Nachgefragt : Was macht die geflüchtete Schülerin Reem Sahwil?

Die Serie „Was macht …?“ fragt nach, was sich an einer Schule oder im Leben einer Persönlichkeit, die in der Bildungswelt für Aufsehen gesorgt hat, mittlerweile getan hat.
In diesem Teil geht es um die 17-jährige Schülerin Reem Sahwil. Vor drei Jahren ist die aus dem Libanon geflohene Palästinenserin bundesweit bekannt geworden, nachdem sie auf einer Diskussionsveranstaltung in Rostock mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Schwierigkeiten mit dem Aufenthaltsstatus und ihre Träume sprach. Offensichtlich bemüht, aber etwas unbeholfen versuchte die Bundeskanzlerin, das weinende Mädchen zu trösten, und erntete dafür in den sozialen Netzwerken unter dem Hashtag #merkelstreichelt viel Kritik.

Florentine Anders / 12. Juni 2018
Die 17-jährige Reem Sahwil besucht derzeit die neunte Klasse und möchte im übernächsten Jahr das Abitur angehen.
Die 17-jährige Reem Sahwil besucht derzeit die neunte Klasse und möchte im übernächsten Jahr das Abitur angehen.
©Susanne Krauss

Deutsches Schulportal: Reem Sahwil, was machen Sie heute, und wie läuft es in der Schule?
Reem Sahwil: Ich besuche derzeit die neunte Klasse und bin in der Schule sehr zufrieden. Meine Motivation ist noch immer auf einem hohen Level. Meine liebsten Fächer sind Englisch und Deutsch. Ich freue mich darauf, im nächsten Schuljahr einen hoffentlich erfolgreichen Realschulabschluss zu bekommen, um das Abitur angehen zu können. Ansonsten bin ich in meiner Freizeit gerne beim ehrenamtlich angebotenen Musikunterricht, wo ich meine Gesangsfähigkeiten Woche für Woche entwickeln kann. Dort habe ich auch Klavierunterricht.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Nachdem ich meine Schullaufbahn komplett beendet habe, möchte ich neben dem angestrebten Lehramts- oder Psychologiestudium meine Zeit gerne der Musik widmen. Ich möchte meine selbst geschriebenen Lieder mit meiner Stimme in die Öffentlichkeit bringen. Mir macht das Singen am meisten Spaß. Bisher sind nur arabische und englische Lieder entstanden. Bis dahin wünsche ich mir, gute und neue Erfahrungen gesammelt zu haben. Natürlich träume ich auch davon, wie jeder andere eines Tages einen guten Beruf zu haben, der mir Spaß macht, eine eigene Wohnung zu besitzen und, vor allem, mit meiner Familie die Welt zu bereisen.

In meiner Schule im Libanon wusste ich noch nicht, dass das Geheimnis, etwas zu lernen, der Wille ist. Ich dachte damals noch, ich werde mein ganzes Leben ungern zur Schule gehen und gezwungen, zu lernen.
Reem Sahwil, Schülerin

Was hat sich für Sie persönlich durch die Sendung mit Frau Merkel damals verändert?
An diesem Tag ist sehr viel passiert. Wenn ich daran zurückdenke, frage ich mich oft, ob ich das heute wieder so machen würde. Aber eins kann ich unterstreichen: Durch diesen Tag weiß ich heute, dass niemand seine Träume erreichen kann, ohne etwas dafür zu tun. Die Steine im Weg sehe ich als Lehre, um aus Fehlern und Tiefen zu lernen. Egal, wie weit weg und unvorstellbar meine Ziele sind – eines Tages werde ich sicherlich sagen: „Mein Traum hat sich erfüllt.“ Und auch bei mir ist nicht immer alles leicht und perfekt, aber genau das macht mich von Tag zu Tag mutiger, und ich traue mich, Neues zu lernen und auszuprobieren. Das habe ich in meinem Buch verarbeitet und es deshalb auch so benannt: „Ich habe einen Traum“.

Was hat Ihnen in der Schule besonders geholfen?
Am meisten geholfen hat mir der Beistand meiner Eltern. Sie waren und sind bis heute an meiner Seite. Sie stärken meine Träume und unterstützen meine Talente. Damals, als wir nach Deutschland kamen, war ich sehr traurig darüber, dass ich zwei Klassenstufen zurückgestuft wurde. Ich wollte nicht noch mehr Zeit verschwenden, als sowieso schon vergangen war durch die lange Reise und gesundheitliche Maßnahmen. Heute sehe ich die Situation aus einem völlig anderen Blickwinkel. Meine Freunde motivieren mich jeden Tag dazu, an mich selbst zu glauben. Genauso all meine Lehrer. Sie schätzen das, was ich bin und kann. In meiner Schule im Libanon wusste ich noch nicht, dass das Geheimnis, etwas zu lernen, der Wille ist. Ich dachte damals noch, ich werde mein ganzes Leben ungern zur Schule gehen und gezwungen, zu lernen. Nein! Heute gehe ich gerne zur Schule und arbeite mit Freude an neuen Herausforderungen.

Mehr zum Thema

Reem Sahwil: „Ich habe einen Traum“ , Heyne Verlag, München, 241 Seiten, 9,99 Euro. Erschienen im August 2017.

 

Sie verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x