt gebürsteten Religionspraxis überhaupt nicht unterschieden wird.

Migrationsprobleme werden schnell zu religiösen Problemen gemacht

Wie ordnen Sie es ein, wenn Jugendliche zum Beispiel Israel aus dem Atlas rausschneiden oder übermalen wollen? Ist das nicht eine Bekundung, die den Konflikt sucht?
Wenn Schülerinnen und Schüler Israel aus der Karte herausschneiden und das Existenzrecht Israels infrage stellen, ist das klar zu verurteilen. Aber wir wissen nicht, was dahintersteckt. Das können radikal religiöse Gründe sein – aber es gibt auch explizit laizistische Gruppen, die das Existenzrecht Israels bestreiten, zum Beispiel manche Teile der PLO.

Seit Beginn der 2000er-Jahre haben wir die Tendenz, alle Migrationsprobleme als religiöse Probleme zu konnotieren. Was in den 1990er-Jahren noch als „Ausländerprobleme“ galt, wird heute meist als muslimische, islamische Probleme hingestellt. Das ist eine katastrophale Vereinfachung. Hier müssen wir differenzieren.

Zur Person

  • Werner Schiffauer lehrte bis zu seiner Emeritierung 2017 als Professor für Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder.
  • Er war bis 2018 Vorsitzender des Rats für Migration.
  • Werner Schiffauer gilt als einer der führenden Experten zu muslimischem Leben und Migration in Deutschland.
  • Er ist korrespondierendes Mitglied des Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück.
Werner Schiffauer
Werner Schiffauer

Sie waren in Ihrem Projekt „Brücken im Kiez“ viele Jahre in Berliner Schulen unterwegs. Was haben Sie dabei beobachtet: Woher kommen Konflikte und Meinungsverschiedenheiten?
Da kommen oft viele Faktoren zusammen, deren Codierung sich zudem häufig überlappt:

  • Es gibt ethnische Konflikte – türkische Kinder lassen zum Beispiel keine arabischen Kinder in ihrer Fußballmannschaft zu und umgekehrt. Lehrerinnen und Lehrer sprechen auch von „Lagerbildungen“. Ist das religiös konnotiert? Eindeutig nein, weil es sich bei beiden Gruppen um Sunniten handelt. Es geht also nicht um die Konfrontation von Schiiten und Sunniten.
  • Hinzu kommen pubertäre Konflikte. An vielen Schulen gibt es Jugendliche, die das Gefühl haben, ausgegrenzt zu sein, nicht in die Gesellschaft hineinzukommen, und das produziert ein Konfliktpotenzial. Es äußert sich etwa in der Verweigerung der Kooperation mit den Lehrerinnen und Lehrern, und es äußert sich auch in der Kunst der Provokation, für die auch religiöse Symbole genutzt werden.
  • Auch persönliche Konflikte zwischen Lehrkräften und Jugendlichen spielen eine Rolle. In den Schulen, in denen wir bei unserem Projekt „Brücken im Kiez“ waren, gab es einige Lehrkräfte, die dezidiert antimuslimischen Rassismus vertreten haben und Schülerinnen und Schüler konfrontativ angingen in Bezug auf den Islam. Zum Beispiel sollten Schülerinnen und Schüler Stellung beziehen, wenn in der muslimischen Welt etwas passiert ist, auch wenn sie davon weit entfernt waren. Wir haben auch beobachtet, dass muslimische Schülerinnen, die ein Kopftuch tragen, als Problem behandelt werden.
  • Auch die Familien spielen eine Rolle. Muslimische Familien sind sehr unterschiedlich aufgestellt. Viele Familien sehen die Religion als Ort, an dem sie ihre Identität wahren können und einen Wertekontext finden, der ihnen hilft, sich in einer tendenziell skeptisch bis feindlich eingestellten Umgebung zu behaupten. Das bringt sie häufig auch auf Distanz zur Schule. Das Verhältnis zwischen Elternhaus und Schule liegt im Argen.

Werner Schiffauer hat Projekt an Berliner Schulen initiiert

Woran liegt das?
Muslimische Eltern fühlen sich oft nicht willkommen an der Schule. Allein die Elternabende sind eine Tortur für muslimische Eltern. Gerade wenn sie nicht gut Deutsch können, um sich klar zu artikulieren. Sie erleben oft Herablassung und haben den Eindruck, dass sie zum Sündenbock gemacht werden. Die Folge ist, dass viele überhaupt nicht mehr zum Elternabend kommen.

Was war Ziel des Projekts „Brücken im Kiez“?
Das Projekt hat versucht, das Gegeneinander von muslimischer konservativer Familie, Moscheegemeinde und Schule aufzulösen. Die Situation ist so verfahren, dass Eltern und Schule einander oft als Feinde sehen, was den Einfluss auf die Kinder betrifft. Viele Lehrerinnen und Lehrer sehen ihre Aufgabe darin, dem Einfluss der Eltern und der Moscheegemeinde etwas entgegenzusetzen. Umgekehrt produziert das bei Eltern das Gefühl, den Werteaussagen der Schulen etwas entgegensetzen zu müssen. Das ist eine katastrophale Situation für die Schülerinnen und Schüler. Wenn Elternhaus und Schule nicht an einem Strang ziehen, geraten die Kinder zwischen die Mühlsteine. Die ganze Schwarz-Weiß-Malerei bringt uns nicht weiter bei diesem sehr komplexen Feld.

Schulen brauchen eine klare Haltung gegen jede Form der Gewalt

Wie können Lehrerinnen und Lehrer besser mit Konflikten umgehen?
Es würde helfen, wenn Lehrerinnen und Lehrer Konflikte nicht nur anprangern. Viel wichtiger ist es, mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen, Ursachen für die Probleme zu finden und nach Lösungen zu suchen, die alle mittragen können.

Wir haben beobachtet, dass deutschstämmige Lehrerinnen und Lehrer dann eine hohe Akzeptanz bei den Schülerinnen und Schülern finden, wenn sie fair sind und sich symmetrisch verhalten. Wenn sie zum Beispiel genauso eine Gedenkfeier für den ermordeten französischen Lehrer Samuel Paty organisieren wie für einen Anschlag auf eine Moschee. So erleben Schülerinnen und Schüler, dass es an der Schule eine klare Haltung gegen jede Form der Gewalt gibt – egal, aus welcher Richtung.

Wenn Lehrkräfte aber nicht symmetrisch vorgehen und zum Beispiel nur Gewaltvorfälle thematisieren, in denen Täter einen muslimischen Hintergrund haben, bekommen muslimische Schülerinnen und Schüler schnell den Eindruck, dass in ihnen per se ein Problem gesehen wird.

Wichtig ist auch, dass die Lehrerschaft über die Konflikte an der Schule in Ruhe diskutiert. Es muss zur Schulkultur gehören, dass sich das Kollegium mit der Situation von zugewanderten Familien auseinandersetzt. Vielleicht braucht es dafür auch Supervisionssitzungen und ein Sensibilitätstraining, in denen Lehrkräfte auch mal den Standpunkt einer Schülerin oder eines Schülers einnehmen und so erleben, wie ihr eigenes Verhalten bei Kindern und Jugendlichen ankommt.

Hilfreich ist außerdem, Bündnispartner in die Schule zu holen und gemeinsam an Lösungen zu arbeiten. Mögliche Bündnispartner sind zum Beispiel die Moscheegemeinden.

Viele Lehrerinnen und Lehrer sind sich sehr sicher in dem, was sie über den Islam zu wissen glauben und was gut für Schülerinnen und Schüler sei. Das bringt uns aber nicht weiter, sondern führt nur zu Verspanntheit und Stress.

Welche Rolle können Moscheegemeinden hier konkret spielen?
Wir haben erlebt, dass muslimische Gemeinden und Religionslehrer oft bereit sind zu vermitteln, weil sie ein großes Interesse am Fortkommen der Kinder in der Gesellschaft haben. In den Moscheegemeinden wird außerdem dem Straßenmacho etwas entgegengesetzt. Der Sexismus der Straßenmachos gilt in den Gemeinden als unislamisch. Das islamische Rollenbild ist gegen Gewalt und gegen Anmache von Frauen. Der faszinierende Punkt ist, dass es mit den Moscheegemeinden eine ethische Autorität gibt, die von den Straßenmachos akzeptiert wird. Die säkulare Autorität der Lehrerinnen und Lehrer akzeptieren sie hingegen weniger.

Mehr Neugier und weniger Konfrontation in Debatten über Religion

Wie lässt sich in Schulen konstruktiv über Religion oder verschiedene Weltanschauungen diskutieren, ohne dass es gleich zu hitzig wird?
Aus dem Ruder laufen kann eine Auseinandersetzung immer dann, wenn sie konfrontativ wird. Wenn Lehrkräfte den Schülerinnen und Schülern von vornherein signalisieren, dass es falsch ist, was sie denken und machen.

Ich würde beim Gespräch über Religion eher eine neugierige statt einer konfrontativen Haltung einnehmen: Fragen stellen, warum etwas wichtig ist, sich Dinge und Traditionen erklären lassen. Und dann sollte man unterschiedliche Standpunkte ruhig auch mal stehen lassen. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind sich sehr sicher in dem, was sie über den Islam zu wissen glauben und was gut für Schülerinnen und Schüler sei. Das bringt uns aber nicht weiter, sondern führt nur zu Verspanntheit und Stress.

Stellen wir uns doch mal vor, wie Lehrerinnen und Lehrer auf buddhistische Schülerinnen und Schüler zugehen würden. Wahrscheinlich würden sie da eher offene, interessierte Fragen stellen und nicht gleich vorverurteilen. So sollte es auch bei muslimischen Kindern und Jugendlichen sein.

Mehr zum Thema

  • Der Berliner Verein für Demokratie und Vielfalt (DeVi) hat Ende 2021 eine Studie herausgebracht, um zu dokumentieren, wie stark religiös motivierte Probleme an Schulen im Berliner Bezirk Neukölln verbreitet sind. Grundlage der Studie sind Interviews mit Hort- und Schulleitungen. DeVi nimmt die Studie zum Anlass, eine „Anlauf- und Dokumentationsstelle konfrontative Religionsbekundung“ zu fordern.
  • Diese Pläne haben in Berlin und über die Stadtgrenze hinweg zu einer heftigen Debatte geführt. Dass es Probleme an Schulen gibt, die eine sehr heterogene Schülerschaft haben, wird dabei nicht infrage gestellt. Ein Streitpunkt ist aber, inwieweit sich Mobbing und andere Konflikte im Schulalltag tatsächlich auf „konfrontative Religionsvorstellungen“ und überhaupt auf religiöse Motive zurückführen lassen.
  • Auch Werner Schiffauer hat eine kritische Stellungnahme zur DeVi-Studie verfasst, die auf der Seite des Rats für Migration nachzulesen ist. Nach seiner Einschätzung der Gesprächsprotokolle, die der DeVi-Studie zugrunde liegen, gibt es keine hinreichenden Anhaltspunkte dafür, dass Konflikte an Schulen meist religiös konnotiert sind.
  • Schiffauer selbst hat zwischen 2009 und 2015 an Schulen in Berlin-Kreuzberg das Projekt „Brücken im Kiez“ Ziel bei dem von der Stiftung Brandenburger Tor geförderten Projekt war es, Lehrkräfte, muslimische Eltern und islamische Gemeinden zusammenzubringen und Wege zu finden, aus dem Gegeneinander ein Miteinander zu machen.
  • Seine Beobachtungen und Handlungsempfehlungen hat Werner Schiffauer in dem Buch „Schule, Moschee, Elternhaus. Eine ethnologische Intervention“ zusammengefasst.