Fragen an Experten : Wie gelingen Elterngespräche ohne Schuldzuweisungen?

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis, Elternarbeit oder das Zusammen­spiel im Kollegium – Beziehungen prägen den Schul­all­tag, und häufig sind diese nicht einfach. Das Schulportal hat Lehr­kräfte anonym befragt, in welchen Situationen sie unsicher sind, wenn es darum geht, Beziehungen professionell zu gestalten. Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen können. Auf die Frage, wie man im Eltern­gespräch Schuld­zu­weisungen verhindern kann, antwortet der Psychologe Klaus Seifried.

Florentine Anders / 01. März 2019
Eine Mutter hält ihre beiden Kinder an der Hand
Die meisten Eltern sind am Wohl ihrer Kinder interessiert. Deshalb verteidigen sie ihre Kinder auch gegen Vorwürfe.
©dpa

Lehrerin einer Grundschule: Ich finde es immer wieder schwierig, mit Eltern über das Sozial­verhalten ihrer Kinder zu sprechen, wenn es in der Schule zu Konflikten im Umgang mit anderen Schülerinnen und Schülern kam. Eltern fühlen sich da oft angegriffen und stellen sich automatisch vor ihre Kinder. Sie kennen ihr Kind ganz anders, zu Hause sei es nicht so, heißt es dann. Am Ende ist immer die Schule schuld, wenn es zu Konflikten kam. Wie kann ich als Lehrerin verhindern, dass es zu solchen Schuld­zuweisungen kommt?

Klaus Seifried, Psychologe: Die Erziehung in der Schule und vor allem die Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit Lern- oder Verhaltens­schwierig­keiten kann nur gelingen, wenn Eltern und Schule zusammen­arbeiten und eine Erziehungs­partner­schaft bilden:

  • Wenn die Lehrkräfte die Bemühungen der Eltern achten und wert­schätzen – auch wenn vieles in der Familie nicht so läuft, wie sich die Schule das wünscht.
  • Wenn die Eltern die Erziehungs­ziele und pädagogischen Maß­nahmen der Schule gegen­über dem Kind mit­tragen und durch­setzen.

Leider finden Elterngespräche oft in Form eines Tribunals statt: „Ihr Kind ist ständig in Konflikte verwickelt …“, „Ihr Sohn ist immer so aggressiv und schlägt andere Kinder …“, „Die Leistungen sind weit hinter dem Klassen­durch­schnitt …“, „Ihre Tochter…”

Viele Eltern stellen sich dann vor ihre Kinder und wollen sie verteidigen. Die meisten Eltern sind am Wohl ihrer Kinder interessiert. Deshalb verteidigen sie ihre Kinder auch gegen Vorwürfe. Nur wenn Eltern sich offen­sichtlich nicht für ihre Kinder und für die Situation in der Schule interessieren, wenn ein Verdacht auf Verwahrlosung oder Miss­brauch besteht, ist unter Umständen eine Konfrontation notwendig.

Im „Normalfall“ sollten Eltern­gespräche mit den Stärken des Kindes beginnen: Was kann das Kind gut? Wo erleben wir in der Schule positives Sozial­verhalten?

Zu oft wird den Eltern die Schuld­frage zugeschoben

Der nächste Schritt ist dann, dass der Klassenlehrer oder die Klassen­lehrerin um die Unter­stützung der Eltern bittet. Die pädagogische Verantwortung für das Sozial­verhalten und die Lern­leistungen der Kinder und Jugendlichen in der Schule liegt in der Schule. Zu oft wird den Eltern die Schuld­frage zugeschoben. Viel­mehr muss die Schule Bedingungen schaffen, die den Schülern Grenzen setzt, sie zu angepasstem, positivem Sozial­verhalten erzieht und ihre Lernmotivation fördert.

Natürlich braucht die Schule hierbei die Unter­stützung der Eltern, soweit diese das können. Deshalb der nächste Schritt im Gespräch:
„Ich (als Klassenlehrer) möchte erreichen, dass die Leistungen Ihres Sohns in Mathe­matik besser werden. Dafür brauche ich Ihre Unter­stützung als Eltern. Können Sie täglich die Haus­aufgaben kontrollieren?“
„Wir arbeiten daran, dass Ihre Tochter im Unterricht konzentrierter mitarbeitet und ihre Leistungen verbessern kann. Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Sie ist oft müde und unausgeschlafen und kann sich daher schlecht konzentrieren. Wann geht sie abends ins Bett?“

Konflikte in kollegialen Fall­besprechungen reflektieren

Lehrerinnen und Lehrer entwickeln gegenüber schwierigen Schülern negative Gefühle, weil sie mit ihren pädagogischen Bemühungen scheitern, dadurch enttäuscht sind und oft von diesen Schülern provoziert werden. Diese negativen Gefühle werden dann oft auf die Eltern über­tragen. Daher ist es für Lehr­kräfte wichtig, schwierige pädagogische Situationen und Konflikte in kollegialen Fall­besprechungen und Super­visions­gruppen zu reflektieren.

Außerdem empfehle ich, sich von Schul­psychologen beraten zu lassen und in schwierigen, konflikt­belasteten Fällen das Eltern­gespräch oder die Schul­hilfe­konferenz von Schul­psychologen moderieren zu lassen. Das entlastet die Lehrerinnen und Lehrer und hilft, eine Erziehungs­partner­schaft zwischen Schule und Eltern zu entwickeln.

Zur Person

  • Klaus Seifried ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psycho­therapeut und Lehrer.
  • Er arbeitete zwölf Jahre als Lehrer und 26 Jahre als Schul­psychologe.
  • Von 2003 bis 2016 war er Leiter des Schul­psychologischen und Inklusions­pädagogischen Beratungs­zentrums Tempelhof-Schöneberg in Berlin.
  • Seit 1996 Bundes­vorstand der Sektion Schul­psychologie im Berufs­verband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Weitere Fragen an Experten

Die Arbeit einer Lehrkraft ist vielseitig. Besonders Beziehungen prägen den Schulalltag und sind häufig nicht einfach. Dabei spielen der Umgang mit den Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern und dem Kollegium eine Rolle. Lehrerinnen und Lehrer können sich mit Situationen, in denen sie unsicher sind, anonym an das Schulportal wenden. Expertinnen und Experten aus der Praxis geben Tipps, wie Lehrkräfte in den beschriebenen Situationen am besten vorgehen.