Dieser Artikel erschien am 18.09.2019 auf ZEIT Online
Autorin: Johanna Schoener

Berufsschule : Was machen die denn hier?

Mehr als backen zu lernen. Doch es schaut kaum jemand hin, wie 2,5 Millionen Berufsschüler auf die Zukunft vorbereitet werden. Ein Besuch in der vielleicht wichtigsten Schule unserer Gesellschaft.

Bäcker in der Ausbildung
©dpa

Um seinen Schulabschluss doch noch zu schaffen, steht Elias neuerdings morgens um vier Uhr auf. Fast zwei Stunden juckelt er mit dem Bus durch das südliche Schleswig-Holstein. Angekommen im Schulbistro in Mölln, schließt er seine Sachen in einen Spind, bindet sich eine Schürze um, kurze Teambesprechung, los geht’s. Hinten in der Küche werden Teiglinge aufgebacken, Brötchen geschmiert, Paprika geschnippelt. Vorne bereitet Elias den Pausenverkauf vor. Dann der Gong, rasch stehen über zwanzig Schüler Schlange. “Sie können auch zu meinem Kollegen kommen”, ruft Tanja Friedrichsen und deutet auf Elias. Er rechnet ein Eibrötchen ab, 50-Euro-Schein, kurzes Zögern beim Rausgeben, sie hilft dezent.

Friedrichsen ist Elias’ Lehrerin, behandelt ihn aber wie ein neues Team-Mitglied. In der Rolle des Schülers hat er vorher nicht gerade geglänzt, die Gemeinschaftsschule in Geesthacht hat er ohne Abschluss verlassen. Die Ausbildungsvorbereitungsklasse ist für ihn nun die letzte Möglichkeit, schulisch noch etwas zu reißen. Zusammen mit 3863 Schülern besucht er seit Beginn des Schuljahrs das Berufsbildungszentrum (BBZ) Mölln. Mit Projektarbeit und Praktika will man ihn hier wieder fürs Lernen gewinnen. “Pünktlich sein funktioniert viel besser, wenn es konkret etwas zu tun gibt”, sagt Friedrichsen.

Fast jeder vierte Schüler in Deutschland besucht eine Berufsschule. In der öffentlichen Wahrnehmung ist sie nicht viel mehr als ein Nebenschauplatz der Ausbildung. Dabei sind es oft gerade die beruflichen Schulen, welche die ganz großen Herausforderungen im Bildungssystem meistern. Während gesellschaftlich alles Richtung Akademisierung drängt, befähigen sie ihre Schüler zu einem selbstständigen Leben, kümmern sich um die Integration von geflüchteten Jugendlichen und machen Schulabbrecher fit, damit sie überhaupt ein Betrieb nimmt.

Nach aktuellen Zahlen der Bertelsmann Stiftung startet nur noch jeder zweite Berufsschüler im klassischen dualen System, das betriebliche Lehre und Schule verbindet. Gut 20 Prozent machen eine rein schulische Ausbildung etwa zum technischen, sozialpädagogischen oder pflegerischen Assistenten. Und 30 Prozent der Berufsschüler bleibt nur der sogenannte Übergangssektor.

Wenn Elias seine Chance ergreift, stehen ihm am BBZ alle Wege offen. Er kann einen Beruf erlernen, den Mittleren Bildungsabschluss machen und später ans berufliche Gymnasium wechseln. Fünf verschiedene Schularten drängen sich auf dem DIN-A4-großen Organigramm. Was auffällt: Es gibt viele Pfeile, die zwischen den einzelnen Bildungswegen hin und her zeigen. Und die Möglichkeit, das System von unten links ohne Schulabschluss zu betreten und oben rechts Richtung Universität zu verlassen. Das große Versprechen dahinter lautet Durchlässigkeit.

Ulrich Keller leitet das BBZ seit zehn Jahren, ohne je Abitur gemacht zu haben. Vom Lehrling im Bergbau hat er es über die berufliche Bildung bis zum Schuldirektor geschafft und ist dadurch selbst so etwas wie die personifizierte Durchlässigkeit. “Ich geh inzwischen zu Elternabenden in der vierten Klasse, nur um zu sagen: Bleiben Sie entspannt mit der Schulwahl. Richten Sie sich nach den derzeitigen Fähigkeiten Ihres Kindes. Im Alter von zehn Jahren wird es nicht festgelegt auf alle Ewigkeit.” Er nimmt sich Zeit dafür, obwohl er als Chef eines Bildungsunternehmens mit 14 Abteilungsleitern und 235 Lehrkräften oft genug das Gefühl hat, in Verwaltungsarbeit unterzugehen. Es schmerzt ihn zu sehen, wie Kinder auf Teufel komm raus mitgeschleppt und über Misserfolge deprimiert werden. Viele bräuchten einfach nur Zeit und andere Zugänge als die rein kognitiven. Doch Möglichkeiten jenseits der allgemeinbildenden Schulen sind oft gar nicht bekannt.

Das BBZ im Zentrum von Mölln wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach erweitert. Aktuell wird ein 22 Millionen Euro teurer Werkstattbau fertiggestellt, auf den jetzt schon alle stolz sind. Dennoch haben selbst Anwohner, die regelmäßig nebenan bei Penny einkaufen, oft keine Vorstellung, was in dem Gebäudekomplex vor sich geht. Sie sehen nur die Zug- und Busladungen von Jugendlichen aus dem Umland, die da täglich rein- und rausströmen.

“Die duale Ausbildung wird nicht wertgeschätzt”

Wer zum ersten Mal das BBZ betritt, fühlt sich wie in einem Berufe-Wimmelbuch. Hinter der einen Klassenzimmertür verbirgt sich ein Friseursalon, in dem angehende Friseurinnen die acht Griffe einer Reinigungsmassage üben. Anschließend werden sie im Wirtschaftspolitik-Unterricht über Meinungsbildung diskutieren. Ein paar Türen weiter lernen medizinische Fachangestellte Blutdruck messen. In einem anderen Trakt bauen Elektroniker im Labor eine komplizierte Schaltung zusammen. Bäckereifachverkäuferinnen schlagen sich mit schriftlicher Multiplikation herum. Zerspanungsmechaniker bedienen eine Drehmaschine, die einen mittleren sechsstelligen Betrag gekostet hat und mit einem Stapler durch die aufgebrochene Fassade hereingefahren werden musste. Hinter all den Türen gäbe es noch viel mehr zu entdecken, Backstuben, Werkstätten, Zahnarztstühle und Pflegebetten.

Wer hier in der Gegend einen Beruf erlernen möchte, geht ans BBZ. Im Kreis Herzogtum Lauenburg gibt es nur diese eine Berufsschule. Wenn sie einen Beruf nicht mehr anbietet, stirbt er längerfristig aus in der Region. Darum betrachtet Keller mit Sorge, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im dualen System seit 2007 in Schleswig-Holstein um gut zehn Prozent zurückgegangen ist. Bundesweit sind es sogar 15 Prozent. Zuletzt hat sich die Situation auch dank der Zuwanderung der vergangenen Jahre etwas entspannt, in Zukunft rechnet Keller aber mit weiter sinkenden Schülerzahlen. Handwerker und Pflegekräfte werden hier zwar genauso dringend gesucht wie überall. Doch die Vorstellung, dass Akademiker grundsätzlich mehr verdienen und sicherere Jobs haben, hält sich hartnäckig. Dabei findet man mit dem Meister- oder Technikerabschluss inzwischen schneller eine unbefristete Stelle, und es gibt Ausbildungen, die lukrativer sind als ein jahrelanges Studium. Das spricht sich nur weder bei den Jungen herum, die an die Hochschulen drängen, noch bei ihren Eltern, die sie dorthin pushen.

Unter den 235 Lehrern am BBZ sorgen die Vorurteile für Frust, schließlich kratzten sie am Selbstbewusstsein ihrer Schüler. “In vielen Elternhäusern heißt es: bloß kein Handwerk”, sagt eine Lehrerin. “Die duale Ausbildung wird nicht wertgeschätzt”, eine Kollegin. “Berufliche und akademische Bildung klaffen immer weiter auseinander”, ein dritter.

So wundert es nicht, dass der Lehrermangel die Berufsschulen besonders hart trifft. Warum soll man sich mangelnde Anerkennung antun, wenn man genauso gut in der freien Wirtschaft arbeiten könnte? Die meisten Lehrer am BBZ waren erst Praktiker, bevor sie Pädagogen wurden. Wenn bei den Kfz-Technikern eine alte Hebebühne abgebaut werden muss, kommt die Fachgruppe schon mal geschlossen an einem Samstag, schmeißt den Grill an und erledigt das selbst. Und auch bei pädagogischen Herausforderungen herrscht ein pragmatischer Geist.

Als die Balkanroute offen war, kamen in kurzer Zeit über 600 geflüchtete Menschen ans BBZ – eine Schülermenge in der Größenordnung einer allgemeinbildenden Schule. Sie wurden einfach ins System integriert, es wurden Extra-Klassen mit Deutsch als Zweitsprache eingerichtet. Auch heute noch starten hier solche Lerngruppen. 13 neue Schüler stellen sich gerade gegenseitig vor, versuchen dabei, die ersten Brocken Deutsch anzuwenden. “Zeynep mag gern chillen”, sagt ein junger Mann. “Was heißt das, Zeynep?”, fragt die Lehrerin, “was machen Sie, wenn Sie chillen?” In jedem Sprachlern-Dialog schwingt die Frage mit: Was können Sie sich noch vorstellen, außer zu chillen? Welche Fähigkeiten und Interessen haben Sie, wohin könnte es beruflich gehen?

Die ausländischen Jugendlichen durch die Bildungsgänge zu begleiten und sie reif für den Ausbildungsmarkt zu machen ist gesellschaftlich höchst relevant. In der Wahrnehmung von Ulrich Keller und seinen Kollegen wird sie aber kaum beachtet von Politik und Medien: “Wir reden über Vergleichsstudien, über Pisa und Timss, aber ganz wenig über konkrete Probleme, die wir hier lösen.”

“Wir sind die Loser-Klasse”

Matheunterricht in einer Ausbildungsvorbereitungsklasse, die manche Kollegen fürchten. Zunächst müssen die Schüler ihre Handys abgeben. Verena, die durchs Schulschwänzen fünf Anzeigen und 60 Sozialstunden gesammelt hat, Mario, der immer nur Stress mit Lehrern hatte bisher. Linda, die unter psychischen Problemen leidet und an ihrer vorherigen Schule nur körperlich anwesend gewesen sei. “Wir sind die Loser-Klasse”, sagt sie. Ihr Lehrer Heinz Baalmann formuliert es so: “Hier kommen die hin, bei denen im Zeugnis steht, war scheiße bis jetzt.”

Zum ersten Mal sollen Jugendliche eine Schule erleben, in der sie sich wohlfühlen, damit sie wiederkommen. In einer Raumecke steht eine Couch, daneben eine Zimmerpflanze. Schwungvoll verteilt Baalmann Zollstöcke, er genießt in der Schule den Ruf, auch hoffnungslose Fälle zu retten: “Liebe Jenny, wie breit ist dein Tisch?” Keine Reaktion. “Wie dick ist das Buch?” Nichts. “Wie lang ist eine Zigarette?” Ein verhaltenes Grinsen: “Sieben Zentimeter.” Das Fachliche nimmt nur ein Drittel der Zeit ein, der Rest ist Beziehungsarbeit.

In der Ausbildungsstätte der Zimmerer ist es andersrum. In der 200 Quadratmeter großen Halle wird selbstständig an Dachkonstruktionen gearbeitet, Sägen, Hämmern, murmelnde Männerstimmen. Die Lehrlinge fachsimpeln mit Mitgliedern der Innung, die sie hier gemeinsam mit Lehrern der Berufsschule anleiten. Selbst in diesen Ausbildungsklassen können sowohl Förderschüler als auch Abiturienten sein. Differenziert unterrichten ist hier Alltag. Auch über den Unterricht hinaus schauen die Lehrer auf den einzelnen Lebensweg, überlegen, wie es weitergehen könnte, welcher Abschluss, welches Praktikum infrage käme, sind im Austausch mit Kollegen, den beiden Schulsozialarbeitern des BBZ, mit den Ausbildungsbetrieben.

Je umfassender der Blick auf die Jugendlichen, umso besser kann man sie dazu befähigen, einen Platz zu finden, der ihrem Können entspricht – davon sind hier alle überzeugt. Es reicht nicht, ihnen nur beizubringen, wie man Haare schneidet, Brötchen backt, Balken sägt. Die meisten Menschen hätten eine viel zu enge Vorstellung von beruflicher Bildung, meint Keller. “Bei uns lernen die Schüler, mit völlig unterschiedlichen Charakteren umzugehen. Sie erleben, dass jemand, der vielleicht Schwierigkeiten hat, ruhig in der Schule zu sitzen oder fehlerfrei zu schreiben, ganz andere Talente haben kann.”

Während Politiker und Wissenschaftler mit Sorge beobachten, wie Milieus auseinanderdriften, sieht man sie hier in der Pause zusammen auf dem Schulhof stehen: Junge und Ältere, Mädchen mit Kopftüchern und Männer mit Rastazöpfen, Handwerker und Sozialpädagoginnen, verhaltensauffällige Schülerinnen und Vorzeige-Abiturienten. Sie haben nicht alle direkt miteinander zu tun, aber immerhin wissen sie, die anderen sind auch da.