Inklusive Schule : Wenn Frontalunterricht nicht mehr funktioniert

Vor sieben Jahren hat die Meusebach-Grundschule in Brandenburg ihre Entwicklung zu einer inklusiven Schule begonnen. Vieles haben Lehrkräfte und Schulleitung dabei eher intuitiv verändert. Seit diesem Jahr bekommen sie Unterstützung durch das Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises. Das Schulportal begleitet die Meusebach-Grundschule bei diesem Prozess.

Florentine Anders / 10. Dezember 2018
Meusebach Grundschule Geltow, In der Klasse 3a von Frau Fritzi Rothe.
An der Meusebach-Grundschule in Geltow arbeiten die Kinder der Klasse 3a gemeinsam an ihren Aufgaben.
©Sebastian Pfütze
Fritze Rothe, Lehrerin der Klasse 3a der Meusebach-Grundschule wendet sich den Kindern individuell zu.
©Meusebach Grundschule Geltow, In der Klasse 3a von Frau Fritzi Rothe.
Jedes Kind der Klasse 3a an der Mesuebach-Grundschule erhält eine Kiste mit einer speziellen Aufgabe.
Jedes Kind der Klasse 3a an der Mesuebach-Grundschule erhält eine Kiste mit einer speziellen Aufgabe.
©Sebastian Pfütze
Tintenfass und Kleckse
Die Schülerinnen und Schüler an der Meusebach-Grundschule in Geltow testen, wie man mit Tinte und Feder schreibt.
©Sebastian Pfütze

Tobias sitzt in einem kleinen Nebenraum vor einem Tintenfässchen. Blaue Kleckse haben seine Finger gefärbt. Der Achtjährige versucht, mit einer Feder zu schreiben – so wie die Kinder vor hundert Jahren. „Wie es früher war“, heißt das Projekt der dritten Klasse. Annik paust Sütterlinschrift ab, Ben ordnet Kaffeemühle, Öllampe, Zwicker und andere Zeitzeugnisse nach dem Alphabet.

Die Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse lernen an der Meusebach-Grundschule in Geltow in Brandenburg. Die Schule ist – wie bereits berichtet – auf dem Weg zum inklusiven Lernen und nimmt seit diesem Schuljahr am Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises teil. In dem zweijährigen Programm werden die Top-20-Schulen und bis sechs weitere Bewerberschulen, die nicht zu den Preisträgern gehören, in ihrer Schulentwicklung unterstützt. Schwerpunkt der Meusebach-Grundschule ist dabei das gemeinsame Lernen von allen Kindern. Der Inklusions-Gedanke geht dabei weit über das gemeinsame Lernen von behinderten und nichtbehinderten Kindern hinaus.

Für jedes Kind eine andere Aufgabe

Die Meusebach-Grundschule liegt in einem Dorf nahe Potsdam. Auf dem Gelände dreht sich ein Baukran, mit dem gerade ein Anbau hochgezogen wird. Das alte Gebäude ist nicht nur sanierungsbedürftig – es platzt auch aus allen Nähten. Die Schule mit etwas mehr als 200 Schülerinnen und Schülern wächst und ist nachgefragt. Vor sieben Jahren hat das Kollegium beschlossen, eine Schule für gemeinsames Lernen zu werden. Den entscheidenden Impuls hatte, wie berichtet, die Aufnahme eines Kindes mit Down-Syndrom gegeben. Seither hat sich vieles verändert, die erfolgreichen Ansätze wurden anfangs aber eher intuitiv von den Lehrkräften entwickelt und erprobt.

In der dritten Klasse von Lehrerin Fritzi Rothe ist es in dieser Stunde erstaunlich ruhig, Lärm macht nur der Presslufthammer auf der Baustelle. Dabei ist viel Bewegung in diesem Raum: Die Kinder laufen von einem Platz zum anderen – mal arbeiten sie liegend auf dem Boden, mal auf den Kissen in der Bücherecke oder gemeinsam in kleinen Gruppen.

Das Prinzip: Die Schülerinnen und Schüler erhalten verschiedene Aufgabenkisten. Auf jeder Kiste steht der Name des Kindes, das für diese Aufgabe der „Chef“ ist. Wer die Aufgabe erledigt hat, lässt sie vom jeweiligen „Chef“ der Kiste auf Richtigkeit überprüfen und abzeichnen. Lehrerin Fritzi Rothe bleibt im Hintergrund. Wenn sie spricht, dann eher mit einzelnen Kindern in einem sanften Flüsterton –  sie hilft, wenn ein Kind nicht weiterkommt, lässt sich etwas vorlesen oder ist zur Stelle, wenn jemand eine spannende Entdeckung gemacht hat.

Die Veränderung des Unterrichts war aus der Not geboren

Jedes Kind bearbeitet Aufgaben, die zu seinen individuellen Lernvoraussetzungen und Begabungen passen. Die Aufgabenkisten hat Fritzi Rothe selbst entwickelt. „Das Konzept ist aus der Not entstanden“, erzählt die Lehrerin. Damals hatte sie einen sehr unruhigen Schüler, der sich im Unterricht kaum bändigen ließ. Der Frontalunterricht, wie sie ihn noch in ihrer Ausbildung gelernt hatte, funktionierte nicht mehr. „Irgendwann war mir klar: Entweder ich geh kaputt, oder ich ändere meinen Unterricht“, sagt die 41-Jährige.

Ihre Methode, die Schülerinnen und Schüler selbst zu den Chefs verschiedener Aufgaben zu erklären, fruchtete. Der Schüler, der vorher den Unterricht torpediert hatte, war nun hoch motiviert – selbst in den Pausen wollte er weiterarbeiten. Und Fritzi Rothe hatte Ruhe und Zeit, sich einzelnen Schülerinnen und Schülern zuzuwenden. Berufsbegleitend hat sie mittlerweile auch ein sonderpädagogisches Studium aufgenommen.

Von dem Entwicklungsprogramm erhofft sich Fritzi Rothe mehr Austausch zu der Frage, wie das gemeinsame Lernen am besten funktioniert. Denn der Erfahrungsaustausch komme im Alltag bisher oft zu kurz. Einmal im Monat trifft sich nun das gesamte Kollegium, um an diesem Tag nur über das Thema „Gemeinsames Lernen“ zu sprechen.

Prozessbegleiter und kritische Freunde helfen der Meusebach-Grundschule

„Mit dem Entwicklungsprogramm wollen wir mehr Struktur in das Konzept bringen“, sagt die Schulleiterin Monika Nebel. Nach der Auftaktveranstaltung ging es zunächst darum, in dem relativ kleinen Kollegium die Lehrerinnen und Lehrer dafür zu gewinnen, an den verschiedenen Hospitations- und Fortbildungsangeboten teilzunehmen. „Wir wollten niemanden bestimmen – alle sollen sich an dem Prozess beteiligt fühlen“, sagt Monika Nebel. Nach einer Woche Bedenkzeit waren die Aufgaben verteilt.

Die Kollegin für Mathematik und Kunst und die Klassenlehrerin der vierten Klasse werden im Entwicklungsprogramm zu „Peers“ ausgebildet. In Workshops werden sie speziell geschult, um als Peers andere teilnehmende Schulen bei ihrer Schulentwicklung zu unterstützen. Die gastgebende Schule stellt ihrer „kritischen Freundin“ oder ihrem „kritischen Freund“ dafür Fragen, die während eines Schulbesuchs gemeinsam bearbeitet werden. Gleichzeitig können die Peers infolge ihrer Ausbildung langfristig auch an der eigenen Schule den Entwicklungsprozess kritisch hinterfragen und vorantreiben.

Es ist Mittagspause an der Meusebach-Grundschule. Die Kinder aus Fritzi Rothes Klasse packen ihre Kisten zusammen. Vor und nach dem Essen können die Kinder entweder auf dem Hof toben, Bewegungsspiele in der Turnhalle machen, in der Bibliothek lesen oder sich auf großen Kissen im Entspannungsraum etwas vorlesen lassen.

Die aus Syrien stammende Englischlehrerin Alaa Kassab nutzt die Zeit, um sich im Lehrerzimmer mit ihrer Kollegin über Unterrichtsvorbereitungen auszutauschen. Seit über einem Jahr arbeitet Alaa Kassab an der Meusebach-Grundschule – einen Großteil der Entwicklung der Schule auf dem Weg zum gemeinsamen Lernen hatte sie verpasst. Durch das Entwicklungsprogramm hat sie nun Gelegenheit, an einem Seminar zum Thema „Lernvielfalt“ teilzunehmen.

Interviews mit Eltern und Kindern

„Der Austausch mit den Lehrern von Schulen aus ganz Deutschland war toll. Ich konnte viele Ideen mitnehmen“, sagt Alaa Kassab. Vor allem aber sei ihr klar geworden, dass Vielfalt in der Klasse die Arbeit nicht nur schwieriger macht, sondern auch guttut.

Bildungsforscher Hermann Veith von der Universität Göttingen begleitet die Schule. Um die Schule besser kennenzulernen, hat er bereits im Unterricht hospitiert. Jetzt plant der externe Prozessbegleiter Interviews mit Eltern und den Schülerinnen und Schülern, um herauszufinden, was ihnen am Unterricht gefällt und was ihnen fehlt.

Was dabei herausgekommen ist, wird das Schulportal im nächsten Teil berichten. Über einen Zeitraum von zwei Jahren begleitet das Schulportal die Meusebach-Grundschule auf ihrem Weg zu einer inklusiven Schule.

Auf einen Blick

  • Bis zu 20 Schulen, die sich für den Deutschen Schulpreis beworben haben, aber nicht zu den Preisträgern gehören, können an einem zweijährigen Entwicklungsprogramm teilnehmen.
  • Mit dabei sind alle im Rahmen des Wettbewerbs besuchten Schulen eines Jahres, bis auf die Preisträger, und bis zu sechs weitere Bewerberschulen, die von den Auswahlgremien empfohlen werden.
  • Ziel des Programms ist, diese innovativen Schulen in ihrer Weiterentwicklung zu unterstützen und zu begleiten. Dazu werden Zielvereinbarungen mit den Schulen abgeschlossen.
  • Die Schulen erhalten eine individuelle Prozessbegleitung, tauschen sich in Vernetzungstreffen aus und nehmen an Seminaren zu aktuellen Themen der Schulentwicklung teil.

Zu unserer Serie über die Meusebach-Grundschule

Inklusion, ja! Aber wie? Das Schulportal begleitet in einer Langzeit-Reportage die Meusebach-Grundschule auf ihrem Weg zu einer inklusiven Schule. Die Schule nimmt am Entwicklungsprogramm des Deutschen Schulpreises für exzellente Schulen teil. In dem zweijährigen Programm werden die TOP-20-Schulen unter den Bewerbern, die nicht zu den Preisträgern gehören, in ihrer Weiterentwicklung unterstützt. Im September 2018 startete das Programm für die Grundschule in Geltow.