Gastbeitrag : Was Lehrkräfte gesund hält

Wie geht es eigentlich den Lehrkräften? Eine viel zu oft vernachlässigte Frage, der man sich mehr widmen müsse, sagt Uta Klusmann. Die promovierte Psychologin und Erziehungswissenschaftlerin ist Expertin für das Thema „Gesundheit im Lehrerberuf“. Das Schulportal hat einen ihrer Vorträge protokolliert und veröffentlicht nun Auszüge daraus: Uta Klusmann erklärt, was Lehrkräfte stresst, was ihnen guttut und warum Kooperation dabei eine so wichtige Rolle spielt.

Antje Tiefenthal / 14. Februar 2019
Freundekreis legt die Hände zusammen
Sich sozial unterstützt zu fühlen sei maßgeblich für das Wohlbefinden von Lehrkräften, weil es die vorhandenen Belastungen reduzieren kann und das Engagement fördert, so die Psychologin Uta Klusmann.
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Eine vernachlässigte Frage: Wie geht es eigentlich den Lehr­kräften?

Lehrkräfte stehen im Fokus von Öffentlichkeit und Wissenschaft: Was müssen Lehrerinnen und Lehrer können und wissen, damit die Schülerinnen und Schüler gut lernen? Wie müssen wir sie ausbilden, damit sie den viel­fältigen Anforderungen des Berufs gerecht werden? Was aller­dings kaum jemand fragt: Wie geht es ihnen? Wie zufrieden sind sie mit ihrem Beruf? Sind sie erschöpft? Oder gestresst? Was macht das eigentlich mit ihnen?

Ich bin überzeugt davon: Das sind wichtige Fragen, die wir viel häufiger stellen müssen. Denn inzwischen wissen wir, wie wichtig Gesundheit und Wohl­befinden im Beruf besonders bei Lehr­kräften ist. Beeinträchtigungen der Gesundheit haben viele negative Konsequenzen. Das gilt zum einen für die betroffene Person selbst. Chronischer Stress zum Beispiel ist ein Risiko­faktor für physiologische Erkrankungen – die Lehr­kraft leidet also selbst darunter. Zum anderen haben Erschöpfung und Stress bei der Arbeit auch Folgen für die Institution Schule selbst. Das beginnt mit den Krankheits­tagen. Schul­leitungen und Lehr­kräfte wissen, wie schwierig es ist, Fehl­zeiten inner­halb des Kollegiums zu kompensieren. Neuere Forschungen liefern aber noch mehr Argumente, warum das Thema von großer Bedeutung ist. Es wurde gezeigt, dass sich Erschöpfung und depressive Symptome von Lehr­kräften auch im Unterrichts­verhalten manifestieren, dass sie sicht­bar sind für Schülerinnen und Schüler und deren Motivation und sogar ihre Leistung beeinflussen.

Eine gesunde Lehr­kraft ist stolz, zufrieden und engagiert

Doch was ist eigentlich Gesundheit? Sie ist mehr als die Abwesen­heit von Krank­heit und Beschwerden – sie beinhaltet auch das psychische und soziale Wohl­befinden. Das Wohl­befinden einer Person ist eine zentrale Komponente von Gesundheit. Das Wohl­befinden einer Person wiederum beinhaltet positive und negative Emotionen, Affekte und die Zufrieden­heit mit der eigenen (beruflichen) Situation. Wohl­befinden drückt sich dadurch aus, dass eine Person wenige negative Emotionen, Stress und Burn-out-Symptome erlebt und sich gleich­zeitig mit Engagement und Freude ihren Aufgaben widmen kann. Das bedeutet: Die Abwesen­heit von Stress und Erschöpfung heißt nicht automatisch, dass eine Person sich wohl­fühlt und gesund ist. Denn dazu gehört – neben der Abwesen­heit negativer Erlebens­qualtäten – auch das Erleben positiver Gefühle und Gedanken.

Wir wissen, dass Lehrkräfte sich sehr stark darin unter­scheiden, wie sie sich fühlen, wie engagiert sie sind oder wie aus­geprägt die Burn-out-Symptome sind. Wie erklären wir uns das? Es gibt viele Ansätze dazu – die Essenz aber könnte heißen: Stress und Erschöpfung entstehen durch ein Ungleich­gewicht von Stressoren und Ressourcen. Das bedeutet: Es gibt zu viele Dinge, die mich behindern und meine konstante physische und psychische Anstrengung erfordern – und auf der anderen Seite sind zu wenige Dinge, die mich unter­stützen und mir helfen, meine Ziele zu erreichen.

Stress ist subjektiv

Es gibt dabei ganz unterschiedliche Ressourcen: Das können persönliche Eigen­schaften sein, aber auch die soziale Unter­stützung oder die Arbeits­organisation. Die Ressourcen haben übrigens eine besondere Doppel­funktion: Sie beeinflussen direkt, wie gut ich mich fühle, puffern aber auch berufliche Stressoren ab. Wenn eine Lehrkraft zum Beispiel ein schwieriges Eltern­gespräch vor sich hat, dann kann die soziale Ressource „Sich mit jemanden vorbesprechen“ oder „Unter­stützung holen“ dem Stress­erleben vorbeugen, sodass der Stressor „Eltern­gespräch“ nicht in einer Erschöpfung resultiert. Grund­sätzlich gilt: Die Wahr­nehmung davon, was ein Stressor oder einer Ressource darstellt, ist subjektiv. Was für die eine Person eine schwierige Situation oder Ereignis ist, kann von einer anderen Person ganz anders erlebt und bewertet werden. Das gilt auch für die Ressourcen: Was dem einen guttut, muss nicht dem anderen helfen.

Die stetige soziale Interaktion beansprucht Lehr­kräfte

Trotzdem zeigen Befragungen, dass es unter den Lehrkräften auch häufige Über­einstimmungen gibt. Lehrerinnen und Lehrer berichten in ihrem beruflichen Alltag am häufigsten – ganz gleich, ob mit wenig oder mit viel Berufs­erfahrung –, dass sie das Nicht­gelingen von Interaktion mit Schülerinnen und Schülern als belastend empfinden. Dazu gehören Fragen der Klassen­führung, Disziplin­schwierig­keiten, Unter­richts­störungen und Motivations­losig­keit. Ein häufig genannter Stressor sind außer­dem „Konflikte mit dem Kollegium“. Die stetige soziale Interaktion scheint eine psychische Heraus­forderung zu sein. Dazu kommen Aspekte, die es in jedem Beruf gibt: Wie hoch ist mein Arbeits­pensum? Fühle ich mich wert­geschätzt?

Das Erschöpfungs­erleben von Lehrkräften wirkt sich auf die Motivation und Leistung der Schülerinnen und Schüler aus.
Uta Klusmann, Psychologin

Was bei Lehrkräften dagegen besonders häufig Freude hervorruft, sind gute Beziehungen zu ihren Schülerinnen und Schülern. Wenn also das Kern­element des Unterrichtens gelingt, erleben Lehrerinnen und Lehrer dies als sehr positiv. Auch die Kolleginnen und Kollegen spielen eine wichtige Rolle. Relevant ist außer­dem das Gefühl, seine Arbeit selbst beeinflussen und kontrollieren zu können. Darüber hinaus ist tatsächlich das pädagogisch-psychologische Wissen von Lehr­kräften eine wichtige Ressource. Zusätzlich hilfreich ist eine gewisse emotionale Stabilität.

Kooperation – Stressor oder Ressource?

Doch wohin gehört das Thema Kooperation? Ist der Austausch mit anderen eher eine Ressource oder mehr ein Stressor? Zunächst mal: Kooperation hat sehr viele unter­schiedliche Gesichter. Das fängt an bei den Gesprächen „zwischen Tür und Angel“, führt über das Einholen von Hilfe und den Austausch von Materialien bis hin zur gemeinsamen Organisation und zu intensiver Zusammen­arbeit. Aus theoretischer Sicht gibt es viele Gründe dafür, dass Kooperation eine Ressource sein kann, aber auch ein Stressor. Wer die Arbeit aufteilt, gewinnt Zeit – und Zeit ist eine wichtige Ressource. Vielleicht gewinnt unter bestimmten Bedingungen auch die Qualität der Arbeit, was als sehr positiv erlebt wird. Außer­dem ist Kooperation eine Möglichkeit, sich eingebunden zu fühlen, was ein zentrales, menschliches Grund­bedürfnis darstellt. Darüber hinaus bietet die Kooperation eine Quelle der gegen­seitigen Wert­schätzung. Psychologen sind davon über­zeugt, dass sozialer Austausch eine wichtige Bewältigungs­strategie ist. Über seine eigenen Gefühle zu reden, sie zu benennen und anzu­sprechen ist eine gute Möglich­keit, sich davon zu distanzieren.

Was den einen stresst, muss den anderen nicht stressen. Und was dem einen guttut, muss nicht dem anderen helfen.
Uta Klusmann, Expertin für Wohlbefinden im Lehrerberuf

Bei jeder Zusammenarbeit kann es aber natürlich auch zu Konflikten kommen, zum Beispiel über die Frage, welche Ziele man wie gemeinsam verfolgt. Wer intensiv zusammen­arbeitet, reduziert zwangs­läufig das eigene Autonomie­erleben. Dabei ist Autonomie ein zentrales menschliches Bedürfnis: Wir wollen unsere Handlungen selbst bestimmen! Außerdem könnte es zu Ansteckungs­effekten kommen. Studien haben gezeigt: Wer mit Personen kooperiert, die sehr belastet sind, erlebt nicht selten auch eine höhere Belastung.

Lehrkräfte, die Unter­stützung erfahren, engagieren sich mehr

Aller­dings gibt es bislang nur wenige Studien über den Zusammen­hang von Kooperation unter Lehr­kräften und deren Wohl­befinden. Es zeigte sich, dass weniger die Art, Form oder Häufig­keit der Kooperation eine Rolle spielt, sondern eher, wie man sich dabei fühlt: Fühle ich mich unter­stützt und respektiert? Habe ich das Gefühl, ich kann meine Kolleginnen und Kollegen um Hilfe fragen? Letzteres ist ein ganz entscheidendes Gefühl, das zu den stärksten Ressourcen über­haupt zählt. Lehr­kräfte, die sich vom Kollegium oder der Leitung unter­stützt fühlen, engagieren sich stärker und sind zufriedener. Auch die Absicht, den Beruf wechseln zu wollen, wird durch die Ressource „soziale Unter­stützung“ verringert: Lehr­kräfte, die sich unter­stützt fühlten, hatten bei gleicher Arbeits­belastung weniger das Gefühl, sich einen anderen Beruf suchen zu wollen.

Soziale Unterstützung ist eine zentrale Ressource, der man Raum geben sollte. Doch wie sieht der Alltag von Lehr­kräften an dieser Stelle aus? Wie häufig haben sie diese positiven Erlebnisse mit ihren Kolleginnen und Kollegen? Um diese Fragen beantworten zu können, haben wir mehrere Tage­buch­studien durch­geführt. Zwei Wochen lang haben wir Lehrkräfte jeden Abend gefragt: Was haben Sie heute erlebt im Beruf? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben ihre positiven und negativen Erlebnisse ganz offen auf­geschrieben – wir haben nichts vor­gegeben. Ein Befund lautet: Die Lehr­kräfte haben deutlich mehr positive als negative Ereignisse berichtet – fast doppelt so viele. Die Studie hat auch gezeigt, dass das Kollegium eine riesige Rolle bei der Reflexion des Arbeits­tags spielt. Natürlich steht der Unterricht im Mittel­punkt; darüber haben die Lehrkräfte am häufigsten berichtet – direkt gefolgt von der Inter­aktion mit den Kolleginnen und Kollegen. Die positive Inter­aktion über­wiegt dabei, aber das Kollegium ist bei nicht gelingender Inter­aktion auch gleich­zeitig der dritt­häufigste Stressor im Alltag.

Drei wirkungs­volle Ansätze für Kooperation, die Lehr­kräften guttut

Es wäre also ein sinnvolles Ziel der Gesundheitsförderung, die Kooperation im Kollegium als Ressource zu stärken und als Stressor zu reduzieren. Um das zu erreichen, kann man insbesondere an drei Stell­schrauben ansetzen:

  1. Die Feedbackkultur einer Schule: Es gibt bereits viele vorbildliche Schulen, die sehr gute Gelegen­heiten zum Austausch und zur Kommunikation bieten. Wie man unter­stützendes und konstruktives Feedback gibt, lässt sich sehr gut lernen.
  2. Gemeinsame Aktivitäten: Auch hier gibt es schon viele tolle Vorbild-Schulen, die verschiedene Rituale etabliert haben. Manche Schulen haben zum Beispiel einen „Tages­ordnungs­punkt null“ auf ihrer Agenda und besprechen dann soziale Themen.
  3. Sich soziale Unterstützung holen: Ob Stress­management­training, wie zum Beispiel das positiv evaluierte Agil-Training, oder Schul­psychologinnen und -psychologen – hier sind verschiedene Formen der Unter­stützung denkbar.

Fazit: Das müssen Schulen über den Zusammen­hang von Gesundheit und Kooperation wissen

Abschließend möchte ich Botschaften zusammen­fassen. Die erste Botschaft lautet: Stress und Erschöpfung resultieren aus dem Ungleich­gewicht von Stressoren und Ressourcen. Zweitens: Für die Gesundheit ist es weniger wichtig, wie häufig oder in welcher Form man kooperiert. Entscheidend ist, wie man sich dabei fühlt. Drittens: Sich sozial unter­stützt zu fühlen ist maßgeblich für das Wohl­befinden von Lehr­kräften, weil es die vorhandenen Belastungen reduzieren kann und das Engagement fördert. Es ist also wichtiger Bestand­teil professionellen Arbeitens. Und, zum Schluss: Diese so wichtige Unter­stützung können Schulen selbst fördern, indem sie ihr überhaupt Aufmerk­samkeit widmen und dem Thema auf allen Ebenen Raum geben: in der Schul­leitung, im Kollegium und ganz individuell.

Zur Person

  • Die promivierte Psychologin Uta Klusmann ist seit 2013 stell­vertretende Direktorin der Abteilung Erziehungs­wissen­schaft und Pädagogische Psychologie am Kieler Leibniz-Institut für die Pädagogik der Natur­wissen­schaften und Mathematik (IPN).
  • An der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel ist sie Professorin für Empirische Bildungs­forschung.
  • In ihrer wissenschaftlichen Arbeit konzentriert sich Uta Klusmann unter anderem auf die professionelle Kompetenz von Lehr­kräften und die Gesund­heit im Lehrer­beruf.
  • Mehr über Uta Klusmann und ihre aktuellen Projekte gibt es auf der Website des IPN.