Mobbing in der Schule : Wenn die Pause zur Hölle wird

„Schule ist kein Platz zum Lernen, Schule ist Überleben.“ Das war am Ende der siebten Klasse das Fazit von Norman Wolf. 20 Jahre später hat der Butzbacher Autor ein Buch über seine Mobbing-Erfahrungen geschrieben.

Dieser Artikel erschien am 10.08.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Katja Winter
Schulkind steht allein auf dem Fußweg
Mobbing in der Schule ist ein Massenphänomen
©Getty Images

Sie kamen am frühen Morgen. Die Mitschüler des damals zehn Jahre alten Norman Wolf rissen ihn aus dem Bett und zogen ihn an Händen und Füßen durch die Flure des Schullandheims. Dabei hatte der Junge noch am Vortag gedacht, jetzt endlich Freunde in seiner Klasse gefunden zu haben. Er hatte sich mit anderen unterhalten, hatte Mut gefasst und ihnen anvertraut, dass er sich in ein Mädchen aus der Klasse verliebt habe. Doch seine Vertrauensseligkeit rächte sich: Feixend und johlend trugen ihn die anderen durch die Flure, bis zu dem von ihm angehimmelten Mädchen, wie Norman Wolf erzählt. Sie ließen ihn demnach vor den Augen der versammelten Klasse auf den Boden fallen, und die Mitschülerin habe ihn nur von oben herab angeschaut und gesagt: „Ich will nichts von dir.“

Noch heute kann sich der inzwischen 28 Jahre alte Norman Wolf an das Gefühl erinnern: ausgeliefert sein – diese Scham, diese Ohnmacht. „Ich habe noch versucht, mich zu befreien, aber die waren natürlich stärker als ich“, erinnert er sich. Er habe sich so machtlos gefühlt und gedacht: „Warum bist du so naiv, warum hast du denen vertraut?“

Diese und viele weitere Erinnerungen hallen in dem jungen Mann nach, der fast 20 Jahre später in seiner Wahlheimat Butzbach im Café sitzt und über seine Erfahrungen sehr offen spricht. Weil er Mut machen will, auch weil er anderen Mobbing-Opfern zeigen will: „Ihr seid nicht allein, es gibt noch andere, die diese Erfahrung machen.“ Der gut aussehende junge Mann mit den dunklen Haaren und fast schwarzen Augen wirkt mitnichten wie das perfekte Opfer. Aber was heißt das schon? Letztendlich gehe es ja nicht um das Aussehen oder um die Kleidung. Oft sei es Zufall, wer am Ende der sozialen Hackordnung lande, meint er. Und Norman war von der fünften bis zum Ende der siebten Klasse ganz am Ende angekommen.

Abfuhr vom Lehrer

Darüber hat er ein Buch geschrieben. Er berichtet darin nicht nur über eigene Erfahrungen, sondern lässt auch andere zu Wort kommen. Das Sachbuch „Wenn die Pause zur Hölle wird – wie du dich gegen Mobbing stärkst und Selbstvertrauen gewinnst“, soll ein Leitfaden sein, für Betroffene, aber auch für Eltern und Lehrer. Denn vor allem mit Pädagogen hat Wolf keine guten Erfahrungen in seiner Schulzeit gemacht. Er erinnert sich an eine Begebenheit, bei der ihm jemand aus dem Kreise seine Peiniger grundlos in der Pause die Nase blutig geschlagen habe. Am nächsten Tag blieb er in der Pause aus Angst einfach im Klassenraum sitzen. Sein Lehrer habe gefragt, was los sei. Er habe ihm den Grund genannt. „Übertreib mal nicht so, die suchen bestimmt nur einen Weg, um sich mit dir anzufreunden“, habe der Lehrer ihm daraufhin gesagt.

„Das ist so ein Blödsinn“, entfährt es Wolf noch Jahre später. Von da an war für ihn klar: „Okay, dann rede ich halt nicht mehr darüber“, denn mit der Abfuhr des Lehrers, so sein Gefühl, hatte er „seinen letzten Joker eingebüßt“. Am Ende der siebten Klasse habe die Erkenntnis gestanden: „Schule ist kein Platz zum Lernen, Schule ist Überleben.“ Und Leben, das spürte er, war schon lange nicht mehr schön, nicht leicht, er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er zuletzt gelacht hatte. „Und irgendwie war das Leben auch nicht mehr schön.“ Da war Norman zwölf.

Krallen der Vergangenheit

Heute folgen ihm auf Twitter 60.000 Menschen, 14.000 sind es auf Instagram. Mittlerweile wisse er, dass jeder achte Schüler im Laufe seines Schullebens Mobbing-Erfahrung mache. In seinem Buch gibt er Gepeinigten praktische Hinweise. Vom ersten Kapitel „Mobbing ist nicht ärgern“ über „Was Mobbing mit dir macht“ bis hin zu „Was du jetzt tun kannst“ lebt das Buch von selbst gemachten Erfahrungen und von Wolfs fachlicher Expertise.

Denn nachdem er seine leidvollen Erlebnisse hinter sich lassen konnte, einfach weil seine Peiniger nach und nach die Schule verlassen mussten, hat er langsam wieder Anschluss, hat wieder Freude am Leben gefunden, wie er sagt. Die Frust-Pfunde, die er sich über die Jahre angefuttert hatte, verschwanden langsam, seine Noten besserten sich, er blühte regelrecht auf. Das Gymnasium verließ Norman Wolf mit einem Abiturschnitt von 1,2. Er studierte Psychologie und lernte viel über die Mechanismen des menschlichen Miteinanders.

Das schütze ihn aber immer noch nicht vor den Krallen der Vergangenheit. Sowohl die äußerlichen Narben, die sich als Folge der schnellen Gewichtszunahme als Dehnungsstreifen am Körper zeigen, als auch die innerlichen Narben sind geblieben. So etwa wenn Wolf in der voll besetzten Bahn sitzt und ein Platz frei wird. Sein erster Impuls sei stets, sich zurückzuhalten, weil er diesen Platz nicht einnehmen dürfe. „Ich denke dann zuerst, dass da jemand sitzen könnte, der das mehr verdient als ich“, erzählt er. Inzwischen setze er sich in solchen Fällen dennoch, aber der erste Reflex sei immer da, und er müsse ihm bewusst entgegenwirken.

Spannungen zuhause

Zu seiner verzweifelten Lage als Schüler sei hinzugekommen, dass er niemanden gehabt habe, dem er sich hätte anvertrauen können. Lediglich sein Opa, ein schweigsamer, ruhiger Mensch, sei eine Konstante und Stütze gewesen. „Zu ihm bin ich nach der Schule gelaufen und habe mich an seiner Brust ausgeweint.“ Mit seinen Eltern, seinem älteren Bruder und seinem Opa habe er zusammen in einem Haus gelebt. Die Beziehung der Eltern war schwierig. Der Vater war arbeitslos, habe getrunken, die Mutter habe geputzt, um die Familie ernähren zu können. Die Spannungen zu Hause seien ständig greifbar gewesen. Klar habe seine Mutter gefragt, wie es ihm gehe, ob er Sorgen habe. „Aber ich habe gelogen, ich habe gesagt, dass alles okay ist.“ Weil er dachte, dass er sie, neben all ihren anderen Sorgen, nicht auch noch mit seinem eigenen Kummer belasten könne.

Als er zwölf Jahre alt ist, trennen sich seine Eltern. Der Vater lebe mittlerweile schon seit Jahren auf der Straße, erst vor vier Jahren habe er ihn ausfindig gemacht. Aber der Vater habe inzwischen kognitive Einschränkungen, Gespräche seien schwierig. Das hat Norman Wolf in einem früheren Buch beschrieben. Daraufhin sei er seinem Bruder wieder nähergekommen, der inzwischen im ehemaligen Elternhaus lebe. Seine Mutter habe einen neuen Partner, lebe drei Ortschaften vom damaligen Zuhause entfernt und sei nach wie vor eine wichtige Vertraute.

Ein Klassenwechsel kann helfen

Was ihm während seiner Leidenszeit in der Schule damals geholfen hätte? Möglicherweise ein Klassenwechsel. „Aber ich glaube, das ist eine unbeliebte Option bei Eltern, weil sie es als eine Art Weglaufen vor den Problemen sehen“, analysiert Wolf unaufgeregt. Doch wenn sich die Probleme nun einmal partout nicht lösen ließen, dann müsse man eben weglaufen. „Wenn dein Haus brennt und du es nicht löschen kannst, dann musst du doch gehen, um nicht mit dem Haus zu verbrennen.“ Klar gebe es auch Lehrer, die sich kümmerten, aber wenn das nicht der Fall sei, dann bleibe oft nur der Klassen- oder Schulwechsel.

Mit seinem Buch möchte Norman Wolf nach seinen Worten auch Eltern und Lehrern mit auf den Weg geben, dass sie nicht sofort eine Lösung parat haben oder gar wissen müssten, wie sie mit solchen Problemen ad hoc umgehen sollten. Wichtig sei aber, dass sie das Kind oder den Jugendlichen ernst nähmen und auffingen. „Sie könnten sagen, danke, dass du so mutig bist und mir das erzählst. Wir gehen das jetzt zusammen an.“

Auftritte bei Elternabenden

Wolf will das „Massenphänomen des Mobbings in der Schule“ stärker ins Bewusstsein der Allgemeinheit rücken, aufklären und Hilfen anbieten. Es gebe so viele, die vor zehn, 20 oder 30 Jahren diese Erfahrung gemacht hätten und diese Erinnerungen noch immer mit sich herumtrügen. Wolf will zeigen: Du bist nicht allein, es geht vorbei, du darfst dich wehren, und – ganz wichtig – du bist nicht schuld.

Inzwischen könne er über seine Erfahrungen sprechen und sei dankbar, nicht mehr nur über seine Social-Media-Kanäle aufzuklären, sondern auch bei Elternabenden. Jüngst habe er in seiner Heimatstadt per Zoom 45 Minuten über das Thema Mobbing gesprochen. Die Eltern hätten sich gefreut über sein fundiertes Wissen. Wolf strahlt, wenn er darüber redet. Zwölf weitere Anfragen für digitale Elternabende seien innerhalb kurzer Zeit an ihn herangetragen worden. Zudem habe sich ein Dozent der Universität Stuttgart gemeldet. Im Wintersemester soll er vor seinen Lehramtsstudenten über das Thema Mobbing sprechen.

Bis vor Kurzem habe er die Frage, ob er noch einmal Kontakt zu einem seiner früheren Peiniger gehabt habe, verneint. Inzwischen hat sich einer bei ihm gemeldet. Der Mann habe sich nicht entschuldigt, wohl, weil er gewusst habe, dass das nichts ändern würde. Aber er habe immerhin versucht, zu erklären. Ein Zufall, dass dieser ehemalige Peiniger ebenfalls Psychologie studiert hat? Für Norman Wolf ist das nicht mehr wichtig.