Dieser Artikel erschien am 15.04.2019 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Annick Eimer

Reaktionen auf mehr Schüler : Was Städte beim Schulbau falsch machen

In deutschen Großstädten leben immer mehr Kinder, Schulen brauchen dringend neue Klassenzimmer. Doch beim eiligen Bau und Ausbau wiederholen sie alte Fehler - und machen jede Menge neue.

Grundschulkinder stürmen auf den Schulhof
Grundschulkinder stürmen auf den Schulhof
©Getty Images

„Es ist erschreckend, wie wenig im Schulbau auf die Bedürfnisse der Schüler geachtet wird,“ schimpft Christian Rittelmeyer. Rittelmeyer ist emeritierter Professor für Erziehungs­wissen­schaften an der Universität Göttingen. Seit über dreißig Jahren erforscht er Schul­bauten und was Kinder von ihnen halten.

Für Studien hat er Schülern Bilder von Schulen vor­gelegt und sie gefragt, wie die Gebäude auf sie wirken. „Kasernen­bauten“, „Blech­kästen“ und „Gefängnisse“ sind nur einige der negativen Bezeichnungen, die Rittelmeyer bei den Schülern ein­gesammelt hat.

Doch diese Einschätzungen spielen für Schul­planer keine Rolle. Derzeit hat der Schul­bau in Groß­städten Hoch­konjunktur. In Berlin steht gerade die nächste „Schul­bau­offensive“ an, denn die Stadt wächst. Und vor allem: Sie hat immer mehr schul­pflichtige Kinder. Deswegen will Berlin bis 2026 für 2,8 Milliarden Euro 60 neue Schulen bauen.

Städte unter Druck

In anderen Großstädten sieht es nicht anders aus. Mit 25 Prozent mehr Schülern rechnet Hamburg in den kommenden Jahren und steckt nun vier Milliarden Euro in den Neu- und Ausbau von Schulen. Frankfurt am Main hat ausgerechnet, dass bis 2022 über 20 Prozent mehr Grund­schul­plätze im Vergleich zu 2016 benötigt werden. Auch in Köln und München steigen die Schüler­zahlen kontinuierlich. Die Städte stehen unter Druck.

Doch die Studien von Christian Rittelmeyer und anderen Autoren zur Schul­bau­forschung scheinen den heutigen Stadt­planern unbekannt zu sein. Die Forderung, Schul­gebäude den Bedürfnissen ihrer Nutzer entsprechend zu bauen, wird kaum berück­sichtigt, sagt Rittelmeyer: „Es hat sich erstaunlich wenig geändert.“

Für ein Umdenken im Schulbau setzt sich auch Barbara Pampe ein. „Man könnte es als eine Chance sehen und den aktuellen Bedarf nutzen, um zu experimentieren und tolle, innovative Schulen zu bauen“, sagt die Architektin von der Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft. Die Stiftung pocht vor allem darauf, der sogenannten Phase 0, in der die Anforderungen an die Gebäude ermittelt werden, mehr Zeit einzuräumen.

„Bei jedem Bürogebäude wird erst einmal gefragt, welche Funktionen es erfüllen muss, beim Schul­bau ist das leider noch die Ausnahme“, so Pampe. Doch den Städten mangelt es an Zeit, Geld und Platz. Was dazu führt, dass eher schnelle, kosten­günstige und platz­sparende Lösungen bevorzugt werden – mit weit­reichenden Folgen.

So hat sich das Land Berlin aktuell für die Typen­bau­weise entschieden. Das bedeutet: Es gibt fünf neue, baugleiche Schulen mit drei Klassen pro Jahr­gang, dazu sechs weitere vier­zügige Schulen. In einer zweiten Bau­welle sollen noch einmal so viele Gebäude hinzu­kommen – insgesamt also mehr als 20 Schulen der gleichen Bauart. „Vermassung“ nennt Rotraut Walden, Privat­dozentin für Psychologie und Architektur­psychologie an der Universität Koblenz, diese Art zu bauen.

Und von dieser Vermassung hält die Psychologin nichts: „Eine Schule muss Identität herstellen und Geborgen­heit schaffen. Das geht nur über individuelle Bau­weisen.“ Erziehungs­wissen­schaftler Rittelmeyer kann dem eben­falls nichts abgewinnen: „Auch beim Schulbau müssen die Örtlichkeiten berücksichtigt werden. Kinder nehmen das als negativ und verstörend wahr, wenn ein Gebäude nicht in die Umgebung passt“.

Auch in Hamburg werden neue Schulen gebaut, 30 Gebäude in den nächsten zehn Jahren. Zusätzlich forciert die Schul­behörde den Ausbau bereits bestehender Ein­richtungen. Man wolle „bestehende Schulen sanieren und ausbauen und auch die Raum­reserven einzelner Schulen nutzen“, heißt es beim Senat. Ausgebaut werden soll auch die Max-Brauer-Schule im Stadt­teil Altona, eine Grund- und Gesamt­schule mit insgesamt rund 1500 Schülern. Die Grund­schule soll nach dem Willen des Hamburger Bildungs­senators Ties Rabe von drei auf sechs Züge verdoppelt werden – und dagegen stemmen sich nun die Eltern.

Sie fürchten eine Massenschule in einem mehr­stöckigen Bau, in dem sich die Grund­schul­kinder nicht zurecht­finden, und einen zu kleinen Schul­hof, auf dem Spielen und Toben kaum möglich ist. Die Fronten sind verhärtet. Die Eltern werfen dem Bildungs­senator vor, sich nicht ausreichend um alternative Stand­orte zu kümmern. Der Bildungs­senator wirft der Eltern­schaft Egoismus vor und suggeriert, dass sie die einzigen seien, die sich gegen seine Pläne stemmen würden.

Mehr als 500 sollten es nicht sein

Angesichts solcher Entwicklungen stellt sich die Frage: Wie viel Platz braucht ein Kind tatsächlich? Und wie viele Kinder kann man in ein Gebäude stecken, ohne dass das einzelne Kind in der Masse untergeht?

Was die Schülerzahlen angeht, sind sich die Experten einiger­maßen einig. Walden und Rittelmeyer finden die Zahl von rund 500 Schülern, die die Grund­schule nach dem Ausbau besuchen würden, durchaus akzeptabel – voraus­gesetzt, dass die Schüler­zahl pro Klasse die 25 nicht über­schreitet und die Architektur stimme. Was so eine Architektur leisten muss, erklärt Christian Rittelmeyer: Die Bauten sollten nicht allzu groß sein; man solle zergliedert bauen, um kleine Einheiten zu schaffen. Wichtig seien auch viele Pflanzen, dazu Springbrunnen, Wasser­läufe und Flur­land­schaften, in denen man sich in Ecken zurück­ziehen könne.

Architektin Pampe dagegen bezweifelt, dass sechszügige Grund­schulen eine Lösung sind. Zu große Schul­komplexe seien später – wenn die Schüler­zahlen wieder zurück­gehen – kaum anders zu nutzen.

Beim konkreten Flächenbedarf ist die Datenlage dürftig. Fünf Quadrat­meter Schul­raum pro Kind ist das Minimum, das durch alle Publikationen geistert. „Ein Schüler muss so viel Platz haben, dass er sich mit aus­gebreiteten Armen um die eigene Achse drehen kann“, sagt Rotraut Walden. „Soziale Dichte“ nennen Wissen­schaftler den Wert, der beschreibt, wie viele Menschen auf einer bestimmten Fläche zusammen­kommen. Eine zu hohe soziale Dichte erzeugt ein Gefühl von Enge – und das führt, so legen es mehrere Studien nahe, dazu, dass Kinder schlechter lernen und aggressiver werden.

Diese Ergebnisse stammen aus der Verhaltens­forschung. Was in dieser Forschung nicht berück­sichtigt wird, ist die Frage, wie viel Raum ein Kind braucht, um sich ausreichend zu bewegen. Und hier kommt der Schul­hof ins Spiel. Acht Quadrat­meter sieht Berlin pro Schüler vor, in München sind es drei, in Hamburg neun bis 13. In Köln und Frankfurt gibt es keine Vorgaben.

Über diese Zahlen kann Hermann Städtler nur müde lächeln. „15 bis 20 Quadrat­meter wären schon sehr wünschens­wert“, sagt er. Städtler leitet das Projekt „Bewegte Schule“, das vom Land Nieder­sachsen initiiert wurde. Das Projekt beschäftigt sich mit der Frage, wie man Kinder in der Schule dazu bringt, sich aus­reichend zu bewegen. „Eine abwechslungs­reiche Schul­hof­gestaltung ist wichtig, aber am Platz darf es natürlich auch nicht mangeln“, fasst Städtler die Anforderungen zusammen.

Da Kinder durch den Trend zum Ganztag immer mehr Zeit in der Schule verbringen, sei es nun Aufgabe der Schulen, dafür zu sorgen, dass sie ausreichend Bewegung bekämen. Hermann Städtler betont die positive Seite: „Das Problem, dass sich Kinder zu wenig bewegen, hatten wir schon vor dem Ausbau des Ganztags. Jetzt hätten wir eigentlich viele Möglichkeiten, Kinder zu Bewegung und Spiel zu motivieren.“

Hamburg und die anderen Großstädte täten also gut daran, sich früh­zeitig Grund­stücke für den Bau weiterer Schulen zu sichern. Was passiert, wenn Kommunen diesen Zeit­punkt verpassen, zeigt das Beispiel Frankfurt: Weil es einfach keine Grund­stücke mehr in öffentlicher Hand gibt, sucht die Stadt per Anzeigen nach geeignetem Baugrund. Sogar Partner­schaften mit privaten Investoren sind nicht mehr ausgeschlossen.

Das Modell klingt simpel: Ein Privat­unter­nehmen kauft ein Grund­stück, baut ein Gebäude und vermietet das dann an die Stadt zurück. So hatten einige Kommunen in den Neunziger­jahren Bau­vor­haben umgesetzt. Doch schnell zeigte sich, dass sich das Modell finanziell nicht lohnt und die Stadt keine Möglichkeit hat, Änderungen am Gebäude vor­zu­nehmen, wenn sich etwa das pädagogische Konzept ändert.

Architektin Barbara Pampe sieht noch einen anderen Ausweg aus der Platz­not: „Man muss bei der Raum­suche kreativer sein. Auch Büro­gebäude, Kirchen und Industrie­bauten lassen sich in Schulen umwandeln. Und warum nicht auch mal über Hybrid­bauten nach­denken, in denen Schule und Wohnungen oder Büros unter­gebracht werden?“

Zusammengefasst: Steigende Schüler­zahlen setzen die Städte derzeit massiv unter Druck, weil nicht genügend Schulen und Klassen­zimmer zur Verfügung stehen. Experten empfehlen, beim Um- und Neubau auch Schüler mit­reden zu lassen. Doch die meisten Kommunen setzen auf alte Rezepte, bauen standardisierte Klassen­zimmer und Schulen von der Stange und vergeben damit die Chance auf eine bessere Lern­umgebung mit größerer Bewegungs­frei­heit.