Digitaloffensive Bremen : Was passiert, wenn es plötzlich Schüler-Tablets für alle gibt?

Bremen ist das erste Bundesland, das alle Schülerinnen und Schüler mit Tablets versorgt hat. Das Schulportal war dabei, als die Gesamtschule Bremen-Ost, eine der größten Schulen der Stadt, kurz vor dem zweiten Lockdown die Tablets an die 1.300 Schülerinnen und Schüler verteilt hat. Die Euphorie war damals groß. Wie sieht es ein halbes Jahr später aus? Hat sich das Lernen für die Kinder und Jugendlichen verändert? Wie gehen die Lehrkräfte damit um? Wie verändert sich der Alltag in der Schule und zu Hause?

Florentine Anders 21. Mai 2021
Seit einem halben Jahr haben alle Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Bremen-Ost ein iPad. Im Matheunterricht von Quang Nguyen gibt es keine Lehrbücher mehr.
©Tine Caper

An diesem Morgen sieht Lehrerin Sylke Schütte einen Teil ihrer neunten Klasse zum ersten Mal seit den Osterferien wieder. Bis dahin waren sie im Distanzunterricht und im Wesentlichen über ihre neuen iPads mit der Lehrerin verbunden.

Vor einem halben Jahr hatte Bremen als erstes Bundesland begonnen, alle Schülerinnen und Schüler flächendeckend mit Tablets auszustatten. Die logistische Herausforderung war gewaltig, die Auslieferung geriet häufiger ins Stocken.

Die Gesamtschule Bremen-Ost hatte Glück. Gerade rechtzeitig, nur einen Tag vor dem zweiten Lockdown, hatten alle 1.300 Schülerinnen und Schüler ihr iPad ausgepackt und mit einem Passwort versehen. Mehr Zeit blieb nicht, um die Arbeit mit dem neuen digitalen Endgerät vor Ort einzuüben.

Nach den Schüler-Tablets kamen die Smartboards

Lehrerin Sylke Schütte kann an ihrem Lehrer-Tablet verfolgen, wie weit die Schülerinnen und Schüler zu Hause gekommen sind.
©Tine Casper

Als die Neuntklässlerinnen und Neuntklässler an diesem Montag wieder in die Schule kommen, sieht ihr Klassenraum anders aus als sonst. Dort, wo vorher die grüne Tafel hing, wurde während der Osterferien ein Smartboard installiert. Auf den äußeren Seiten kann man mit einem Stift schreiben wie auf einer herkömmlichen Tafel, aufgeklappt ist es ein interaktives Board, erklärt Schütte. Allerdings hat sie nicht vor, an diesem Tag die verschiedenen Funktionen des Boards mit ihrer geteilten Klasse auszuprobieren. Sie will sich erst einmal selbst damit vertraut machen. Im Lehrerzimmer lief ein anderthalbminütiges Video mit den wichtigsten Basics in Dauerschleife. Wo wird das Gerät eingeschaltet, wie benutzt man die Fernbedienung, wie wird das Board gesäubert?

Sylke Schütte nimmt den Stift zur Hand und schreibt die Mathe-Aufgabe nach ganz herkömmlicher Art an das Board. Die iPads der acht Jungen und drei Mädchen bleiben in dieser Mathe-Stunde zugeklappt. „Die Schülerinnen und Schüler haben die ganze vergangenen Woche ausschließlich digital gearbeitet, da setze ich jetzt bewusst auf analogen Unterricht“, sagt Schütte.

Obwohl sie kaum eine Einführung in die Arbeit mit den iPads hatten, kamen die Schülerinnen und Schüler in den vergangenen Wochen mit der digitalen Lernplattform und den Geräten erstaunlich gut zurecht, meint die Lehrerin. Einige schneller, andere etwas langsamer. Über ihr Lehrer-Tablet kann Schütte den Fortschritt jedes und jeder Einzelnen verfolgen. Der Aufwand für die Lehrerin ist groß, schließlich muss sie bei den Lernenden zu Hause jede Aufgabe ansehen und kommentieren, während in der Klasse ein Blick über die Schulter reicht, um zu sehen, ob eine Schülerin oder ein Schüler noch folgen kann.

Auf der digitalen Lernplattform „itslearning“ wird hinter der jeweiligen Aufgabe auf dem Display der Status der Bearbeitung angezeigt: „erfüllt“, „nicht beantwortet“ oder „überfällig“. Bearbeitete Aufgaben werden kontrolliert und mit Feedback versehen, säumige Jugendliche erinnert. Eine Schülerin hatte ihre Aufgabe um vier Uhr nachts erledigt, auch das kann die Lehrerin sehen. Sie wird mit ihr über den Schlafrhythmus reden. Sylke Schütte ist es wichtig, dass Bildschirmzeiten nicht überhandnehmen und diese Gefahr ist gerade im Distanzunterricht groß. Bewusst wählt Schütte für das Homeschooling auch Aufgaben, für die sich die Jugendlichen draußen bewegen müssen – „Baumblüten fotografieren“ etwa oder eine „Schrittzähl-Challenge.“

Schnellhefter und digitale Notizen – von allem etwas

Die aufgeregte Stimmung, die vor einem halben Jahr bei der Übergabe der Schüler-Tablets in der Klasse herrschte, ist verschwunden. Die Geräte gehören zum Alltag und der ist seither nicht einfacher geworden. „Mit den Tablets geht zwar vieles schneller, aber ich bin weniger motiviert und fauler geworden“, sagt der 15-jährige Özgür. Das habe nichts mit den Geräten zu tun, eher mit der Gesamtsituation. Özgür mag nicht mehr zu Hause arbeiten, er will in die Schule, die ganze Klasse wiedersehen, und nicht nur die halbe. Das iPad jedenfalls habe seine Motivation nicht steigern können.

Die 15-jährige Kheloud findet, dass einige Aufgaben mit dem iPad mehr Spaß machen als vorher. „Wenn ich eine Präsentation vorbereite, dann kann ich sie am Tablet ganz anders gestalten. Ich kann verschieden Farben ausprobieren, Fotos, Schrifttypen“, sagt die Schülerin.

Die 14-jährige Selin zeigt einen digitalen Notizzettel, den sie mit dem iPad erstellt hat. Einige Stichpunkte sind hervorgehoben, andere eingekreist. Im Unterricht schreibe sie aber lieber in ihren Hefter. „Ich kann konzentrierter lernen, wenn ich etwas mit der Hand auf Papier aufschreibe“, meint Selin. „Etwas von Beidem ist gut“, ergänzt Lina.

Doch wo finden die Schülerinnen und Schüler dann alles Wichtige wieder, wenn sie sich auf eine Klassenarbeit vorbereiten wollen? Wo sind die digitalen Notizen abgelegt und was kommt in den Hefter? „Über ein Ordnungssystem müssen wir uns dringend unterhalten“, sagt Lehrerin Schütte.

In welchem Maße die Lehrkräfte mit digitalen Lernformaten arbeiten ist an der Gesamtschule Bremen-Ost sehr unterschiedlich.

Schüler Özgür sieht seine Klasse lieber live als im Tablet.
©Tine Casper
Schülerin Kheloud hat mit dem Tablet mehr Spaß an Präsentationen.
©Tine Casper

Bei einigen Lehrkräften gibt es keine Schulbücher mehr

Quang Nguyen arbeitet fast ausschließlich mit der digitalen Lernplattform. Er hat erst vor gut einem Jahr sein Referendariat abgeschlossen und während seiner Ausbildung die Vorzüge von digitalen Lernplattformen schätzen gelernt. An diesem Montag unterrichtet er Mathematik in einer achten Klasse. Bücher haben die Jugendlichen für seinen Unterricht überhaupt nicht mehr. Gemeinsam lösen sie die Aufgaben in den Zahlenmauern an dem interaktiven Smartboard. Dann arbeitet jeder für sich. Die Schülerinnen und Schüler öffnen die Aufgabe in ihrem Tablet und tragen die Lösungen mit dem Finger ein. Wenn alles richtig ausgefüllt ist, öffnet sich die nächste Aufgabe. Die 14-jährige Beyoncé kommt schnell voran: klick, klick geht es in den Zahlenmauern auf dem Tablet immer weiter.

Trotzdem besteht Nguyen darauf, dass die Aufgaben auch im Heft abgeschrieben und gelöst werden. Beyoncé stöhnt, sie würde am liebsten alles digital machen. Doch ihr Lehrer ist überzeugt, dass das Schreiben mit der Hand wichtig ist, um das Gelernte zu verinnerlichen. Auch das habe ihm seine Erfahrung während des Studiums gezeigt. Wenn er möchte, dass sich die Schülerinnen und Schüler einen wichtigen Satz merken, fordert er sie auf, die Augen zu schließen, damit sie nicht durch einen der vielen Bildschirme im Klassenzimmer abgelenkt sind.

Lehrer Quang Nguyen arbeitet am Whiteboard an einer Zahlenmauer
Lehrer Quang Nguyen schätzt die Arbeit mit dem interaktiven Whiteboard.
©Tine Casper
Achtklässlerin Beyoncé würde am liebsten nur noch im Tablet schreiben.
Schülerin Beyoncé würde am liebsten nur noch im Tablet schreiben.
©Tine Casper

Austausch und Ausprobieren statt organisierter Fortbildungen

Frank Bialucha ist überzeugt, dass die Langsamkeit durch die digitalen Geräte nicht verloren gehen darf. Er unterrichtet Deutsch, Gesellschaft und Politik und ist einer der drei IT-Beauftragten der Schule. „Bei einer Präsentation am Smartboard kann man sich sehr schnell durchklicken“, sagt er. Die Gefahr sei, dass am Ende bei den Schülerinnen und Schülern nichts hängen bleibe.

Vor sieben Jahren hatte sich Bialucha aus einer Fernbedienung für die Spielekonsole Wii selbst ein Smartboard gebastelt. Seine Kolleginnen und Kollegen konnte er damals noch nicht überzeugen, das Selfmade-Whiteboard nachzubauen, aber seither sammelte er Erfahrungen damit, die er heute im Kollegium weitergeben kann.

Frank Bialucha, Lehrer und IT-Berater der Gesamtschule Bremen-Ost, ist im Dauereinsatz, um alle Geräte zum Laufen zu bringen.
©Tine Casper

„Es geht ja nicht nur um eine technische Bedienungsanleitung, sondern auch um didaktische Erfahrungen“, sagt er. Und dazu gebe es bisher leider wenig Literatur. „Es ist wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler immer sehen, was ich tue, wenn ich von meinem Laptop aus etwas an die Wand projiziere“, sagt Bialucha. Das didaktische Dreieck „Lehrer – Schüler – Lerngegenstand“ müsse auch digital erhalten bleiben.

Ob er solche Erfahrungen in Fortbildungen im Kollegium weitergebe? Momentan fehle dafür die Zeit. Derzeit sei er im Dauereinsatz, um die Geräte zum Laufen zu bringen. Mal funktioniert in dem einen Raum das WLAN nicht, mal hat ein Schüler das Passwort vergessen und das Tablet muss zurückgesetzt werden und mal nutzt ein Kollege versehentlich das Smartboard aus dem Nachbarraum der Kollegin für seine Präsentation und sprengt damit ihren Unterricht. Auch die Lehrkräfte hätten im Wechselunterricht momentan keine Kapazitäten für lange Fortbildungen. Vieles müsse aber auch durch Ausprobieren einfach erfahren werden

Tablets können reale Erfahrungen beim Lernen nicht ersetzen

Schulleiter Hans-Martin Utz ist überzeugt, dass jede Lehrkraft ihr eigenes Tempo benötigt, wenn es darum geht, die Geräte im Unterricht zu integrieren. Während der eine erst Sicherheit im Umgang mit der Technik benötige, sei die andere schon dabei, vernetzte Lernformen oder alternative Prüfungsformate zu entwickeln. Eigentlich würde er eine volle Lehrerstelle für die IT-Beratung benötigen, um all den neuen Baustellen gerecht zu werden.

Fakt ist: Schon nach wenigen Wochen haben die iPads das Schulleben verändert. „Das Handyverbot in den Hausregeln der Schule wirkt zum Beispiel plötzlich antiquiert, wir müssen eine neue Regelung finden“, sagt Utz. Auch vor den Elternhäusern würden die Veränderungen nicht haltmachen. „Einige Eltern wollten, dass wir von der Schule aus den Medienkonsum der Kinder kontrollieren, indem wir die iPads ab 16 Uhr abschalten.“ Das sei zwar nicht vorgesehen, dennoch werde sich die Schule Gedanken machen, wie sie die Eltern bei der Erziehungsarbeit unterstützen kann. Noch steht die Schule am Anfang, wenn es um das digital gestützte Lernen geht.

Bei all der Konzentration auf digitale Bildung soll aber die reale Erfahrung beim Lernen nicht aus dem Blick geraten, betont Utz. „Wir haben versucht, unser gemeinsames Musikevent mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen digital zu veranstalten. Dabei wurde schnell klar, dass wir enorm viel dazu gelernt haben, ein solches digitales Event die Emotionen, die bei einem gemeinsamen Konzert entstehen, aber nur schwer ersetzen kann“.

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Wie die Schule die Kooperation mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen auf digitalem Wege fortgesetzt hat, ist in diesem Video dokumentiert.

Mehr zum Thema

  • Bremen stattet alle Schülerinnen und Schüler mit Tablets aus. Das Schulportal begleitet die Gesamtschule Bremen-Ost bei diesem Prozess. Im Dezember 2020 haben wir in einer Reportage darüber berichtet, wie die 1.300 Geräte an der Schule verteilt wurden und welche Fallstricke es dabei gab.
  • Die Verteilung der iPads war nicht nur eine große Herausforderung für die Schulen, sondern auch für die Schulverwaltung. Wie steuert man eine so große Digitaloffensive? Das Schulportal sprach mit Rainer Ballnus, dem Leiter des Bremer Zentrums für Medien, der mit seinem Team für die Umsetzung des Digitalpakts in Bremen verantwortlich ist. Das Interview lesen Sie hier.