Dieser Artikel erschien am 15.04.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Cornelius Pollmer

Schule : Welche Fächer braucht das Kind?

Ernährung, Benehmen, Klimawandel: Für fast jedes Anliegen wird irgendwann ein eigenes Schulfach gefordert. Die erhofften Effekte sind aber eine Illusion.

Kind trägt Welt-Maske
Wenn Tausende Schüler für Umweltschutz demonstrieren, lässt die Forderung nach dem Fach Klimawandel nicht lange auf sich warten.
©dpa

Die Schule muss sich seit je vieler Schlaumeiereien von außen erwehren, und was unter diesen immer mehr in Mode zu kommen scheint, das ist die Forderung nach neuen Unterrichts­fächern. Allein mit den im vergangenen Jahr akten­kundig gewordenen Vorschlägen ließe sich eine so progressive wie zweifel­hafte Stunden­tafel gut füllen.

Darin enthalten wäre das Schulfach Ernährung, das die Gewerk­schaft Nahrung-Genuss-Gaststätten im vergangenen Herbst nicht zum ersten Mal forderte. Enthalten wäre das Schulfach Daten­kunde, das ein Verband aus dem Feld künstliche Intelligenz sich wünschte, und zwar ab der dritten Klasse. Aus dem Sommer noch in Erinnerung ist der Satz „Wir brauchen ein Schul­fach Wirtschaft“, er stammt zur geringen Über­raschung selbst natürlicher Intelligenzen: von einem Bildungs­ökonomen. Dieser Sommer war übrigens sehr dürr und heiß, und als die von Greta Thunberg initiierten Proteste sich inter­nationalisierten, sagte der Meteorologe und Moderator Sven Plöger in einem Interview, „eigentlich müsste es ein eigenes Fach ‘Klima­wandel’ geben“.

Teils noch kurioser werden die Funde von Forderungen, geht man weiter zurück. Julia Klöckner, die jetzige Bundes­land­wirtschafts­ministerin, griff vor einigen Jahren die Forderung nach einem Schul­fach „Alltags­wissen“ auf; gerade veröffentlicht worden war da eine Umfrage, der zufolge 75 Prozent der Leute sich das Unterrichts­fach „Benehmen“ wünschten. Das Deutsche Rote Kreuz sprach sich für „Erste Hilfe“ als Fach aus, anderen Interessen­vertretern stand der Sinn nach „Dialekt­förderung“ oder „Familien­kunde“. Und wenn sie irgend­wo über solche Wünsche nur müde lächeln, dann ja vielleicht an der Emil-Barth-Real­schule in Haan, denn dort gibt es bereits das Wahl­pflicht­fach „Feuerwehr“.

Die Argumentation: Kein Fach, keine Professoren

Tim Engartner, Professor für Didaktik der Sozial­wissen­schaften an der Frankfurter Goethe-Universität, hat mit Kollegen Forderungen nach neuen Fächern vor einiger Zeit gesichtet. Etwa 120 solcher Wünsche zählten die Forscher. „Fakt ist, dass es kaum eine Disziplin gibt, die nicht den Anspruch erhebt, in Form eines eigenen Faches an der Schule präsent zu sein“, sagt Engartner. Argumentiert würde dabei häufig mit einem „fach­didaktischen Armuts­kreis­lauf“: Kein Fach hieße keine Vorbildung, ohne Vorbildung kein Interesse, auch nicht im Studium, in der Folge keine Professuren für diese Fächer, und so fort.

Engartner hält die Anliegen der Fordernden für nach­voll­zieh­bar, aber nicht ziel­führend. Eine „Atomisierung der Stunden­tafel“ würde niemandem helfen, und aus seiner Schul­zeit könne er nicht mal ein Fach nennen, das sich ohne Weiteres hätte opfern lassen. Zudem verweist Engartner auf die Möglichkeit, dass sich mit vermeintlichen Innovationen in der Stunden­tafel Akzente problematisch verschieben könnten.

Zu beobachten sei dies in Nordrhein-Westfalen, wo die FDP gerade ein Wahl­kampf­versprechen umsetze: Aus dem Fach „Politik/Wirtschaft“ soll das Fach „Wirtschaft-Politik“ werden. Engartner, der in seiner Arbeit einen Schwer­punkt auf politische Bildung legt, sieht darin eine Gefahr für selbige und fürchtet „die Inthronisierung der ökonomischen Ausrichtung“. Angesichts der angespannten gesellschaftlichen Lage sei dies eine schwierige Veränderung.

So nachvollziehbar diese Argumente sind, so sehr stellt sich die Frage, ob und wie es Schulen denn über­haupt möglich sein soll, auf Veränderungen in der Welt um sie zu reagieren. Der Bildungs­historiker Heinz-Elmar Tenorth merkt dazu gelassen an, das Miss­verständnis bestehe darin, „dass die Leute in ihren Forderungen Prämissen mit Ergebnissen verwechseln“. Die Annahme, über den Unterricht ließe sich das nach­schulische Verhalten von Schülern gewissermaßen steuern, sei längst widerlegt.

Lehrer können Freiheiten bei der Gestaltung des Unterrichts nutzen

Wozu Schule in der Lage und wofür sie auch zuständig sei, das sei die Generalisierung des Bewusst­seins. Schüler sollten wissen, was wichtig ist, und generalisiert werden sollten über die Schule auch kognitive, moralische, ästhetische und andere Prämissen, „von denen wir wollen, dass jeder in der Gesell­schaft sie kennt, sich idealerweise sogar danach richtet“. Darin liege die legitime Erwartung an Schule als den nach wie vor einzigen Ort, den alle Bürger in ihrem Leben besuchten.

Über diesen Grundsatz hinaus müsse man festhalten, sagt Tenorth, dass das System Schule durch­aus anpassungs­fähig an die Zeiten sei, und dass er selbst zum Beispiel heute „grandios durchs Abitur fallen“ würde, „aber ich könnte immer noch passabel studieren“. Die Voraus­setzungen und Fähigkeiten, die Schule in jungen Menschen bildet, sind also stabil – aber wie vieles sich konkret in den Unterrichts­inhalten ändere, zeige schon ein Blick in die Lehr­pläne, sagt Tenorth.

Der Tatsache, dass die Menschen auf der Welt nicht mehr allein in ihren Mutter­sprachen miteinander kommunizierten, wurde irgendwann durch den Fremd­sprachen­unterricht Rechnung getragen. Auch der Lehrplan für Biologie habe sich „in den vergangenen 100 Jahren enorm entwickelt“. Und oft genug gebe es große Freiheiten in der konkreten Ausgestaltung des Unterrichts. So könne einer Lehrerin zwar Demokratie als Inhalt vorgegeben sein – ob sie aber im Rahmen dessen Texte von Aristoteles lesen oder die Verfassungs­entwicklung in der modernen Türkei betrachten lasse, liege bei ihr.

Solch thematisch Aktuelles brauche man durchaus, damit Schülern nicht langweilig werde, sagt Tenorth. Die Forderungen nach neuen Fächern aber seien auch deswegen in gewisser Weise falsch, weil Vollständig­keit natürlich eine Illusion bleibe und immer werde bleiben müssen.