Politik im Klassenzimmer : Wenn eine Debatte über die AfD aus dem Ruder läuft

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis, die Zusammenarbeit mit den Eltern oder das Zusammenspiel im Kollegium – Beziehungen prägen den Schulalltag, und häufig sind diese nicht einfach. Das Schulportal hat Lehrkräfte anonym befragt, in welchen Situationen sie an ihre Grenzen gestoßen sind. Experten aus Wissenschaft und Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen könnten. Hier erklärt Politikwissenschaftler Rico Behrens, der sich viel mit politischer Bildung in der Schule befasst hat, wie aus einem Schlagabtausch über die AfD im Klassenzimmer eine offene und faire politische Diskussion entstehen könnte.

Annette Kuhn / 19. Februar 2020
Jugendliche sitzen im Kreis
Symbolbild: Wenn es um Politik geht, ist es oft eine Herausforderung, eine besonnene Diskussion zu erreichen, in der sich alle zuhören.
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Lehrerin einer Berufsschule: Eine 20-jährige Schülerin einer Berufsschule für Erzieherinnen und Erzieher äußert im Sozialkundeunterricht, dass sie bei der letzten Wahl AfD gewählt hat. Die anderen Schülerinnen und Schüler empören sich, werden fast handgreiflich. Was mache ich in dieser Situation? Wie schaffe ich es, dass eine offene politische Diskussion über die AfD entsteht und nicht nur wüste Beschimpfungen geäußert werden?

Rico Behrens: Schulen sind keine Bildungsstätten jenseits gesellschaftlicher Konfliktfelder. Deshalb ist auch das Politische nicht aus der Schule herauszuhalten. Ob aus der geschilderten Situation eine „politische Diskussion“ entsteht, die über den Austausch von Beschuldigungen hinausgeht, liegt nicht allein in Ihrer Hand. Aber folgende Punkte sind dabei zu beachten:

Zunächst den Rahmen setzen und durchsetzen: Sie sollten Gewaltfreiheit einfordern und herstellen. Das betrifft zunächst die Unterbindung von jeglicher Form physischer oder sprachlicher Gewalt, das Unterlassen von Drohungen oder persönlichen Beleidigungen.

Verantwortungsbereiche richtig zuordnen: Unter Beachtung der Gewaltfreiheit lassen sich auch heftige Reaktionen der anderen Schülerinnen und Schüler zunächst als eigene politische Positionierung werten. Auseinandersetzungen über Politik dürfen auch im schulischen Rahmen emotional sein. Politische Fragen besonnen zu diskutieren ist erstrebenswert, Emotionen dabei aber gänzlich ausschalten zu wollen ist dem Gegenstand nicht angemessen.

Es kommt immer auf den Kontext an

Abhängig für das weitere angemessene Handeln ist dann vor allem der genaue Kontext. Geht es zum Beispiel um das Thema Wahl, wäre der Anlass für eine weiterführende Diskussion thematisch naheliegend. Handelt es sich eher um eine beiläufige Bemerkung der Schülerin, die in der Klasse aufgegriffen wird, kann der Fortgang anders aussehen.

Ob sich hier eine weitere „vertiefende Diskussion“ anschließt, entscheiden zunächst die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Aufmerksamkeit, Diskussionswilligkeit oder eben -unwilligkeit. Impulse können Sie als Lehrkraft für eine solche Beschäftigung natürlich setzen – ob die Schülerinnen und Schüler sie aufnehmen, liegt aber nicht in Ihrer Macht. 

Impulse setzen, strukturierend eingreifen und vertiefen

 Aus den bisherigen Ausführungen lassen sich verschiedene Impulse für eine Strukturierung herausgreifen:

  • Angebot zur Klärung rechtsstaatlicher Bezugspunkte (zum Beispiel Meinungsfreiheit, Rolle der Parteien, Wahlentscheidung usw.)
  • Angebot zur Klärung von Bewertungsebenen (zum Beispiel Einschätzung durch Verfassungsschutz, Gerichtsurteile zu führenden Politikern der Partei, Bezugspunkte wie Menschenwürde)
  • Angebote zur Erhellung konkreter Konfliktthemen (zum Beispiel Vorwürfe bezüglich rassistischer Stereotype, einzelne Felder der Politik, die gerade für Erzieherinnen und Erzieher von Interesse sind)

Umgangsweise auch für zukünftige Konflikte besprechen

Inwiefern sich solche Vertiefungen in einer aufgeheizten Situation direkt anschließen lassen, hängt wieder vom Kontext ab. Unter Umständen kann es hilfreich sein, wenn Sie in einer Nachfolgestunde durch Anknüpfen an die Situation inhaltliche Impulse geben. Dadurch ist es vielleicht möglich, einen reflektierenden Blick auf die Geschehnisse zu werfen und Umgangsweisen für zukünftige Konflikte zu besprechen.

In jedem Fall sollten die politischen Positionierungen der Schülerinnen und Schüler ernst genommen werden. Das bedeutet zum einen, klarzumachen, dass eine Wahlentscheidung eine persönliche Entscheidung ist. Zum anderen aber auch, den massiven Bedenken der übrigen Schülerinnen und Schülern Raum zu geben. In diesem Zusammenhang können Sie auch auf Gefahren hinweisen, die etwa aus gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit entspringen. Es ist darüber hinaus nicht Ihre Aufgabe als Lehrkraft, politisch zu harmonisieren.

Zur Person

  • Rico Behrens ist Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Bildung und Didaktik der Sozialkunde an der Katholischen Universität Eichstätt.
  • Zuvor hat er das Modellprojekt „Starke Lehrer – Starke Schüler” geleitet. Das Projekt wurde von 2015 bis 2018 auf Initiative der Robert Bosch Stiftung von der Technischen Universität Dresden umgesetzt.
  • In seiner Dissertation, die unter dem Titel „Solange die sich im Klassenzimmer anständig benehmen“ erschienen ist, beschäftigte er sich mit der Frage, wie politische Bildung mit rechtsextrem orientierten Schülerinnen und Schülern funktionieren kann.

Weitere Fragen an Experten

Die Arbeit einer Lehrkraft ist vielseitig. Besonders Beziehungen prägen den Schulalltag und sind häufig nicht einfach. Dabei spielen der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern sowie mit den Eltern und mit dem Kollegium eine Rolle. Lehrerinnen und Lehrer können sich mit Situationen, in denen sie unsicher sind, anonym an das Schulportal wenden. Expertinnen und Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen. Schreiben Sie uns an redaktion@deutsches-schulportal.de