Dieser Artikel erschien am 09.11.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Larissa Holzki

Wertevermittlung : Wer soll nun die Kinder lehren?

Eltern und Lehrer sind sich einig: Die Schule muss die Vermittlung gesellschaftlicher Werte als Bildungs- und Erziehungs­ziele verstehen, das zeigt eine Studie des Verbands Bildung und Erziehung. Andere Personen und Institutionen, die Kindern Werte vermitteln, haben in den vergangenen Jahren an Bedeutung verloren. Sowohl Eltern als auch Lehrer sehen ihre Erwartungen an die Schule noch lange nicht erfüllt.

Zusammenhalt ist wichtig: Schulen sind für die Vermittlung von solchen Werten da. Andere Institutionen haben an Einfluss verloren.
Zusammenhalt ist wichtig: Schulen sind für die Vermittlung von solchen Werten da. Andere Institutionen haben an Einfluss verloren.
©dpa

Schulkinder in Berlin lernen antisemitische Schimpf­wörter. Sächsische Berufs­schüler schmieren Haken­kreuze an die Wände der Schul­gebäude. Immer mehr Wähler in ganz Deutschland geben ihre Stimme einer national­istischen Partei. Angesichts dieser Entwicklungen sorgen sich viele um die gesell­schaftlichen Werte. Wie kann gewähr­leistet werden, dass Kinder lernen, tolerant zu sein, Menschen­rechte zu achten und Konflikte friedlich zu lösen? Wer muss sich darum kümmern? Und welche Werte sollten Priorität haben?

Diese Fragen haben Wissenschaftler der Uni Tübingen und Mitarbeiter des Meinungs­forschungs­instituts Forsa im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) mehr als 1100 Eltern und fast 1200 Lehrern gestellt. Die wichtigste Rolle bei der Vermittlung von Werten kommt demnach der Familie zu. Für mehr als 80 Prozent der Eltern und Lehrer ist aber auch die Schule dabei wichtig oder sehr wichtig. Es ist eine von vielen Erwartungen, die heute an Schulen gestellt werden. Aber sie ist berechtigter und begründeter denn je.

Die Umgebung, in der Kinder aufwachsen und ihr Werte­system entwickeln, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Und das hat Folgen. Der Sozial- und Organisations­psychologe Dieter Frey von der Ludwig-Maximilians-Universität München hat darüber geforscht, wie Einstellungen und Werte­systeme entstehen und sich verändern. Er sagt: „Für die Erziehung eines Kindes bedarf es eines ganzen Dorfes“. Man kann sich dieses Dorf bildlich vorstellen: Bauern­höfe, auf denen die ganze Familie wohnt, Nachbars­kinder, die auf der Straße spielen, eine Kirche in der Mitte des Dorfes, daneben die Grund­schule, die Feuer­wehr, der Sport­platz. Außer der Schule ist in der Lebens­welt vieler Kinder heute davon nicht viel erhalten.

Das hat nicht nur, aber auch mit den Ganztags­schulen und der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Mütter zu tun. „Meines Erachtens muss die Schule Defizite aus dem Elternhaus ausgleichen, weil Eltern oft selbst keine Werte vermitteln, sich zu wenig Zeit nehmen oder tatsächlich keine haben“, sagt Dieter Frey.

Immer weniger Kinder gehen zum Kommunions­unterricht

Statt auf der Straße spielen Kinder am Computer. Die Jugendfeuerwehren klagen über Nachwuchs­sorgen, viele Sport­vereine auch. Jugendliche trainieren heute häufig lieber im Fitness­studio als Judo zu machen, Hand­ball zu spielen oder um die Wette zu schwimmen. Die katholische Kirche zählte 2017 etwas mehr als 187.000 Kommunion­kinder, 15 Jahre zuvor waren es noch über 100.000 mehr. Die evangelische Kirche berichtet von einem ähnlichen Schwund an Jugendlichen bei der Konfirmation. Nur gut ein Drittel der Eltern sind laut der VBE-Studie der Meinung, dass Religions­gemein­schaften noch eine wichtige Rolle bei der Vermittlung von Werten zukommt. Die entstehende Lücke ist groß.

„In Sportvereinen, im Kommunionsunterricht, bei der Feuerwehr sind Werte vermittelt worden – und zwar durch praktisches Handeln“, sagt Dieter Frey: „Die Leute mussten im Sport­verein und bei der Feuer­wehr Initiative zeigen, es gab Konflikte, die gelöst werden mussten, und wichtig war für das alles so etwas wie Solidarität. Im Kommunions­unter­richt hätten sich Kinder mit ethischen Fragen aus­einander­gesetzt, aber auch mit Fragen der Selbst­identität, sagt der Psychologe. „Es war immer die Chance, inne­zuhalten und zu reflektieren: Wer bin ich, wer will ich sein, wo komme ich her, wo gehe ich hin? Das ist ein wichtiger Teil der Persönlichkeits­entwicklung.“

Wer soll nun die Kinder lehren? Fast alle Eltern und Lehrer sagen: noch immer die Familie. Große Erwartungen liegen aber auch auf den Schulen.

Lang ist die Liste der Werte, die Eltern und Lehrer heute als wichtige Erziehungsziele der Schule betrachten. Und die Erwartungen der Lehrer an sich selbst sind sogar noch höher als die der Mütter und Väter. So sagen fast alle Lehrer, dass eigen­verantwortliches Handeln, den Erwerb sozialer Kompetenzen und von Konflikt­fähig­keit, die Achtung der Menschen­rechte und das Einüben von Toleranz aus ihrer Sicht wichtige oder sehr wichtige Bildungs- und Erziehungs­ziele in der Schule sind. In der Gruppe der Eltern erachten die meisten das eigen­verantwortliche Handeln für wichtig, nach­folgend die Förderung selbständigen Lernens und den Erwerb sozialer Kompetenzen. Auffällig ist, dass deutlich mehr Lehrer als Eltern die Anerkennung der kulturellen Vielfalt als wichtig oder sehr wichtig einstufen (70 Prozent zu 89 Prozent).

Vorbild sein? Das ist für Eltern und Lehrer nachrangig

Erfüllt werden diese Erwartungen aber nicht. Nur über wenige Ziele sagt eine Mehr­heit der Befragten, dass die Schule sie erreicht. So sehen nur 45 Prozent der Lehrer, dass sie die Schüler zu eigen­verantwortlichem Handeln und selbständigem Lernen erziehen – die wichtigsten Ziele der Eltern. Die größte Zustimmung bekommt von den Pädagogen die Frage, ob die Gleich­berechtigung der Geschlechter in der Schule erreicht ist. Aller­dings haben daran noch ein Drittel der Lehrer Zweifel.

Für keines der abgefragten Erziehungs­ziele bescheinigen mindestens 60 Prozent der Eltern den Schulen Erfolg. Nur 46 Prozent finden, dass es der Schule gelingt, die Persönlichkeits­entwicklung zu fördern. Und nur ein Drittel stimmt zu, dass die Schule das Ziel erreicht, Schüler auf das zukünftige Leben vorzubereiten. Mehr als jedes zehnte Elternteil ist sogar der Meinung, dies gelinge der Schule nicht oder überhaupt nicht. Am kritischsten: die Eltern von Jugendlichen ab 16 Jahren und diejenigen, deren Kinder auf ein Gymnasium gehen.

Nadine Brech ist Zwölftklässlerin eines Münchner Gymnasiums. Auch sie sagt: „Ich fühle mich wahnsinnig schlecht auf das Leben vorbereitet.“ Sie habe bisher nicht gelernt, wie man sich auf einen Studien­platz bewirbt, eine Steuer­erklärung macht und warum sie über­haupt Steuern zahlen muss.

In der Studie, die der Verband Bildung und Erziehung in Auftrag gegeben hat, wurden Schüler nicht befragt. Nadine Brech kann nicht stellvertretend für sie sprechen. Aber sie engagiert sich in der Schüler­mit­verantwortung und dafür, dass gesell­schaftliche Werte an ihrer Schule gelebt werden. „Vor allem die Demokratie ist Lehrern und Schülern bei uns wichtig, es ist völlig klar, dass wir Schüler auch ein Recht haben, zur Gestaltung unserer Schule etwas zu sagen“.

Worte und Verhalten passen manchmal nicht zusammen

Wie gut die Vermittlung von Werten auch im Unterricht funktioniert, das liegt aus der Sicht von Nadine Brech vor allem an den jeweiligen Lehrern: Die sagten zwar alle, dass etwa Gleich­berechtigung von Frauen und Männern wichtig und selbst­verständlich sei, verhielten sich dann aber nicht so. „Ich könnte mich jedes Mal aufregen, wenn ein Lehrer sagt: Ich brauche zwei starke Jungs, die mir beim Tragen helfen“, sagt die Schülerin: „Da steckt ganz tief das Vorurteil drin, Männer sind stark – und nur weil ich ein Mädchen bin, kann ich trotzdem fünf Bücher tragen.“

Vielleicht lässt sich anhand dieser Beobachtung zumindest teilweise erklären, warum die Werte­vermittlung an Schulen nicht so gut gelingt wie erhofft. Gefragt nach den Methoden, mit denen Werte in Schule und Unterricht vermittelt werden sollten, sprechen sich die meisten Eltern und Lehrer für einen Ansatz aus, bei dem sich die Schüler anhand von verschiedenen Situationen oder durch außer­gewöhnliche Persönlich­keiten mit moralischem Handeln auseinander­setzen. Den Vorbild­ansatz, bei dem die Lehr­person selbst die Umsetzung von Werten vorlebt, halten nur um die 40 Prozent der Eltern und Lehrer für sehr sinnvoll.

Der Rat des Psychologen Dieter Frey liegt irgendwo zwischen diesen Ansätzen. Er spricht sich dafür aus, Werte im Unter­richt umzusetzen. Lehrer könnten etwa in der Projektarbeit eigen­verantwortliches Handeln zulassen, Konflikte ansprechen und gemeinsam mit den Schülern überlegen, wie man sie minimieren kann. „Lehrer müssten darin ausgebildet werden, wie sie insbesondere schwierige Situationen in der Schule verwenden, um zu transportieren, was es heißt, Werte zu leben“, sagt Frey. „Es geht nicht darum, dass Lehrer nur Appelle machen, sondern dass die Schüler selbst im Lichte der Werte Ideen entwickeln, was die Umsetzung konkret bedeutet.“

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