Dieser Artikel erschien am 01.07.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Heike Klovert

Schule in Brandenburg : Wenn Elftklässler den Unterricht übernehmen

An einer Schule in Neuruppin organisieren Elftklässler den kompletten Schulbetrieb – zumindest an einem Tag im Jahr. Aber auch sonst springen sie oft für ihre Lehrer ein. Kann das funktionieren?

Die Kinder melden sich im Unterricht, während eine junge Frau vorne Fragen stellt.
Die Elftklässlerinnen und Klässler an der Evangelischen Schule Neuruppin in Brandenburg vertreten ihre Lehrkräfte. Den Unterricht organisieren und leiten sie selbstständig.
©Getty Images

„Es wäre superlieb, wenn ihr Namensschilder machen könntet.“ Virginia Lenk, 18, steht in Neuruppin vor einer siebten Klasse, den Rücken durch­gedrückt, das Kinn erhoben. Es hat zur Spanisch­stunde geklingelt, und Lenk soll mit den Schülern, die nur wenige Jahre jünger sind als sie selbst, in den kommenden andert­halb Stunden spanische Grammatik üben.

Die Schüler sollen sagen, was sie gerne mögen: „A mi me gusta dibujar.“ Ein Mädchen, das gern zeichnet, wirft einen roten Gummi­ball durch den Raum zu einem Jungen, der als nächstes dran sein soll. Er daddelt gerne auf dem Handy: „A mi me gusta jugar en el móvil.“ Virginia Lenk steht lächelnd dazwischen und hilft, wenn den Schülern die passenden Vokabeln fehlen.

Dass eine 18-Jährige den Unterricht leitet, ist an der Evangelischen Schule Neuruppin in Brandenburg nicht ungewöhnlich. Insgesamt rund 30 Schüler aus den Klassen 10 bis 12 springen regel­mäßig in den unteren Jahr­gängen ein, wenn Lehrer krank sind oder auf Exkursionen und zu Fortbildungen fahren.

Sie tun das, seit die Schule vor zwölf Jahren ein Experiment startete: An einem Tag im Jahr, kurz vor Weihnachten, über­nehmen die Elft­klässler den kompletten Betrieb der Privat­schule. Lehrer, Schul­leitung, Sekretärinnen, Hausmeister – alle Erwachsenen verlassen das Gelände, und die Schüler schlüpfen in deren Rollen.

Lange im Voraus wird der Tag geplant. Die Elft­klässler wählen in den Monaten davor eigen­ständig eine Schul­leitung, schreiben Raum- und Stunden­pläne, entwickeln Unterrichts­konzepte für mehr als 1000 Schülerinnen und Schüler an drei Stand­orten. Das verlangt auch den Erwachsenen etwas ab: „Man muss Vertrauen haben“, sagt Schul­leiterin Anke Bachmann.

Der 58-Jährigen kam die Idee zu dem Experiment, als sie 2006 einen Artikel über ein ähnliches Projekt in einem Fachjournal las und ihren Schülern im Leistungs­kurs Mathematik davon erzählte. „Die Schüler sagten gleich, dass sie das auch organisiert bekämen“ erinnert sich Bachmann.

Minderjährige mit Aufsichts­pflicht

So startete sie einen Versuch, der so gut lief, dass die Schul­leiterin seither jedes Jahr wieder Kontrolle und Aufsichts­pflicht über den Schul­betrieb einen Tag lang an rund ein­hundert Minder­jährige abgibt. Die Verantwortung für das, was dann passiert, behalte sie jedoch. „Das habe ich von Anfang an sehr klar kommuniziert. Trotzdem gab es Vorbehalte im Kollegium“, sagt die Rektorin.

Zuletzt übernahm Marco, 16, am 20. Dezember 2018 für einen Tag ihren Job. „Es war cool, mal die Perspektive zu wechseln“, sagt er, „aber auch stressig.“ Einige der jungen Ersatz­lehrer hätten morgens nicht gleich verstanden, in welchem Raum sie unterrichten sollten. Andere seien nicht pünktlich erschienen.

Nachdem sich die erste Hektik gelegt hatte, gab Jannis, 17, sechs Stunden Unterricht in Chemie, Latein und Sport. „Ich dachte immer, unterrichten kann fast jeder“, sagt er, „aber als ich vorne stand, war es doch schwerer als erwartet, alle mitzunehmen.“

Von solchen Erfahrungen profitiert über das Jahr hinweg die ganze Schul­gemeinschaft: Viele Elft­klässler springen gelegentlich ein, wenn eine Lehr­kraft ausfällt und sie selbst dafür keinen wichtigen Unterricht verpassen. Zudem stärkt das Experiment offenbar den gegen­seitigen Respekt und das Verständnis füreinander.

Die beiden Siebtklässler Florentine und Julian, die gerade eine Spanisch­stunde bei der 18-jährigen Virginia mitgemacht haben, freuen sich, wenn ältere Schüler ihren Unterricht über­nehmen. Lehrer, die selbst noch Schüler seien, könnten sich manchmal besser in andere Schüler hinein­versetzen, sagt Florentine.

Die Zwölfjährige registriert auch sehr genau, wie gut ihre Ersatz­lehrer vorbereitet sind. „Manche geben sich voll viel Mühe, einen guten Unterricht zu machen“, lobt Florentine. Manche ließen sie aber auch nur Mandalas ausmalen. „Das ist nicht so toll.“ Und das müssen sich die Ersatz­lehrer hinterher auch anhören: Zum Konzept gehört, dass die jüngeren Schüler den älteren nach ihrem großen Tag im Dezember ein Feedback geben.

Julian, 13, weiß jetzt schon, dass er später nicht in einer Schule, sondern beim Finanzamt arbeiten möchte. Trotzdem will er als Elft­klässler auch unbedingt einen Tag lang unterrichten. „Vielleicht werde ich später nie wieder die Chance haben, mich einmal als Lehrer zu fühlen“, sagt er. „Und ich werde bestimmt stolz auf mich sein, wenn ich es hinter mich gebracht habe.“

Eine zweite Chance

Eigene Stärken und Schwächen erkennen, sich ausprobieren, in andere hinein­versetzen, konstruktive Kritik üben – in dem Neu­ruppiner Projekt steckt viel, was Schulen auch anders­wo vermitteln wollen. Etwa einmal pro Monat kommt inzwischen eine Besucher­gruppe vorbei, die sich das Konzept erklären lässt. Im Schul­büro gehen außerdem häufig Einladungen zu Kongressen oder Vorträgen ein.

Eine reine Erfolgsgeschichte also? Es sei auch schon vorgekommen, dass der Tag im Dezember anders verlief als erwünscht, sagt die Schul­leiterin. Einige Jahre sei es her, dass die Elft­klässler in einigen Klassen keinen durchgängigen Unterricht gewähr­leistet hätten. Manche Schüler hätten laut Musik gehört, statt Englisch zu lernen, sagt Bachmann.

Eltern hätten daraufhin kritisch nachgefragt, was da gelaufen sei. Auch in der Schul­konferenz sei das Thema gewesen. Der betreffende Jahr­gang habe schließlich darum gebeten, den Tag wiederholen zu dürfen, sagt Bachmann. Sie unter­stützte den Wunsch und entschied sich, erneut Vertrauen in die Schülerinnen und Schüler zu setzen. „Beim zweiten Mal hat es hervor­ragend geklappt“, sagt sie.