Dieser Artikel erschien am 03.12.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
Autorin: Theresa Weiß

Von der Uni in den Burn-Out : Warum so viele junge Lehrer scheitern

Der eigentliche Unterricht ist nur ein Punkt auf der langen To-Do-Liste junger Lehrer. Entweder sie verraten ihre Ideale, oder sie arbeiten über die Belastungs­grenze hinaus. Ein Porträt einer Falle.

leeres Klassenzimmer
Vor einer Klasse zu stehen und die Welt zu erklären - das war der Berufswunsch. Im Alltag jedoch warten ungezählte andere Aufgaben.
©dpa

Der Morgen ist der Beginn einer langen Liste, die sich nicht anders als atemlos lesen lässt. Ab in die Schule, auf dem Weg Mails checken, hoffen, dass kein Eltern­teil lange Beratungs­wünsche geäußert hat und keine spontane Konferenz anberaumt wurde. Unterricht. Pausen­aufsicht. In der Frei­stunde die Arbeits­blätter kopieren, am Kopierer eine Schlange, wert­volle Minuten gehen drauf. Gespräche. Dann nach Hause, korrigieren, vorbereiten, Ausflüge organisieren, Projekte, Klassen­fahrten und Vorträge. Sich etwas für das Kulturfest am Wochenende überlegen. Vor allem aber korrigieren. Vier Deutsch­klassen mit 25 bis 30 Kindern, das macht bei mindestens 30 Minuten pro Aufsatz 54 Stunden für einen einzigen Satz Arbeiten. Viermal im Jahr entspricht das ziemlich genau den ganzen Sommer­ferien. Darum ist alles streng durch­getaktet. Bei einer einzigen Unregel­mäßig­keit – das kann ein Telefonat mit einer besorgten Mutter sein oder ein vergessener Schlüssel – fliegt einem der Tag um die Ohren.

Die junge Frau, deren Tage so oder ähnlich aussehen und die in diesem Text Mona heißen möchte, ist seit diesem Schuljahr Lehrerin für Deutsch und Spanisch an einem hessischen Gymnasium. Sie wollte das immer. Vor einer Klasse stehen und die Welt erklären, oder zumindest, wie ein Konjunktiv funktioniert. Jetzt hat sie das Ziel erreicht, auf das sie zehn Jahre hin­gearbeitet hat. Sie hat ihren Vorbereitungs­dienst, das Referendariat, in Baden-Württemberg mit „Sehr gut“ abgeschlossen, ist aus privaten Gründen nach Hessen gewechselt und unterrichtet Deutsch und Spanisch an einer Schule, die weder Brenn­punkt noch Elite ist. Doch der Berg an Aufgaben, der sie jeden Tag erwartet, ist nicht zu bewältigen an einem acht­stündigen Arbeitstag. Ehrlich gesagt auch nicht an einem zehn­stündigen.

Mona will nicht, dass ihr richtiger Name in der Zeitung steht, weil sie Angst hat, als schwach und nicht belast­bar zu gelten. Ihre Verbeamtung ist noch auf Probe. Dabei geht es vielen so wie ihr: Die Aufgaben als Lehrer sind in der vorgesehenen Zeit einfach nicht zu leisten. Das hat nichts mit Ineffizienz zu tun. Die Überlastung ist system­gemacht.

Eine Freundin, mit der Mona im Referendariat war und die in Frankfurt ihre erste Stelle angetreten hat, ließ sich nach den Herbst­ferien zwei Wochen krank­schreiben, weil sie einfach nicht mehr konnte. Sie war über­fordert, wusste nicht, was wichtig war, welche der vielen Aufgaben sie zuerst angehen sollte. Die Zeit zu Hause nutzte sie, um mit den Korrekturen hinter­her­zukommen. Eine andere hat vier Wochen nach ihrem Berufseinstieg an einer integrierten Gesamt­schule gekündigt. Mona hält sich noch, aber sie weiß nicht, wie lange. Und das, obwohl sie ihren Beruf erst vor wenigen Monaten auf­genommen hat.

Lehrer arbeiten zu viel. Alle, nicht nur die jungen. Aber: „Die trifft es besonders hart“, sagt Ilka Hoffmann, Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hessen. „Sie haben kein Standing, keine Erfahrung und kommen mit einem großen Ethos in den Beruf.“ Sie wollen alles richtig machen und nicht nur Dienst nach Vorschrift. Hoffmann sagt, dass junge Lehrer aus dem Referendariat großen Leistungs­druck mit­brächten. Sie denken, perfekt sein zu müssen. Aber sollen sie ihre Ansprüche sausen­lassen? „Der Leistungs­anspruch ist schon richtig. Aber es muss Strukturen geben, die das ermöglichen“, sagt Hoffmann.

Den eigenen Ansprüchen genügt in den vorhandenen Strukturen jedoch meist nur, wer sich selbst ausbeutet. Eine Erhebung der Uni Göttingen von 2016 zeigte, dass Gymnasial­lehrer in Nieder­sachsen im Schnitt 9,94 Stunden pro Schultag arbeiten. Diese Zahl ist besonders alarmierend, da zugleich knapp 45 Prozent der Lehrer in Teil­zeit arbeiten. Auf die meisten anderen Bundes­länder ließen sich die Zahlen über­tragen, lässt die GEW wissen. In Hessen wird es bald eine eigene Arbeits­zeit­studie für Lehrer geben, denn das Problem drängt: Bei kaum einem anderen Beruf ist der Lang­zeit­kranken­stand so hoch wie bei Lehrern.

Viel Arbeit, hohe Ansprüche und soziale Probleme in den Familien der Schüler – Lehrer reiben sich in diesem Spannungs­feld über die Jahre auf. Aber wie passiert das so schnell? Das Problem ist, dass sich die jungen Lehrer gerade zum Berufs­start vor einer ausweg­losen Situation sehen: Sie haben drei schlechte Optionen zur Auswahl, um mit der Über­forderung fertig zu werden. Ein Trilemma.

Option 1: ihre Ideale aufgeben, zumindest zum Teil. Nummer 2: ihre Belastungs­grenze dauer­haft über­schreiten. Und 3: als Teil­zeit­kraft weniger Stunden arbeiten.

Warum sind alle diese Möglichkeiten schlecht? Viele arbeiten schließlich in Teilzeit, und seine Ideale muss man in jedem Beruf an die Realität anpassen. Um Monas Perspektive zu verstehen, muss man einen Schritt zurückgehen in ihrer Geschichte.

Mona war sich sehr sicher, Lehrerin werden zu wollen, als sie ihr Abitur bestanden hatte. Das Studium war anstrengend, aber sie hängte sich rein, schrieb sehr gute Noten. Sie erzählt, sie habe darauf hin­gefiebert, endlich einen richtigen Job zu haben, das Referendariat abzuschließen – „die schlimmste Zeit über­haupt, eine psychische Katastrophe“. Ständig habe sie mit dem Gefühl gekämpft, den Schülern nicht gerecht zu werden, da parallel Prüfungen und Haus­arbeiten zu schreiben waren. Als sie ihre Stelle fand, war sie begeistert. Ein Neu­anfang in ihrem Traumjob.

Die erste Woche fühlte sie sich noch euphorisch. Dann wuchs die Belastung und mit ihr die Ahnung, es nicht zu schaffen. „Vor den Herbst­ferien hatte ich dann das Gefühl, dass alles komplett sinn­befreit ist“, sagt Mona. „Alles verschwindet in Bedeutungs­losig­keit, weil ich nicht dem Bild entspreche, das ich all die Jahre aufgebaut habe.“

Dieses Bild umfasst: Unterricht gut vorbereiten und nicht nur Einheiten aus dem Buch nehmen, Bezüge zur Lebens­welt der Schüler her­stellen, auf einzelne Schüler eingehen, die Inklusions­kinder betreuen, Arbeiten schnell korrigieren, Bewertungs­kriterien transparent machen, Eltern ein­beziehen, die Kinder so fördern, dass sie ihr Potential ausschöpfen. Ein volles Deputat in Hessen umfasst 25,5 Schul­stunden die Woche. Klingt erst mal okay. Nicht eingerechnet sind jedoch all diese Punkte, die dazu­gehören und einen Platz auf der Liste finden müssen. Hinzu kommt, dass viele Kinder – auch am Gymnasium – große sprachliche Defizite haben. Der Lehrer muss sie auffangen. Oft spielen dann noch soziale Probleme eine Rolle: schwierige oder gar aggressive Eltern, die mit der Note nicht einverstanden sind. Kinder, die sich im Unterricht nicht konzentrieren können.

Was nach übertriebenen Ansprüchen klingt, ist ziemlich genau das, was auch die Länder von ihren Lehrern laut Schul­gesetz verlangen. „Ein Papier­tiger“, heißt es zwar von der GEW. Doch das Papier bestimmt den Alltag der Lehrer.

Der Politik ist bekannt, dass die Heraus­forderung groß ist. Lehrer müssten Aufgaben über­nehmen, die früher eher im Eltern­haus erfüllt wurden, erzieherische Aufgaben, sagt der Sprecher des Hessischen Kultus­ministeriums. Darum würden ständig neue Stellen geschaffen, neue Berufs­gruppen für Inklusion, Ganztags­betreuung und Verwaltung in die Schulen gebracht, 230 Stück im Jahr. Im nächsten Jahr sollen es um die 900 sein, vor allem für Digitalisierung und Inklusion. Der Etat, der Schulen zur Verfügung steht, wachse jedes Jahr um Millionen. Doch nahezu alle Betroffenen empfinden das nur als Tropfen auf den heißen Stein.

Mona ist schon zurückgerudert. Sie verwendet mittlerweile viele Lehr­einheiten aus dem Buch, auch wenn sie die nicht spannend findet. Trotz­dem arbeitet sie von morgens um sieben bis abends. Nachmittags nach der Schule macht sie eine kurze Pause und isst, dann geht es zu Hause am Schreib­tisch weiter. Am Wochenende arbeitet sie auch. „Seit August bin ich jede Minute Lehrerin gewesen.“ Und trotzdem ist sie nicht zufrieden mit ihren Ergebnissen.

Als sie die ersten Arbeiten korrigiert, ist Mona entmutigt. Die Schüler sind schlecht. Hat sie die Kinder nicht gut genug vorbereitet? Sie zweifelt an ihrem Unterricht, verbringt viel Zeit mit Bewertungs­skalen. Letztlich gibt es in jeder Klasse schwächere Schüler. Die aber gesondert zu fördern ist mit der knappen Zeit schwer. „Ich habe nicht mal Zeit, um eine halbe Stunde mit einem Kind zu reden“, sagt sie. Wenn sie sich die Zeit nimmt, fehlt sie ihr bei der Vorbereitung oder ihren anderen Pflichten. Da ist wieder die lange Liste, die sich mit Nacht­schichten und Wochen­end­arbeit rächt, wenn sie vom Alltag durch­einander­gewirbelt wird.

Als Mona sich Kollegen anvertraut, raten die ihr, „08/15-Unterricht“ zu machen, das störe keinen Menschen. Aber Mona meint: „Ich bin nicht durch diese harte Ausbildung gegangen, um jetzt eine mittel­mäßige Lehrerin zu sein.“ Vielleicht mache es für die Schüler im ersten Moment keinen so großen Unterschied. Für sie aber schon. Die Sinn­haftig­keit ihres Berufes kommt für sie abhanden. Option 1, die Ideale aufgeben, ist für sie nicht akzeptabel.

Aber wie machen es eigentlich die jungen Kollegen, die klarkommen? Die Fächer spielen eine gewisse Rolle; korrektur­intensive wie Deutsch fressen viel Zeit. Was aber vielleicht noch stärker ins Gewicht fällt, glaubt Mona, ist die persönliche Einstellung. Manche Kollegen können die Schule schneller als das begreifen, was sie ist: ein Job. Sie schaffen es, die Anforderungen an sich selbst herunter­zu­schrauben. Mona gelingt es dagegen nicht, mit ihren Anforderungen an sich selbst weit von ihrem Ideal­bild abzurücken, ohne daran zu verzweifeln.

Derzeit befindet sie sich auf Pfad Nummer 2. Weitermachen, die Belastungs­grenze ausreizen, vielleicht krank werden nach nicht mal einem Jahr im Beruf. Nachhaltig ist das nicht, das weiß sie selbst. Sie weigert sich aber, Möglichkeit 3 in Betracht zu ziehen: vor dem vollen Deputat kapitulieren. Stunden reduzieren, um dann in „freiwilliger“ Teil­zeit alles zu schaffen. Mona wirft sich im Stuhl nach hinten. „Es kann doch nicht sein, dass ich meinen Beruf nicht voll ausüben kann!“ Sie glaubt, dass eine Teil­zeit­stelle nur bedeuten würde, dass sie für weniger Geld voll arbeitet.

Insgesamt arbeitet rund ein Drittel der Lehrer in Teilzeit. Offiziell wird das oft durch die bessere Vereinbarkeit mit der Familie begründet. Ilka Hoffmann von der GEW hält das für Quatsch. Gerade junge Lehrer wie Mona, die noch keine Kinder haben, gingen meist in Teil­zeit, weil sie der Belastung nicht standhielten; Erhebungen wie die aus Nieder­sachsen legen nahe, dass sie danach weit mehr Stunden arbeiten als vertraglich festgelegt. „Es gibt verschiedene Arten, wie Lehrer mit der Enttäuschung zum Berufs­einstieg umgehen: Zynismus, Dienst nach Vorschrift oder die Reduktion“, sagt Hoffmann. Bei der Gewerkschaft, die 280.000 Mitglieder vertritt, melden sich oft junge Lehrer mit den Problemen, die auch Mona hat. Hoffmann fordert darum, den Berufs­einstieg für Lehrer besser zu begleiten und das Deputat nicht gleich auf 25,5 Stunden zu setzen oder, noch besser, allgemein zu verringern. Doch dafür fehlt Geld.

Würde das Deputat abgesenkt, müssten Tausende Lehrer eingestellt werden. Zum Vergleich: Als Hessen die vertragliche Arbeits­zeit für Beamte von 42 auf 41 Stunden senkte, mussten 800 neue Stellen geschaffen werden, um Ausgleich zu schaffen. Abgesehen von den Kosten fehlt dazu außerdem ein anderer Rohstoff: massen­haft junge Lehrer.

Das Kultusministerium versucht daher, sanfter gegen das Ausbrennen von Lehrern zu steuern. Gerade für den Berufsstart gibt es zahlreiche Fortbildungen an der Lehrer­akademie, zum Beispiel Burnout-Prophylaxe, Trainings zur Entwicklung von Sicherheit und Gelassenheit im Beruf, Workshops zur Leistungs­bewertung. Das Problem ist nur: Wer an einer solchen Veranstaltung teilnehmen will, braucht wieder Zeit. Er muss Aufgaben für die Vertretungs­stunde organisieren; außerdem dauert eine Fortbildung meist länger als der Schul­tag, weswegen nach hinten­raus wieder Zeit zum Korrigieren fehlt. Die Liste wird dadurch einfach länger.

Ein anderer Vorschlag der Gewerkschafterin ist, stärker auf Teamarbeit zu setzen: „Kooperation ist ein wichtiger Entlastungs­faktor.“ Denn meist fühlten sich die jungen Kollegen als Einzel­kämpfer, die in ein über­altertes, teils resigniertes Umfeld kommen. Sie empfiehlt, ganz offensiv mit der Belastung umzugehen und Hilfe einzufordern. Eigentlich, so sagt Hoffmann, müsste jeder die Nöte verstehen. Weil er sie selbst erlebt hat.

Stimmt wohl. Aber Mona sagt auch: „Da ist ein Konsens. Alle sind durch diese Mühle gegangen, also auch du.“ Klar kennen die älteren Kollegen das Problem. Aber sie haben sich schon für eine der Trilemma-Möglichkeiten entschieden. Über Mitleid und Verständnis geht die Reaktion meist nicht hinaus. Vielleicht auch, weil sich eben jeder den Heraus­forderungen allein gegen­über­stehen sieht, sich als Einzel­kämpfer fühlt.

Trotzdem: Irgendeine Strategie braucht Mona. Zunächst wird sie versuchen, nur noch in der Schule zu arbeiten, die Korrekturen im Lehrer­zimmer zu machen und keine Arbeit mit nach Hause zu nehmen. Außerdem plant sie, sich stärker mit ihren Kollegen auszutauschen, sich, wenn möglich, arbeits­teilig vorzu­bereiten. Ob das reicht, weiß sie selbst nicht.

In Hessen mangelt es noch immer an Lehrern. Für das Gymnasiallehramt gibt es zwar noch relativ lange Warte­listen. Und im Vergleich zu den Grund­schulen sind die Gymnasien personell noch recht gut aus­gestattet. Trotzdem investiert das Kultus­ministerium an den Universitäten, um mehr Studenten für den Lehrer­beruf zu gewinnen. Doch viele, die es durch die Ausbildung schaffen, stehen dann vor dieser systematischen Über­forderung. Und trotz des „großen Ethos“, wie Ilka Hoffmann formuliert, wissen sie dann nicht, ob sie bereit sind, einen der Trilemma-Pfade ein­zu­schlagen. Mona sagt: „Ich wollte seit dem Abi Lehrerin werden. Und jetzt überlege ich mir nach nur drei Monaten im Beruf, ob ich mir ein zweites Standbein aufbauen sollte.“