Stressfaktor : Was hilft gegen Lärm in der Schule?

Lärm an Schulen schadet nicht nur dem Lernerfolg, sondern auch der Gesundheit der Kinder und Lehrkräfte. Häufig wird Lärm von Lehrkräften als Stressfaktor Nummer Eins genannt. Dabei gibt es Wege, die Lärmbelastung an Schulen zu reduzieren. Dazu gehören Veränderungen am Bau und bei der Raumgestaltung genauso wie eine veränderte Lernkultur. Das Schulportal hat Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft und Praxis befragt, wie sich Lärm in der Schule auf die Kinder und Lehrkräfte auswirkt und wie er sich reduzieren lässt.

Florentine Anders / 06. Februar 2020 / 1 Kommentar
Auf dem Tisch liegt ein Gehörschutz neben Heft und Federmappe
Viele Schülerinnen und Schüler tragen während der selbstständigen Arbeit in der Schule einen Gehörschutz.
©dpa

Besucher, die in die Grundschule auf dem Süsteresch in Niedersachsen kommen, erstaunt vor allem Eines: In dieser Schule ist es viel leiser als in vielen anderen Schulen. Die Schule bezeichnet sich als „Gernelernerschule“ und erreicht diese ruhige Atmosphäre durch ihre „Selbstlernzeit“. Die Kinder erarbeiten sich die Inhalte eigenständig – allein oder in Gruppen. Dabei müssen sie nicht im Klassenzimmer sitzen, sondern können das gesamte Schulhaus nutzen. Es gibt Nischen, Themenräume, sogenannte „Lernateliers“, und überall verteilt Computerarbeitsplätze mit Stühlen auf Rollen, die sich leise von einem Ort zum anderen bewegen lassen. Erst am Ende der Unterrichtszeit treffen sich alle Schülerinnen und Schüler wieder gemeinsam in ihrem Klassenraum. „Wer einmal hier unterrichtet hat, der will nie wieder woanders arbeiten“, sagt Heike Draber vom Schulleitungsteam. „Die Kolleginnen und Kollegen gehen völlig entspannt durch den Tag, der Stress beginnt erst am Nachmittag im Büro.“

In den meisten Klassenräumen ist der Lärmpegel zu hoch

Für viele Lehrkräfte klingt ein solches Szenario geradezu traumhaft. „Der Lärm wird in Befragungen von Lehrkräften immer wieder an vorderster Stelle genannt, wenn es um die größten Belastungsfaktoren in ihrem Beruf geht“, sagt Maria Klatte, Lärmexpertin im Bereich „Kognitive und Entwicklungspsychologie“ der Technischen Universität Kaiserslautern.

 

Der Lärm wird in Befragungen von Lehrkräften immer wieder an vorderster Stelle genannt, wenn es um die größten Belastungsfaktoren in ihrem Beruf geht.
Maria Klatte, Lärmexpertin der Technischen Universität Kaiserslautern

In den Studien habe sich zudem gezeigt, dass es keinen Gewöhnungseffekt gebe. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Dienstalter werde Lärm auch zunehmend als belastend empfunden. Die Messungen des Lärmpegels würden den Eindruck der Lehrkräfte bestätigen, so Klatte. In den meisten Fällen liege er in Schulen deutlich über den Werten, die für Räume gelten sollten, in denen geistig gearbeitet wird. Klassenräume in Schulen seien häufig akustisch nicht für moderne Unterrichtsformen mit Frei- und Gruppenarbeit ausgelegt. Normalerweise sollte eine halbe Sekunde Nachhallzeit nicht überschritten werden, doch das sei selten der Fall.

Lärm beeinträchtigt Sprachbildung und Konzentration

Die Auswirkungen auf Lehrkräfte und Kinder sind fatal. „Eine schlechte Akustik beeinträchtigt nachweislich das Sprachverstehen“, sagt Klatte. Vor allem jüngere Kinder hätten dadurch einen großen Nachteil. Das zeigen Hörtests mit Störgeräuschen und Nachhall. Noch schlechter werde das Ergebnis, wenn das Kind im Klassenraum weiter hinten sitzt. „In einer unserer Studien haben Erstklässler in den hinteren Sitzreihen jedes dritte Testwort falsch verstanden. Wenn die Kinder einzelne Laute oder Wörter nicht verstehen, fällt es ihnen schwer, diese aus ihrem Sprachwissen heraus zu ergänzen. Deshalb  ist es für Kinder kaum möglich, ganze Sätze zu verstehen, wenn Störgeräusche vorhanden sind. Erwachsene können das viel besser“, so Klatte. Kinder mit Konzentrationsschwierigkeiten oder Lernstörungen, aber auch Kinder mit nichtdeutscher Herkunftssprache seien noch stärker durch den Lärm beeinträchtigt. Für diese Kinder sei eine gute Akustik im Klassenraum ganz besonders wichtig.

Schallabsorber an Decken und Wänden müssen nicht teuer sein

Wie erreicht man eine angemessene Akustik? „Eine gute Akustik ist kein Hexenwerk. Mit relativ einfachen Maßnahmen lassen sich große Verbesserungen erzielen“, sagt Christian Nocke, Experte für akustische Bedingungen an Schulen vom Akustikbüro Oldenburg. Und diese Maßnahmen seien nicht einmal mit hohen Kosten verbunden. Häufig fehle einfach der Wille oder das Bewusstsein. „Viele Lehrkräfte denken, die Kinder seien zu unruhig oder ihr Unterricht sei schlecht, dabei ist das Hauptproblem eigentlich die schlechte Akustik im Raum“, sagt Nocke. Einen Klassenraum akustisch zu optimieren koste etwa so viel, wie das Monatsgehalt einer Lehrkraft. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören sogenannte Schallabsorber an der Decke und an den Wänden. Das Problem: Während es für Wärmeschutz oder Statik baurechtliche Vorgaben gibt, sei das für die Raumakustik im Baurecht der meisten Bundesländer nicht der Fall, erklärt der Experte. Selbst bei Schulneubauten würde die Raumakustik häufig vernachlässigt. „Bei Schulneubauten sollten deshalb Eltern und Lehrkräfte schon in der ersten Planungsphase darauf achten, dass die Akustik nicht vergessen wird“, sagt Nocke. Der Aspekt werde häufig übergangen, weil er in den Entwürfen nicht sichtbar ist oder gar als optisch störend empfunden wird.

Lehrkräfte können Maßnahmen zum Lärmschutz beim Arbeitgeber einfordern

Seit Mai 2018 gibt es zudem eine neue Arbeitsstättenregel zum Lärm, auf die sich Lehrkräfte berufen und Maßnahmen zum Lärmschutz beim Arbeitgeber einfordern können. In der Arbeitsstättenregel A3.7 „Lärm“ werden Anforderungen für Nachhallzeiten in Kindertagesstätten und Schulen benannt. Ob die Räume diesen Vorgaben entsprechen oder nicht, kann man durch die Messung der Nachhallzeit überprüfen. Eine grobe Einschätzung liefern Onlinerechner zur Raumakustik, in denen Raumgeometrie, Materialien der Oberflächen (Decke, Boden, Wände) und Anzahl der Menschen im Raum eingegeben werden.

Zusätzlich gibt es bei der Einrichtung des Klassenraums Möglichkeiten, die Akustik verbessern. Vorhänge, Pinnwände und Kuschelecken können beispielsweise die Nachhallzeit weiter verringern, Filzgleiter unter Stühlen und Tischen können den Geräuschpegel reduzieren.

Die Lautstärke verändert sich erst dann richtig, wenn alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, dort beim Lernen anzusetzen, wo sie gerade stehen.
Heinrich Brinker, Schulleiter der Grundschule auf dem Süsteresch

An der Grundschule auf dem Süsteresch sind einige Klassenräume mit Teppichboden ausgestattet, weil hier Kinder mit beeinträchtigtem Hörvermögen inklusiv unterrichtet werden. „Teppichboden würden wir uns für alle Räume wünschen“, sagt Heike Draber. Nicht nur wegen der Akustik, sondern weil die Kinder dann auch auf dem Boden arbeiten können, wenn sie Lust dazu haben. Für Heinrich Brinker, Schulleiter der Schule, die 2016 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, liegt der Schlüssel zu weniger Lärm nicht allein in Veränderungen der äußeren Struktur. „Die Lautstärke verändert sich erst dann richtig, wenn alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, dort beim Lernen anzusetzen, wo sie gerade stehen“, sagt Heinrich Brinker. „Sobald der leistungsstarke Schüler früher fertig ist und sich langweilt und der schwächere Schüler früher aufgibt, weil er überfordert ist, wird es auch unruhig“, so Brinker. Ruhig werde ein Kind immer dann, wenn es sich aus eigener Motivation mit einer Sache beschäftigen könne.

Mehr zum Thema

Das Konzept „Individuelles Lernen durch räumliche Vielfalt“ der Grundschule auf dem Süsteresch in Niedersachsen hat das Schulportal in einem Video veranschaulicht. Außerdem gibt es hier eine ausführliche Konzeptbeschreibung und Materialien zur Umsetzung.

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1 Kommentar

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#1 – 10.02.2020 Diana R.

Leise lernen

O, das darf aber ein gewisser Psychiater Michael Winterhoff nicht hören !!!! Die Kinder lernen tatsächlich eigenständig und wenn sie mögen, allein oder in Gruppen und tatsächlich auch außerhalb des Klassenraumes !!!! Der Herr meint nämlich , dies schade der kindlichen Seele und verunsichert damit viele Eltern und pädagogisches Personal . Nun wird dieses Lernen als Möglichkeit angeführt , den Lärmpegel zu senken ....das darf er nicht hören !!!🤣🤣🤣🙈 Diana R