Weihnachten : Gebt den Festen ihre Seele zurück!

Die Grundschullehrerin und Schulportal-Kolumnistin Sabine Czerny beobachtet, dass den Kindern an Weihnachten, St. Martin oder Halloween oft etwas Entscheidendes vorenthalten wird: die Möglichkeit, sich mit dem Guten zu verbinden und davon berührt zu werden.

Florentine Anders / 18. Dezember 2018
Ein Kind baut ein Lebkuchenhaus
Feste wie Weihnachten oder St. Martin sind für Kinder wichtige Anlässe, um sich mit moralischen Werten auseinanderzusetzen, meint Kolumnistin Sandra Czerny.
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Im vergangenen Jahr habe ich meine Schulkinder nach den Feiertagen im Religionsunterricht gefragt, wer von ihnen zu Weihnachten in die Kirche gegangen ist. Von 27 Kindern waren das zwei. Ich habe weitergefragt, bei wem an Weihnachten zu Hause eine kleine Feier abgehalten wurde – sei es, dass gesungen, die Weihnachtsgeschichte gelesen oder ein wenig Hausmusik gemacht wurde. Hier meldeten sich gerade mal sechs Kinder. Die übrigen Kinder sagten, dass zu Hause an sich nichts Weiteres gemacht wurde – sie aßen miteinander und bekamen Geschenke.

In diesem Jahr habe ich gefragt, wer denn zum Martinsumzug geht. Große Augen bei den Kindern – das Wort kannten sie gar nicht! Ach ja, „Lichterumzug“ heißt das ja jetzt … Bei diesem Begriff wussten sie, wovon ich sprach. Dennoch waren es gerade mal vier von 22 Kindern – diesmal im Ethikunterricht –, die dort mitgegangen sind. Zwei davon hatten dafür eine eigene Laterne gebastelt.

Feste sind mehr als Süßigkeiten und Geschenke

Mir geht es nicht darum, über Religionsfreiheit und die Umbenennung all dieser Bräuche zu diskutieren. Es ist für mich nicht relevant, ob es sich um ein christliches Fest handelt oder eins aus einem anderen Kulturkreis.

Bei Halloween sind jedenfalls sehr viele Kinder dabei und erzählen begeistert, wie viele Süßigkeiten sie bekommen haben; Fasching lieben die Kinder ebenso. Aber mir geht etwas verloren dabei, das ich für sehr wichtig halte: Unseren Kindern wird die Auseinandersetzung mit einer tiefen Ethik und Moral vorenthalten. Ein Besinnen auf Werte, die wichtig für die Gesellschaft sind und an die die Kinder – noch bis vor kurzer Zeit – alljährlich immer wieder erinnert wurden.

St. Martin, der seinen Mantel mit einem frierenden Bettler geteilt hat, ohne dass ihm wichtig war, dass jemand das mitbekommt oder ihm dankt, sondern einfach, weil es ihm wichtig war, sich um seine Mitmenschen zu kümmern, darauf zu achten, dass es jedem gut geht. Ich erinnere mich noch genau, wie ich als Kind mit selbst gebastelter Laterne gemeinsam mit vielen anderen Kindern einem heiligen Martin auf einem Pferd gefolgt bin, die Geschichte jedes Jahr aufs Neue gehört habe und auch den Lebkuchen geteilt habe, den es damals eben nicht für alle Kinder gab. Teilen, auf den anderen oder die andere schauen – jedes Jahr wieder haben wir das geübt, haben mitgefühlt mit dem Bettler, immer wieder durchdrungen davon, dass Martin nicht einmal einen Dank wollte.

Heute laufen die Kinder oft mit gekauften Lichtern ein paar Mal um den Block – ohne Geschichte dahinter, ohne einen heiligen Martin auf dem Pferd.

Heute laufen die Kinder oft mit gekauften Lichtern ein paar Mal um den Block – ohne Geschichte dahinter, ohne einen heiligen Martin auf dem Pferd. Und Lebkuchen bekommt jedes Kind – damit’s keinen Streit gibt. Die Veranstaltung ist inhaltsleer geworden – sie berührt die Seele nicht mehr, sie bringt einem nichts mehr bei. Viele andere Feste haben eine ähnliche Sinnentleerung erfahren, und natürlich ist es ein Leichtes, Kinder mit äußerlichen Dingen, mit Verkleidungen und Süßigkeiten, zu gewinnen. Veranstaltungen wie Halloween und Fasching kommen allemal ohne jede Berührung mit der Seele aus.

Kinder verbinden sich mit dem Guten im Märchen

Mir persönlich ist nicht wichtig, aus welchem Kulturkreis ein Fest kommt, solange es diesen Sinngehalt noch hat, die Kinder an gute Taten, an ein gutes Verhalten und an eine gute Haltung zu erinnern. Immer wieder mal. Mir fällt auf, dass den Kindern eine solche Identifikation mit dem Guten vorenthalten wird, wie sie zum Beispiel auch in Märchen vorkommt. Nur noch selten werden Kindern Märchen erzählt, mittlerweile sind sie häufig als zu gewalttätig und grausam verpönt. Dabei übersieht man, dass Kinder das nicht unbedingt auf diese Weise empfinden – vielmehr verbinden sie sich mit dem Guten im Märchen, sie erleben dieses innere Gefühl der Richtigkeit von moralisch korrektem Verhalten und beginnen, selbst danach zu streben.

Um Ansätze für ein gutes Verhalten zu bekommen, muss es Kindern zunächst mal vorgelebt werden, oder zumindest sollten sie davon erfahren.

Um Ansätze für ein gutes Verhalten zu bekommen, muss es Kindern zunächst mal vorgelebt werden, oder zumindest sollten sie davon erfahren. Woher sonst sollten sie davon wissen? Ich plädiere dafür, den Festen – egal, wie sie heißen und wo sie herkommen – ihren tieferen Sinn zurückzugeben. Also neben dem Süßigkeitenwahn an Halloween zumindest am folgenden Tag auch der Toten zu gedenken. Und sich an Weihnachten daran zu erinnern, warum man andere beschenkt und warum man gemeinsam feiert – nämlich aus Dankbarkeit, dass das Leben geschenkt wurde und jedem von uns viel Gutes widerfährt. Und an Nikolaus sich darauf zu besinnen, sich für diejenigen einzusetzen, die nicht so viel haben wie wir.

Religionsübergreifend den Sinn der Feste erfassen

Denn dann muss man auch nicht darüber streiten, wie man das Fest nun nennt. Und dann man muss auch nicht überlegen, ob man ein Fest bei dieser oder jener Religion mitfeiern darf oder das ablehnen sollte. Denn es geht um uns Menschen und unser Miteinander. Ohne den religiösen Boden der Feste nivellieren zu wollen, kann man so, religionsübergreifend, das Wesentliche eines Fests erfassen.

Da feiere ich dann auch gern das Fest eines anderen Kulturkreises mit, wenn es uns Menschen zueinander bringt und dazu beiträgt, dass wir in Frieden miteinander leben. Und unsere Kinder? Die erdet so etwas, bringt sie zu sich selbst, indem sie berührt werden von dem tiefen Wahren und Guten, das in diesen Festen lebt.

Zur Person

  • Sabine Czerny ist seit über 20 Jahren Lehrerin und unter­richtet in einer Grund­schule im Groß­raum München eine zweite Klasse in allen Fächern. Zusätzlich gibt sie Fach­unter­richt in anderen Klassen, auch in der Mittel­schule.
  • Vor gut einem Jahr­zehnt machte Sabine Czerny bundesweit Schlag­zeilen: Weil ihre Schüler­innen und Schüler zu viele gute Noten erzielten, wurde sie straf­versetzt.
  • 2009 wurde sie mit einem Preis für Zivil­courage, dem Karl-Steinbauer-Zeichen, aus­gezeichnet. Ein Jahr später erschien ihr Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun … und wie wir das ändern können“.
  • Für Das Deutsche Schulportal schreibt Sabine Czerny eine Kolumne.
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