Nachgefragt : Was macht Arne Cardel, „Lehrer des Jahres 2016“?

In der Serie „Was macht …?“ fragen wir nach, was sich an einer Schule oder im Leben einer Persönlichkeit, die in der Bildungswelt für Aufsehen gesorgt hat, mittlerweile getan hat. In dieser Folge geht es um Arne Cardel (50). Der Pädagoge ist 2016, gemeinsam mit 15 Kollegen aus zehn Bundesländern, beim Wettbewerb „Deutscher Lehrerpreis“ als „Lehrer des Jahres“ ausgezeichnet worden. Der Deutsche Lehrerpreis ist eine Initiative der Vodafone Stiftung und des Deutschen Philologenverbands. Cardel, der in Neumünster an der Elly-Heuss-Knapp-Schule unterrichtet, einer Europaschule und Anstalt des öffentlichen Rechts, erzählt im Schulportal, inwiefern sich die Auszeichnung auf seine Arbeit ausgewirkt hat, was einen guten Lehrer ausmacht und warum er die derzeit forcierte Digitalisierung in den Schulen als durchaus kritisch für die geistige Entwicklung von Lernenden einstuft.

Fabian Schindler / 28. Januar 2019
Arne Cardel, "Lehrer des Jahres" 2016
Arne Cardel ist 2016 gemeinsam mit 15 Kollegen aus zehn Bundesländern als "Lehrer des Jahres" ausgezeichnet worden. Der Deutsche Lehrerpreis ist eine Initiative der Vodafone Stiftung und des Deutschen Philologenverbandes.
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Herr Cardel, Sie sind nach wie vor an Ihrer Schule in Neumünster tätig. Was bringen Sie Schülerinnen und Schülern derzeit unter anderem bei?

An den Fachschulen für Sozialpädagogik und Heilpädagogik unterrichte ich erwachsene Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen circa 20 und 55 Jahren. Wer einen pädagogischen Beruf professionell ausüben will, benötigt nicht nur ein hohes Maß an Fach- und Handlungskompetenz, sondern eine persönliche Professionalisierung. Diese beginnt zunächst eigentlich immer mit der Entdeckung der eigenen Persönlichkeit. Die Frage „Wer bin ich?“ ist so alt wie die Menschheitsgeschichte – und dennoch immer aktuell. Ein jeder Pädagoge kommt nicht umhin, sich zu fragen, wieso er so geworden ist, wie er ist. Und auch, in welche Richtung sich sein Selbstverständnis entwickelt. Neben der Entwicklungspsychologie spielt auch die Frage nach dem persönlichen Selbstkonzept eine bedeutende Rolle. Wenn ich eine Vorstellung davon habe, wer ich wohl bin, kann ich mich dem Du zuwenden. Dann kann aus dem Dialog ein Wir erwachsen, beispielsweise in Gruppen, Klassen et cetera. Die Entwicklungspsychologie ist Grundlage für die heilpädagogische Diagnostik, die zum Ziel hat, die zu begleitenden Menschen ganzheitlich zu verstehen. Das bedeutet, Klienten als Personen wahrzunehmen, die Stärken, Kompetenzen, Besonderheiten und Ressourcen aufweisen, die in systemischen Zusammenhängen verstanden werden können.

 

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken: Hat sich durch die Auszeichnung als „Lehrer des Jahres“ etwas hinsichtlich Ihrer Arbeit verändert? Gab es etwa eine höhere Erwartungshaltung an Sie vonseiten der Schülerschaft? Oder, anders gefragt: Hat sich die Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden verändert?

Das kann ich kurz und knapp mit Nein beantworten. Weder hat sich meine Arbeit verändert noch die Erwartungshaltung von anderen, für die ich sowieso nicht verantwortlich gemacht werden kann. Jedes Jahr schulen wir neue Schülerinnen und Schüler ein. Ich habe circa sechs Klassen beziehungsweise Kurse neu zu unterrichten, seit ich 2016 den Preis gewann. Ich glaube eher nicht, dass Schülerinnen und Schüler die Namen ihrer Lehrkräfte googeln. Auf den Preis direkt angesprochen wurde ich jedenfalls nicht. Die Beziehung von Lehrenden und Lernenden ist ohnehin ein wechselseitiger Prozess. Diesen gestalte ich zu 50 Prozent mit. Die andere Hälfte muss von den Lernenden eingebracht werden, damit eine beidseitig fruchtbare Enwicklung gelingt.

 

Wie schaut es denn im Kollegium aus? Hat die Auszeichnung vielleicht dort zu Veränderungen in der Kultur des Miteinanders geführt? Werden Sie eventuell heutzutage mehr als früher bei fachlichen und sozialen Fragen von Kollegen zurate gezogen?

Meine Auszeichnung hat zu keinerlei Veränderungen in der Kultur des schulischen Miteinanders geführt. Der Preis ist mehrfach gewürdigt worden – das hat mich gefreut. Aber wichtiger ist eigentlich die Erkenntnis, dass das fantastische schulische Miteinander, das ich seit 15 Jahren an meiner Schule erleben konnte, letztlich eine der Ursachen für jene Eigenschaften meiner Lehrtätigkeit sind, die mit dem Preis gewürdigt worden sind. Ich hatte Zeit, Vertrauen und Freiheit, mich zu dem Begleiter, Lehrer und Coach zu entwickeln, der ich heute bin. Denn vor 15 Jahren startete ich als „Sonderpädagoge für Schüler mit einer geistigen Behinderung“ – so nannte man das damals. Eine heute veraltete Bezeichnung. Weder hatte ich Materialien noch Kenntnis von angemessenen Methoden der Erwachsenenbildung zur Verfügung. Kollegiale Beratung ist an meiner Schule ein selbstverständliches Gut, das alle Kollegen und Kolleginnen pflegen – egal, ob jemand einen Preis bekommen hat oder nicht.

 

Haben Sie einen Tipp für Lehramtsstudierende und Referendarinnen und Referendare, wie den Schülerinnen und Schülern Freude am Lernen vermittelt werden kann? Was erwarten sie von einer guten Lehrkraft?

Das ist so eine Sache mit den Tipps … Das hört sich dann gleich so an, als wenn wir nur bestimmte Apps drücken oder streichen, und dann weiß eine werdende Lehrkraft, wie es geht. Aber: Jeder wird mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen geboren. Man wird geprägt und entwickelt sich. Das alles reift dann zu einer besonderen Persönlichkeit. Ob eine Person eine Lehrkraft wird, hängt von sehr vielen weichen Faktoren ab. Freude am eigenen Wirken und Achtung vor den Mitlernenden sind gute Begleiter. Und: Altbekannte Tugenden sind moderner denn je. Sei du selbst, authentisch und kongruent. Sei wertschätzend und feinfühlig anderen Menschen gegenüber, respektvoll und empathisch. Sei kreativ, verlässlich loyal – aber auch überraschend. Und, wenn es geht, humorvoll.

Ein wichtiger, zeituntypischer Aspekt erscheint mir unbedingt erwähnenswert. Alle Welt spricht, schreibt und proklamiert die allgemeine und spezielle Digitalisierung als Wundermittel für eine bessere, weil modernere Welt. Ich sehe das ganz und gar nicht so. Kleine Kinder, Schulkinder, Jugendliche und junge Erwachsene brauchen in erster Linie eine handelnde Eroberung der sinnlichen und konkret erfahrbaren Welt, die sie real umgibt. Die Verarbeitung einer künstlich errechneten digitalen Welt lässt die natürliche Fantasie der Heranwachsenden verkümmern, anstatt sie zu entwickeln. Bevor die Welt an Computern berechnet und vermessen wird, sollte ein konkreter Vorgang des Handelns mit den Händen und dem Körper in einer konkret erfahrbaren sinnlichen Natur und Umwelt stehen. Was nützt es einem Jugendlichen, dessen E-Bike einen platten Reifen hat, wenn er sofort ein gutes Tutorial bei Youtube findet, aber nicht weiß, in welche Richtung eine Hutmutter gedreht werden muss, damit sie sich löst, geschweige denn dass er die Kraft hat, einen Ringmaulschlüssel erfolgreich zu verwenden?