Weltlehrertag : Warum der Lehrerberuf so schön ist

Am 5. Oktober ist Weltlehrertag. Viel wird an Schule und Lehrkräften kritisiert, aber an diesem Tag ist Zeit, innezuhalten, Danke zu sagen und darauf zu schauen, was diesen Beruf so besonders macht. Das Schulportal wollte wissen, wie Menschen aus drei Generationen darüber denken. Großmutter Monika Richter hat fast 40 Jahre als Sonderschulpädagogin in Berlin gearbeitet. Ihre Tochter Katja Rösner und nun auch ihr Enkel Leon Rösner sind in ihre Fußstapfen getreten. Zum Weltlehrertag sprechen sie darüber, warum sie sich für den Lehrerberuf entschieden haben, was sie sich anders wünschen würden und wann Humor wichtig ist.

Annette Kuhn / 02. Oktober 2020
Weltlehrertag drei Lehrer
Katja Rösner (l.), Monika Richter und Leon Rösner haben sich für den Lehrerberuf entschieden - und diese Entscheidung bislang nicht bereut.
©Annette Kuhn

Der Entschluss, Lehrerin zu werden, war für Monika Richter eine kleine Rebellion, auch wenn sie nicht gerade der Typ Rebellin ist. Es war in der Oberstufe. „Wir Schülerinnen und Schüler wurden mit wenig Respekt behandelt, und da habe ich mir gedacht: Das muss sich ändern.“  Und sie wollte mit dazu beitragen. Also verwarf sie ihre ursprüngliche Idee, Kinderärztin zu werden – „da kann man mit Kindern arbeiten und kann sich im Notfall selbst verarzten“. Das Verarzten ließ sie also weg, die Arbeit mit Kindern sollte unbedingt bleiben.

Aber ganz so einfach war es nicht, ihren Berufswunsch zu realisieren. Anfang der 1960er-Jahre bekam die heute 75-jährige Berlinerin erst mal eine Absage von der Pädagogischen Hochschule in Berlin, die damals für die Lehrerausbildung in West-Berlin zuständig war. „Zu viele Frauen haben sich beworben“, bekam sie zu hören.

Im dritten Anlauf in den Lehrerberuf: Erst waren es zu viele Frauen, dann war sie zu klein

Stattdessen wurde sie Verwaltungsinspektorin und bekam ihre Tochter Katja. Die Idee mit dem Lehrerberuf verschwand aber nicht. Daher unternahm sie Anfang der 1970er-Jahre einen zweiten Versuch. Wieder gab es eine Hürde. „Eigentlich wollte ich Sport studieren, ich war ja auch Leistungsschwimmerin“, sagt sie. Aber wieder wurde sie abgelehnt: „Zu klein.“ Monika Richters Berufswunsch war allerdings zu groß, um sich wegen ein paar Zentimetern wieder abweisen zu lassen. „Dann habe ich eben Pädagogik und Politik gewählt.“

historisches Klassenfoto
Die erste Klasse von Monika Richter, (3. v.l. obere Reihe) 1974 an einer Grundschule in Berlin-Neukölln.
©privat

Nach dem Examen machte sie ihr Referendariat an einer Grundschule in Neukölln. „Eine tolle Schule“, sagt sie, „modern, sehr demokratisch, ein respektvoller Umgang“ – ganz nach ihrem Geschmack. Gern wäre sie hiergeblieben, aber so lief es damals nicht. Sondern so: „Der Schulleiter der Sprachheilschule in Neukölln kam zu meiner Schule und zeigte auf mich: ,Die will ich haben.‘“

Monika Richter war offen und interessiert – und schließlich hatte die neue Richtung ja auch mit Medizin zu tun, ihrem ursprünglichen Berufswunsch. Die Wirklichkeit sah ihr dann allerdings viel zu viel nach Medizin und zu wenig nach Lehrberuf aus: „Die Lehrer, allesamt Männer, trugen weiße Kittel und in der Brusttasche einen Holzspatel“, erinnert sie sich, „wenn ein Kind Schwierigkeiten beim Sprechen hatte, wurde einfach mal mit dem Spatel in den Mund gelangt, um zu sehen, ob die Zunge richtig liegt.“ Da war sie wieder, diese Respektlosigkeit, die die junge Lehrerin nicht ertragen wollte.

 

 

 

Es ist ein so toller, vielseitiger Beruf – manchmal stressig, aber immer erfüllend.

Monika Richter
Monika Richter war fast 40 Jahre Lehrerin.
©Annette Kuhn

Wahrscheinlich wäre sie also an dieser Schule nicht lange geblieben, wenn nicht die Sprachheilschule zur ersten Ganztagsschule Deutschlands im Sprachheilbereich geworden und damit zur Vorzeigeschule ausgebaut worden wäre. „Die technische und personelle Ausstattung war hervorragend“, sagt sie, „heute kann man davon nur träumen.“

Monika Richter sattelte noch ein Studium der Sprachheil- und Verhaltenspädagogik obendrauf und blieb bis zu ihrer Pension 2007 an der Schule – als Lehrerin, später als erste Konrektorin.

Das Einzelkämpfertum im Lehrerberuf ist schwierig

Heute schaut sie gern auf ihre berufliche Arbeit und auf ihren Beruf zurück: „Es ist ein so toller, vielseitiger Beruf – manchmal stressig, aber immer erfüllend.“ Sie sagt aber auch: „2007 war ein guter Zeitpunkt, zu gehen.“ Die personelle Ausstattung sei zunehmend abgebaut und die Möglichkeiten der Schule immer weiter begrenzt worden. Auch das Einzelkämpfertum unter Lehrkräften sei ihr zu stark gewesen – und in der täglichen Arbeit nicht effektiv. „Man muss das Rad doch nicht immer selbst erfinden.“ Besser sei es doch, sich bei Materialien und Planungen auszutauschen – gerade wenn die Personaldecke immer dünner wird.

Bis sie zu dieser Erkenntnis kam, war ihre Leidenschaft für den Beruf schon längst auf ihre Tochter übergesprungen. „Meine Mutter hat mich oft in die Schule mitgenommen, und weil ich gut in Rechtschreibung war, durfte ich auch manchmal Diktate ihrer Klasse korrigieren“, verrät Katja Rösner. Das hatte ihr Spaß gemacht. Und schon früh war ihr klar, dass sie in die Fußstapfen ihrer Mutter treten würde. Obwohl der das anfangs gar nicht so gefiel: „Ich wollte, dass sie ihren eigenen Weg geht.“

Sonderschulpädagogin Katja Rösner
©Annette Kuhn

 

 

Anfangs habe ich vieles zu persönlich genommen. Was mir geholfen hat, Abstand zu finden, ist eine gute Portion Humor.

Der Weg ins Lehramt war dann offenbar der eigene Weg von Katja Rösner. Gerade die Sprachheilpädagogik fand sie so spannend, „weil man da so viel darüber erfahren hat, wie Sprachbildung überhaupt entsteht“. Seit dem Ende des Studiums arbeitet sie in einem Förderzentrum mit dem Schwerpunkt Hören und Sprache. Sie hat das Gefühl, hier an der richtigen Stelle zu sein, viel bewirken zu können. Aber inzwischen weiß sie auch: „Man kann als Lehrerin oder Lehrer nicht alles verändern.“

Gerade die Zunahme verhaltensauffälliger Kinder sei eine große Herausforderung, auf die man im Studium nur bedingt vorbereitet werde. „Anfangs habe ich vieles zu persönlich genommen“, sagt sie, „was mir geholfen hat, Abstand zu finden, ist eine gute Portion Humor.“ Und die Einsicht, dass sich nicht alles ändern, nicht jedes Defizit auffangen lasse.

Ärgerlich: Wenn der Briefträger mittags einen „schönen Feierabend“ wünscht

Aber man könne den Kindern helfen, damit umzugehen und sie stark zu machen. „Für mich ist es immer wieder spannend zu sehen, wie sich die Kinder, die ich in der siebten Klasse übernehme, am Ende der zehnten Klasse zu jungen Erwachsenen entwickelt haben.“ Sie hofft, dass sie den Jugendlichen dann genug mitgeben konnte, damit sie den Übergang ins Berufsleben schaffen.

Obwohl der Beruf ihr viel abverlangt und sie sich jedes Mal ein bisschen ärgert, wenn sie mittags dem Briefträger begegnet und er ihr einen „schönen Feierabend“ wünscht, hat sich Katja Rösner, genau wie ihre Mutter, den Blick auf das Positive des Lehrerberufs bewahrt. Bereut hat sie es jedenfalls nie, im Lehrerberuf gelandet zu sein.

 

 

Es ist toll, zu sehen, wie sich Kinder entwickeln und wie man sie dabei motivieren kann.

Student Leon Rösner
©Annette Kuhn

Und auch ihr Sohn Leon geht jetzt mit viel Enthusiasmus in den Lehrerberuf. Der 21-Jährige steht erst am Anfang seines Studiums. Erfahrung mit Kindern bringt er mit, schließlich hat er viele Jahre Kindern Hockeytraining gegeben. „Das hat mir großen Spaß gemacht. Es ist toll, zu sehen, wie sich Kinder entwickeln und wie man sie dabei motivieren kann.“ Und er hat dabei auch gemerkt, dass er sich ganz gut durchsetzen kann.

Als Leon Rösner vor drei Jahren vor der Entscheidung stand, was er studieren soll, hat er geschwankt: Lehramt oder Jura? Der Lehrerberuf war ihm vertraut. Oma, Mutter und auch sein Vater sind Lehrkräfte. Aber hätte er nicht doch einen anderen Weg als seine Eltern einschlagen sollen? Er hat dann beides ausprobiert, um jetzt umso sicherer sagen zu können: „Ich will Lehrer werden. Das ist so ein schöner, so ein cooler Beruf.“

Wichtigste Voraussetzung für den Beruf: Man muss Kinder mögen

Er studiert mittlerweile Sonderpädagogik und Geschichte. Gerade das Thema Inklusion findet er enorm wichtig, daher rührt auch seine Studienwahl. Ob ihn dieses Studium dann aber mal an ein Förderzentrum wie seine Mutter und Großmutter oder an eine Regelschule führen wird, das lässt er auf sich zukommen. Offenheit, die findet er überhaupt ganz wichtig für diesen Beruf, genauso wie praktische Erfahrungen. „Probier dich aus“ ist für ihn der Leitspruch.

Auch seine Mutter und seine Großmutter haben eine Botschaft für alle, die überlegen, in den Lehrerberuf zu gehen: „Man muss Kinder mögen – das ist das Wichtigste“, sagt Katja Rösner. Monika Richter nickt und ergänzt: „In der Schule kommt es vor allem auf Beziehungsarbeit an – im Kollegium und mit den Kindern.“

Weltlehrertag

  • Seit 1994 wird der Weltlehrertag am 5. Oktober begangen.
  • Die Initiative, an einem Tag im Jahr alle Lehrerinnen und Lehrer zu würdigen, ist eine Initiative der UNESCO, der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Educational International (EI), der Dachorganisation von etwa 400 Bildungsgewerkschaften weltweit.
  • Der Weltlehrertag erinnert an die „Charta zum Status der Lehrerinnen und Lehrer“, mit der die UNESCO und die ILO bereits 1966 angemahnt haben, dass eine qualifizierte Bildung nur möglich sei, wenn es genug qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer gibt.
  • Nach Erhebungen der UNESCO hat weltweit mehr als jede zehnte Lehrkraft keine entsprechende Ausbildung.
  • Jedes Jahr erstellt die UNESCO einen Bildungsbericht zu einem Schwerpunktthema. In diesem Jahr heißt er: „Inklusion und Bildung: Für alle heißt für alle“.